SELENE

Veröffentlicht February 27, 2011

Ich habe Moon immer noch nicht gesehen, aber mir wurde soeben ein Grund geliefert, warum das schleunigst nachgeholt werden muss: der Score wurde von Clint Mansell komponiert, der schon Aaron Aronofskys Debut, “Pi”, und seinen Kult-Mindfuck Film “Requiem For A Dream” komponiert hat. Jeder, der letzteren schon mal gesehen hat, erinnert sich an die berühmt unangenehmen, dramatischen Klänge von “Lux Aeterna“. Wo wir schon dabei sind, auch The Wrestler, Black Swan, The Fountain (die übrigens auch alle von Aaron Aronofsky sind, was für ein Zufall) klingen nicht gerade nach Sonne aus dem Arsch.

Anyway, Filme mal kurz beiseite: Clint Mansell mag zwar nicht der vielfältigste Komponist seiner Zeit sein, aber im Bereich der Gänsehautmusik dominiert er sein Fach. Nicht, dass meine Meinung hierzu irgendetwas wert wäre, da er der einzige Filmkomponist ist, dem ich auch Filme zuordnen kann. Ach naja, und Hans Zimmer. Aber das ist ja schon auf “Bunte” Niveau.

Ich bin nicht die einzige, die so viel von Clint Mansell hält. Richard Rich & Max Tannone sampelten den Score zu Moon und machten daraus eine gelungene Hip Hop EP. Es ist kein großartiges Geschenk der Rap-Kultur, beweist aber, wie weit man sich intermedial heutzutage eigentlich inspirieren lassen kann, und wo der Unterschied zwischen “Remixkultur” und “dreister Diebstahl” liegt. Letztere Aussage mag etwas zusammenhangslos wirken, aber wenn ihr kurz darüber nachdenkt, macht es bestimmt wieder Sinn (es wird leichter, wenn man meine unzulängliche Logik nutzt). Das Album steht zum kostenlosen Download zur Verfügung und heisst Selene. Auf jeden Fall hörenswert.

(Moon ist übrigens nicht von Darren Aronofsky)

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I Know Places

Veröffentlicht February 26, 2011

Das wichtigste an Freundschaften, für mich, ist wenn man sich nicht brauchen muss. Das “muss” impliziert immer diese elendige Notwendigkeit eines Freundes; notwendig wie Medizin, notwendig wie Steuererklärung oder Haftpflichtversicherung. Nein, die schönsten Momente und Beziehungen habe ich mit Menschen, die ich brauchen will. Und das wichtigste sind, anders als die meisten Menschen gerne behaupten, eben nicht schlechten Zeiten. In schlechten Zeiten hat man immer noch sich selbst um zu kämpfen. Aber in den guten, da, wo man sein Leben mit anderen teilen möchte, da ist es wichtig jemanden zu haben der es gar nicht erst zum Herunterkrachen kommen lässt.

Und das sind dann so kleine analoge Aufnahmen: wenn alle auf der Tanzfläche stehen und die Fresse halten und keinen Scheiss reden sondern lachen und gegenseitig ihre Gegenwart wertschätzen können. Wenn es voll egal ist, wo man hingeht, weil man zusammen unterwegs ist. Wenn nichts ehrlicher ist als zu sagen, “ich freu mich, dass du heute abend mitgekommen bist”.

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untitled

Veröffentlicht February 25, 2011

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Woes

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Bei Dingen, die mir besonders wichtig sind, oder an die besonders viele positive Erinnerungen gekettet sind (die negativen Fallen bei meiner Vergangenheits-Sehnsucht nach der Jugend sowieso irgendwann weg), kann ich mich einfach nicht aufraffen sie wieder zu beleben. Man, ich hab so viel Angst vor Enttäuschung, dass ich mich schon seit Ewigkeiten nicht ins Robert Johnson trauen will.. und ob es dieses Mal passiert ist auch fraglich.

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Als ich klein war, wollte ich viele Dinge werden, deshalb bringt es jetzt nichts in nostalgische Wege zu verfallen. Hervorheben kann man aber den intensiven Wunsch, eines Tages eine unglaublich intelligente (und verdammt gutaussehende) Diebin oder mindestens Spionin zu werden, zwei Berufe, die sich lediglich in ihrer Moral unterscheiden.

