Wer sagt mir eigentlich, was sich lohnt, und was aussichtslos ist? Wer ist überhaupt berechtigt dazu, mir zu sagen, was ich tun sollte und was nicht? Wer kann mein Werk – nicht meine Arbeit, sondern mein Werk – tatsächlich so beurteilen, dass ich es ernst nehmen kann? Wessen Kritik sollte ich mir anhören – und was ist die Kritik eines einzelnen wert, wenn dafür tausend andere unkritisch Beifall klatschen?
Wer hat Exzellenz, die Brillianz, aber auch die Fähigkeit, die Bildung, solche professionellen Urteile zu fällen, die einem den Grund unter den Boden nehmen und klipp und klar vermitteln: du solltest lieber etwas anderes tun, denn du bist keine Bereicherung für a) die Gesellschaft und b) für deine individuelle Gegenwart. Oder auch: genau das, was du tust, ist das, was wir brauchen. Es ist eine positive Änderung, oder mindestens eine Erweiterung, ein Aufbau, eine Glanzleistung- vielleicht einfach nur “berechtigt”.
Wie viele Menschen können ein architektonisch und handwerklich einwandfreies Haus erkennen und beurteilen? Wie viele Menschen können in einer Jury sitzen und die Figuren eines Klippenspringers nach Konzept, Umsetzung und Ästhetik einschätzen? Viele Menschen können sich begeistern. Sehr wenige haben ein geschultes Auge. Und wie notwendig ist ein geschultes Auge eigentlich? Warum sollte es eine Bestimmungshoheit über Kultur oder Kunst geben, wenn uns die Demokratie in die Wiege gelegt wird? (Vielleicht, weil es auch eine Bestimmungshoheit darüber geben sollte, wie man ein Flugzeug fliegt oder ein Haus baut. Weil Menschenleben, aber auch die Art menschlichen Lebens, auf dem Spiel stehen)
Auf wen muss ich hören, wenn ich frage: sollte ich schreiben? Auf meine Freunde? Auf meine Leser? Wer sind diese Menschen, warum finden sie das, was ich mache eigentlich gut, und warum zählt ihre Meinung, und wenn nicht ihre, wessen sonst? Wie viel Gehör hätten meine Worte bekommen, wenn diese unmittelbare Do It Yourself Möglichkeit des Internets nicht gegeben wäre – wie viel hätte ich geschrieben? Wie viel Brillianz und Intelligenz gehen unter, weil sie nicht den populären Geschmack einer Masse treffen – wie viele Trial & Errors darf man sich erlauben, wenn man kein Fachgebiet, sondern nur ein “Hobby” hat?
Wir reden von Professionalisierung und Paradigmenwechsel, aber kaum einer spricht mehr von Authorität und Elite. Die Frage, die sich stellt, ist ob durch diese Umstrukturierung unserer Kreativwelten auch unser Anspruch verwaschen wird. Ob das generelle Halbwissen, welches jeder hat, das gänzliche Fachwissen eines einzelnen egalisiert. Gibt es einen Weg, beide, sich gegenüberstehenden Welten zu vereinen?
Viele Gedankenanstöße kamen bei der schwedischen Gegenwartsaufnahme “Press.Pause.Play.“, viele Fragen wurden in den Raum geworfen, nicht viele wurden beantwortet. Es bleibt spannend, sowohl gesellschaftlich als auch aus individuellem Standpunkt. Dieser Film hat großartige Standpunkte zu vielen Themen der digitalen Welt zusammengesucht und Menschen sprechen lassen, die sich dieser Welt bedienen. Unabhängig von den Inhalten ist er auch wunderschön gemacht. Wird hiermit ans Herz gelegt.
Obwohl es nun einige Tage draußen ist und meine Leser sicherlich schon auf soetwas wie eine Ansage warten, habe ich mich bisher geweigert, das neue Album von Aubrey hier zu zerreissen. Ich denke, wer auch nur ein bisschen Geschmack hat, wird ihren Erfolg auf den Pop schieben und Aubrey für immer vernichtend in die Ecke der größten Huren aller Zeiten stellen. Er hätte wirklich eine Chance gehabt, ein Stunter wie sein Daddy zu werden. Ich hatte Hoffnungen. Die Wörter sind alle da, aber die Art, wie er sie aneinanderreiht und nein, die Art, wie er sie benutzt, wie er sie ausspricht, katapultiert ihn aus dem Game der Player in das Game Over der katastrophalen Pop-Figuren. Drake ist nicht der neue Eminem, oder der neue Lil Wayne oder was auch immer. Drake ist die ambitionierte Experiment-Leitfigur in einer Welt in der Lady Gaga das Zepter schwingt.
