Stromergesellschaft

Ich stehe gerade voll auf Urban Exploration. Räume und Orte in den hintersten Ecken einer Stadt entdecken, die im Alltag ignoriert werden. Das sind vergessene Orte, verlorene Orte, die im Alltag hinter riesigen Häuserfassaden, sechsspurigen Straßen und dem Flanieren auf den Bürgersteigen untergehen. Ich finde es spannend, mal über einen Zaun zu klettern und abzuchecken, was die Zeit mit verlassenen Gebäuden angestellt hat, oder mit liegengelassenen Baustellen. Ganze Serien über Geisterstädte sind entstanden, aber was, wenn es nicht um eine Geisterstadt geht, sondern um etwas, dass unter der Oberfläche, aber hautnah ist?

In Berlin gibt es viele solcher Orte, die einen auch magisch anziehen können – stinkende Lagerhalle bieten einen nährreichen Grund für Graffiti, hohe Dächer einen fantastischen Ausblick, und die Schächte unter der Stadt immerhin ein ganz neues Gefühl für Gerüche und visuelle Reize (Eltern haften für ihre Kinder und so weiter). Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, und mit jedem bisschen urbaner Neugier, der man aktiv nachgeht, lernt man etwas über die Stadt in der man lebt und über ihre Geschichte und Entwicklung. Das, meine lieben Kinder, ist der Unterricht des Lebens.

Dazu ganz passend ist die Exploration Reihe von VBS/Palladium, die ich glaube ich schon mal irgendwo hier gebracht habe. Davon gibt es eine neue Ausgabe – Hidden Gems of LA – die genau dieses Rumstromern beschreibt (wenn auch im Normalfall keine Tour daraus gemacht wird und die Protagonisten nicht die Schönheitsskala explodieren lassen, aber hey, Realität vs Internet). So was würde ich gerne auf großerer Ebene machen. Einen Guide für die vergessenen Orte einer Stadt schreiben und fotografieren. Nur dass dann die Orte nicht mehr in Vergessenheit geraten würden… und was passiert dann?

Best of OFWGKTA

Mit jedem Moment rückt das Odd Future Konzert am nächsten Freitag in Cassiopeia verkürzt. Meine Nippel kräuseln sich nach innen vor Freude. Allerdings gibt es ein kleines Problem, dem ich abhilfe verschaffen möchte. Die meisten Leute, die das Konzert besuchen werden, kennen lediglich die größten (und umhyptesten) Hits der Crew, Yonkers und Sandwitches. Das finde ich nicht schlimm – wenn nämlich nur zwei Songs so vielversprechend sein können, dass das Konzert einer unbekannten Band schon am 3. Tag ausverkauft ist, dann steckt da viel Potenzial und Hoffnung dahinter.

Was ich aber nicht mag sind stocksteife Kartoffeldeutsche die es nicht schaffen, bei einer Liveshow mal mehr zu machen als auf ihren Handys rumzutippen und sich darüber zu beschweren dass die Schlangen an der Bar schon wieder so lang sind. Das passiert nicht, weil die Band auf der Bühne scheisse ist, sondern weil (achtung, unbestätigte Hypothese) man zu Songs abgehen soll, die man noch nie gehört hat. Ich finde das im Hip Hop problematisch. Hip Hop ist mitmachen, alter. Richtig fett mitgröhlen zu den Punchlines. Da will ich nicht erst noch krampfhaft leise und aufmerksam konzentriert zuhören müssen, was der Typ gerade eigentlich runterleiert, sondern ich will genauso reinhauen. Ich will die ganze Energie eines Songs aufsaugen und den nächsten, ungewohnten Live-Show Teil antizipieren. Und deshalb habe ich mich mit der kompletten Odd Future Diskografie vertraulich gemacht und möchte sie nun auch euch näher bringen.

