The Weeknd / Echoes of Silence

Dass ich meine Best of 2011 Liste noch nicht fertig habe ist vielleicht der glücklichste Umstand des Jahres, denn er erlaubt mir, auch das letzte Mixtape von The Weeknd in meinem Jahresabschluss zu berücksichtigen. Und irgendwie ist das auch der entsprechend perfekte Ausklang für 2011, wo das Jahr doch mit so viel Liebe zu House of Balloons startete und bei Thursday einen kleinen Knick nach unten hatte. Nachdem ich das Mixtape auf einer vierstündigen Zugfahrt mal um mal hören konnte, ohne dass mir ein einziges Mal langweilig wurde oder ich mich ärgern musste, wird klar: The Weeknd ist nicht nur ein großartiger Meister des R&B, er ist auch mein persönlicher Künstler des Jahres. Love, Love, Love. Zum Download.

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Traditionstanz

Früher war für jeden Berlin so etwas wie das stadtgewordene Studio 54. Jeder – aber wirklich jeder – und seine Mutter hatten ihren Stammclub, manche sogar Stammclubs, Mehrzahl, die sie jede Woche mindestens einmal besuchten. Da waren dann der Legende nach immer die gleichen wunderbaren, schönen Leute. Sie gehörten vor 7 bis 10 Jahren zu denjenigen, die die Stadt zu ihrem jetzigen Wert verhalfen. Sie prägten sie mit ihrem kreativen Hedonismus, mit ihren Ideen der Exzessive, mit ihrer internationalen Freiheit, die sich entgegen der deutschen Steifheit stellte. Die Clubszene war nicht nur ein Teil von Berlin: die Clubszene WAR Berlin.

Die bunten Nächte, die Orte, die es nicht mehr gibt (und offiziell auch nie gab), die unvergesslichen Momente im Stroboskop, die blühenden Beginne einer neuen Partygeneration und das Gefühl von Zusammenhalt und Familie- das sind alles nur noch die Legenden, die vom Winde der Stadt geflüstert werden. Und immer wird der vorwurfsvolle Finger in Richtung der jüngeren Generationen gestreckt: ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht mehr so ist.

Der Mythos “Club” ist in Berlin scheinbar ausgestorben. Nicht, weil es nicht genug Clubs gäbe oder die feierwütigen Menschen von damals zu alt sind (diese Tatsache verstärkt allerdings das Echo des Gemeckers). Ich habe die Vergangenheit nicht miterlebt, nur die Gerüchte, die sich um sie ranken. Dennoch kenne ich das Gefühl, das ein Club – eine Institution der Nacht, des Tanzens, des ausgelassenen Zusammenkommens – mit sich bringen kann. Bevor ich nach Berlin zog verbrachte ich viele Wochenenden mit meinen Freunden im Robert Johnson. Das Leben spielte sich hauptsächlich dort ab. Es war nicht nur die Musik, oder die Nähe, oder der Hype. Es war die schlichte Tatsache, dass jeder dort war. Man kannte irgendwann alle Menschen. Die Crowd war nicht zersplittert in tausende Untergruppen- so wie es heute in Berlin (für mich) ist. Man musste nicht um einen guten Abend pokern – niemanden anrufen, keine Gruppenkoordination, kein Nachtmanagement betreiben. Alle waren da. Das reichte schon.

In Berlin gibt’s sowas für mich nicht, das habe ich auch nie erwartet. Alles ist immer so beliebt, dass man sich vor einem regelmäßigen neuen Influx an Touristen und Zugezogenen nicht wehren kann. Favoriten gibt es durchaus, aber meistens werden die nach groben Musikstil und der Lage ausgewählt. Ansonsten wird nach Abend ausgesucht. Welche DJs, Veranstaltungsreihen, und so weiter. Sehr vielversprechend etwa war ja das Prince Charles seit seiner Eröffnung. Dummerweise kriegen die Veranstalter es immer hin, die Nacht mit ihrem musikalischen Stildurchlauf zu versauen. Vom smoothen “fick mich auf dem dreckigen Boden dieser paradisischen Halle”-Hip Hop bis hin zu “ich möchte harmlose Kitten zersägen”-Drum&Bass Sessions in 10 Sekunden, so schnell hat mir noch keiner die Party vermiest. Das erklärt dann auch das heterogene Publikum. Von gutaussehenden Mitte-Mädchen bis zu Afterwork-Party Charlottenburgern und zwischendrin die obligatorischen Drogenspanier, die nach Speedy Gonzales fragen. Alle sind nach 45 Minuten so abgefuckt voneinander dass der Club um 2 Uhr morgens leer ist. Aber: die 45 Minuten, die man dort verbringt, machen immer viel Spaß, wenn man seine Freunde dabei hat.

