Ab sofort findet ihr mich auf dem neuen adidas Projekt “News For Original Girls” als Berliner Außenstelle. Ich weise explizit darauf hin, dass vor allem viele meiner Kolleginnen großartige Persönlichkeiten verkörpern und ein drüber lesen wert sind. Danke für diese Gelegenheit, die immerhin schon alte Freundschaften hat wieder aufleben lassen (“Ey! Kennste mich noch? Wir haben mal zusammen studiert! Ich hab dein Bild auf dem Blog von Palina gefunden! Schön dich wieder zu sehen!”).
Unser Netzwerk an Autorinnen, die aufmerksam und kreativ durchʼs Leben gehen, ermöglicht uns, täglich frische News, herausragende Artikel und einzigartige Reportagen zu servieren. Wir nehmen euch mit hinter die Kulissen von Events, Festivals und Shootings, sorgen für authentische Looks und sprechen mit jungen Künstlern, die etwas zu sagen haben. Dazu zeigen wir die schicksten Pieces aus der aktuellen adidas Originals Women Kollektion, kombinieren Tagesoutfits und setzen sie in stilvollen Fashion-Shoots in einen neuen Kontext. Wir haben keine Angst vor Ironie und das im Auge, was andere übersehen.
Die Macher der Plattform haben sich auf jeden Fall hohe Ansprüche auf die Stirn geschrieben – ich hoffe, durch meine Teilnahme genau dazu beitragen zu können. Ich freue mich über euer Feedback dazu. Dieser Versuch meinerseits hat mich auch lange ins Grübeln darüber gebracht, inwiefern man seinen Namen auf einem gebrandeten Vertikal zur Verfügung stellen sollte, aber die Gedanken darüber möchte ich an einer anderen Stelle noch mal betonen. Hebt euch also was das betrifft euer Feedback erst mal auf. Erst Mal muss ich nämlich noch mal in diesem Leben dazu kommen, für anstehende Klausuren zu lernen…
Im Schlaf bemerkt sie nicht, wie ihre Nase läuft, nasskalt auf ihre Lippen und Klamotten, Stylefaktor null. Ihre Hände sind unter ihrem T-Shirt vergraben, das Fieber zeichnet ihre geschlossenen Augen in Falten, doch ihr Traum ist so bittersüß wie die Realität, in die sie sich zurückwünscht: die vertröstete Liebe, die Geldprobleme, das ständige Nasenbluten, die Selbstbewusstseinsverzerrung, die Existenzängste, der Tod ihrer Eltern und ihrer Familie, all diese unter normalen Umständen als “furchtbare” Dinge sind in ihrem Traum da- und doch ist er so viel schöner, als das Kauern an einem Treppenvorsprung zu dunklen Gewölben hinunter, der ihr jeden Augenblick zerbrechen könnte. Sie möchte eine große Angst gegen viele zermürbende zurück tauschen, aber dafür ist es zu spät, also träumt sie weiter von einem Leben, das nie existierte und niemals existieren wird.
Die Tür knarzt voller Schmerz, als sie sich nach so langer Zeit wieder bewegt. Von ihr fällt eine Armada von Staub, welcher mit den Luftpartikeln zu einem kleinen Wirbelsturm im Luftzug wird bevor er nach wenigen Sekunden erneut die Starre der Leblosigkeit annimmt.
Sie blickt auf ihre nun dreckigen Handinnenfläche, verwirft einen nie ausformulierten Gedanken zur Symbolhaftigkeit dieser speziellen Schmutzschicht, reibt ihre Hand an ihrer verwaschen gekauften Denim Jeans, die ihre Oberschenkel extrem dick wirken lässt, und tritt in das augenscheinlich leer stehende Haus aus ihrer Vergangenheit ein. Sie konnte sich trotz aller Anstrengungen nicht erklären, wie sie überhaupt hier her gekommen war; sie wusste nicht mehr, wie dieser Traum angefangen hatte. Aber nun war sie hier und ließ die Sonnenstrahlen der hellen Welt in das dunkle Haus einfallen. Sie erschloss, Schritt für Schritt, nur mäßig bekanntes Land: hier war sie schon mal gewesen. Aber wann?