Nicht Geldgier oder Armut haben mich zu solchen verwerflichen Träumen animiert, lediglich die Herausforderung eines Jobs, der viel Smartheit verlangt und ein hohes Risiko bedarf. Ja, das sind die Dinge, die mich am Leben halten, so tragisch es auch klingen mag. Ich hatte mir das Training in einem rumänischen Zigeunerlager so vorgestellt wie die Schulung eines Ninjas: unfassbar schwierig, harte Aufnahmeprüfung, und so weiter, und so fort. Eine romantische Vorstellung, die aber scheinbar nicht nur meine ist, wie ich heute in diesem (traurigen) Artikel von Slate feststellen konnte.

But even if Fagins abounded in the United States, it’s unclear whether today’s shrinking pool of criminally minded American kids would be willing to put in the time to properly develop the skill. “Pickpocketing is a subtle theft,” says Jay Albenese, a criminologist at Virginia Commonwealth University. “It requires a certain amount of skill, finesse, cleverness, and planning, and the patience to do all that isn’t there” among American young people. This is “a reflection of what’s going on in the wider culture,” Albenese says. If you’re not averse to confrontation, it’s much easier to get a gun in the United States than it is in Europe (though the penalties for armed robbery are stiffer). Those who have no stomach for violence can eke out a living snatching cell phones on the subway, which are much easier to convert to cash than stolen credit cards, or get into the more lucrative fields of credit card fraud or identity theft, which require highly refined skills that people find neither charming nor admirable in the least. Being outwitted mano a mano by a pickpocket in a crowded subway car is one thing; being relieved of your savings by an anonymous hacker is quite another.

Meine eigene Motivation, diesen unglaublichen Beruf am Leben zu erhalten, beschränkt sich auf eine leicht kleptomantische Ader im zarten Alter von zehn Jahren. Ich habe damals herausgefunden dass die meisten Kindermagazine und -comics zu schlecht für mein Charles Dickens gewöhntes Niveau waren, und professionalisierte mich darin, lediglich die Überraschungen aus den Heften zu klauen. Jede Micky Maus Ausgabe in meinem Dorf musste regelmäßig dran glauben. Später brach diese kriminelle Ader wieder aus, wenn die Schlangen bei H&M zu lang waren, um eine halbe Stunde für Ohrringe zu verschwenden, aber ach, was soll ich sagen. Aus mir ist nichts geworden, und mein Talent beschränkte sich auf wertlosen Ramsch. Weshalb ich aufhörte.

Auch wenn ich diejenige sein werde, die abgezockt wird: ich bin froh, dass es die talentierten Pickpockets wenigstens in Europa noch gibt. Wir sollten manche Traditionen, so negativ sie sich auf das Individuum auch auswirken, einfach am Leben erhalten – für die Romantik.

 
 

John The Vagabond

Veröffentlicht February 24, 2011

Zugegeben, meine Reiseerfahrungen beschränken sich auf die letzten fünf Monate in einer halb-flashgepackten Attitüde mit viel Geld und angenehmen Komfort, deshalb werde ich mich nicht sehr stark über die Vergangenheit auslassen. Allerdings habe ich von vielen älteren, in gewissen Maßen “hängengebliebenen” Reisenden, auch viel darüber gehört, wie sehr sich das Backpacken verändert hat und wie sehr heutzutage die Abenteuermentalität auf Kosten von modernen Kommunikationsformen leiden muss.

Ja- es sind nicht die günstigen Flugpreise, es sind nicht die Menschen selbst, sondern es ist von allen Dingen die Kommunikation, die das (pseudo-abenteuerliche) Reisen beschweren. Ich habe in Australien John kennen gelernt, der seit mehr als zwanzig Jahren nun die Welt bereist. John ist ein ganz schwer zu beschreibender Mensch- er hat so unglaublich intensive Augen, die einem unangenehm in die Seele starren. Er ist groß und muskulös und augenscheinlich verwahrlost. Struppiges Haar, zerfetzte Klamotten, schlechte Tattoos, aber mit einem Lächeln, dass die Welt verzaubert. John wirkte ernst und gleichzeitig fallengelassen, als ob es nichts gäbe, was ihn auf der Welt noch überraschen könnte. Und vielleicht ist das auch so. In einem Schneckentempo arbeitet er sich wortwörtlich durch alle Kontinente; er arbeitet, wenn er kein Geld mehr hat, und wenn es genug ist um weiterzuziehen, dann tut er das. Er führt ein Kofferleben, das ihm mehr gefällt als die Idee vom Hamsterrad. Ein Amerikaner, der sich in der Romantik des Vagabundenlebens ein zu Hause gebaut hat, so paradox es auch klingen mag. Ich traf ihn in einem Café in Melbourne, wo er sich für einen Tag etwas Freizeit leistete, bevor er zurück auf die Farm ging, für die er (illegal) arbeitete. Dort kocht er für die Working Holiday Makers. Er schreibt, er hört Musik, er trinkt abends mit den Farmbesitzern Bier. Er ist ein unglaublich intelligenter und inspirierender Mensch und ich bin sehr traurig darum, nicht mehr Zeit mit ihm verbracht zu haben. Vor allem bin ich traurig, weil ich ihn wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Denn anders als die meisten anderen Reisenden, die ich getroffen habe, hat er keinen Facebook Account. Er hat auch keine E-Mail Adresse. Er ist ein smarter Typ, knappe fünfzig Jahre alt, er kennt sich mit Computern aus; daran liegt es nicht. “Wenn du ständig Kontakt hälst, wo bleibt dann der Zufall, der einst die Basis einer solchen Reise bildete?”

