Deine Stimme ist so erheitert und optimistisch wie immer, obwohl ich mich schon sehr lange nicht mehr bei dir gemeldet habe. “Der Schein trügt, S”, sagst du und lachst. “Wir waren schon oft da, wo du jetzt bist, und es bringt nichts mehr sich vor den Konsequenzen zu verstecken. Du kannst entweder glücklich sein oder dein Leben in Sicherheit wiegen. Nur beides, das wirst du jetzt noch nicht bekommen. Du kannst dankbar dafür sein”. Ich verstehe das alles nicht. Gebannt im Kreise unseres ewigen Spiel des Erwachsenwerdens zählst du die restlichen Münzen in deiner Tasche und guckst dich fragend nach bereitwilligen Geldgebern um. “Na und, dann muss man im Notfall halt auch mal schnorren, und hart an der Grenze leben. Wir tun es ja nicht, weil wir nicht anders können, wir tun es, weil wir uns entschieden haben, jung zu sein!”
Deine Glückseligkeit bedrückt mich und meine tägliche Fahrt mit der U-Bahn. Ich weiß, dass du recht hast, deshalb rufe ich dich wieder an und erzähle dir davon, dass ich keinen einzigen Schritt weiterkomme, in der Angst, über eine unsichtbare Klippe zu fallen und in alle möglichen Probleme zu geraten. “Wie mache ich jetzt weiter?”, frage ich dich unaufgeregt. Die Antwort kenne ich. Du lachst, gibst mir einen klatschenden High Five und sagst: “egal wie, es wird schon das Richtige sein.”
Ich werde also mein dekadentes Luxusleben der 40-Stunden-Woche ablegen um wieder für einige Jahre (hoffentlich mehr als vierzig) ein Liebe-gesteuertes Hippie-Kind mit filzigen Dreadlocks zu spielen. Ich werde mir an sonnigen Nachmittagen im Park die Haare aus der Arschritze ziehen, werde Dienstagmorgens verschwitzt und komplett zerstört aus einer Party direkt in die Uni hechten, um für 1,50 miesen Kater-Fraß zu inhalieren und verteile an diversen Semesterparties Blowjobs auf den Männerklos.
So ist das. In meiner Freizeit werde ich oft und gerne bei Poetryslams anwesend sein und beim Klatschen aufstehen. Ich werde die großen Philosophen kennen lernen und mit meinen Freunden bei gutem Wein, der mehr als fünf Ösen kostet, über die wichtigen Dinge des Lebens reden: behaarte Achseln, die Wichtigkeit der Demokratie, koreanische Delikatessen, hungernde Kinder im Kongo und medizinische Ethik. All das wird gesponsort vom Staat, denn zuerst wird der kilometerlange Bafög-Antrag bearbeitet, dann wird man direkt zum Hartz-4 Amt weitergereicht. Und was sollte man als angebrochener Mensch mit einem Bachelor in Kulturwissenschaften auch sonst tun? Im besten Fall bricht man wahrscheinlich nach dem 4. Semester ab um Drillinge auf die Welt zu setzen – dann ist es eh nicht mehr mein Problem. Im schlechtesten Fall bricht man trotzdem ab, dann kann man wenigstens behaupten, man hätte nicht seine Zeit verschwendet, um dann doch dasselbe Resultat zu produzieren.
Ich sag euch ehrlich wie es ist: wenn das bedeutet, dass ich die nächsten 6 Jahre gediegen kiffen kann (wenn auch nur unter gelegentlichem Besuch des Hartgeldstrichs), dann nehme ich die darauffolgende Arbeitslosigkeit gerne in Kauf. Scheisse noch mal, vielleicht überlebt das Wirtschaftssystem ja auch nur, wenn es so Menschen wie mich gibt. Menschen, die sich selber umbringen möchten, wenn sie morgens ins Büro gehen um Arbeiten zu verrichten, die keinerlei gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Seriously. Ich bin so weit, putzen zu gehen, Kindernanny zu spielen, im Zirkus als behaarteste Frau aller Zeiten aufzutreten, nur damit das ein Ende hat. Nicht, dass ich mir das je aussuchen könnte, immerhin muss ich ja auch irgendwie Klopapier kaufen. Und Make Up. Hauptsächlich Make Up.
Das ist also der Stand der Sachen: ich werde wieder Hippy, ich werde höchstwahrscheinlich auch wieder pleite sein. Ich werde wieder mehr Zeit für solche lapidaren Dinge wie “mich selbst mitteilen” haben, ich werde eventuell auch irgendwann irgendwas gegen diese Geschlechtskrankheiten tun, die sich “Stresspickel” nennen und zu einer kompletten Sammlung aller Rot-Töne in meinem Gesicht sorgen.