Ace (Tyler, The Creator) – Dracula
Mellowhype – Fuck The Police ft. Tyler, The Creator
Frank Ocean – Novacane
Mike G – King

I’m a motherfuckin’ king, I’m a motherfuckin’ monster
Readin’ books on murder? I’m the motherfuckin’ author

Earl Sweatshirt – Orange Juice
Tyler, The Creator – Sandwitches (ft. Hodgy Beats)
Hodgy Beats – Turnt Down
Earl Sweatshirt – Drop
Tyler, The Creator – Bastard
Earl Sweatshirt – Luper

Maybe if you looked in this direction
I’d pick my heart up off the floor and put it in my chest then
Feel the fucking life, rushing through my body
But you got a guy, it’s not me, so my wrist is looking sloppy

Frank Ocean – Acura Integurl
Mike G – Stick Up ft. Earl
The Jet Age Of Tomorrow – But She’s Not My Lover
Earl – Earl

Yo, I’m a hot and bothered astronaut crashing while
Jacking off to buffering vids of Asher Roth eating apple sauce

Tyler, The Creator – Splatter
Mellowhype – BankRolls
Mike G – Moracular Word ft. Vince Staples
Tyler, The Creator – French (ft. Hodgy Beats)
Jasper – Swag Me Out (with OFWGKTA)
Earl Sweatshirt – Blade
Frank Ocean – Songs For Women
Domo Genesis – Domier
MellowHype – CocainKeys

Gay Based God

Und da wäre ja noch Lil’ B, der sein neues Album “I’m Gay” nennen möchte – als Hürdenreisser, in einer immer noch sehr konservativen Hip Hop Welt, wo das “no homo” deutlich und fett geschrieben wird. Das US Militär der neuen Welt ist das, und Lil B möchte die Rolle des liberalen Persönlichkeitsbefreier spielen. Alles schön und gut, hätte Lil’ B nicht selber in einigen seiner Songs einige Beschimpfungen auf Homosexuelle abgelassen, aber hey, whatever. Soll er doch, vielleicht bringt es ja was. Die Tatsache, dass Lil’ B leider eher auf der Witzfigur-Seite des Lebens steht, könnte allerdings genau das Gegenteil für die Stellung der Homosexualität im Hip Hop erwirken.

Aber da wäre ich ja auch beim Punkt. Hat sich einer von euch mal ernsthaft einen Song von Lil’ B reingefahren? Das ist ein halluzigener Trip, ich schwöre es euch. Der Typ macht “Based Rap”, wie er es selbst nennt. Daher auch der Name “Based God”. Er hält sich für Gott, was in seiner Sparte – dekonstruktiver, post-Lil Wayne, Charlie Sheen Rap – echt auch nicht schwierig ist.

“Based means being yourself. Not being scared of what people think about you. Not being afraid to do what you wanna do. Being positive. When I was younger, based was a negative term that meant like dopehead, or basehead. People used to make fun of me. They was like, ‘You’re based.’ They’d use it as a negative. And what I did was turn that negative into a positive. I started embracing it like, ‘Yeah, I’m based.’ I made it mine. I embedded it in my head. Based is positive.”

Slate beschreibt das auch ganz gut, dieses “Weirdo” Ding, das sich von Kanye über Nicki Minaj bis Odd Future durchzieht, ein Trend, der mich wieder stark an den sagenhaften Zeitgeist-Paradigmenwechsel Charlie Sheen Artikel von Bret Easton Ellis erinnert, den ich später mal zitieren werde:

One 2010 trend that united pop’s margins and its center was the triumph of the weirdo rapper. Toward the margins, there’s Lil B, a brilliantly warped, post-Lil-Wayne deconstructionist from the Bay Area. He freestyles prolifically and deftly (or, when he feels like it, gloriously ineptly), dabbles in ambient music, extends metaphors so far that they break down and lose any metaphorical component, calls himself a faggot but says he’s not gay, calls himself a bitch, calls himself Hannah Montana, says “fuck Justin Bieber” then says he’s friends with Justin Bieber, compares himself to Aretha Franklin, Matlock, Jesus, Mel Gibson, and even your father. His Blue Flame mixtape is a good place to start exploring his unwieldy catalog.

Alle Beschreibungen dieser Welt werden nicht seinem größten Hit gerecht, nämlich Wanton Soup.

Das, was ich mit Odd Future vielleicht noch gespürt habe – eine gewisse Zuneigung zu den Weirdos, den Außenseitern, weil sie immerhin ihren eigenen Kult erschaffen und auch ein Liking für ihre Musik, kommt bei Lil’ B einfach nicht in Frage. Ist er eine Satire, so wie Die Antwoord? Ein Kunstprojekt, klar nach der Definition: das hier hat einfach keinen Zweck und steht sinnlos im Raum da, auch, wenn man es in erster Linie als Musik erkennt?

