Work It

Veröffentlicht July 28, 2011

Seitdem ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, umgangsprachlich auch „Arbeit“, „Maloche“ oder „Hartgeldstrich“ genannt, ist die Sprachlosigkeit wieder öfter Gast in meinem Geist. Sie macht sich abends gerne auf der ewigen Couch des Glücks breit und betäubt den Rest meines Körpers wie ein professioneller Anästhesist bei seinem täglichen Abspritz-Ritual. Die Sprachlosigkeit, die mich zu einem lethargischen Zombie macht, die mir die Falten in die Stirn brennt und meine Prioritäten verschiebt. Nicht mehr der Wunsch nach Freiheit und Liebe und Gerechtigkeit bestimmt mein Dasein, sondern lediglich der Traum vom langen, ungestörten Schlaf, oder auch mehr Kaffee, je nachdem, wie viel Uhr es ist.

Die Sprachlosigkeit kommt nicht etwa davon, dass ich in einem Call Center sitze und viel rede; im Gegenteil. Ich mache es mir zur größten Aufgabe, so wenig wie möglich das für Satzbildung verantwortliche Gehirnfeld zu betätigen. Zwischen Zehn und Achtzehn Uhr gilt für mich: so lange ich kann sage ich einfach nichts. Leider zieht sich das auch in das Gefilde meiner Freizeit, denn mein Leben macht gerade einen eigenen kleinen Paradigmenwechsel durch. Genauso wie damals, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Schalter an, Schalter aus. Ich weiß auch, dass sich das irgendwann einpendeln wird, eine Balance sich einstellt. In dieser Phase ist man dann auf diese lethargische, selbstgerechte Art und Weise auch zufrieden und redet sich ein, dass alles so ist, wie es sein muss. Hoffentlich wird es nie so weit kommen, das ist eine ganz schlimme Zeit. Sie ist illusionär. Wenigstens kann ich in meiner jetzigen, unbequemen Lage noch klar denken und das Wehwehchen identifizieren. Im gehirnamputierten, dauerbreiten Arbeitergrinsen der wirtschaftsinfizierten Welt der fleißigen Arbeiterbienchen ist es dann nicht mehr so einfach.

Nein, die Sprachlosigkeit stammt aus der Distanz zwischen beiden Leben, die ich führe: das, welches meine Freunde so schätzen und lieben, und das, welches mich so weit vor ihnen weg schiebt. Jeden morgen reise ich aus meinem kleinen Kiez heraus, auch auf symbolischem Weg verabschiede ich mich damit auch jeden Tag davon, ein Teil „davon“ zu sein. Vom Leben im Sommer in Berlin mit einer wohlgewählten Familie. Abends, wenn der Schalter wieder umklappt und ich auf meinem Weg zurück bin, kann ich den Alltag nicht aufholen- nur noch den Abend teilen. Einen Abend, an dem ich von nichts erzählen kann, denn keiner teilt meine (zwar unkomplizierte, aber trotzdem sehr umfangreiche und totlangweilige) kleine Galaxie der Festanstellung.

Und ich beschwere mich nicht über das Glück, dass ich habe, in so einem Alter mit solchen (sprich: gar keinen) Qualifikationen an so einen Job zu kommen. Dafür würden sich andere die rechte Hand abhaken und drei Jahre im Wanderzirkus Freak spielen. It is what it is. Dennoch darf – und will – ich auch nicht aufgeben, was ich mir so hart (so hart war‘s nicht) aufgebaut habe. Nämlich solch hippie-esquen Dinge wie „Lebensgefühl“ und „Zugehörigkeit“. Das ganze Konfetti-Ding, was ich schon oft genug betone, ich will es selber gar nicht mehr hören. Ich hätte am liebsten beides, und doch muss immer eines davon zurücktreten, zumindest jetzt noch, wo ich keine einzige Entscheidung treffen kann, die permanent ist. So weit ist es noch nicht.

Aber der Kopf arbeitet den ganzen Tag. Die Müdigkeit holt einen ein, die Trägheit, die Erschöpfung davon, Dinge zu tun, die nicht bewegen. Die keinen größeren Ziele verfolgen. Ich bin ein Fan von Zielen. Meine weinerlichen Beschwerden rühren nicht daher, dass ich jetzt einem Bürojob nachgehe, ich spüre jetzt auch nicht sonderlich das Verlangen, später mal zu großen, weltverbessernden Dingen berufen zu werden. Das meine ich nicht. Allerdings habe ich sehr großen Respekt davor, abzustumpfen. Ich spüre jetzt schon, wie meine Gedanken wieder hauptsächlich um die Realität kreisen. Wie ich Träume und Vorstellungen begrabe, weil sie keinen Raum in einer Welt voller Effizienz und Prozesse finden. Einfach so ist alles Kreative und Rebellische, egal, wie klein es vorher war, einfach stillgelegt. Es ist da, aber es funktioniert nicht. Der Idealismus, auch wenn fehlgeschlagen und deplaziert, blättert ab.

