Hipster Hop
Wir befinden uns im Jahre 2010. Millionen von Kids verblöden sabbernd auf den Sofas ihrer Wohnzimmer vor ihren Fernsehern; es laufen Datingshows auf MTV und voyeuristische Trash-Reportagen über die soziale Unterschicht auf Pro 7. Schule ist schon lange aus, Mutti bügelt die Wäsche. Tick. Tock.
Wir sind medial und vor allem musikalisch stecken geblieben, so war zumindest das Gefühl — bis dann plötzlich etwas aus der “elitären” Hipster-Szene entsteht, dass zumindest die virtuelle Generation ein bisschen wachrüttelt: eine Mischung aus Rapmusik mit Qualität, die sich von genrefremden Einflüssen inspirieren lässt. Kann es sein? Ist es so weit? Entwickelt sich auch Sprechgesang jetzt endlich weiter?

Kid Cudi
Es könnte tatsächlich die Zeit gekommen sein. Introducing Hipster Hop: endlich nicht mehr für Hip Hop schämen müssen. Pharrell machte den Anfang als konsequenter Superproduzent, indem er Elemente aus Fashion, Indie und Rap zu einem unkonventionellen Stück Kunst verwandelt, und das fast immer, wenn er an einem Projekt beteiligt ist. Aber Skateboard-P hat fette Unterstützung im Nacken- im Netz entwickelt sich dagegen gerade etwas, dass keine große Unterstützung braucht, um hochzukochen.
Es ist wichtig, Genres jenseits der Stereotypen und endlose Listen von Klischees, über die sie bekannt geworden sind zu erweitern. Hip Hops klimatische Abwandlung und der Attitude-Shift, der damit einher geht, ist definitiv gesund – Künstler agieren aus dem Underground heraus und würfeln Möglichkeiten zusammen, die tatsächlich auch im Mainstream ankommen. Sie hören nebenbei einen Mix über Last.FM während sie party poker spielen und lassen sich von den medialen Weiten inspirieren. Es ist eine interessante Zeit für den Hip Hop und diese Genre-Mixe, sowohl für Produzenten als auch für Künstler.
Mixtapes im ursprünglichen Sinne sind wieder angesagt, es gibt keine Namen im Biz wenn der Flow nicht stimmt, es wird gedroppt und gesaugt in ehrenhafter Low-Budget Produktion, “Living The Dream”: so haben Hipster Hop Vorreiter KiD CuDi und mein persönlicher Favourite, Lupe Fiasco, den größten Teil ihres Fames und schließlich einen Deal gewonnen ((offiziell bezieht sich Hipster Hop ausschließlich auf die Musik, also Rap mit vielen Synth-Einlagen und Typen, die eben wie Hipster aussehen und nicht wie Rapper– für mich ist der Begriff etwas weitläufiger, eher ein “Alternative Rap” Synonym, dass eben in der Ära der Hipster entstanden ist)). Poser und Flasher? Shit yeah, das hat echter Rap so in sich, aber nein, kein Ghetto, keine Waffen, und wenn es um Drogen geht– die haben ehrlich gesagt noch in keinem Genre gestört. Eine Revolution, die sich vielleicht auch im Mainstream durchsetzen wird (wenn es nicht bereits schon so ist– wer weiß schon noch, was Mainstream ist und was nicht, selbst MTV ist tot. Und ob das gut oder schlecht ist, lasse ich mal so stehen).
Hipster Hop ist gut, weil er der Sprechgesangsfanseele gut tut. Nicht nur, weil er sich vor allem elektronischer Elemente bedient und damit den Inzest in der ganzen Branche bricht (man hat sich ja gefühlt wie bei den Amish im Hip Hop), sondern weil er es erlaubt, “Multikulti” eine ganz neue Bedeutung zu verpassen.
Ich will es so ausdrücken: Hipster Hop ist Symbolbild für eine Wandlung, die sich langsam aber sicher eingeschlichen hat- sicher, keine große Überraschung, kennen wir schon seit dem Erfolg der Arctic Monkeys, das Erbe des Internets ist auch gleichzeitig der Aufstieg der Underdogs. Es gibt keine zentrale Anlaufsstelle mehr für die Verteilung von guter Musik, es sind die Votes der Menschen, die zählen.
