Ich erinnere mich noch an die Zeiten, an denen mir das Fliegen größte innerliche Freude bereitet hat. Vom Fernweh im Flughafen bis zum abgepackten Essen im Flugzeug war jede Sekunde in diesem Monument der menschlichen Kraft ein Genuss, aber vor allem ein Gefühl von Freiheit.

Doch im letzten Jahr hat sich eine immer stärkere Flugangst in mir entwickelt. Jede Nuance des Flugzeugs wird mit einem blinden Schritt durch die Falltür in meinem Magen beantwortet. Jede Veränderung der Geräusche, des Drucks in der Kabine, selbst die wechselnden Tonlagen der Stewards bewegen in mir Ängste, die ich vorher so nicht kannte, nicht in diesem physischen Maße, aber vor allem nicht in den sich herauskristallisierenden Horrorszenarien in meinem Kopf.

Ich versuche mir nicht zu erklären, warum ich Angst habe, sondern woher diese Angst plötzlich kommt. Mag sein, dass mein Unterbewusstsein sich nach all den Jahren an der Stochastik versucht und zu dem Schluss kommt, dass das Glück im Fass der katastrophenfreien Flüge jetzt endgültig erschöpft ist. Vielleicht ist es aber so, wie mir vor Kurzem jemand sagte, dass man mit dem Alter immer mehr hat, was man nicht verlieren will.

Möglicherweise ist das die richtige Antwort, denn die etablierten Schreckensvisionen in meinem Kopf – die altbackenen Vorstellungen von explodierenden Flugzeugen oder tornadoartigen Turbulenzen, die dem Piloten jegliche Macht über die Maschine entreissen – sie alle enden mit dem tränenreichen Gedanken an das, was ich vermissen könnte. Oder das, was mich vermissen könnte.

Es sind Szenarien der Angst, die in mir die wichtigsten Dinge und Menschen meines Lebens verbildlichen und eine Geschichte um sie herum fabrizieren, wenn auch eine durchaus pathetische und tragische. Es mag Fiktion sein: der Absturz, die Nachricht, die weinenden Menschen. Weinen sie um mich, oder weine ich in meiner Vorstellung an ihrer Stelle?

Was übrig bleibt ist das letzte Gesicht, an welches sich alle Hoffnung und der Willen zu Überleben klammert. Das Gesicht, welches die Angst auslöst, es nie wieder sehen oder fühlen oder wenigstens vom fernen beobachten zu können. Es ist das Gesicht vor meinem inneren Auge, tief eingebrannt in jede Faser meines Wesens, das mir im Flugzeug eine Grundsatzfrage des Lebens aus ihren Ankern reißt und an einer neuen Stelle versinkt. Nun heißt es nicht mehr “für wen würdest du sterben”, sondern “für wen würdest du nicht sterben wollen?”

Man muss den Tod nicht direkt als greifbare Eventualität treffen, um sich mit den letzten Bildern des Lebens auseinanderzusetzen. Traurig ist nur, dass uns in diesen Augenblicken der eiskalten Angst auch bewusst sein muss, dass wir im Alltag vergessen, wie wichtig uns so manche Hauptrollen darin eigentlich sind – und das wir sie gehen lassen, ohne um sie zu kämpfen. Dass wir sie aufgeben, weil wir die Luftlöcher in unseren Mägen nicht vertragen, wenn das Flugzeug kurz absackt.

Die Angst vor dem Fliegen verblasst, wenn man nichts mehr hat, was man bei einem Aufschlag an Bergfelsen und splitternden Metallstücken und brennenden Sitzreihen verlieren könnte. Sie verblasst auch, wenn man feststellt, dass das letzte Gesicht in der furchtbaren Eingebung der Angst nicht dasselbe furchtbare Gefühl für einen selbst empfindet und ohne Probleme so einen Flug übersteht. Ohne je darüber nachzudenken, was man dabei für ein Risiko eingeht. Ohne je darüber nachzudenken, welchen Menschen man verlieren könnte.

Ich bin bereit dazu, meine Flugsicherheit wieder zu erlangen. Bereit, wieder mit offenen Armen in den Flughafen zu laufen und die Freiheit an mich heran zu drücken. Bereit, in die Kabine zu steigen und mit Faszination den Take-Off in meinem Körper vibrieren zu spüren. Manchmal, so denke ich jetzt, muss man die Angst in Kauf nehmen um zu wissen, was man zu verlieren hat. Und manchmal, da muss man einfach etwas verlieren, um keine Angst mehr zu haben.

This article has 5 comments

  1. Jeric

    Herzliches Beileid, ich wünsche dir, du kriegst das wieder hin.
    Tatsächlich habe ich keine Angst vorm Fliegen, denke ich. Ich bin aber auch noch nie geflogen. (Diese beiden Sätze meine ich durchaus als Antwort auf deinen Artikel.)

  2. Sarah

    “…, dass man mit dem Alter immer mehr hat, was man nicht verlieren will.” – Genau das ist auch meine Theorie. Irgendwie möchte man halt nicht gehen. Besonders wenn dein Schicksal in Händen anderer liegt. Allerdings bin ich in letzter Zeit so viel geflogen, dass es sich gebessert hat. Früher dachte ich bei jedem Huckel es passiert was, mittlerweile sehe ich das entspannter. Das legt sich schon wieder!

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  4. Ken Takel

    Geht mir original genauso. Es hat sich etwas gebessert aber ich versuch das Fliegen auf das absolut Notwendigste zu beschränken. Nicht nur aus Flugangst Gründen, natürlich.

  5. Schmalhans

    Das Beste, was hier seit langem stand. Erschreckend nah an meiner Sicht der Dinge…Flug-äh-unsicherheit kam auch erst vor ein paar Jahren.

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