Meine Jugend. Ich vergesse sie in dem Augenblick, wo ich mich voll auf meine mir selbst auferlegt Aufgabe konzentriere. Ich verbittere. Nein, das ist so weit noch nicht; aber ich habe Angst davor, dass es wieder kommt, dieses Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, das Gefühl, nichts zu tun. Und dann doch diese Müdigkeit, die beweist, dass aber irgendwas schlaucht. Vielleicht sogar irreperable Schaden hinterlässt.

Meine Dankbarkeit – vor allem meine Dankbarkeit für mich selber – ist unermesslich. Ich werfe keine Gelegenheiten weg, so bin ich nicht. Ich motze nicht grundlos, wenn überhaupt, dann Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Aber Angst habe ich. Und ich hoffe, dass ich diese Angst immer haben werde.

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GANGSTA

Veröffentlicht July 21, 2011

Hip Hop hat gerade sein second coming oder so. Wie GEIL ist das eigentlich.

GANGSTA · Kategorien: Musik · Ein Kommentar
 
 

Hormonblaupausen

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Ich habe mir die Existenzkrise nach dem Sieg in der Schlacht der Gefühlswelten (2000 – 2008, in Gedenken an alle nervlich geschädigten Lehrer, Eltern und andere erwachsene Menschen, die mich in meinen brutalen Selbstzweifeln und den sägenden Rufen nach Aufmerksamkeit begleitet haben) selber genommen. Oder vielmehr: die Hormone haben ein chemisches Equilibrium gefunden. Als Frau ist das nicht immer selbstverständlich und schon gar nicht dauerhaft. Ich sehe mich in einigen Jahren ausrasten, weil ich Falten kriege, dann, weil ich keine Kinder habe und später weil ich geschieden und verlassen bin. Und weil ich vor nichts so viel Respekt (um nicht sogar “Durchfallangst” zu sagen) habe, wie vor der geistlichen, unkontrollierbaren Störung und Zersetzung des weiblichen Gefühlsuniversum, baue ich mir ein Bett in diesem Kornfeld der Ruhe auf.

Ich genieße diese Eigenständigkeit, diese Ausgeglichenheit, die mir das junge, kraftvolle Alter mitgibt. Keine verheulten Nächte, keine Depressionen, keine gequälten Stimmungsschwankungen, keine Weinbesäufnisse und gescheiterte Dates und keine Verzweiflung, die aus den Eierstöcken fließt. Wenn ich mir im Kontrast dazu die älteren Frauen in meinem Freundeskreis angucke, dann, no offense, ich liebe euch alle, aber ihr habt alle einen gewaltigen Schaden, und der ist nicht ohne Axt oder Machete oder Gebärmutterkrebs oder Menopause zu beheben. Und jeder Mann, der damit fertig werden muss, hat meine Props verdient. Sie mögen zwar unsensible, völlig debile, schwanzgesteuerte Vollidioten sein, aber immerhin wird ihnen alles so ziemlich egal solange sie Titten und Arsch in ihrem Tagesablauf finden. Das ist eine willkommene Apathie, meine Ladies, über die wir uns auch noch viel zu oft beschweren. Wenn es ihnen nicht egal wäre, dann wäre der Mond heute ein bewohnbarer Planet mit männlichen Ziegelhäusern und Venus und Mars wären die nahgelegenen Sportstadien. Mars im Sommer, Venus im Winter, um den olympischen Geist intergalaktisch aufrecht zu erhalten. Sie wären schon längst geflüchtet und hätten sich mit rektalfokussierten Knastspielchen bequem gemacht. Glaubt mir.

Anyway. So viel zu meinem fantastischen Plan, erstmal das Leben auf die Reihe zu kriegen, bevor ich dann jedes einzelne, hart errichtete Element des Charakters in einer Midlife-Torschluss-Panik mit meinem hormonellen Irrsinn zerreisse. Auch Pläne haben ein gewisses Mindesthaltbarkeitsdatum, denn oh, wen haben wir denn da, zusammengekauert in Fötusstellung, zitternd, keuchend, nackt und schleimig und durchzogen mit Angst auf dem abgezogenen Dielenboden? Ja ist das die Sara? Ist das die kleine süße Sara, die, die ihre Pläne immer mit Zirkel und Lineal auf Milimeterpapier zeichnet und dann als neue Fashionkollektion jedem vorführt, der sich nicht rechtzeitig im Schutzbunker verstecken kann?