Aber ich glaube einfach nicht daran, dass es nur daran liegt. Ich glaube, das Internet liefert die Distributionsmittel und die Möglichkeit der Änderungen, eine Voraussetzung, aber das führt nicht zum zwanghaften Wandel. Man könnte sich weiterhin zurücklehnen und die Medien spielen lassen, doch stattdessen findet man sich in einer Welt voller no-name, no-show Mixtapes wieder, ein Wunderland der Auswahl. Plötzlich findet man sich selbst an einem Mikrofon, will Wellen der Begeisterung auslösen und das schöne ist: man weiß, dass man es kann.
Plötzlich können auch mittelbürgerliche KiDs aus Oklahoma ihre Kunst herausposaunen, herauspoesieren- und eine Fanbase finden. Buenos Aires. Bangkok. Berlin.
Ich glaube fest daran, dass nach all dem Überfluss an stupidem Bullshit, der aus allen Genitalen dieser Welt herausfließt, die Qualität am Ende überleben wird. Weil es nicht anders geht. Das hier ist nicht Idiocracy. Wenn wir uns an Verdummung und Monotonie vollgefressen haben, und wenn wir nur noch mit unzureichender Kulturzufuhr vor uns hinvegetieren, wird sich etwas ändern. Dafür sorg ich schon. Ich und meine Shotgun.
Es kommen Mixtapes, netzweite Distributionsmöglichkeiten und schließlich: die Befreiung. Hipster Hop.
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Eigentlich wollte ich nur auf “How To Make It in America” hinweisen, einer neuen HBO-Produktion von Mark Wahlberg, in der KiD CuDi die Hauptrolle spielen soll. HBO + Mark Wahlberg = Entourage, wie ihr sicherlich wisst. Es kann also nur gut sein. Kann man sich bestimmt auch jetzt schon in der BRD anschauen, ich gebe mich vorerst noch mit dem dazugehörigen Mixtape von Kid & DJ Green Lantern zufrieden, eine der besten Compilations, die ich seit langem gehört habe.
Der wohl schönste Track aus dem Tape ist der Titeltrack der Serie selbst, “I Need A Dollar” von Aloe Blacc. Unfassbar, endlich wieder gute Musik. Check it Out:
Download: Mixtape How To Make It In America



24 comments in “Hipster Hop”
February 9th, 2010 at 23:16
Hey…. das Musikvideo mit dem Pokerface-Remix ist ja cool. Aber ich kann nicht herausfinden von wem das genau ist?. Kannst du mir das sagen?
Danke im Vorraus,
Chris
ps: Seit mehreren Woche nverfolge ich Euren Blog nun schon täglich und liebe die Eure Texte!!! Fettes Lob!!!
February 9th, 2010 at 23:18
@Christoph: … uhh mein Deutsch war ja grade mal ganz schlecht…. tut mir leid ;-)
February 9th, 2010 at 23:29
@Christoph: Hey Christoph, der Song ist von KiD CuDi, Kanye West & Common und heisst “Make Her Say” aus dem Album “The Man On The Moon” von Kid Cudi :)
… und danke für das Lob! :)
February 9th, 2010 at 23:38
wie wahr.
February 10th, 2010 at 02:10
Ich kann wider stolz sein auf meine bisher heimliche Lieblingsmusik! Danke! Kannte ich vorher noch net! Instantly hooked! Mehr davon! VIEL MEHR!
February 10th, 2010 at 08:29
Social comments and analytics for this post…
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February 10th, 2010 at 09:26
Uh, das is ja für mich absolut konsumierbar. Danke!
February 10th, 2010 at 10:42
Wie geil ist bitte der KiD CuDi Track…Kanye zeigt warum man ihn immer wieder leiden mag und Common…ohne Worte!
February 10th, 2010 at 11:05
Ich finde um Kanye kommt man nicht herum wenn man über diese Renaissance diskutieren will. Auf Graduation hat er einfach mal Daft Punk gesampelt und Stronger war dann ja auch gleich die erste Single. Alle waren geflasht. Die Symbiose aus HipHop und elektronischen Elementen? Boom. Und dann die Beats auf 808/Heartbreaks, überhaupt nicht gewürdigt weil alle nur über autotune meckerten. Sein Beitrag ist definitiv, dass er den Mainstream für Cudi und Co sensibilisiert hat. Dass er immer vorangeschritten ist und den ganzen HipHop-Heads immer mehr Toleranz abverlangt hat. Dafür wurde er ja auch von vielen gedisst – “gayfish”.