Aubrey hatte Chancen. Er war nie ein Rick Ross, den man nicht ernst nimmt und einfach lachend gut findet. Ricky ist süß und furchterregend gleichzeitig, er hat keinen großen Rap, aber sein Style und seine Attitude gleichen das aus. Er hat Charisma. Drake hat nur 13 Jährige Mädchen die ihn lieben. Keine Ahnung, Mann. Sogar Justin Bieber kann besser rappen als Aubrey auf Take Care. Aubrey, du bist mein Vanilla Ice, und dafür musst du nicht mal weiß sein.
Allerdings gibt es einen Höhepunkt auf dem Album (zwei, wenn man Kendrick Lamar auch wertschätzen möchte, aber nicht kann, weil man erst Mal 4 Minuten durch gequirlte Scheisse “Marvins Room” spulen muss, um bei ihm anzukommen). Einer, der leider immer und immer wieder von Drake selbst zerstört wird: Lord Knows.
Der von Just Blaze produzierte Beat ist Wahnsinn. Das kann man gar nicht in Worte fassen wie gut er ist. Doch jedesmal, wenn mich die Gänsehautdusche überschüttet, muss die Hure Dreck einsetzen mit seinem Weibergefasel und macht mich zur axtschwingenden Blutprinzessin. Rick Ross muss man hier nicht zusätzlich erwähnen. Der ist da und erfreut sich seinem üblichen Ablauf.
Der ganze Track, eine Tragödie erster Güte. Was die Welt braucht ist ein Rapper, der diesem Beat gewachsen ist. Einer, der ihn zerstört, der ihn zerfickt und bekämpft und blutend aus einer Schlacht rauskommt. Ich warte, und warte, und warte. Hier noch mal das Instrumental:
Es regnet wieder. Das ist gut, denn der Feinstaub machte sich in der Stadt schon breit. Und es ist gut, denn Regen ist nicht Schnee. An diesem Samstagmittag scheint die Zeit stehen zu bleiben während ich mein Gesicht in die seltenen Sonnenstrahlen strecke. Gut so, denn es gibt viel zu tun. Mit dem neuen Aeroplane Mix dürfte das aber immerhin sehr smooth gehen.
Wir sollten wieder etwas mehr für unsere Zwecke tanzen. Das machen Protestierende auf Demonstrationen immer sehr gerne. Bisher habe ich noch keine dabei gesehen, die so glücklich aussah. Ob es MDMA oder pure Tanzliebe war – I don’t care. Ich möchte auch sowas.
Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.
Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.
Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.
Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.
Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.
Das letzte Mal, als ich einen Song von Wy Lyf postet, war es Mai. Das Video enthielt mächtige Szenen und gewaltvolle Bilder von Aufständen, Protesten und Märschen. Das Video war eine Ode an die Demonstration. Ich machte mir meine Gedanken dazu – sagte aber nichts. Manchmal spricht eine Collage, die audiovisuell funktioniert, mehr als die Sprache, derer wir uns mächtig sind.
Im Mai, das war irgendwie vor und nach dem Arabischen Frühling gleichzeitig. Das war noch vor den Englischen Riots, das war vor den Occupy Wall Street Protesten in New York. Das war nach Fukushima. Das war noch, bevor Levis sich entschied seine Kampagne “Go Forth!” global aufzubauen und in Berlin neu zu formulieren. Das war bereits sehr lange nach dem Zusammenbruch des Finanzmarktes und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, aber es war noch vor dem Zusammenbruch der Europäischen Gemeinschaft dank der Verschuldungspolitik von Staaten.