Denn womit ich nicht gerechnet habe ist das, was wohl mit vielen Menschen (eigentlich wollte ich Frauen schreiben, aber dann hätten die sich bei Twitter wegen sexistischem Scheiss eingekackt) passiert: sie, äh, verlieren ihre Willenskraft (und adé der Lebensplan!) an andere Menschen, die von den furchtbaren Muschimonstern erwählt wurden, sie für immer zu kontrollieren und zu führen und nachts ordentlich durchzupeitschen. Hier ist also mein Kryptonit, gutaussehende Menschen sind meine Medichloreaner, und ich bin machtlos. Mir geht es gut, mir geht es schlecht, ich schwitze wie ein Nazi am Kottbusser Tor und tanze gleichzeitig mit mehr Euphorie als Jump Style Spasten. Rosarotebrille? Eher eine wilde Partynacht auf LSD und MDMA, in einem Schub Horrortrip, im anderen ein gewaltiger Orgasmus, der verantwortlich für das Erdbeben in Japan war.

Es ist wie Dauer-PMS, wochenlange Emotions-Blutungen, die einfach nicht gestoppt werden können. Und dann passieren auch die Tragödien, die unsere lieben Männer immer so in den Wahnsinn treiben. Aus Pikachus werden Raichus, aus Tom Riddle wurde Voldemort, und so weiter – einfach nur eine riesengroße Stand Up Comedy Show, die zum Drama wird, weil man so ein komisches Gefühl hatte. Paranoia nennt man das. Angst, das, woran man sich gerade so würdelos und wirklich ohne jeglichen Glanz in den Haaren festklammert, irgendwie bald zu verlieren. Und das ist auch nur so eine dieser selbsterfüllenden Hitlerprophezeihungen, oder? Mit Angst kommt die Unsicherheit, mit Unsicherheit projiziert man genau die falschen Gefühle auf sein Gegenüber, bis unser Object Of Affection zum Master of Rejection wird. Wer will schon eine uneigenständige, zerflossene Seele an seiner Seite haben? Gequält von Gefühlen, die hier nichts zu suchen haben? Gepeinigt von Selbstbewusstseinsstörungen? Die Serienausstattung kommt heute sogar mit Zerstörungsmechanismus.

Aber wie viele Dinge ist auch dieser Text nur ein kleines Tief in einem mich in tausend Himmel katapultierenden Hoch. Die Hilflosigkeit ist spürbar da, denn da oben kenne ich mich nicht aus – keine Ahnung, auf welchen Wolken man sich ausruhen kann und welche Vögel einem in die Queere kommen, wenn man so da gediegen abschwebt. Ich bin weit oben, mir sind Flügel gewachsen, ich werde festgehalten, es ist ein wunderschönes Leben, und alle Normalsterblichen auf der Erde, die sich gerade fragen, ob es regnet: nein, ich habe gespuckt, lol. Aber ich habe Angst zu fallen, denn es ist verdammt hoch. Und mit jedem Song, den ich höre, und jedem Film, den ich sehe, und jedem Buch, das ich lese (gut dass ich nicht so viel lese zur Zeit), wird mir in Erinnerung gerufen, dass ich nicht die erste wäre, die von heute auf morgen für Monate fällt und vielleicht bis auf alle Ewigkeiten auf den Aufprall wartet.

Vielleicht sollte ich einfach Kinder kriegen und diese Scheisse hier hinter mich bringen. Im Notfall gibt es ja noch die Lobotomie-Sparangebot bei Pro7 und RTL.

 
 

Haters Gonna Hate

Veröffentlicht July 20, 2011

Story of my life.

 
 

Melt! Festival 2011

Veröffentlicht July 18, 2011

Eigentlich wollte ich ja nach meinem letzten Festival-Trauma (s.a. “das Hurricane ist eine Beleidigung an alle Musikfans dieser Welt” – Barack Obama) nur noch im Schutze der Geschlossenen weilen, die nächsten Jahre in Vegetation und sicherer Einöde verbringen und nie wieder das Zimmer oder gar die Zwangsjacke verlassen.

Aber wer mich kennt, kennt auch meine Inkonsequenz. Und meine berühmte, charakterstarke Schnäppschenjäger-Mentalität: “ich darf mich kostenlos quälen lassen” ist meiner Lebensphilosophie nach immer noch erträglicher als “ich habe mir für Geld etwas Gutes getan.” Und da das Melt! für mich dank Curly Sue’s hilfreichem Rumgefinger tatsächlich nicht mehr als seelische Überwindung kostete (außer die dreitausend Euro für Red Bull und flüssiges Fett und die Stripperinnen), entschloss ich spontan, das Festivalding noch einmal zu wagen. Und diesmal richtig: im Zwergenzelt für eine halbe Person, aber zu zweit, bei jeweils fünfhunderttausend Grad plus (wenn die Sonne morgens die Kernschmelze anregen möchte) oder dreitausend Grad minus (wenn nachts die Hölle zufriert und Pinguine, Robben und Eisschollen auf dem verdammten See treiben).