Seit unserer Begegnung muss ich über diese Aussage nachdenken. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die sich von Kommunikation nährt: Fernsehen, Handys, Internet, all das macht es mir sehr leicht von unterwegs auch zu Hause zu sein. Auf der Reise habe ich das oft mitbekommen, der Kontakt zu Freunden und Familie war nicht nur da, er war überwiegend das, worum ich mich in den stillen Momenten (oder in den Wi-Fi bedeckten Zonen) gekümmert habe. Natürlich ist das gut, weil es viele Probleme, Sorgen oder den Stress der Entfernung beschwichtigt. Aber es gibt auch den wesentlichen Nachteil, den John so treffend formulierte: der Zufall bleibt auf der Strecke. Und das hat vor allem etwas mit virtuellen Netzwerken wie Facebook zu tun.

Ich sitze gerade hier zu Hause und kann beobachten, wo sich alle meine Begegnungen auf der Reise gerade befinden. Durch ihre Bilder und ihre Status Updates weiß ich nicht nur, was sie machen, sondern auch mit wem sie unterwegs sind, wo sie als nächstes hingehen, was sie gerade beschäftigt während sie die Welt erkundigen. Sicherlich regt das nicht nur im minimalen Maße mein Fernweh, aber darum geht es nicht mal. Alleine diese Informationen während man unterwegs ist zu haben bedeutet oft, bewusst oder unbewusst einen kleinen Bogen um den ursprünglichen Plan einzuschlagen, um diese Menschen wiederzusehen. Es ist diese Bequemlichkeit der bereits bekannten Begegnungen, die einen anzieht; und genau diese Bequemlichkeit, die man ja eigentlich vermeiden wollte, als man auszog, um ein Abenteuer voller Spontanität und Ungewissheit zu erleben.

John macht das nämlich anders. Er hält keinen Kontakt zu den Leuten, die ihn auf seiner Reise sporadisch begleiten. Er lebt nach dem Motto des Schicksals oder des Zufalls und sagt, “wenn es bestimmt ist, dass wir uns auf dieser Reise wieder begegnen, dann wird es so sein.” Und in seinen zwanzig Jahren on the road ist es mehrmals passiert, dass er Menschen wiedergetroffen hat, mit denen er einst auf einem ganz anderen Kontinent schon mal ein Bier getrunken hat. Nicht nur das; er fesselte sich nicht an diese beruhigende Art des bereits Bekannten (das gilt sowohl für Menschen als auch für Orte). Kein “Date” mit jemandem auf dem Weg zu haben, so wie ich es mehrmals hatte (Status Update: “I’m in Ko Chang at Sunrise Bungalows, if anyone of you guys is here too let’s meet up!”), zwingt einen quasi dazu aus seiner Comfort Zone heraus zu treten und weitere, neue Gesichter in sein Universum eintreten zu lassen. Entweder das, oder man vereinsamt, aber das wäre dumm.

Ich fragte John, ob er sich denn nicht jemals wünscht, jemanden Besonderes wiederzusehen – und ob es ihn denn nie reizen würde, die offensichtlich verfügbare Möglichkeit des Internets dafür zu nutzen. Heute hat jeder ein Facebook Account, der reist, weil es einem eben einfach macht, den Überblick zu behalten ohne große Kontaktpflege zu leisten. John meinte darauf hin zu mir, dass es ihm den Spaß nehmen würde. Dass eine besondere Person in seinem Leben entweder da ist, oder eben nicht da sein soll.