In meinen jungen Jahren habe ich immerhin gelernt, dass man an schlechten Tagen – an Tagen, die einem das Gehirn wegsägen vor Existenzängsten und finanzieller Krisen und schwerwiegenden Entscheidungen – zumindest keine schlechtgelaunte Musik hören sollte. Man sollte sich des Lebens freuen. Man soll sich auf Melodien freuen und auf Sonne und auf bessere Zeiten, die irgendwann kommen werden.
Ich bin unendlich stolz auf das, was wir geleistet haben. Mit “wir” meine ich hauptsächlich mich. Aber auch uns, Nico, Marcus, Maria, alle anderen, die an FindingBerlin bisher mitgewirkt haben – und natürlich Martin. Der hat eine Idee, ein virtuelles Konzept, welches unberührbar ist, in eine Plastik gepresst. Vielmehr: in wunderschöne Fahrräder. Und die kann man sich nun ausleihen.
So seelenlos wie ich es hier gerade beschreibe ist es natürlich nicht. Es ist ein herrliches Ein-Mann-Business, dass aus Freundschaft, Leidenschaft und urbaner Begeisterung entstanden ist. Martin ist ein großartiger Touristenführer und ein mindestens genauso talentierter Fahrradbauer, lebt in Berlin und ist zufälligerweise einer meiner besten Freunde. Solltet ihr in Berlin sein: nutzt die Gelegenheit, die Stadt in einer alternativen, individuellen und amüsanten Tour zu erkundigen, fernab von riesigen Gruppen, Pub-Crawls und dem 08/15 Sightseeing der Unwissenden. FindingBerlin-Tours soll es möglich machen. Viel Spaß, über euer Feedback freue ich mich!
Nicht viele Filme schaffen es, ohne männliche Hauptrolle, männlichen Held oder männliche Rettung der fraulichen Katastrophe auszukommen, ohne gleich ein tränenreiches Drama zu werden, der für den Oscar nominiert wird und der furzlangweilig ist. Bridesmaids hat es geschafft.
Mit einem fantastischen Casting und einer großartigen Story, dem obligatorischen Wahnsinn und einer Frau im Mittelpunkt. Ja, der Film ist amerikanisch, ja, der Film bedient sich hart am Slapstick- aber er findet eine Mitte, die ihn aus den genre-typischen Begrenzungen katapultiert und viel abwechslungsreicher und damit noch um einiges unterhaltsamer macht.
Bridesmaids ist jetzt schon mein Film des Jahres, und ich kann ihn nur jedem, der mal wieder was zu lachen sucht, ans Herz legen. Einfach so, weil ich einen guten Humor habe und außerdem die Message – jeder ist, auf noch so detailreichen, komplizierten und anstrengenden Ebenen, für sein eigenes Glück verantwortlich – voll unterstütze. Wenn ihr euch schon die Mühe macht, dann guckt ihn aber auch bitte auf Englisch, ich garantiere nicht für den vollen Effekt in abgefuckter Synchronleistung.
Ich habe ein ganz besonderes Verhältnis zu atmosphärischem Dubstep. Er hinterlegt meine Träume und Fantasien, ohne einzudringen, ohne meine Gedanken zu dominieren. Ich kann arbeiten, aber ich kann auch aus dem Fenster starren und mich innerhalb von Sekunden in ganz anderen Dimensionen befinden.
Meine Playlisten sind nicht umfangreich genug, um mich stundenlang zu begleiten – zu selten gibt es Songs oder Mixe, die wirklich auf einem Pensum der Lautstärke bleiben, und ausnahmsweise mal nicht mit Party-Höhen spielen. Ich habe nun etwas gefunden, was mich die nächsten Monate ruhig stellt. Betäubt. Hypnotisiert.
Ich sitze im ICE, auf der unerschwinglichen, teuren Fahrt in Richtung Heimat – wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin. Dieser Ort könnte jeder in (West-)Deutschland sein, eine Vorstadt, ein Reihenhaus, eine unbeschwerte Kindheit mit darauff olgend pseudo-rebellischer Jugend. Die Sonne scheint als Ausnahme in diesem Sommer durch die schmutzigen Fenster des augenscheinlich schleichenden Hochgeschwindigkeitszuges, aber weil das Leben und die Entspannung nicht vollkommen sind, wird das alles von dem Geruch stinkender Füße meiner temporären Fahrgemeinschaft untermalt.