Ich habe damals, im Mai, einen Text geschrieben, der zu Gewalt aufforderte. Vielmehr: Auflehnung. Ich habe damals ein Gefühl genommen, welches in mir ruhte und langsam herausbröckeln sollte, und es in die einzigen Bilder gesteckt, die ich ausmachen konnte: Fäustschläge und brutalste Eskalation. Es war passiv-aggressive Stimmung, die ich nicht einordnen konnte. Dieses Nicht-Können machte mich wütend. Der Geist, die Gedanken, sie sind abhängig von der Sprache, und die Sprache ist genauso abhängig von ihnen. Wie konnte ich empfinden, ohne es formulieren zu können? Diese Machtlosigkeit vor dem abstrakten Gerüst der Realität lässt einen gewalttätig werden wollen, denn nun gibt es kein Ventil mehr für das, was sich tief drinnen aufstaut.
Es war eine globale Stimmung, die durch die Medienlandschaft transportiert wurde. Völlig egal, ob es sich dabei um ein Bild oder eine Nachricht handelte, die Atmosphäre des Auflehnens war schon im Mai zu spüren. Sie war schon die letzten Jahre dagewesen, aber subtiler, stellenweise, ohne besondere Reaktion. Die Rebellion der iranischen Jugend war eine kleine Welle der Gerechtigkeitsforderungen, doch er versank in den Tiefen, am Grund des Ozeans. Die entstandenen Strömungen jedoch, sie waren weiterhin da – sie zeichnen sich heute umso deutlicher ab. Unsere jungen Menschen, Generation Facebook, Generation Internet, Generation Hipster, ihnen wird der Nihilismus, der gedankenlose Konsum, die Resignation vorgeworfen — doch müssen sie sich beweisen, profilieren, gegen die Punks, gegen die Hippies, gegen die 68er, gegen alle Bewegungen, die die Vorarbeit geleistet haben. Kein Wunder – wer will da nicht resignieren, bei Erwartungen, die kaum einzuhalten sind? Was haben die Generationen vor uns geschafft, wenn nicht die Fehler, die wir heute ausbaden müssen? Wie kann man sich da noch trauen, nach Idealen oder Gutmenschlichkeit zu streben? Friss oder stirb sind unsere großzügigen Alternativen, die all diese reaktionären Subkulturen vor uns, für uns erarbeitet haben. Sie haben es nicht besser gewusst, und ihre Versuche scheiterten. Wir wollen es besser machen: es gar nicht erst versuchen.
Das Gesicht der Menschheit hat sich zu einem hässlichen verändert, wo es schwieriger geworden ist, zwischen gut und schlecht, zwischen Kollektiv und Individuum zu unterscheiden, ohne daran zu zerbrechen. Wir bekommen das Erbe unserer großen Brüder und Schwestern ausgehändigt mit den Worten, “Jetzt ist alles gut”, und kriegen gar nicht mit, wie schlecht alles ist. Wir zucken resigniert die Schultern, denn man hat uns alle Waffen aufgrund eines Friedensversprechens genommen.
Aber diese Stimmung, dieses unaussprechliche Gefühl, das gedämpfte Raunen in einer Masse voller anonymen, schulterzuckenden, katzenrettenden Schatten von Menschen, es ist der Beweis dafür dass wir noch nicht am Ende sind. Wir sind nicht abgestumpft. Wir sind keine willenlosen Marionetten, keine konsum- und marketingverblendeten Hipster, jedenfalls nicht immer. Wir sind frei, wir sind jung, wir haben alle Möglichkeiten, die Welt zu verbessern und wollen das auch, aber wir resignieren – manchmal – eben im Angesicht der Problemberge, die man vor uns stellt und geben uns mit einer kleinen Welt voller Narzissmus und Ich und Ich und Ich zufrieden. Unser kleines Ghetto der Unwirklichkeit. Doch die Stimmung vernichtet unsere heile Welt der Ignoranz. Sie steckt uns über Kontinente, soziale Netzwerke und Medienberichterstattung an. Wir merken: wir fühlen uns nicht ungerecht behandelt. Aber an diesem Gefühl stimmt etwas nicht.
Wu Lyf haben ein neues Video aus ihrem Album Go Tell Fire To The Mountain veröffentlicht. Ich führe das an, weil das ganze Album in seiner Gesamtheit, aber das Video und der Song “We Bros” speziell, diese von mir als unbetitelte “Stimmung” zusammengefasste Atmosphäre einfängt. Diese Dringlichkeit, die aufgekratzte Stimmung des englischen Quartetts, dieses unfertige, schrammelige, aber irgendwie doch ziemlich harmonische Ding, das spricht so viel aus, was unsere Generation vielleicht gerade auszuformulieren versucht. Ich glaube daran, dass wir uns auflehnen können, dass wir es besser machen können, wenn wir weiter machen, und dieses Gefühl durch alle Netze und Schichten durchtransportieren, bis wir endlich, endlich, endlich die Musik zur Politik machen.
