Facebook ist ein Segen und ein Fluch gleichzeitig. Einerseits bin ich froh, mich mit so vielen Menschen auf meinem Weg durch das elendig lange und von Idioten bespickte Leben vernetzen zu können, und andererseits schrecke ich dann doch wieder vor Entsetzen zurück, wenn ich mir die Ausmaße der Menschheit in so unmittelbarer Nähe zu Gemüte führen kann. Da wäre zum Beispiel Sabrina, meine beste Freundin aus der Grundschule, die heute ihren Lebensabend (mit 22) damit verbringt, Bier zu saufen und die Frankfurter Eisbären zu befeiern. Jedes Bild ist im Trikot, und Statusupdates… hier nun einer als Beispiel:

“Ain’t No Sunshine.. Ohne Eishockey”.

Nun habe ich ja nichts gegen Eishockey. Aber wenn der Rest nur aus “Krebs, dein Tageshoroskop” und “Sabrina liked Osama Bin Laden ist Tot, der Alte Hurensohn hat’s verdient”, dann stellt sich durchaus die Frage: wieso? Wieso tu ich mir das an? Und die Antwort ist ganz klar auf der Hand und als einzige gültig: damit ich mich besser fühle darin, dass ich nicht so bin.

So viel Ehrlichkeit muss man sich ja auch zur Abwechslung mal eingestehen. Es ist auch gleichzeitig bizarr, dass ihr Leben (genau so wie meins für sie wahrscheinlich) einfach so unfassbar anders ist und mich das irgendwie an- und doch wieder abtörnt.

Aber Facebook begleitet mich bei vielen anderen Dingen ja auch. Wie etwa auf meinen Reisen, und die Freunde, die man unterwegs für’s Leben macht, bleiben tatsächlich auch für’s Leben, denn man macht sich im News Feed der jeweils anderen bemerkbar. Und schon hat man Networking Galore. Hat jemand einen Kleiderschrank übrig? Will jemand mit mir in den Urlaub? Kann mir jemand einen Job besorgen? Ab 500+ Freunde sollten alle Probleme eigentlich geregelt sein.

Nur eine Sache, eine klitzekleine Sache, hält mich von der ultimativen Facebook-Devotion ab, nämlich die Frage, ab wann man Menschen eigentlich adden sollte und überhaupt, in welcher Situation findet sich das richtige Ausmaß an Kommunikation? Angenommen, man trifft einen interessanten, vielleicht auch sexuell anregenden Menschen auf der Straße (oder auf einer Party) und man unterhält sich über ein paar gemeinsame Themen (oder fällt sich im absoluten Endsuff um den Hals und übt den regen Speichelaustausch) und tauscht dann Nummern aus, um das ganze Spiel zu wiederholen (oder um endlich Geschlechtsverkehr zu praktizieren). Wenn man diese Person JETZT nach seinem Facebook Profil fragt, kann unweigerlich nur eines passieren: man stalkt. Man beobachtet. Man wittert ob es passt oder nicht anhand von Status Updates. Sie lügen nicht, die Status Updates. Die Likes auch nicht. Die Profilbilder kann man getrost ignorieren, die getaggten Bilder sind das, was zählt.

Und schon ist eine zuckersüße, intellektuelle Freundschaft (oder eine heiße Affäre mit einem heißen Typen) gestorben, weil er in seinem Profil auflistet, dass er an der Weltuntergangsparty 2012 teilnimmt und Stone Cold Steve Austin als Vorbild angibt. Sein Profilzitat ist “Kein Schwanz ist so hart wie das Leben” und ich kotze mir ein bisschen in den Mund. Der Mann, der alle Chancen bei mir hatte, hat sein Facebook Profil mit dem unsäglichen Inneren seines Hirnes vergewaltigt und damit wurde jeder Kontakt abgebrochen.

Männer, Frauen dieser Welt, hört mir zu. Wenn ihr euer Facebookprofil nicht mysteriös, ein bisschen interessant und auf gar keinen Fall ehrlich gestaltet (wenn ihr nicht gerade ehrlich eine coole Sau seid), dann traut euch erst über dieses Medium zu kommunizieren, wenn ihr schon bei Base 4 wart und eure Hosen gerade wieder anzieht. Wirklich. Denn auch diesmal muss unsere Protagonistin hier ohne GV auskommen, und ich weiß nicht direkt, ob ich Facebook dafür danken oder verfluchen soll.