Vielleicht lag es ja auch am Grad der abenteuerlichen Vorbereitung, der mich die Schultern zucken und “ach, let’s fucking do it” sagen ließ. Ausgestattet war ich persönlich mit zwei umgedrehten Unterhosen, die als frisch durchgingen, einem dicken, roten Pickel im Gesicht, um mich auf dem Hässlich-Marathon des lokalen Zeltplatzes wohl zu fühlen (bei der riesigen Auswahl an wunderschönen Berlinern und Style-Konsortium Deutschlands haben wir es natürlich geschafft uns inmitten des bayrischen Gesichts-Entstellungs-Banquetts zu platzieren, was das Ambiente zwar ein bisschen störte, uns aber immer wieder auf meinen Pickel aufmerksam machte, der uns eine gewisse Zugehörigkeit verlieh), und einem Keks. Gottseidank waren meine Mitmelter Professionelle auf dem Gebiet “Survival im menschlichen Suhl” – Club Mate, Eiweißriegel und Konfettikanonen als Gaben für die Festivalschlampen.

Das Melt! ist also etwas ganz anderes als das Hurricane: man kann es durchaus überleben. Und auch für gut befinden. Da der hauptsächliche Besucheranteil aus Berlin stammt, kann man auch grob einschätzen, wie viel Spaß man haben wird, und wie wohl man sich fühlt. Neben den hooliganartigen, leichenfickenden Barbaren vom Hurricane ist das Melt! nichts als ein paradisischer Ort mit feinklingendem auditivien Hintergrundgedusel in absolut herzerwärmender Lage und den schönsten Menschen die der liebe Jesus in unsere Welt gespritzt hat.

Ich meine, klar, die Leute waren nervig, aufgedreht und in Neonfarben gekleidet. Die fünfzehnjährigen Michelles und Miriams aus den Vororten Deutschlands haben sich das MDMA in die Kiemen geworfen und zum ersten Mal Liebe von Thomas und Tobias gespürt, die abgemagerten Abiturienten, die in Wayfarer-Kopien und Tanktops das Glitzern der Musik unter der Haut spüren und wissen wollen, wie es ist, einmal eine Unarschlochmäßig abzuschleppen. Ja, es nervt ein bisschen, wenn alle so gut drauf sind und so viel Kreischen zwischen den Bühnen lärmt und sich kleine Kinder im Feenkostüm die Gesichter gegenseitig anmalen. Aber all das erscheint mir doch sehr herzlich im Gegensatz zu den langhaarigen, fettbäuchigen, rumkotzenden, durchfallverteilenden Suffis aus den Hinterwäldern aller Hollywood-Horrorfilme, die so stinken wie tausend Gullis nach einem blutigen Krieg zwischen Wildschweindörfern und alle widerlichen Jackass-Folgen mit Steve-O in den Schatten stellen. Ich würde sogar behaupten, dass das Hurricane so Kacke ist, dass ich lieber noch mal freiwillig Samstagabend über die Warschauer Brücke laufe, als diese Erfahrung wieder zu machen. Selbst wenn ich im Sterbebett mit Krebs läge und das Hurricane meine einzige Rettung wäre.

Jedenfalls war diese Schieflage meiner bisherigen Festivalaktivitäten auch ein Sprungbrett für meine Melt!-Herz-Offensive. Endlich kann ich nachvollziehen, warum so viele Menschen einem Endlos-Konzert, stressigem Camping, teurer Unterhaltung und unzähligen anderen ätzenden Menschen hinterherpilgern. Es ist wunderschön, das ist es nämlich. Auch ohne Drogen. Sogar ohne Vollsuff (nicht, dass man es nicht probiert hätte). In der knallen Sonne an einem wunderschönen Ort mit fantastischer Musik, in ganzer Entspannung. Mit all den Negativen bleibt trotzdem noch ein großes Positiv übrig.

Es folgte ein wunderschöner Moment nach dem anderen: Nicolas Jaar als surrealer Traum im Rauch und Nebel und den Lichterspielen am Strand, gehüllt in eine Sternentapete; der Auftritt von Robyn, der auch den letzten harten Prollmacker zum Mitsingen brachte – noch nie habe ich so viele Emotionen in einem einzigen Publikum gespürt wie bei “I KEEP DANCING ON MY OWN”. Nazis, Antifa und afrikanische Jungrebellen kackten plötzlich Einhörner und weinten süßlichen Himbeersyrup aus den Augen. Ich sage euch was, liebe Kinder: am Ende des Tages tanzen wir alle entweder alleine oder mit jemandem, der so deutsch tanzt, dass wir sowieso lieber alleine wären. Let’s get used to it.

