One Year In New York

Vor nicht mal ganz einem halben Jahr war ich für einige Tage in New York. “Geschäftlich”, möchte ich sagen, aber eigentlich war es in vielerlei Hinsicht ein kleines Abenteuer. Es war nicht mein erstes Mal, es war nur das erste Mal bewusst, und nachdem der Traum, die Illusion der USA als bunte Lebensstation, schon verblasst ist. Meine Kindheit bestand aus Hochhäusern und Cornflakespackungen. Die nüchterne Erkenntnis meiner Mittzwanziger: ich bin dankbar, Europäerin zu sein. Das will ich nicht herablassend sagen, sondern ich sage das mit Wehmut. Die USA waren für mich im Kindesalter und in der Jugend soetwas wie ein realistischer Zufluchtsort gewesen. Falls es hier nicht klappt, wird es immer einen Ort geben, an dem mir alles möglich sein wird.

Mein Kurztrip nach New York bewies mir, dass diese Stadt aber soetwas wie eine Konserve darstellte für ein Bild, was ich als Erinnerung an Amerika in meinem Kopf eingespeichert hatte. Die Ästhetik, der Glanz, der Film, in dem man sich plötzlich bei Aufprall auf der anderen Seite der Weltkugel widerfindet, das mag zwar berechenbar erscheinen, weil NYC eben eine Weltstadt ist; und doch war es schön, sich von diesem Gefühl einnehmen zu lassen. Auf der Williamsburg Bridge zu stehen und den Regen zu genießen ist ein mächtiges, dramatisches Ding gewesen. Wieso? Weil die Fremde eines wohlbekannten Ortes so unwiderstehlich und süß ist, oder weil die Romantik eines unbequemen Momentes, der aber bewusst gewählt wurde, um Freiheit zu signalisieren, so viel in meinem sonst eher sterilen Leben wert ist?

In jedem Fall wurde ich gerade wieder ein bisschen an diese wenigen Tage erinnert, als ich ein Video mit persönlichen NYC Aufnahmen entdeckte. Das ist eine ganz besondere Stadt, und ich freue mich darauf, vielleicht bald auch etwas mehr Zeit dort verbringen zu dürfen.

Woman + Woman

Das Konzept der ménage à trois ist ja ein altbekanntes und womöglich der Traum vieler Männer und Frauen. Michael Francis kann davon ein Lied singen. Vielmehr singt er vor allem von der wunderbaren “Girl on Girl” Konstellation. Ich möchte es eine neu-formulierte “Sex-Architektur” nennen, seine “Vision”, eine Einladung in “Welten”. Weil ich einfach nicht aufhören kann, über so viel (aber immerhin schön anzuhörende) Niveaulosigkeit zu lachen und mir auch sicher bin, dass dieser Typ es absolut ernst meint, habe ich mir an dieser Stelle auch die Mühe gemacht, euch das lyrische Meisterwerk runterzuschreiben.

Michael Francis – Woman

I’ve never seen nothing as beautiful, no
like your body
never seen nothing as beautiful, no
like a womans body
so baby come and share my world,
my vision, yeah
cause I brought something home for you, to try, try, try
girl you gon love a woman tonight
you gon love a woman tonight, just like me
you gon love a, oh
girl you gon love a woman tonight,
you gon love a woman, just like me

baby go ahead and put your lips on her
when you’re done she gon do the same

you love it don’t you love it…
BABY COME AND SHARE MY WORLD, MY VISION
CAUSE I BROUGHT SOMETHING HOME FOR YOU TO TRY, TRY, TRY

Übrigens bin ich ja kein Hater, ich finde das alles sehr, sehr amüsant (und so typisch fucking R&B), aber das Potenzial von so viel Sex, R&B und Rap (der Typ rappt angeblich) machen die Sache immerhin noch spannend, daher auch der Hinweis das sein neues Mixtape morgen erscheint und ich ihm definitiv noch eine Chance gebe.

Big Sean x Adidas – Finally Originals

Ich bin weder ein großer Fan von Adidas, noch mag ich Big Sean- er ist ein bemerkenswerter Newcomer im Rap-Ghetto, aber auch nichts besonderes. Sein Album “Finally Famous” erntete an meiner Innovationsskala ein dröges “Meh”. Jetzt wurde das Teil noch mal vom Streifentier und mit Hilfe von talentierten Produzenten neu aufgelegt und abgemischt. Das Resultat, “Finally Famous”, ist, ich kann das nicht anders ausdrücken, ziemlich fresh. I dig that shit.

Finally Originals from Dj Mo Beatz on Vimeo.