Es ist Ramadan. Wenn ich mich an meine Kindheitsjahre zurückerinnere, so war das die schönste Zeit des Jahres. Mal war es kalt, mal war es warm, der Ramadan kommt und geht nämlich mit dem Mond und seinem Kalender. Die meisten meiner Mitschüler und auch viele Lehrer haben nicht verstanden, wieso ein neunjähriges Mädchen so wehement Essen und Trinken ablehnte – sie war doch so jung! Wie konnten ihre Eltern sie nur zu so etwas zwingen! Aber natürlich haben mich meine Eltern nie gezwungen. Die Pflicht des Fastens fängt erst viel später an, wenn man seine Mündigkeit (als Frau beginnt das, sobald man seine Periode bekommt) erreicht hat.
Meine Mutter hat das immer sehr gut gemacht, wie ich heute finde. Sie hat uns die Schönheit des Ramadan vorgelebt, obwohl ich noch nie in einem arabischen/islamischen Land zu dieser Zeit war (zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern). Sie erzählte uns die wunderbaren Geschichten aus dem Koran, abenteuerliche und moralische Abhandlungen im Leben des Propheten und seinen Anhängern. Sie las uns vor, sie betete mit uns. Sie erzählte uns auch davon, wie es war, in Syrien zu fasten: dass die Leute jeden Abend feierten, die ganze Familie zusammen saß und sich nah war, dass Gott und die Engel einen hörten und der Teufel im Ramadan keine Gelegenheit bekam, sich zu nähern. Sie brachte uns die für deutsche Verhältnisse – also auch für die Verhältnisse ihrer Kinder – fremde Kultur näher, indem sie diverse Bräuche vermischte: im Ramadan gab es für uns einen Adventskalender, den sie selbst füllte. Für jeden Tag, den wir fasteten (oder den wir nicht fasteten – schließlich ging es nur um die Mühe, nicht um die Qual) gab es ein kleines Geschenk. Wenn man einen Tag lang nichts isst, dann freut man sich über jedes Stückchen Schokolade.
Und sie kochte wie eine Weltmeisterin, sie lud Freunde ein, wir wurden eingeladen. Zum Fastenbrechen – wir nennen es Eid al Fitr – gab es auch Bescherung, eben wie an Weihnachten. Für uns war dieses Eid auch viel größer als das eigentliche Äquivalent zu Weihnachten, dem Eid al Itha, weil wir ja auch viel mehr Arbeit investierten. Wir waren stolz, wenn wir unsere Geschenke öffneten: stolz darauf, wie die Erwachsenen “dazu” zu gehören. Stolz auch, dass Allah uns nun weiter oben auf seiner Hitliste der gutgläubigen Moslems zählen würde, auch wenn wir nicht immer so gutgläubige Moslems waren. Im Ramadan, so in etwa unsere Auffassung, wurden die Karten neu gemischt. Der kollektive Traum im Islam ist dann dazu die Reise nach Mekkah, wo alle Sünden – theoretisch – weggewaschen werden können. Selbstverständlich muss man die Reise aber auch so meinen, und sich von ganzen Herzen ändern wollen.
Als ich älter, rebellischer, unkonformer, unsicherer, ungläubiger wurde, weil mir diese Kulturdifferenzen in einer viel zu komplexen Welt mit ihren ganzen Vorurteilen und Schwierigkeiten einfach über den Kopf gewachsen sind, legte ich in meinem Frust den ganzen Glauben zur Seite. Ich bin definitiv über zu viele Grenzen getreten. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann müsste ich als Moslem wohl einige Fahrten nach Mekka machen, und hätte bestimmt ein ganzes Jahr fasten müssen, um die verfehlten Ramadantage nachzuholen.
Das wissen meine Eltern natürlich nicht. Sie ahnen es vielleicht, in der Hoffnung, dass ich meinen Weg zurück finde. Sie beten zu Gott und stellen keine Fragen, weil wir eines Tages reuemütig und mit gesenktem Haupt beichten werden – aber immerhin geläutert. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereit hält, ich kann nur zurückblicken und behaupten, ich weiß, was mir in der Vergangenheit gefehlt hat.