Im Video rennen Kinder vor etwas davon. Erst am Ende sehen wir, was es ist. Sie rennen vor unserer Welt weg. Wir rennen vor unserer Welt weg. Wir werden ständig dazu aufgefordert, Dinge zu verstehen. Was, wenn wir die Dinge einfach sein lassen könnten? Wenn wir alles liegen lassen – die Supermärkte, die Gesellschaftstrukturen, die Staatsgewalten und die Normative unserer von Dichotomien zusammengesetzten Kultur – und irgendwo, frei davon, unserer Kinder zur Welt bringen und ihnen dabei zusehen, wie sie es machen?
It’s a sad song that makes a man put
money before life
a sad song that puts a man for sale
A sad song that make a man put
money before life
In jedem Fall kann ich euch Go Tell Fire To The Mountain nur ans Herz legen. Es inspiriert mich, und es wird euch inspirieren. Hört es euch an und sagt mir, dass ihr auch diese Ernsthaftigkeit unserer Schritte auf dieser Erde spürt. Sagt mir, dass euch nicht alles egal ist.
Ich hatte ja letztes Jahr vergessen, wie schön der Herbst sein kann. Wahrscheinlich, weil es keinen Herbst gab und man von 30 auf Minus 10 Grad gedrückt wurde, innerhalb von Sekunden. Das war ja auch der Grund dafür, wieso ich den härtesten Winter Europas übersprang, um im schlechtesten Sommer Australiens zu vegetieren. Das war auch eher wie Herbst, aber in doof. Dieses Jahr war ein schöner Herbst. Mit wunderschönen Blättern in allen Facetten des Sepia-Farbspektrums, mit grandiosem Sonnenlicht-Spiel, das an Filmmomente aus New York erinnerte, mit einem leichten kitzeln auf der schon vom kühlen Wind angetrockneten Haut, mit den Laubbergen vor der Haustür, in die man so gerne reingesprungen wäre (wenn man nicht Hunde beim Reinkacken beobachtet hätte).
Der Herbst hat mich vor allem daran erinnert, dass ich winterfeste Schuhe brauche. Der Herbst war auch gleichzeitig mein Semesterbeginn, und das wiederrum war ausschlaggebend für den Kauf eines neuen Rucksacks (cheers to Curly Sue for making it happen). Meine neue Timbs sind großartig, mein neuer Eastpak kassiert fette Props bei coolen Leuten, der Herbst ist vorbei und ich hör jetzt auf, mein Geld für Sachen auszugeben, die wie Herbst aussehen. Immerhin ist es ja jetzt kalt.
Meine Eltern sind in einer eher zweifelhaften Diktaktur aufgewachsen, die ihnen jeglichen Spaß am Leben verbieten wollte. Sie hatten kein fundamentales Problem mit ihrer Kultur oder gar ihrem Land, dafür vergleichsweise nicht viel und deshalb gingen sie nach Europa. Für ein besseres Leben. Für sich und anschließend auch für ihre Kinder.
Sogesehen sind meine Eltern in den späten 80er Jahren das Äquivalent zu der deutschen Nachkriegsgeneration gewesen. Sie arbeiteten hart und belohnten sich mit dem überaus strapazierten Konsum von Fleisch. Jeden Tag gab es mindestens ein kleines Lamm zu essen. Sie besaßen nagelneue Audis und waren erpicht darauf, alles zu besitzen, bevor sie wieder in eine Diktatur mussten (man weiß ja nie)- und am besten so wenig wie möglich von ihrem Sparschwein abzunagen. Das machte sie zu paradoxen, sparwütigen, couponnutzenden Geizhälse, die gleichzeitig aber Geld verschwendeten als wäre es im Grundgesetz verankert.