This article has 9 comments

  1. JeriC

    Hm, gerade dieses “Menschen die man früher gut kannte haben sich stark verändert” finde ich sehr interessant, und ja, in den meisten Fällen fühle ich mich dann auch besser, obwohl ich normalerweise paradoxerweise denke, den Anderen geht es heute viel besser (bzw das öfters dachte, eh ich bei Facebook aktiv wurde ;) ). Ich bin auch so jemand, der sympathische Menschen eher nach Facebook denn nach der Telefonnummer fragt, muss aber dazu sagen, dass FB für mich als Kommunikations- und Unterhaltungsmedium, nicht aber als Flirtmedium dient.

  2. lars

    Vielleicht steckt das Geheimnis auch darin, dass die einen tendenziell zum sich schlecht fühlen verleitenden Personen aSW Facebook vorziehen…
    Aber ist es nicht herrlich, wie viele dort, insbesondere nicht sonderlich netzaffine Menschen, absolut gnadenlos ihre Vorlieben raushauen, als wäre Facebook ein Poesiealbum und sie selbst noch mit einem großen Schuss kindlicher Naivität gesegnet? So wird dieses Medium dann wirklich zur, süßer die Buzzwords nie klingen, Verhütung 2.0. Wenn der Gedanke an einen mit Fanartikeln dekorierten Geschlechtsteilevereinigungsort einem plötzlich Atomkraftwerkkatastrophen durch Stromausfallwahrscheinlichkeitserhöhung als lohnenswerte Option erscheinen.

    Ich würde das an Deiner Stelle viel positiver sehen: solange sich noch nicht jeder um seine Online-Reputation Gedanken macht, behält FB diesen ganz besonderen Reiz der schonungslosen Ehrlichkeit und ist noch kein Ballungszentrum gesammelter Schokoladenseiten seiner Protagonisten!

    Bis es soweit ist, dass es als sinnvolles Recherchetool entfällt, musst Du Dir halt das Stalken irgendwie verkneifen (theoretische Möglichkeit, praktische mit Vorsilbe “un”) oder rechtzeitig davor eruieren, ob sich die Kernkompetenz der Zielperson eben südlich des Bauchnabels statt halsaufwärts befindet. Dann bleibt nur zu hoffen, dass Dein hCG-Spiegel auch Tage danach noch auf Null-Level verbleibt und Du so niemals bereuen wirst, zu mehr Berechnung bei der Profilpflege geraten zu haben.

  3. Robby

    Von 500+ “Freunden” kann wohl keine Rede sein. Als lose Bekanntschaften, die man benutzen kann und von denen man benutzt wird, sollte es aber reichen und taugen. Je nachdem, ob und wen man benutzen/von wem man benutzt werden will.

    “Männer, Frauen dieser Welt, hört mir zu. Wenn ihr euer Facebookprofil nicht mysteriös, ein bisschen interessant und auf gar keinen Fall ehrlich gestaltet”” – mein studivz-Profil erfüllt das denke ich sogar mit ehrlich. Wobei ich mit Frauen auch gar nicht primär ins Bett will. Aber ich bin ja auch komisch :D

  4. Pingback: stromzufuhr » Facebook, Southpark, Arte, Monty Python und Lena

  5. Kunststurz

    Du hast vollkommen recht, das hat mir auch schon das ein oder andere Bild von einem Menschen verdorben. Und man hat wirklich einige Leute, bei denen man sich fragt, ob man sie nur aus Mitleid als Freund hat, oder ob man sich an ihrer Dummheit ergötzt. Letzteres passiert mir zumindest recht häufig. Ich denke ich muss mal dringend Listen erstellen, damit ich einstellen kann, welche Leute, welchen Statut von mir sehen, und welche nicht. Das ist ganz praktisch.

  6. Chris

    Das Facebook es immer noch “Freunde” nennt anstatt es endlich mal “Kontakte” zu nennen…

    Aber mal diesem Thema hier abgesehen, könntest du hier beim neuen Design das Grau des Standardtextes ein bisschen dunkler machen? Hellgrau auf Weiß liest sich für einige Menschen ziemlich anstrengend. Barrierefreiheit, blablubb.

  7. Herr Vorarbeiter

    Ich weiß nicht so recht, ob Facebook wie eine Spülmaschine ist (ohne vermisst man nicht viel, aber wenn man erstmal eine hat, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie man ohne leben konnte) oder wie Cheese & Onion Chips (sehr verlockend, aber nicht wirklich gut für dich. Man kann nicht aufhören, und hinterher bereut man es meistens).
    Durch die Gnade der frühen Geburt habe ich immerhin die Wahl, ohne als totaler Hinterwäldler zu gelten.

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