Nur mit Mühe kann sie ihre angetrockneten Lippen befeuchten und krächzt ein leises “Hallo” aus ihrer Kehle, welches sich in ein Ungeheuer von Echo verwandelt. HALLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLO… die Decke gibt einer Lawine an Staub nach, im hinteren Zimmer, dort, wo die Dunkelheit herrscht, entsteht ein tosender Lärm, ein regelrechtes Chaos, in dem sie sich auf den Boden wirft und die Arme über den Kopf schlägt, so, wie sie es in diversen amerikanischen Action-Filmen schon oft gesehen hatte. “Oh Gott”, denkt sie still in ihren pulsierenden Geist hinein. “Das Teil kracht mir gleich auseinander”. Ihre noch vom Kommunikationsversuch nassen Lippen sind nun perfekt von einer millimeterdicken Lage aus Staub bedeckt. Mit einigem Prusten und vielen Sabberfäden, die schließlich an ihrem Kinn eine dunkle Dreckspur hinterlassen die sie nicht bemerkt, kann sie ohne Einsatz ihrer Zunge den Dreck aus ihrem Mund entfernen. Sie findet, für den Bruchteil eines Gedankenblicks, sogar ein bisschen Stolz für die souveräne Leistung, die sie noch im Schmutz liegend vollbrachte.
Während sie mit ihren zarten, kleinen Händen auf dem Kopf auf den abgezogenen Dielen liegt und darauf wartet dass das Beben sich beruhigt – mit größter Chance, unter den Trümmern des einstürzenden Altbau begraben zu werden – erreicht sie ein Signal. Es kitzelt sie mit größter Unvernunft in der Nase und verhält sich der Situation unangemessen, aber ihr Herz macht einen fiktiven Sprung aus ihrer Brust, als sie den Geruch endlich identifizieren kann: Gras. Marihuana. Der süße, grüne Rauch, der die Nasennebenhöhlen füllt, der sich seinen Weg durch die Lunge ins Blut und schließlich in die Gedanken bahnt um den Menschen mit Magie zu füllen…
Mit dieser Erkenntnis stützt sie sich auf die Ellenbogen und bemerkt zugleich, dass auch die Gewalt des Echos nun nachgelassen hat. Das Haus steht noch. Sie rafft sich auf, schüttelt den Staub pro forma von den Klamotten und hält kurz inne. Ein schüchternes Lächeln macht sich in der Dunkelheit auf ihren Lippen breit. Keiner kann es sehen; sie selbst bemerkt es nicht. In ihren Gedanken stürzen die Ziegel auf sie. In ihren Gedanken wird sie bereits von schwerem Stein erschlagen. Aber sie kommt nicht umher, ein bisschen Romantik für die Situation zu verspüren: mag sein, dass sie in dieser Tragödie vergessen wird. Mag sein, dass sie sich selbst schon längst vergessen hat. Mag sein, dass sie ihr aufgeschriebenes Leben in dieser anderen Dimension nun lassen muss. Doch hat es etwas beruhigendes zu wissen, dass sie trotz all dem noch die Chance bekommt, richtig breit zu sein.
Die hinter ihr bereits zugefallene Tür zur Außenwelt versperrt den Lichtfluss. Nur mit wenigen, gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der morschen Architektur fallen, tastet sie sich ihren Weg langsam in das Haus hinein, dem zauberhaften Geruch hinterher. Der Gedanke, wieder aus diesem Geisterhaus rauszugehen, erreicht sie nicht. Schritt für Schritt arbeitet sie sich an der Dunkelheit ab, schließt sogar die Augen, um ihren Geruchssinn walten zu lassen und steht plötzlich auf einer Treppe, die in ein tiefes Schwarz herabführt.
Große Angst fabriziert den Schweiß auf ihrer Stirn, der über ihre Augen und Lippen tröpfelt. Ihre Hände, so unbeschäftigt und ohne Geländer zum festhalten, verschränken sich zitternd und feucht vor ihrem Oberkörper, der kalt und versteinert und fiebrig und schmutzig ist. “Wo bin ich”, fragte sie sich zum ersten Mal konkret. “Was mache ich hier. Wieso ist hier niemand, wieso muss ich da jetzt runter?” Sie wünscht sich weinend in eine einfachere Zeit zurück. Wie damals, wenn sie beim Arzt gefragt wurde, wo es denn weh tat und sie sich einfach nur zu ihrer Mutter umdrehen musste, die dann den Rest geklärt hat. Wie damals, als das letzte Klingeln vor den Sommerferien ertönte und sie nach Hause ging und sich für sechs Wochen nur sinnlose Filme und Serien anschaute und sich in einen Jungen verliebte, der sich nicht zurückverliebte.
Schließlich kauert sie sich auf die oberste Treppenstufe und lehnt ihren Rücken an die unsichtbare Wand neben ihr. Irgendwann wird sie den Weg nach unten wagen. Aber mit viel Glück, so sagt sie sich, stürzt alles ein, bevor sie es tatsächlich muss. Mit geschlossenen Augen und unruhigem Atem und dem intensiven Grasgeruch, der sie an den Görlitzer Park und den Keller ihres Bruders erinnert, schläft sie ein, auf einen bunten Traum hoffend, einer, der sie wieder nach Hause bringt, in das andere Jahr 2012, mit den anderen Menschen, mit der warmen Liebe und dem bewohnten Haus.