Die Angst-Gier ist auch in mich verpflanzt worden (im Zweifelsfall sind ja auch immer die Eltern schuldig). Ich bin heute ein schlecht geknotetes Bündel aus Messi-Strukturen, Burn-Out Potenzial und Umsonst-Horder. Letzteres bezeichnet die Art von Mensch, die auf Events geht um Goodie Bags voller Nippes und Ramsch abzugreifen. Ich bin der typische Messebesucher, der dann nach Hause zu seinen Kindern kommt und erst Mal werbebedruckte Gummibärentüten, Kullis und Wandkalender-Poster verteilt. WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN!
Mit dieser Einstellung habe ich an der Universität meinen Hort des überflüssigen Konsums gefunden. Denn Studenten der Geisteswissenschaften, die ärmsten Säue des Landes, werden an der Uni noch wie Menschen mit Bedürfnissen behandelt.
Sie kriegen eine ganze Wundertüte voller zielgruppengerechter Häppchen vorgesetzt. Sie ist bedruckt wie eine Cornflakes Packung, mit bunten Bildchen und ganz viel Text, den man in den strunzlangweiligen Vorlesungen über Makroökonomie, Werbung und Konsum, die Marx’schen Prinzipien und die Psychologie des Menschen aufsaugen kann. Die Tüten enthalten kleine Snacks, manchmal auch Bier, um den sozial unangesehenen Entzug kurzzeitig zu überbrücken, oder einen kleinen Red Bull Shot, damit man die Augen noch aufkriegt. Die wissenschaftlich geprägte Fachzeitschrift “Maxi” ist auch dabei, sie bildet unsere Akademiker vor allem auf dem Klo aus, wenn er mal wieder so richtig hart scheissen muss und leider kein Lexikon der menschlichen Organe zur Hand hat.
In der Zeit stellte ein kluger Autor die Frage, wo denn eigentlich die Intellektuellen in Europa abgeblieben sind. Wisst ihr, die sitzen im Hörsaal und freuen sich darauf etwas geschenkt zu bekommen. Hauptsächlich eine Tüte voller Scheisse, die eines Tages vielleicht verantwortlich für die Abholzung unseres Regenwaldes und für die Marketing-Verblendung selbst unserer größten “Denker” ist. Aber ich bleibe bei meiner zwanghaften Fremdbestimmung und bewege mich im selben Strom der dümmlichen Studentenhorden: WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN! Und so werde auch ich mir beim nächsten Mal wieder das Tütchen holen, einerseits, um mich vordergründig elitär darüber aufzuregen, dass so etwas überhaupt produziert wird, andererseits (und vielleicht auch nur heimlich), weil hey, da ist ja ein Bleistift drin für den ich kein Geld ausgeben musste. Yay.
Dieser kleine Kampf zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Geist wird in mir persönlich ja desöfteren ausgetragen. Am Ende gewinnt immer eine gewisse Ironie. Ein Individuum, dass sich zwar der Problemstellung seiner Gegenwart “bewusst” ist, sich aber nicht dagegen auflehnen will/kann. Ein “Bewusstsein” zu entwickeln ist für mich dahingehend mindestens genauso leer, wie keines zu haben, wenn dieses Bewusstsein keine Veränderungen erzwingt. Im Gegenteil. Man versinkt in einem hoffnungslosen Zynismus. Dann lieber zu seiner ambivalenten Machtlosigkeit gegenüber des Konsums stehen, die Hände ausbreiten und so viel materialistischen Regen wie möglich auffangen versuchen.
Ich war immer – heimlich, natürlich – auf der Suche nach dem perfekten Abschluss-Song zu meinem Lebenssoundtrack. Ich habe nun auf jeden Fall den Track gefunden, der hoffentlich bei meiner Beerdigung spielt. Er baut auf einem dramatischen, melodischen Anfang auf und entfaltet seine Macht in dem Grunzen von Rick Ross. Die Glocken läuten, während ich – tot, natürlich – meine Faust noch gen Himmel recke. Es ist der richtige Song. I got a chopper in the car.
Rick Ross ist mein richtiger Vater. Ich liebe ihn. Er ist ein großartiger Mensch mit einem Chopper im Auto. Red on the wall, Basquiat when I paint. Ich hoffe immer, dass es ihm gut geht. Ich will seinen dicken Bauch streicheln und ihn sachte mit Käsekuchen füttern. Wenn ich sterbe, dann werde ich an Ricky denken. Das kann mir keiner nehmen.