Meine ganze Distanzierung vom Thema Religion und meiner arabischen Herkunft rührt nicht aus einem Hass her oder einer viel größeren Nähe zur deutschen, westlichen Kultur. Aber meine Eltern haben in ihren Bemühen, uns so gut wie möglich an IHREM alten Leben teilhaben zu lassen, und dennoch unser eigenes Leben in Deutschland zu führen, gegen Windmühlen gekämpft. Zu zweit waren sie zu schwach gegen Kindergarten, Schule, Freunde. Auch ihre eigenen Freunde, die arabische oder islamische Gemeinschaft in unserer unmittelbaren Umgebung, war nicht gerade vorzeigbar. Umso mehr haben wir uns in unseren jährlichen Sommerferien auf die Verwandten und Bekannten in Damaskus gefreut, die uns viel näher waren. Unsere Cousins spielten Playstation, sie hörten Hip Hop Musik und haben auch mal Schimpfwörter benutzt. Der Islam war dort ein Bestandteil ihrer Kultur, kein zentraler Fokuspunkt wie für uns in Deutschland in der islamischen Schule und zu den allwöchentlichen Freitagsgebeten.
In Damaskus gibt es keine Vertrauenslehrer, sondern Imame. Das ist ganz normal, dass man dort bei einem Streit oder jeglichem Konflikt erstmal den religiösen Mittelsmann aufsucht. Hier, in Deutschland, war Religion aber ernster als das: man musste sich immer zusammenreissen, nicht irgendwelchen Reizen zu erliegen, wurde immer ermahnt, bloß nicht den “westlichen” Sünden nachzugehen. Natürlich ist es schwieriger, wenn man woanders lebt. Aber nicht die Sünde war fremd, sondern die seltsamen Gewohnheiten und die Aufforderungen, die von türkischen Stammeshäupten in ernsthafter Miene übertragen wurden. In einem Sommercamp für islamische Mädchen, irgendwo in Nordhessen, wurde ich mit vierzehn Jahren ständig dafür kritisiert, dass ich kein Kopftuch trage. Ich sagte ihnen, dass meine ganze Verwandtschaft kein Kopftuch trage und trotzdem seien alle gute Moslems. Sie lachten mich aus.
Das Gefühl von Zugehörigkeit ist so unglaublich wichtig, um das zu erkennen, brauche ich heute definitiv kein Soziologiestudium. Ich merke es innerhalb meines jetzigen Freundeskreises. Was den Islam angeht – oder meine arabische Herkunft im Generellen – fehlte mir immer diese Zugehörigkeit. Familie reicht nicht. Die Moschee, weit weg von meinem Wohnort, die einzige arabischsprachige Moschee im Umkreis, wurde hauptsächlich von Leuten besucht, die nicht in Reihenhäusern, sondern in Plattenbauten wohnten. Sie kamen auch nicht aus Syrien, sondern hauptsächlich aus Marokko. Aber für eine syrische Moschee reicht die Anzahl der Gemeinde einfach nicht aus. Und so fehlte mir immer ein erheblicher Teil meiner Kultur, der Heimat meiner Eltern, den sie so notdürftig mit dem, was da war, zu ersetzen versuchten.
Leider trieb es mich immer weiter davon weg. Ich endete zu meiner Pubertät in einer Krise, die ich keinem Jugendlichen auf der Welt wünsche, nämlich voll in der Frage: werden mich meine Eltern lieben, wenn ich ihnen sage, dass ich ihr Volk nur von außen, niemals von innen betrachten werden kann? Dass ich ihre Kultur und Religion zwar annehme – aber niemals so umsetzen werde, wie sie es sich vorstellen? Das formuliert sich jetzt alles sehr unspektakulär, aber mit fünfzehn oder sechzehn Jahren habe ich diese Fragen noch anders gestellt: lieben mich meine Eltern noch, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht an ihren Allah glaube? Dass ich mich für ein anderes Leben entschieden habe? Werden sie mich hassen, werden sie mich verurteilen, sich für mich schämen, werden sie mich verlassen, schlagen oder sogar ermorden?