Sie riss ihre Augen auf. Ihr Puls bewegte ihren Atem zu einem schmerzhaften Dauerlauf der Angst. Panisch blickte sie sich um, immer noch unwissend, ob sie sich in einem Traum oder in der Realität befand. Sie suchte nach dem Schalter, der das Licht in ihre Welt bringen sollte, doch der Tastsinn war ihren verschwitzten, zitternden Fingern entsagt worden. Mit einem Griff an ihre Brust, dort wo ihr Herz verborgen lag, fragte sie sich, was nach dem schnellen Atmen kommt, wenn das Gehirn nicht mehr Sauerstoff aufnehmen kann? Wie groß die Angst vor dem Fall sein kann, wenn man schon längst aufgeschlagen ist? Was passiert, wenn es plötzlich nicht mehr um offene Wunden, sondern um fehlende Beine geht? Wie lange kann man seine Augen vor der Dunkelheit verschließen, bis sie vergessen, sich je wieder zu öffnen?
Sie konnte sich nicht unter Kontrolle bringen und weinte, und weinte, und weinte, und wünschte sich einen fernen Traum zurück, den sie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft und ihre Gegenwart nannte, überall und alles, nur nicht hier und das, und schlief schließlich ein mit dem Wunsch, nie wieder zu erwachen.
Pünktlich zur Fashion Week in Berlin veröffentlicht mein Homeboy Nico seinen Kurzfilm für ASVOFF namens “amuse”, der aus einer Zusammenarbeit mit Philipp Humm heraus entstanden ist.
Wer weiß bei so einem kreativen Prozess zumindest teilweise dabei war und im Austausch zugehört hat, weiß auch, wie viel Aufwand, Arbeit, Energie und Kraft in so wenige Sekunden gesteckt werden müssen. Dafür und für das schöne Ergebnis gibt’s einen ganzen Käsekuchen von mir (für mich, mein ich).
Was gibt es schöneres, als völlig zugedröhnt an einem lauen Abend in seiner Wolke eingekuschelt den zuckergußartigen Lauten des britischen Singsangs aus dem Ghetto zuzuhören? (Dinge, die noch schöner sind: Steak von glücklichen Rinder, die im besten Fall geklont waren, Pornos mit gut aussehenden Hauptdarstellern, im Winter trotzdem noch sein Smartphone bedienen können weil es Mitte Januar milde 5 Grad draußen sind.) Attack The Block macht aus mir ein glücklich verballertes Rehkitz auf Crack: ein guter Film, der ausgesprochen großartigen Humor zeigt und sich nicht zu ernst nimmt, ohne gleich auf amerikanisches Scary Movie Durchfall Niveau zu abzusinken. Optimale Abwechslung zum Sat 1 Filmfilm den ihr euch so gerne reinzieht.
Wir ritten die Plastikpferde der Kirmes in unseren dreckigen Jeans und mit dem von unseren Schuhen tropfenden Matsch ein. Mitten in der Nacht setzten wir uns Cowboyhüte auf die Köpfe, steckten wir uns Zigaretten in den Mund, und formten Pistolen mit unseren Händen. Im jugendlichen Wahnsinn zuckten wir mit den Schultern, als wir uns zu dritt in der Stille des künstlichen Abenteuerlands unsere Wunschmusik einbildeten und trotzdem tanzten. Rauchend, bedrohlich und cool, wie wir nunmal waren.
Im Staate des Wahnsinns, der uns letztlich erreichte, weil wir an der Systemkonformität scheiterten, sollte es keine Regelungen für Geisteskranke mehr geben – denn hier waren wir befreit von diesen Stigmata. Wir befanden uns in derselben physischen Welt wie alle anderen Opfer und Sklaven, die sich als gesund empfanden. Doch wir waberten gerne in unserer eigenen Dimension, von LSD produziert, aber von echtem Blut durchblutet. Dinge, die in unserer Welt nicht zählten: Steuern, übermäßige Schambehaarung, schlecht sitzende Kordhosen, die deutsche Hegemonie in der europäischen Finanzkrise, widerliches Dönerfleisch und fälschlicherweise überschriebene SD-Karten mit unwiderherstellbaren Erinnerungen.
Eine Kette an unberechenbaren Ereignissen brachte uns drei an diesen fernen Ort des wilden Lebens. Wir waren einst die Sicherheitsbeamten gewesen, die den Status Quo des Lebens bewahren wollten: Schule, Studium, Reihenhaus, Rente. Wir wollten ein Teil des Systems sein, aber vor dem ideologischen Hintergrund, dieses System von innen heraus zu stürzen. Doch unsere Ideologin wurde gefressen, zerschmettert, unwiderruflich in Verbitterung getränkt und vom Zynismus gefickt. Aus den intriganten Motiven wurden gebrochene Seelen, die vergessen hatten, wieso sie so verbissen so sein wollten wie alle anderen (um nicht aufzufallen, um an die Spitze zu kommen, um dann schließlich die herrschende Macht zu stürzen und das eigene System mit Zustimmung aller Teilnehmer zu regieren).