Ich teile mit vielen Menschen einen gewissen Lebensstil und bin traurig darüber dass man ihn aus objektiver Sicht so gerne als einen einsamen, schnelllebigen, wertlosen und von Konsum gefüllten betiteln möchte. Als ob man mir von Anfang an absprechen möchte, dass ich unter diesen Umständen jemals so etwas wie Zufriedenheit oder Glück empfinden könne. Als ob die Kultur, die ich heute genieße, alleine weil sie moderner ist als diejenige, die vor 20 Jahren existierte, meinem persönlichen Zerfall gleicht.
Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.
Heutzutage krepieren wir alle an Burnout, es gibt mehr Kriege als je zuvor, wir sozialisieren nur noch über virtuelle Kommunikationsmittel, wir glauben nicht mehr an Gott, wir wissen nicht mehr die Romantik der Langweile zu schätzen und wissen nichts mit uns anzufangen. Während wir sinnlos “Brause trinken” und “Bon Iver hören”, geht unser Leben an uns vorbei, und wir erinnern uns ins 70 Jahren an nichts mehr von Bedeutung. Wenn wir etwas googlen möchten, landen wir im vierstündigen Delirium zwischen Klicks und Zeitvertreib.
Dabei verstehe ich diese andere, angeblich bessere und ältere Welt nicht so wie ihr. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Dinge schnell sind. Und ich gehöre hier rein. Ich will nicht vor meiner Zeit leben und den Dingen entsagen, die mich gleichzeitig auch formen. Der vom Internet erschaffene Lebensraum ist meiner. Den könnt ihr mir nicht einfach wegnehmen, nur weil ihr überfordert zu sein scheint, oder diese Entwicklung nicht versteht, oder so gerne in die Nostalgie eurer eigenen, angeblich besseren “damaligen” Lebensweise verfallt. Ich kenne die Probleme unserer Gesellschaft und versuche ihnen auszuweichen, so gut es geht, aber ich betitel mich nicht als Opfer der Informationsfluten, sondern als ihr Meister. Ich verbringe sehr, sehr viel Zeit im Netz, schon seit meinem 11. Lebensjahr, und trotzdem finde ich noch genug Platz mich zu entfalten. Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, bin ein zurechnungsfähiger Mensch. Ich schicke lieber eine E-Mail, als zur Post zu gehen, und ich kommuniziere lieber über Facebook, als zu telefonieren. Das heisst nicht, das ich beides nicht könnte, und das heisst auch nicht, dass ich nicht befähigt bin, ohne meine “künstliche” Umgebung zu leben; aber wer mir meine Kultur, meine Zeit und meine Entwicklung wegnehmen möchte, riskiert dass ich an dieser anderen Unnatürlichkeit verzweifle.
Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. “Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . ” sagt Jason in “The Future”.
Ihr habt mir diesen Zoo gebaut, mich gefüttert und erzogen, mich beschützt und mir das Leben leicht gemacht, und jetzt erwartet ihr, dass ich richtig viel Bock habe in die Wildnis zurück zu gehen und mich einfach vor meine Feinde zu werfen? Wisst ihr was: die Schnelllebigkeit, über die ihr euch beklagt, ist ein Teil meines Weltbildes. Die Sinnsuche, die es jetzt nicht mehr gibt, hat euch selbst in den Wahnsinn getrieben. Es bleibt keine Zeit zur Reflektion, sagt ihr, und wir werden unter Druck gesetzt, sagt ihr, aber hier bin ich, und ich reflektiere, und ich bin zurechnungsfähig, und ich liebe das alles, weil ich es nicht anders kenne. Das heisst nicht, dass meine Liebe zum Leben weniger wert ist als eure. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch eines Tages besser verstehen werde, als ihr mich jemals verstehen könntet. Nur entwertet mich nicht aufgrund der Zeit, in der ich geboren wurde: ich glaube nämlich, dass ich ziemlich schnell erwachsen werde in dieser Welt und mir dessen auch bewusst bin. Hört auf, mich in das kollektive Bewusstsein der versagenden, inhaltsleeren Hipstergeneration zu pressen, die sich mit Sinnlosigkeit zumüllt, bis es Sinn findet. Wir sind genauso erfolgreich oder unerfolgreich wie die Generationen vor uns, ihr seht uns nur besser, weil Facebook euch lässt.