Der Typ nimmt sich dabei ernst, das darf man nicht vergessen. Er hat Erfolg, und eine überloyale Fanbase, die er sich selbst mühevoll über diverse MySpace Seiten aufgebaut hat (sein Online Leben ist auf jeden Fall zeitgemäß, der Typ ist besser verknüpft als ich). Das hier ist kein Scherz, das ist auch kein schlechter Hip Hop, weil er nicht rappen kann (kann er nämlich, wie man anhand früherer The Pack Videos sehen kann – nicht unbedingt ein Ausnahmerapper, aber das mit der Technik kann er) – es ist ernstgemeint und es kann Geld machen.

Aber ich bin verwirrt, weil ich aus dem Kreise der Basedrap Fans einfach ausgeschlossen bin. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er Fans hat, die ihm aufgrund seines exzentrischen Wesens treu sind. Charlie Sheen und andere können auch darauf aufbauen, dass sie seltsame Gestalten der Öffentlichkeit sind, die aber dank ihrer Fehlbarkeit auch menschlich wirken und in Zeiten von Internet und Ultraconnection einen gewissen Massenappeal ausstrahlen. Aber ich spreche von der Kaufkraft, Kids, die Lil’ Bs Musik auch ernsthaft hören. Ernsthaft, also auch kommende Künstler nach diesen Maßstäben messen.

To Empire gatekeepers, Charlie Sheen seems dangerous and in need of help because he’s destroying (and confirming) illusions about the nature of celebrity. He’s always been a role model for a certain kind of male fantasy. Degrading, perhaps, but aren’t most male fantasies? (I don’t know any straight men who fantasize about Tom Cruise’s personal life.) Sheen has always been a bad boy, which is part of his appeal—to men and women. There’s a manly mock-dignity about Sheen that both sexes like a lot. What Sheen has exemplified and has clarified is the moment in the culture when not giving a fuck about what the public thinks about you or your personal life is what matters most—and what makes the public love you even more (if not exactly CBS or the creator of the show that has made you so wealthy). It’s a different brand of narcissism than Empire narcissism. Eminem was post-Empire’s most outspoken character when he first appeared and we were suddenly light years away from the autobiographical pain of, say, Dylan’s Blood on the Tracks (one of Empire’s proudest and most stylish moments). It’s not that we’ve moved beyond craft, it’s just that there’s a different kind of self-expression at play—more raw, less diluted.

Notes on Charlie Sheen and the End of Empire

Ich bin wirklich gespannt darauf, wo das hingeht. Hip Hop war einst mal ein lyrisches Wunderwerk und hat sich von da in über tausend Richtungen erstreckt. Ich warte immer noch auf ein Re-Work der Zungenknoten von Dead Prez oder Wu Tang.

Nicht, dass ich davon Ahnung hätte, aber manchmal reicht ja auch ein Lil’ B um einen auf einen Wechsel der Musikkultur aufmerksam zu machen.

Out Of My Mind

Ey. Beverly Hills 90210, Air Max und überzeugende Synthie Sounds. Wenn jetzt Blümchen auch wieder angesagt ist dann gebe ich mir die Kugel (sprich: ich freue mir ‘ne Dauerwelle und fahre wieder mit bunten Inline Skates und male mir Sommersprossen auf’s Gesicht). Woher kommt der 90er Flash? Ich kriege gerade auch ab und zu so schweißige Schübe, die nach “Top Gun” und “Arabella” rufen. Überall sind Bilder, die von analogen Wegwerf-Kameras geknipst wurden und einen schleierhaften Nebelfilm, den man zweifellos als “hässlich” bezeichnen kann, tragen.

Kann ich wirklich also hoffen, dass Clarissa zurückkommt? Und die Spice Girls? Und der High Top Fade? Fresh Prince alter? Hawaii-Hemden? Sind wir wirklich wieder da, wo wir angefangen haben? Und wenn ja: wieso? Und wenn wir doch alle rational wissen, dass es falsch ist… wieso fühlt es sich dann so gut an?

The National

Das Faszinierende an einer so großartigen Band wie The National ist nicht die Konsistenz in der (überragenden!) Qualität, sondern wie sie es schaffen, eigentlich immer den gleichen, post-pubertär melancholischen Song zu schreiben, der mich in Gänsehaut einwickelt und von in Sepia gefärbten Vergangenheiten träumen lässt, die es gar nicht gab. Das ist Bewältigung von intensiven Gefühlsmomenten, die ich heute, so nach Jahren der Abstumpfung, vermisse. Nach all der Zeit, in der eintrainiert wurde, die Contenance zu behalten und sich auch mal zusammenreissen zu können, ist es schön, wenn The National Klänge einen gewissen Kontrollverlust einläuten können.