Ansonsten habe ich auf dem Melt! hauptsächlich alles verpasst, weil es mir egal war. So glücklich kann man sein, irgendwo rumzusitzen und alles wirken zu lassen. Und gute Menschen um sich herum zu haben – und Momente zu teilen, die bizarr und eigentlich überhaupt nicht neu sind, aber so ein Relief auf der alltäglichen-unalltäglichen Metallplatte stanzen.

Ein ganz spektakulärer High Five mit anschließendem Augenzwinkern und Lippenlecken geht an die süße Boyband Sizarr, die ich zwar nicht Live sehen konnte, dabei aber unglaublichen Musikgeschmack bei ihrem DJ-Set bewiesen haben. Das mit den Übergängen klappt zwar nur so gut wie bei mir der Stuhlgang auf einem Dixie-Klo, aber das hat die drei Leute, die da am Strand waren – mich, meinen Pickel und Isa – auch nicht wirklich interessiert. Hauptsache rollende Beats, UK und Garage und Hip Hop und richtig, richtige nette Songs, die es jetzt zu entdecken gilt. Sizarr hat auf jeden Fall meinen persönlichen Kultur-Zeitgeist (bestehend aus Sexbildchen und guter Musik) getroffen.

Andere Überraschungen blieben leider aus – KIZ waren souverän und aufdrehend wie immer, auch wenn mir die neuen Scooter- und Mallotzetracks nicht so richtig bekommen möchten. José Gonzalés war auch ganz, ganz toll, und Gui Buratto ja auch. Letztere habe ich beide nicht gesehen, weil ich entweder schon schlafen war oder nach Hause gefahren bin, aber das ist ja dem treuen Leser hoffentlich auch egal.

Hach, das Melt! – es war eine wunderbare Erfahrung. Ich habe Freunde gemacht. Ich habe mir die Butter im Zeltofen von den Augenlidern geschwitzt und habe mit dem Pöbel der Nation auf ein einziges Klo gekackt und mir die Hände im Spuckefaden einer kaum funktionierenden Sanitäranlage gewaschen. Ich habe immer noch Sand in der Arschritze, aber ein königliches Schmetterlingsflattern im Bauch. Es war Melt!, doch es war mehr als das: es war nämlich Sommer. Und im Sommer kann man mich bekanntlich auch im Industriegebiet umgeben von Roboteraliens noch lächlelnd finden. Danke, Sommer. I love you and I’m ready to give you my inner freak.

 
 

Dörte

Veröffentlicht July 15, 2011

Pickel sind ja so eine Sache. Mit vierzehn hat man keine und ist darüber sehr glücklich. In meinem Fall vor allem sehr herablassend und schadenfroh, denn alle meine akneverseuchten Freunde mussten leiden. Sie erzählten mir Horrorgeschichten darüber, wie sie von ihren Müttern den Streuselkuchen-Arsch mit hart ätzenden Säuren eingerieben bekommen mussten, weil sie an diese sensiblen Stellen nicht heran kamen. Und sie erzählten auch davon, wie es ist, jede Nacht den Kopfkissenbezug neu zu wechseln, weil sonst der Talg und die Ablagerungen und die Hautschuppen und ganz viel anderes Zeug, dass man im Prinzip mit “EITER” betiteln könnte, die Haut belästigt.

Ich immer so: ihr seid hart gefickt, meine Freunde. Aber Karma vergisst nicht, niemals. Und der Eiter wandert weiter. Und damit verhält es sich genauso wie mit den Mücken: es wandert immer alles zu mir.

Als ich gestern aufwachte und den Fehler machte, in den Spiegel zu gucken, erlitt ich erstmal ein Trauma von epischen Dimensionen. Die Welt explodierte förmlich vor meinen Augen, blutige, tote Babies krochen in mein Rektum und irgendwo sägte mir Patrick Bateman gerade meine Fingerkuppen ab um mir das Knochenmark abzulutschen. So war das, als ich den mit weißem Lava schäumenden Vulkan auf meiner linken Wange entdeckte. Ich kotzte mir ein bisschen in den Mund.