Es ist natürlich eine Sache der Erfahrung und auch der Einstellung, wie man das Reisen angehen soll. Alleine, mit Freunden, mit Facebook und der ganzen Welt oder eben so wie John. Ich bin ziemlich dankbar gewesen für ein Medium, dass mich mit den Menschen, die ich in meinem Leben haben wollte – ob Reise oder nicht – in Verbindung setzen konnte. Aber mir fällt eben auch auf, dass das nicht die einzige Art ist, so eine Reise zu erleben, ganz im Gegenteil; dass die ultimative Form “Abenteuer Reise” erst dann eintreffen kann, wenn man sich von dem Luxus der Bequemlichkeiten abstrahiert und den Schritt, das Risiko wagt, zu stranden… und frage mich konsequenterweise, ob ich es beim nächsten Trip auch so machen würde.

 
 

Ghosts

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Es wird definitiv Zeit für Sommer, oder mindestens Frühling. Ich sehe diesen Song übrigens demnächst in einigen Serien oder sogar in einem US-College-Film im Hintergrund dudeln… das letzte Mal, dass ich das gesagt habe, war das bei Harlem Shakes’ “Strictly Game” und hey, ich hatte recht.

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Inspiration

Veröffentlicht February 23, 2011

Lederjacken mit Hoodies, International Klein Bleu, der Schriftzug von Coca Cola in verschiedenen Sprachen, Larry Clark, der Geruch von frischer Wäsche, süßer Minztee, fette Katzen, Kinder mit dunklen Haaren und hellen Augen, sehr dünne blaue Kugelschreiber, Kreide, der saure Schock beim Reinbeißen in eine Zitrone, gerade Linien, Diplo, To Do Listen, Notizbücher in Lederbänden, karierte Boxershorts, Life of Pi, Kanye West, Explosm, Zahnlücken, Geigenspiel, der Sonnenaufgang im Robert Johnson oder in der Panorama Bar, das Klicken meines iPod Wheels, große Bibliotheken, der Geruch von Weed, lange Autofahrten/Busfahrten/Zugfahrten, das Zimmer von Julian, alte Postkarten, Aril Brikha, schöne Frauenhüften, das Geräusch von Skateboardrollen, die Akustik in Flughäfen, Burlesque, Bücher mit Widmungen, klebrige Körperflüssigkeiten, Mützen, Wörter wie “Backpfeife” und “Tattergreis”, ein Motorrad zwischen den Beinen, das Wort “Vienna”, Dessous, So Me, Darren Aronofsky, DT64, Polaroidbilder, Fußbälle, die Website von Vimeo, alte Campervans in Australien, das eine Surfbrett von Martin und Alex, Rucksackschnallen, vollgetaggte Sperrmüll-Fernseher, Sprüche auf Klowänden, Himbeeren, Portugiesisch, britische Höflichkeit, Batman Comics, Boarding Passes, Kokain, malaysische 5 Ringid Scheine, getrocknete Aprikosen, Asics Onitsuka Tigers, Ellen Allien & Apparat, HB Bleistifte, amerikanische College Notebooks, Weltkarten, Bass, Goldketten, Casio Uhren, T-Shirts mit Dreiecksausschnitt, to be continued

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Oooh

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Um es mal mit berühmten Worten auszudrücken: “We fucking love Rap Music”. Mic Steward sieht übrigens genauso aus wie der Mr. X in meinen Träumen, mit dem ich schlafe, wenn ich an Sex mit jemanden denke, den ich nicht kenne.

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Momente aus Marrakech

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Mutter’s Kommentar über die Innenstadt: “So viele Hawaks und Kanacken und Maroks, das hätten wir in Offenbach auch haben können.” Fremdenfeindlichkeit und Zynismus sind bei mir ganz offensichtlich erblich veranlagt.

Man glaubt mir nicht, wenn ich sage, dass ich Deutsche bin. Selbst, wenn ich Deutsch spreche, glaubt man mir nicht.

Ich verstehe jetzt, wieso sich so viele Ausländer über den Ruf zum Gebet am Morgen (oder egal um welche Tageszeit) beschwerten, obwohl ich mich daran erinnere, das in Damaskus immer als ganz großartigen Moment erlebt zu haben. Der Unterschied liegt in der Koordination der Akustik. In Marrakech kann man immer und überall jeden Imam und jede Moschee hören, sodass man das Gefühl bekommt, den Alarm einer Naturkatastrophe mitzubekommen. Und das fünf Mal am Tag. In anderen Städten (ich kann nur für den Libanon und für Syrien attestieren) kann man meistens immer nur eine Moschee hören. Keine Stimme war schöner als die unserer Moschee in Damaskus… seitdem ich denken kann stehe ich jedes Mal auf dem Balkon um dem Gesang zuzuhören, wenn es so weit ist, und jedes Mal fesselt es mich. Ich hoffe, dass es eine Aufnahme ist, und dass ich das für immer hören werden kann. In Marrakech wollte ich mir in den Kopf schießen.