Ich bin meinen Eltern dankbar für die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie in mich investiert haben – ohne diese Arbeit könnte ich heute nicht die Sprachen sprechen, die ich spreche. Die zwei Stühle, die sie mir hinstellten, sind im Endeffekt das beste gewesen, was mir passieren konnte – aber eben erst im Nachhinein. Mir fällt natürlich auch erst viel später auf, dass sie auch nur Menschen sind, fehlbar, gutmütig aber eben auch mit Makeln, die Allah vielleicht gerne übersieht, weil sie fleißig fasten, immer spenden und fünf Mal am Tag beten. Sie werden vom Schicksal bestraft, aber nie so hart, dass sie es nicht – mit gutem Glauben – in die nächste Runde schaffen. Und ich möchte ihnen diesen Glauben nicht nehmen, niemals. Dazu gehört aber auch, mit dem ICE nach Hause zu fahren und mein Leben in der Hauptstadt, zumindest teilweise, zurück zu lassen. Ich vertraue meinen Eltern und ihrer Liebe und Fürsorge und Zuneigung mehr, als sie sich wahrscheinlich selbst vertrauen. Im Falle dessen, sie finden etwas über meinen dubiosen Lebensstil heraus (Mutter, falls du eines Tages auf diesen Blog stoßen solltest: ich bin nicht drogenabhängig und gehe auch nicht auf den Strich, keine Sorge, und ich verdiene mein Geld nicht im Casino und esse auch ganz bestimmt kein Schweinefleisch!), dann werden sie weinen und enttäuscht sein und ich werde weinen und mich vor ihnen schämen, aber ich werde auch erleichtert sein. Ich scheitere nicht mehr an dem Gedanken, dass sie womöglich niemals für das auf mich stolz sein könnten, auf das andere, deutsche Eltern längst stolz wären: diese Maßstäbe gab es für mich nie. Ich hatte nicht mehr Hürden zu überwinden, nur andere. Sie werden zu Gott beten und darauf hoffen, dass er mich besucht, mich läutert und zu einem besseren Menschen macht.
Aber das ist das, was mich auch immer zu ihnen nach Hause zurück kehren lässt: sie werden hoffen und für mich beten. Sie werden mit mir schimpfen und versuchen, mich auf die gute Seite des Lebens zu ziehen. Vielleicht werden wir nicht mehr miteinander reden – es würde mir das Herz brechen, und ich würde alles dafür geben, es ihnen in meinen Grenzen recht zu machen. Deshalb fahre ich im Ramadan zu ihnen, bete und faste mit ihnen, sitze am Küchentisch und erzähle von achtzig Prozent meines Lebens und höre mir ihre Geschichten über den Propheten an. Weil sie mich, trotz der Scheisse, die ich in ihren Augen baue, immer lieben werde. Und damit unterscheidet sie nichts mehr von den anderen Eltern dieser Welt.
Ich sehne mich immer genau dann danach, eine Zeitung zur Hand zu haben, wenn mich entweder eine Fliege nervt oder ich spontan gekaufte Tankstellen-Geburtstagsgeschenke verpacken muss. Da ich aber in Zeiten geboren wurde, die das Abhölzern von Regenwäldern für etwas, dass eine durchschnittliche Lebenszeit von 12 Stunden hat, zunichte machen, habe ich nie eine Zeitung zur Hand. Die Fliegen fange ich mit meinen wabbeligen Arschbacken und die Geschenke wickel ich in Lidl-Prospekte ein oder werfe sie dem Geburtstagskind einfach in die hässliche Fresse.
Mein mediales Leben befindet sich hauptsächlich im Internet, und das zurecht. Ihr Steinzeitmenschen, die ihre Informationen noch mit 24-stündiger Verspätung einholt- ihr wisst überhaupt nicht, wie das ist, on the fast lane. Ein Harlekin des Nachrichtenzeitalters! Harder, Better, Faster, Stronger. Wir trinken unseren Kaffee nicht, wir kauen die Bohnen beim Stuhlgang-Bloggen auf dem Klo! Wir kaufen Batterien für unsere Bücher! Wir töten die Kinder des Feindes mit ABC-Waffen und nuklearen Analbomben!
Allerdings habe ich auch einsehen können, dass der schnelle Neuigkeiten-Konsum von Twitter, Feedreader und Co. nicht unbedingt ausreicht, um tatsächlich “im Bilde” zu sein. Das ist ja ein bisschen wie Waldorfschule. Man macht immer nur die Sachen, die einem Spaß machen, und blockiert die Horizonterweiterung. Ich finde, ein bisschen Bildungszwang darf auch im Alter nicht fehlen. Klar, in der 5. Klasse hätte ich auch am liebsten nur Kunst-, Deutsch- und Englischunterricht gehabt, weil ich meine Mitschüler in diesen Fächern regelrecht zerfickt habe, aber dann könnte ich heute auch niemals das:
2+2=5
Impressive, I know.