Aber Überspringen wir diesen langen Moment der Erschütterung; es war ein bedeutsamer, verdrängenswerter Augenblick in meinem Leben, aber ich erlangte schließlich meiner Fassung wieder und ging analytisch an das Problem heran. Ich gebe meinen Feinden immer Namen, um nicht durcheinander zu kommen. Ich nannte sie Dörte. Hässlich zu hässlich. Ich nahm meine bereits vorgefertigte Checkliste und ging sie durch: Wie ist die Konsistenz der Erhebung? Fest genug um zu drücken? Vielleicht doch nur ein Mückenstich? Wie stark ist der Druck? Tut es weh? Wer ist Gott, und wo ist er, wenn man ihn braucht?

Natürlich ist das Gerät nie am ersten Tag druckreif. Aber: ich kann nicht warten. Ich muss jetzt aktiv sein. Ich kann nicht erst Blitzkrieg spielen, wenn der Feind schon am krepieren ist, ich greife ihn jetzt an. Ich beweise Stärke. Und außerdem, es gibt nichts, was mich seelisch mehr malträtiert als die Gewissheit, dass da eine Butterstange aus meinen grobgesägten Poren wächst.

Und dann geht alles ganz schnell: man drückt sich fast in Ohnmacht. Die Fingernägel bohren sich tief unter die Haut. Die Kriegsnarben zeichnen sich blutig ab. Minutenlanges Keuchen und vertrocknete Tränen, Klopapierknäuel, unterdrückte Schreie. Dann endlich: der Zusammenbruch der feindlichen Festung. Sieg. Delirium, Sterne. Lebe ich, bin ich tot, wer bin ich, wo komme ich her, warum ist der Mensch so, wie er ist, soll ich Philosophie studieren, warum nehmen meine Freunde Drogen, wieso sehe ich mein Leben an mir vorbei ziehen, was ist dieses weiße Licht, wie komme ich dorthin…

Wenn man sich traut, guckt man in den Spiegel: wir wissen alle, dass an diesem Punkt nur die Front erobert wurde, aber der Krieg ist noch nicht gewonnen. Es ist immer noch dick, aber kein Drücken der Welt kann die Sache jetzt noch rausholen. Wenigstens sieht man die Entzündung nicht mehr. Wenigstens ist es nur noch eine tiefe Fleischwunde, die auch von einer Prügelei kommen könnte (bilde ich mir jedenfalls ein). Wenigstens wird die Hälfte des Gesichtes von Blut eingenommen, nicht von einem riesigen Eiterkopf, der bei jedem Gesprächspartner das Würgen beschwört. I’m just saying.

Doch irgendwann wird der Pickel erledigt sein. Eines Tages ist Dörte nur noch eine kleine Hautschuppe unter meinem Fingernagel, und irgendwann werde ich einen intergalaktischen Orgasmus vom finalen Drückbattle verspüren, der mich in Euphorie aufsteigen lässt. Egal, wie entstellt ich danach bin; es lohnt sich. Jeder, der mir erzählt, man solle sich nicht im Gesicht rumdrücken, isst bestimmt auch Vollkornmüsli ohne Schokolade zum Frühstück und hat ausschließlich Sex zur Fortpflanzung. Ihr werdet mich niemals verstehen. Im Zweifelsfall ist es wie mit den Pommes: lieber rot als weiß.

(Und das natürlich immer genau dann, wenn man irgendwo hin fährt, wo es keine Spiegel gibt, vor denen man sich die obligatorische Gesichtsmaske auftragen kann, und ungefähr jedes dritte Opfer mit einer Kamera rumrennt. Wir sehen uns dann nach dem Melt! wieder.)

Dörte · Kategorien: Realwelt · 6 Kommentare
 
 

Ghostriders II

Veröffentlicht July 14, 2011

Damn, wieso können meine Freunde nicht coole Leute sein, die nachts fette Bikes reiten, bombige Musik hören und geile Videos drehen?
… just kidding boys, I love you.

[via overkillblog & dt64]

 
 

Von Leichtigkeit

Veröffentlicht July 13, 2011

Da, wo viele Leute ihren Mitmenschen schon eine Stoppschild vor die Butterbirne halten, baue ich mir eine batikgemusterte Hängematte zwischen zwei Palmen und lasse mir einen eiskalten Ananassaft und ein bisschen Gras servieren. Ich brauche keinen zwischenmenschlichen Stress wegen kleiner Dinge – und bei großen Dingen brauche ich mich erst recht nicht mehr damit zu beschäftigen. Diese Art der Konfliktbewältigung (oder vielmehr: Konfliktignorierung) führt nicht selten zu schmerzhaften Einschnitten in Beziehungen, aber das hat sich für mich bisher nie besonders negativ ausgewirkt. Solange man mit seinen Entscheidungen am Ende des Tages Frieden schließen kann, so lange hat man ja auch nichts falsch gemacht (keine Garantie für diese Aussage).