Meine Mutter und ich haben uns nicht viel zu sagen, und wir mussten feststellen, dass wir beide unsere Süchte mit uns tragen: sie das Fernsehen, ich das Internet. Um den Verlust unserer Stimulanten zu kompensieren, guckten wir uns die einzige Serie an, die ich auf meinem Laptop hatte: Bored to Death. Eine komplette Staffel in zwei Tage. Bored to Death mit seiner konservativen, islamischen Mutter zu gucken, ist in etwa so wie mit einem Priester einen Porno auszuleihen. Überraschenderweise fand sie die Serie sogar lustig; könnte aber auch an den Entzugserscheinungen gelegen haben.

Marrakech kann man sich getrost in 3 Tagen anschauen. Das Essen ist fantastisch, aber es gibt nicht viel zu tun. Die “Neue Stadt”, außerhalb der Medina, ist keine Stadt. Sie ist eine Ansammlung von teuren Geschäften und Sandsteinplattenbauten. Überall stehen Resorts und Kameltreiber, die Touristen abziehen. In der Medina selbst verirrt man sich meistens nur. Am dritten Tag wurde uns schon langweilig und wir machten einen Ausflug nach Ourika und Sitti Fatma mit dem jungen Mann, der sich um unser Riad (also unser Hotel) kümmerte. Hätte ich gewusst, dass wir dort einen Wasserfall besichtigen, hätte ich mich nicht dazu aufgerafft, aber so ist es; es ist mein Schicksal, jeden Wasserfall auf der Welt angucken zu müssen, und dabei gibt es nichts, was ich langweiliger finde. Wasser fällt Berg hinunter. Ganz, ganz große Sache. Ich wäre gerne in die Sahara gefahren aber dafür hat die Zeit natürlich nicht gereicht.

Backpacken ist natürlich etwas gänzlich anderes, als mit der Mutter in den Kurzurlaub zu düsen. Backpacken, das ist ganz zufällig gucken wo man als nächstes hingeht, und zwar voll und ganz an den Menschen orientiert, die man trifft. Oder an den Karten, die man sieht oder an den Reiseberichten, die man lies. Alleine die Tatsache, dass ich in Marrakech nach drei Tagen gelangweilt war, jedoch nicht weiter konnte (schließlich musste ich nach Hause fliegen), hat mich voll irritiert. In einem anderen Land noch Fernweh haben, genau das ist das, was das Backpacken so erfüllt: man kann weiter. Und es hat mich in den Füßen gejuckt, ich wollte weiter in den Süden, durch ganz Afrika reisen und niemals aufhören. Stattdessen saß ich ein paar Tage später wieder im Flugzeug zurück und musste schlucken. Was für eine Krankheit, dieses Reisen.

Klar, dass man im Alter auch mal mehr Ängste ertragen muss: Angst vor dem Tod, vor Routine, Geldsorgen, solche Sachen. Dass ich in meinem Alter langsam Angst vor dem Fliegen bekomme ist eher verwunderlich. Mir hat das Fliegen nie etwas ausgemacht, aber je öfter ich im Flugzeug sitze, desto eher werde ich nervös. Ich fliege seit dem ich denken kann mindestens ein Mal im Jahr, und dieses Jahr – wir haben erst Februar – habe ich es schon geschafft, in 8 verschiedenen Fliegern zu sitzen. Vielleicht ist das das Gesetz der Statistik. Ich hatte jetzt bestimmt schon über 200 gut gelaufene Flüge in meinem Leben und mein Bewusstsein (also die Angst) möchte mir wahrscheinlich durch die Blume hin mitteilen, dass mein Kontingent an Glück und Wahrscheinlichkeit bald aufgebraucht ist. So wird also jeder weitere Flug, der mich näher an mein Ziel bringt (welches ich bisher noch nicht definieren kann) mir ein Stück meiner Seele rauben. Ich schreibe ein Buch, ich nenne es “Gefickt vom Leben, oder: wie Gott einen einzigen Mensch hasste.”

Ich werde fett. Ich merke, dass es Zeit wird, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, weil ich schon nicht mehr weiß, wie sich Hunger anfühlt. Ich muss wieder anfangen zu rauchen und mich von Thai-Essen ernähren um meine Figur zu halten. Außerdem wird es Zeit, von zu Hause abzuhauen, wenn die Mutter Dinge sagt wie “Du bist hier nicht im Urlaub, mach was für den Haushalt”. Es wird Zeit.

 
 
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