Wenn ich heute einen Club machen würde, dann würde ich ihn für meine Freunde machen. Meine Freunde müssten in meinem Club nicht um ihren Abend Poker spielen- sie wüssten immer ganz genau, wer sonst noch da ist. Und der Club wäre schön klein, maximal 200-300 Leute. Weil ja alle meine Freunde auf der Gästeliste stehen und Free Drinks kriegen, würde der Club nach einem Jahr pleite gehen. Aber dieses Jahr wird das schönste Jahr überhaupt, und dann kann ich den Zwanzigjährigen von meiner wilden Zeit in Berlin erzählen, als jeder jeden kannte, als die Clubs noch brechend voll waren mit schönen Menschen, und alle waren wegen mir da (oder so).

Es gibt tausende Clubs, die weiterhin ein festes Publikum haben. Mit denen, die ich kenne, identifiziere ich mich nicht – die anderen übersteigen womöglich meinen Wahrnehmungshorizont. Der Punkt bei all dem ist: ich habe trotzdem meinen Spaß. Es ist halt anders, und es ist nicht immer so, wie es früher war. Aber diese Veränderungen bringen Chancen mit sich. Für Clubs, die sich neu definieren und trotzdem ein funktionierendes Businessmodell aufweisen. Die nicht auf Charakter und Konsequenz verzichten müssen, um zu überleben. Es ist tricky, aber darin liegt die Herausforderung für die nächsten Generationen. Dass das Mama und Papa Clubbesucher nicht passt – who cares? In fünf Jahren werft ihr eure ersten Kinder in die Welt, in 10 Jahren ziehen die jugendlichen Karawanen weiter nach Leipzig und Dresden um dort neue Kulturböden zu etablieren, für die Berlin zu alt, zu teuer und zu ausgeschlachtet ist. So läuft es eben. Die Frage ist vielleicht nur: wie macht man es so sanft und angenehm wie möglich?

Mein Berlin existiert jedenfalls jetzt. Ich bin nicht hier, weil die Clubs so hart geil sind, obwohl ich durchaus meine Momente beim Feiern hatte. Ich bin hier, weil die Legenden und Gerüchte, die sich um diese Stadt ranken, schon Grund genug sind, um meine eigene Story hier zu schreiben. Berlin ist eben immer nur der passende Hintergrund – Protagonistin bleibe ich.

DRAKE -The Motto / Official Video

Ich kann mich, trotz des widerlichen Versuches, “relay” mit “YMCA” zu reimen, nicht gegen The Motto versperren. Catchy, cocky und lebensbejahend wie gewohnt. Man kann ja immer auch ganz gut über die Inhaltslosigkeit hinwegblicken, solange die Delivery stimmt.

Not 2011 Music

Zwischen dem ganzen überwältigenden Kram, der im Jahre 2011 veröffentlicht wurde, finden sich auch immer wieder Neuentdeckungen alter Zeiten. Darunter Dinge, die untergegangen sind, oder Klassiker, die alle Jahre wieder aufleben. Einige dieser Songs habe ich dieses Jahr öfter gehört als je zuvor, und bevor sie untergehen: hier meine kleine Top 10 aller Songs, die ich dieses Jahr am liebsten gehört habe, obwohl sie nicht dieses Jahr erschienen sind.

(Und by the way lässt sich ja auch ganz gut das allzu wunderbare “everyone’s mixtape” ausprobieren. Es ist ein Segen und ich wünsche den Erfindern unendliche Simultanorgasmen.)