Und dann wundern sich die ganzen unwichtigen Leute im äußeren Zirkel des Bekanntenkreises, wieso ich nur mit den Achseln zucke, wenn andere ausrasten, und warum ich nur mecker und mich im Nachhinein über bestimmte Situationen aufpisse, anstatt sie direkt anzusprechen und den Täter meines Leides zu konfrontieren. Wisst ihr was? Nennt es passiv-aggressive, emotionale Flachwichserei, aber wenn ich jetzt jemandem meine Meinung in die Fresse kacke, dann muss ich auch damit rechnen, dass mir dieser Jemand seine Meinung zurückdonnert, dann muss ich mich plötzlich streiten, in Rage reden, eventuelle handgreiflich werden und meine Brüder aus Frankfurt holen, die mich dann vor hysterischen, raffgierigen und missgönnenden Zicken beschützen. Das ist es mir einfach nicht wert. Lieber meditiere ich fünf Minuten lang und frage mich danach, ob es mich immer noch beschäftigt. Ich bin da eher wie ein Hund: ich suhle mich dann meistens schon hechelnd im Schlamm und warte darauf, dass mir jemand die Titten krault.

Ich möchte dieses kostbare, schöne, glückliche Leben nicht damit verbringen, mich zu streiten, jedenfalls nicht mit meinen Freunden oder mit der Familie oder sonst irgendwas. Ich höre mir dann an, dass ich Schuld habe und Dinge kaputt mache, von mir aus gestehe ich diese Schuld auch ein (selbst, wenn ich sie nicht trage) und nicke das dann ab: nennt mich einen Push-Over, aber ich bevorzuge die Leichtigkeit einer nachgebenden Position der einer aggressiven Streitsüchtigen. Es geht mir nicht darum, Recht zu haben, und zu gewinnen (jedenfalls meistens nicht). Es geht mir darum, dass wir dann alle in Friede, Freude, Eierkuchen zusammenleben, große, riesige Dinge gemeinsam planen und eines Tages Schlösse aus Legosteinen bauen. Nennt es Wunschdenken- ich nenne es Leichtigkeit.

Und Leichtigkeit ist kein Lottogewinn. Versteht mich nicht falsch: nur weil ich ab und zu mal nicht lauthals in Kampfposition gehe (was im Übrigen für alle Beteiligten auch besser ist, da ich eindeutig gewinnen würde, weil alle Mitleid mit mir haben), heisst das nicht, dass ich ein friedlicher, unprovozierbarer Mensch bin. Ich versuche nur die ganze Wut und den anderen Jesusscheiss zu katalysieren. Nicht gegen Menschen zu gehen (jedenfalls nicht in direkter Konfrontation), sondern gegen das System (DAS SYSTEM!!!!). Und Leichtigkeit in Beziehungen und im Leben heisst nicht, dass ich im Restleben auch dieses Privileg genießen kann. Für diese Art der Leichtigkeit muss ich einem Job nachgehen; ich muss mich mit Erwachsenendingen plagen, auf die ich überhaupt keine Lust habe. Ich muss meinen ganzen Zorn und meinen Weltschmerz und meine Tränen in Projekte stecken, damit sie sich nicht an den falschen Orten äußern und Dinge zerstören, die eigentlich gut sind.

Aber jetzt, wo diese Lebensphilosophie so offen vor euch breitgetreten wurde, muss ich auch anführen, dass es nicht immer so leicht ist, wie ich es gerne hätte. Ein vorbildlicher Ghandi zu sein und nie etwas als Problem anzusehen und jedem Arsch und seiner Mutter einen Gefallen zu tun kann dem von der Gesellschaft (DIE GESELLSCHAFT!!) zerstörten Bewusstsein schnell mal Erwartungstürme aufsetzen, die dann der sorglos pfeifenden Sara gar nicht auffallen. Und dann kommen die Enttäuschungen, eine nach der anderen, weil man wegen der Leichtigkeit, diese entzückende, freudige Leichtigkeit, einfach nie gesagt hat, was man will – und da andere Menschen nicht die empathischen Fähigkeiten einer Superheldin wie mir besitzen, bekommt man das dann ja auch nicht.

Und dann stehe ich wieder da, konversationslos, abgerieben, mit meiner Leichtigkeit unter’m Arm und einem nackten Eisstiel in der Hand auf einem weiten Rasen, alleine, und das Konfetti prasselt auf mich herab wie ein Hagelsturm, und keiner ist da, um mir Gesellschaft dabei zu leisten. Und keiner weiß eigentlich, wie es mir geht, und warum es mir so geht. Und manchmal will ich gar nicht viel mehr als für eine Stunde Leichtigkeitspause zu haben, damit ich auch mal verstehe, was so bei mir abgeht. Einfach nur um abzuklären, ob auch wirklich alles gut ist. Man kann ja nicht den ganzen Tag Regenbögen scheissen.