01 Intro (Prod. KeY Wane)
02 I Do It (Prod. KeY Wane)
03 My Last (Prod. Dj AC Slater)
04 Wait For Me (Prod. Filthy Rockwell)
05 Marvin & Chardonnay (Prod. Xaphoon Jones)
06 Dance (A$$) (Prod. KeY Wane)
07 Donald Trump (Prod. The Olympicks)
08 Memories Pt 2(Prod Drumma Boy)
09 High (Prod. DJ Bonics)
10 So Much More (Prod. Cardo)
11 My House (Prod. The Olympicks)
12 100 Keys (Prod. Bei Maejor)

Hier geht es zum kostenlosen Download.

Jesse Boykins III

Was macht Jesse Boykins III anders (oder besser), als Rihanna’s We Found Love es jemals könnte? Eigentlich bestehen beide Songs, sogar beide Videos, aus denselben Zutaten: glitzerpoppige Synth-Rhythmen mit R&B-Stimme und Vintagefeeling. Es gibt womöglich nur eine kleine, feine Linie der Würzmischung, die dann das Rezeptergebnis abrundet, und obwohl ich verlockt bin hier die Köche  aufzuführen (Calvin Harris vs. Gold Panda), komme ich eher zu dem Schluss dass das eineRezept  nämlich das Original von Muttern ist, das andere die skalierte Formel für die Systemgastronomie.

Der Kantinenfraß ist notwendig und richtungsgebend und bereichernd, aber er enthält keine Vitamine und wahrscheinlich keine Inhalte, hat keinen gesellschaftlichen Mehrwert, dient nicht dem Genuss sondern nur der Sättigung und rechtfertigt nur noch die Existenz von Radiosendern und bedient Menschen, die sich gerne einreden, innerhalb der Populärkultur zur Subkultur zu werden.

Ich bin mittlerweile ein großer Fan von Jesse Boykins geworden, der sich perfekt in den aktuellen Synth-Bass-R&B-Post-Dubstep Trend einreiht, immerhin doch mit konsequentem Sound und sympathischer Bewandung. Sein Mixtape, Way Of A Wayfarer, welches ausschließlich von Gold Panda produziert wurde, kann man sich kostenlos herunterladen.

Rihannas “We Found Love”

Alleine die erste Singleauskopplung des neuen Rihanna Albums zu hören war schon eine kleine, nun ja, bedeutsame Epiphanie (wenn auch nicht unbedingt eine positive). Ich denke, “We Found Love” ist im Lichte aller US-amerikanischer Musikentwicklung der letzten Monate ein perfektes Beispiel für den seelenlosen Untergang der letzten vertrauenswürdigen Bastion: Pop.

Ich habe meinen größten Spaß daran zu beobachten, wie sich Untergrund-Elemente der Musik plötzlich in den Mainstream schleichen, von talentierten Produzenten benutzt und ausgeschlachtet werden und inflationär in jeden (Pop) Song gepackt werden, der sich anbietet. Letztendlich ist vielleicht genau diese Methodik die richtige, um eine Entwicklung (egal ob in Form eines Revivals der 90s oder einer kontemporären Dubstep-Formel) voranzutreiben. Nur: was passiert, wenn auf einmal nicht nur musikalische Elemente des Kompositions-Bausatz ausgetauscht werden, sondern ein ganzer Lifestyle herum konstruiert wird?

Genauer gesagt werden gerade Kulturen auf ganz neuen Ebenen vermischt, die dann von der Musik repräsentiert werden. Wieder würde ich das Internet als Kommunikations- und Ideenkanal dafür beschuldigen, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Vielmehr steht eine ganz gewaltige und unüberwindbare Frage in meinem Kopfraum: Was zur Hölle machen die Amerikaner da?

Calvin Harris produziert einen Song von Rihanna, die in ihrer Person zumindest bis dato für eine Neu-Erfindung der Popmusik stand. Songs wie Pon De Replay oder Umbrella waren unverkennbar Pop und gleichzeitig in ihrer Finesse neu und erfrischend; “We Found Love” hingegen ist – und wir haben hier nicht mal im Ansatz angefangen, über das Video zu reden – vielmehr einer untersten europäischen Schublade entliehen. Die seichten Lyrics waren für einen kitschigen Einstieg in die Gute Laune irgendwie zu erwarten. Alles andere erinnert weniger an einen (und das war ja scheinbar das auditive Ziel) Warehouse Rave als an die Hintergrundbeschallung einer Dorfkirmes, Hauptattraktion “Breakdancer”, der mit “WOLLT IHR NOCH MAL SCHNELL-EEEEEEEEEEEER?” kommentiert wird.