TOP DOWN

Ich habe mich gestern daran versucht, einen großartigen, weltverbessernden Mix zusammen zu basteln. Ich stellte mir vor, wie ihr euch den zieht und völlig erschrocken seid darüber wie viel Talent ich beim Mischen vorweise. Jedenfalls ist daraus nichts geworden, aber dafür gibt’s Pac Div mit voller Breitseite für den heimischen Club.

Wait

Sie pirschte sich ran wie eine unkontrollierbar hungrige Katze die keine Angst vor Verlust sah; sie wollte nur. Wollte, wollte, wollte. Ihre unbarmherzigen Krallen bohrten sich tief in die Haut ihres Gegenübers. Sie fraß sie lebendig auf und spuckte danach das Blut von Herz und Schweiß auf den Teppich. Anders ausgedrückt: der leise tropfende Wasserhahn macht wahnsinnig, die Hitze im Wartezimmer ist kaum mehr erträglich, die Lösung für das alles findet sich nur in der gewalttätigen Befreiung.

PS: Wer einen Download-Link hat macht mir große Freude bei meinen nächtlichen Aktivitäten.

IUTER

In Riot-Fashion-Spirit hat die italienische Marke IUTER gerade einen Teil ihrer neuen Kollektion auch in Deutschland verbreitet. Scheiss auf den konventionellen Schal, der sich immer in alle Richtungen zerknotet, zu kurz oder zu lang ist und meistens auch echt nicht gut aussieht; ich will so ein Collar-Dings. Und eine Mütze. I approve of this.

IUTER COLLAR (1)IUTER COLLAR (2)

IUTER COLLAR (3)IUTER COLLAR (4)

via Overkill

Watch The Throne

Sind sie nicht süß, diese alten Männer? Wie sie freudestrahlend auf einen Runway laufen und eine Art Choregraphie hinlegen, die sie nicht als harte Typen, sondern als interessante Entertainer auszeichnet? Wie sie, ich fasse es nicht, “crazy” voll aussprechen und nicht zu “cray” verstümmeln (wobei ich den innovativen Aspekt dahinter ehrlich gesagt nicht abstreiten möchte). Wie sie in Ledermontur (Kanye, du Fashionmonster – und die göttlichen Air Yeezys, diese fantastischen Dinger, die ich niemals besitzen werde) triumphieren und die Versace x H&M Jacke aus der aktuellen Kollektion mit einem Extra-Grinsen Erwähnung findet…

Die Musik selbst, mit diesem elektronischen Rumgewabere am Ende, das so ein bisschen an Skrillex’ Nicht-Dubstep, Nicht-Elektro Talent erinnert, aber auch die Plattform – wer ist die Zielgruppe für Victorias Secret Fashion Show? Harte Gangster-Typen? Hm – ist so ein bisschen der Abgesang auf die Einschränkungen, die dem Hip Hop in seiner Geschichte widerfahren sind. Wenn Mutti und ihre Töchter zu Kay & Jay abgrunzen können, dann kann das jetzt jeder. Das mag vielleicht keine überraschende Entwicklung sein, weil vor allem Kanye die Marketingfläche nicht unwesentlich gedehnt hat mit seinen Pop-Ambitionen (und ey, wenn Jay-Z nicht seit jeher eingänglich war, wer sonst?). Ich finde es trotzdem erstaunlich, wie schön sich das ganze in die Szenerie einfügt, so natürlich, als wäre es nie etwas anderes gewesen. Irgendwie so, als wäre der nächste Stopp bei Wetten, Dass? // es wundert mich nicht, wenn es da einen nervigen Drang gibt von Kids, unabhängig der Herkunft, anderen “rebellischen” Kids zu folgen, die zwar nicht minder den Erfolg haben wollen, aber dabei noch ein paar Leuten in die Fresse spucken möchten (ie Odd Future wollen Wu-Tang sein). Fragt sich, ob es am Alter von Hip Hop liegt (“endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen”) oder eben am Alter der anführenden Künstler… (was übrigens nichts über die Qualität von The Throne aussagen soll).

PS: Das Hip Hop Künstler noch mal Gianni Versace “neu” auftragen würden- wer hätte das schon gedacht.
PPS: Ich will diese Jacke. Ich will, ich will, ich will.