 
 

Sommerloch

Veröffentlicht July 10, 2011

Heute wird man nur noch ein lautes, resigniertes Seufzen hören, wenn man mich trifft. Nach fast einem Jahr der Hamsterradabstinenz geht es nun (“endlich”) weiter mit dem richtigen Leben: Morgen ist Montag. Der erste Montag in einem neuen Leben, bespickt mit Arbeit und einem Studium und einer eigenen Wohnung und einer BZ und einem Kaffee Togo und vielleicht auch endlich mal einem Fahrrad und überhaupt. Ein neuer Computer, ein festes Einkommen, 27 Tage Urlaub im Jahr, Abends kaputt sein, in ein paar Jahren kann man dann über Kinder und Hochzeit nachdenken. Sowieso: ich nahm mir ein Jahr frei und fand mich selbst an einem völlig anderem Ort unter völlig anderen Umständen wieder.

Ich reiste, ich lebte, ich kotzte ab, ich weinte, ich küsste und liebte und ich vermisste und hoffte und jetzt bündelt sich das alles in einem Sommerloch. Ninetofive meets reguläre Verrücktheit in der Hauptstadt. Ich kann nicht sagen, dass ich traurig darüber bin, denn jede neue Entscheidung für einen weiteren Schritt Richtung Zukunft ist bisher eine gute; und auch die doofen, störenden Wege, die man genommen hat, führten letztendlich immer wieder zu ausschließlich positiven Erfahrungen und weicher Haut und Käsekuchen.

Die großen Pläne werden jetzt mit dem besten Qualitätsholz befeuert: im Oktober wird wieder alles anders, und bis dahin muss noch einiges getan werden. Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen YeahSaras.

Sommerloch · Kategorien: Realwelt · Ein Kommentar
 
 

Just Missed Us

Veröffentlicht July 8, 2011

Was ist Fotografie? Ist es ein Handwerk, ist es Kunst? Ist es eine Profession oder ein Hobby? Kann man damit Geld verdienen? Braucht man krasses Werkzeug, krasse, teure Teile? Welche Kamera ist der beste, welcher Film ist der coolste, analog oder digital? Warum fotografieren wir, was will ich mit diesem Foto sagen, oder will ich überhaupt irgendetwas sagen?

Ich fotografiere unglaublich gerne, von den artsy-fartsy Regentropfen, die nachts das Licht einer roten Ampel reflektieren, bishin zu den alkoholvergifteten Partyschnappschüssen, bei denen die Handykamera herhalten muss. Makro hier, Linse da. Es ist mir relativ egal. Ich sehe etwas, dass ich schön finde, mache ein Foto davon, und meistens gucke ich es mir für Jahre danach nicht mehr an. Andere Male gehe ich jedes einzelne Bild durch, um für meine tausend und zwei Projekte eine gerechte Zusammenstellung zu finden. Berlin macht es mir da leicht, und meine wunderschönen Freunde ebenso. Ich frage mich schon lange nicht mehr, ob ich “gut” bin; das ist eine unfaire Frage. Ich will nicht gut sein, für wen, oder für was? Wenn jemand meine Fotos gut findet, freue ich mich, aber das ist nicht das Ziel.

Ich beschäftige mich nicht mit dem neuesten Technikschnickschnack, manchmal will ich eine Wegwerfkamera, manchmal eine DSLR, manchmal auch gar nichts benutzen, um Fotos zu machen. Manchmal tue ich so, als würde ich fotografieren, um mich ganz besonders auf einen Moment aufmerksam zu machen, den ich in Erinnerung behalten will. Und das ist der Punkt: die Fotos ersetzen Erinnerungen, die verblassen oder sich auf festgefahrene Bilder versteifen. Sie erzählen eine Geschichte, nämlich die meines Lebens. Dementsprechend sind es auch diese Art von Bilder – Schnappschüsse, Momentaufnahmen, zusammenhängende Bilder, die ich am interessantesten oder aufregendsten finde. Ich will Menschen durch die Bilder durch entdecken, kennen lernen, mich wundern, was sie dort, wo sie waren, gemacht haben, wie sie heißen, wer sie sind. Wie man einen Roman liest, oder einen Film guckt. Ich will eine Story. Das ist alles. Und ich will eine Story erzählen – das bin ich.

Vielleicht gefällt mir deshalb der Just Missed Us Tumblr; weil es um Serien geht. Um Geschichten. Weil ich die Personen auf den Bildern irgendwie kennen lerne. Weil wir zusammen auf eine Reise durch Erinnerungen gehen. So ist das manchmal. Ich hoffe, dass ich eines Tages auf genau so eine Sammlung zurückblicken kann.

 
 
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