(Das Video ist in Deutschland nicht verfügbar, falls also der Vimeo-Upload bald nicht mehr funktioniert, müsst ihr mal selbst danach googeln)

Nachdem die USA in den letzten Jahren mit all ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fehlbarkeiten sich selbst gegeißelt haben und von Europa, dem Mittleren Osten und gar China und Russland als “der kränkelnde Rechthaber” verurteilt wurden, blieb ihnen ja nichts anderes übrig und unter der schweren Last der Wahrheit zusammenzubrechen: wir sind ein Volk ohne Werte, ohne Charme, ohne Stil und ohne Geschmack, alles, was wir können ist Dinge groß ziehen, Sachen kopieren und sie so lange aussaugen bis wir nur noch einen leeren Corpus zurücklassen. Und so schaute man plötzlich nach Europa rüber, um sich inspirieren zu lassen. Der Hipster, der selbst ernannte König aller Kultureliten, reicht in den USA aber leider nicht an die Fähigkeiten eines Franzosen oder eines Engländers heran, denn Kultur, so Leid es mir tut, kann man sich nicht klauen. Man kann sie in einem abgespeckten Paket kaufen und sich dann darin suhlen.. das hat sich auch Rihanna gedacht.

Vintagebriese und Konfettistimmung: “We Found Love” hätte auch mit einem Dubstep-Edit von Skrillex nicht punktueller sein für die zeitgenössische Art, sich an der europäischen Elektro-Dance-Techno Szene zu orientieren. Leider wirkt das Ergebnis für alle (außer für die anscheinend weltfremden Amerikaner) eher befremdlich. Wenn Rihanna, eine der (international) erfolgreichsten Künstlerinnen der Pop Musik, sich an Produktionen herantraut, für die sogar Blümchen sich schämen würde, was passiert dann folglich mit uns? Waren es nicht sogar bisher die Deutschen, die sich hauptsächlich in ihren Charts an die Auswahl des Billboard Magazines gerichtet haben? Wird das jetzt ein Teufelskreis? Wird der “Trancey Keyboard Stargate” Rave wieder zu uns zurückkommen, weil die Popmaschinerie über dem Atlantik es für sich “neu erfunden” hat?

Ich frage mich, ob die Teenager aus NYC und LA verstehen, dass der Rave in Rihannas Video so nicht stattfindet. Man kotzt von einer Überdosis leider keine lustigen Zirkusfarben und man sieht nach dem Feiern leider nicht so gut aus. Die Spielautomaten klingeln dann nicht nach und die Zigaretten schmecken auch nicht gut. Muss ich mir Gedanken darüber machen, dass das Video an Requiem For A Dream angelehnt ist? Muss ich mich ärgern, dass die Kids leider wahrscheinlich nicht verstehen werden, dass es sich hier nicht um ein harmloses Trainspotting handelt? Ist die Ästhetik im Film nicht eigentlich auch schon vier Jahre alt und was ist das jetzt, ein Werk mit FFFFOUND-Ästhetik, oder eines, das für den überheblichen, elitären Europäer eine schlechte Kopie einer von Anfang an schlechten Idee war? Ist das jetzt noch Retro-Pop, oder ist das außerordentlich bescheuert? Sind Festivals in den USA jetzt in? Will man sich jetzt MDMA und Speed schmeißen, um wie in den Londoner Clubs abzugehen?

Irgendwo in mir brodelt die Hoffnung, dass die USA schon bald wieder ihre Souveränität auf dem internationalen Politikparkett wiederfinden, um vielleicht auch ihr popkulturelles Selbstbewusstsein wieder anzustacheln. Mehr Hip Hop aus Compton, bitte, mehr Indie Rock aus Seattle und mehr Popmusik aus Miami, aber eine ganze Zielgruppe zu entwickeln, die sich gehirnlos in nicht-existierende Kulturen verliebt, das ist nicht nachhaltig. Und nur weil sich die Inspirationswege verkürzt haben, heißt das ja nicht, dass man jetzt auch alles machen muss, was die anderen machen. Das soll mal weiterhin den Deutschen überlassen werden.

Burial x Massive Attack

Was ist eigentlich mit diesem überkrassen Teil von Burial los? Was ist das für ein unfehlbares, perfekt komponiertes Stück der Vollendung, das mir hier zuteil wird? Welche übersinnlichen Kräfte haben auf Paradise Circus und in den Gehirnströmen von Burial wirken müssen, um mich in eine unwirkliche, außerkörperliche Trance zu befördern? Wenn Sinnlichkeit auditiv greifbar wäre, könnte man sie in diesem Song finden. Sie, mich und alle anderen Menschen, die die höhere Kunst der dunklen, vernebelten Stimmungsmusik wertschätzen können. Das geht übrigens mittlerweile auch Hand in Hand mit dem vollständigen Verzicht auf die gefährliche Nikotin-Teer-Mischung. Damals dachte ich noch, man müsse, um zur avant-garde zu gehören, mindestens rauchen können, besser noch drogenabhängig sein. Ich verzichte jetzt mal auf beides und befinde mich mit den anderen Trend-Spießern auf Höhe der grünen Rebellion.

Aber erstmal die Gänsehautattacke nach diesem Song überleben.