Doch dann passierte etwas, dass uns in der farbenfrohen Welt der Berliner Parklandschaft aufblühen ließ: die abgestellten Zirkus- und Kirmesgeräte, verrostete DDR-Fahrgeschäfte und tote Karussel-Tiere weckten in uns die Lust, so zu tun, als wären wir Teil eines poppig-nachdenklichen Indie-Musikvideos das aus GIF-Bewegungen besteht und viel Konfetti und Lametta und Mops-Welpen beinhaltet. Wir gaben uns dieser Illusion des Wahnsinns hin, liebten uns zu dritt unter dem unsichtbaren weil bewölkten Sternenhimmel, fühlten uns wie Jedis aus der Zukunft, die genau wussten, wie die Menschheit in ihre abartige Schieflage gerutscht war. Nur nach einer Lösung dafür suchten wir nicht mehr. Keine Gesetze, keine Essays, keine Zeit für Sicherungskopien. Wir waren nun endlich frei für all die Dinge, die wir schon immer machen wollten, und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden.
Das Leben rauscht an mir wie ein D-Zug vorbei, aber zur Silvesternacht hatte ich die einmalige Gelegenheit, einmal in Ruhe durchzuatmen und meine konstruierte Welt von oben zu betrachten. Genauer gesagt: ich saß auf einem Bett im Urbankrankenhaus vor dem Panoramaausblick und starrte auf den Himmel von Schöneberg, während die Stadt in einem tosenden Feuerwerksinferno erleuchtet wurde. Es war ein sehr fightclubesquer Moment. Das war so ein Augenblick, bei dem ich immer von dieser Überzeugung eingeholt werde, dass er von besonderem symbolischen Wert sein muss, ich diesen symbolischen Wert aber noch nicht so richtig erkannt habe. Trotzdem: in dieser kurzen Minute der totalen Hingebung für Zeit und Raum sauge ich die Bilder und Geräusche auf wie ein ausgedörrter Schwamm und setze die interpretativen Teile für mich später zusammen. Bisher hatte ich mit dieser Strategie noch nie Erfolg, denn auch in Retrospektive sind meine persönlichen, bedeutungstragenden Momente nie so richtig transparent.
Schon wieder war alles anders gekommen als gedacht. Schon wieder hatte ich Pläne, das Leben, sogar meine zukünftigen Gedanken und Taten in Stein gemeißelt und wurde anschließend von der Realitätsdampfwalze eingeholt: dein Leben kann nicht nur aus To-Do Listen bestehen, aus sorgfältig gepflegten Kalendereinträgen, aus unvergessenen Geburtstagen, aus behutsam ausgewählten Argumenten, aus rationalen Überlegungen und vernünftigen Entscheidungen. Die Realität will nämlich Platz, der nicht von dem strukturierten Netz der Sicherheit eingenommen werden sollte, sonst wird dieses Netz nämlich trotz aller Mühe beim Aufbau gnadenlos zerrissen und Realität macht es sich sowieso bequem. Ich kann also machen, was ich will: nicht das Unerwartete ist das Problem, sondern mein Umgang mit dem Unerwarteten. Mein Gesicht kann sich keine Stresspickel mehr leisten. Ich kann mir keine Versicherungen mehr leisten. Ich kann es mir nicht mehr leisten, mich an den weltlichen Aufgaben des Erwachsenwerdens zu zermürben. Jedes Mal, wenn es so weit war, habe ich Entschlüsse gefasst, die doofen Sachen alle abzubrechen “und endlich das zu tun, was ich wirklich tun will”, sprich: Job kündigen, Weltreise machen. Oder Job kündigen, Studium aufnehmen. Und dann noch mal kleinteiliger. Aber am Ende des Tages komme ich trotzdem an den Punkt der Überforderung, an dem ich mich frage:
Warum habe ich so viel Angst davor, zu schnell in die Kurve zu gehen in der Autobahnauffahrt, und was ist bitte so schlimm daran, wenn ein Plan nicht aufgeht? Sicherheiten sind Trugschlüsse. 2012 muss ich hart auf die Fresse fallen, um vielleicht endlich zu verstehen, dass es nicht so schlimm ist, wie ich dachte.
Seit heute offiziell auch Autorin bei MTHRFNKR (ehemals Post-Dubstep), wo ich in unregelmäßigen Abständen Musik-Kolumnen veröffentlichen werde (allerdings auf Englisch). Ich freue mich ausschließlich über positives Feedback.