Jedenfalls habe ich mir also überlegt, dass ich mich mit einem Zeitungsabo (also ausgegebenem Geld) dazu zwingen könnte, auch mal über Style, Musik, Kultur und Schlagzeilen hinaus mehr Wissen aufzubauen und damit der Weltherrschaft immer näher zu kommen. Und, okay, ich will auch das ganz großartige Messer-Set als Prämie. Aus persönlichen Gründen, und weil die Frankfurter Rundschau nicht mehr das typische Zeitungslayout hat, mit dem man andere (und sich selbst) so schön in den Wahnsinn treiben kann, habe ich mich für die Zeit entschieden. Hach, die Zeit! Stellt euch vor: das sind Blogbeiträge zu ganz vielen Themen, die (im besten Falle) informativ sind, durchdacht sind, richtig erarbeitet und recherchiert wurden! Keine Rechtschreibfehler! Und wenn, dann ist es mir auch egal! Hauptsache eine Stange Geld ausgeben, um sowieso keine Zeit zu haben, um die Meinung fremder Menschen zu lesen! Was für ein irres Konzept. Da gibt’s nicht mal ein “Über den Autor”. Da steht dann nicht, was seine Lieblingsbücher sind, was er so twittert und ob man gemeinsame Freunde bei Facebook hat. Und der wird dann mein Lehrer für’s Leben (oder zumindest so lange, bis mich irgendwer rechtzeitig daran erinnert, dass ich diese Naturkatastrophe kündigen muss).
So viel zum geplanten Zeitungsabo. Nachdem ich also eines morgens aufwachte und das Thema “Weiterbildung durch Papierverschwendung” ganz oben auf der Prioritäten-Liste stand, schritt ich zur Tat. Ich füllte das Online-Formular aus und schickte die Studentenbescheinigung per E-Mail hin. Das ist jetzt zwei Wochen her. Es passierte: nichts.
Es kam keine Rechnung und erst recht keine Zeitung. Vielleicht ist das auch das Geheimnis der Bild-Zeitung: die schicken ihre Verdummungspropaganda wahrscheinlich innerhalb der ersten 4 Minuten raus und kommen persönlich jedes Jahr mit den Zeugen Jehovas und den Scientology Fotzen vorbei, um das Geld einzutreiben. Und in der Zwischenzeit warte ich auf meine akademische Bereicherung und nichts passiert, rein gar nichts. Auf meine E-Mail mit der essentiellen Frage “HALLO WANN KRIEGE ICH MEIN MESSERSET!” wurde mir auch nicht geantwortet (die GASAG hat mir übrigens auch noch nicht geantwortet; das ist jetzt für das Zeitungsthema nicht unbedingt relevant, aber man fragt sich ja trotzdem, warum seelenlose Wirtschaftshuren mein Geld nicht wollen. Vielleicht, weil ich eine islamische Frau bin mit Wurzeln in der Achse des Bösen und meinen Lebensunterhalt mit SEO verdiene und die Heteroflexibilität der College-Jahre vertrete. Das passt ja auch alles nicht ins gutbürgerliche deutsche Vorstellungsbild der perfekten Frau).
Und so ist das jetzt also. Seitdem ich auf meine Zeitung warte, sind folgende Dinge passiert, über die ich mich nicht ausreichend informieren konnte, weil mir dafür der selbstgebaute Druck fehlte:
- Menschen starben in Norwegen
- Amy Winehouse starb in London
- Irgendwas mit Griechenland
- Der Sommer wurde abgeschafft
Für meine Bildungslücken mache ich die Scheisse mit der fehlenden Zeitung verantwortlich, denn man kann nicht behaupten, dass ich mich nicht zumindest bemüht habe, ein intelligenterer, belesenerer Mensch zu werden. Selbstverständlich lese ich die Zeit Ausgabe auch täglich online, um auf dem neuesten Stand zu bleiben; nichtsdestotrotz ärgere ich mich über den fehlenden thematischen Tiefgang und auch die 15 Minuten Ruhe, die ich mit dem Lesen der Zeitung assoziiere (nein, keine Sorge; ich mache mir nichts vor. Das wird so in etwa wie eine Anmeldung im Fitnessstudio, wo man drei Mal hingeht um dann vier Jahre zumindest für’s Gewissen zu bezahlen).
Ich komme also in eigenem Selbstversuch endgültig zu dem Schluss, dass die fetten Print-Jahre vorbei sind. Print ist tot, weil es arschlangsam ist und die eine Sekretärin, die meine Anmeldung verbummelt hat, ist daran Schuld. Die Post ist auch Schuld. Alles, was älter als 25 Jahre ist, ist Schuld. Und nicht mal das Messerset habe ich bekommen.