Aber auch Jay-Z hat definitiv dazu beigetragen. Seine Projekte mit Linkin Park und Coldplay haben Wege aufgezeigt und sozusagen für die nächste Generation legitimiert.
Lupe ist sowieso der Beste.
February 10th, 2010 at 11:08
@nico: Ich stimme dir da hundertprozentig zu. Ich hab keine Ahnung, wieso ich Kanye nicht erwähnt habe, wahrscheinlich, weil ich in diesem Augenblick so fixiert auf Cudi und die neue Show war…
@Arlo: Arlo! Sag bloß du kennst den Track nicht? Räum mal deine Dropbox frei, Man On The Moon musst du doch haben?
February 10th, 2010 at 12:52
Sorry, aber nein. Ich vertrete da die komplett entgegengesetzte Richtung. Erstens liegen Welten zwischen Kid Cudi und Lupe Fiasco, der vor 4 Jahren mit seinem ersten Album um die Ecke gekommen ist.
Und HipHop abseits von “Genital”irgendwas, so wie du das nanntest, ist nichts Neues. Beispiel: Dead Prez, die ganzen alten Common Sachen, Madlib, (MF) Doom, Atmosphere, Apathy, Talib Kweli (!) und natürlich auf der Insel Dizzee Rascal und so weiter.
Kayne West ist ein Witz! Was der redet und was für Attitüden der vertritt. Hat schon seine Gründe, warum man sich über den lustig macht. (Nichtsdestotrotz ein Producing-Genie).
Aber der Name, Hipster Hop, trifft es ganz gut.
February 10th, 2010 at 12:58
@ichgehschlafen: nein nein, nicht falsch verstehen.. ich sagte nie, dass es diese Art von Hip Hop nicht gab, ich liebe Atmosphere, Common, Talib Kweli, ATCQ und wer noch so auf dem Plan steht..
… but it’s a difference as to who blows over and who doesn’t. Es ist eine Sache, gute Musik zu machen, aber die andere ist eben auch, sie salonfähig aufzubereiten. Zu Kanye kann man sagen und denken, was man will, aber er hat einen Genrehybriden erschaffen, der auch über Hip Hop hinaus Gefallen fand.
Möchte sagen: natürlich ist Lupe Fiasco auf einer ganz anderen Ebene als Kid Cudi und ich möchte auch niemals etwas anderes behaupten- aber Lupe hat nicht das Gehör von Menschen erobert, die aus anderen Ecken der Musik kommen, sondern Cudi, weil er eben die Einstiegsdroge in etwas gänzlich wundervolles ist.
… im Übrigen darf meine Theorie auch falsch sein.. ich denke trotzdem, dass Hip Hop im Wandel ist. Hip Hop ist nicht mehr der Neuling in der Szene sondern wirft jetzt auch Kinder und Crossover ab, das war vorher eher homogen aufgeteilt.
February 10th, 2010 at 13:15
Ah. Hahaha. Geil, wie ich mich als letzter Retter Raps aufspiele. ;) Ne, mal im Ernst. So kann ich das schon nachvollziehen, wobei ich diese Diskussion immer schwierig find: Ich finde Musik salonfähig zu machen, ist nicht zwangsläufig und per se eine gute Entwicklung.* Aber abseits davon: Enjoy Blakroc -> http://www.youtube.com/watch?v=ZZVBkbrht44 und die neue Clipse natürlich auch ;)
Gilt auch für Techno (Underground Resistance) und Electro. Dass Egotronic und Robosonic, die queerfeministische Inhalte in ihrer Musik transportieren (“Es ist ganz einfach so [...] Jede menschliche und tierische Gesellschaft richtet ein hierarchisches Differenzierungssystem ein, dass sich auf Körperkraft, Intelligen oder Schönheit gründen kann. Ich persönlich halte diese Kriterien übrigens für gleich verachtenswert und gegenwärtig bewegen wir uns in einem zweidimensionalen System. Dem der erotischen Attraktivität und dem des Geldes.” Kabale und Liebe) plötzlich unabdinglich sind in allen Clubs, ist zwar funky und zu begrüßen, wirft aber auch Fragen auf.
February 10th, 2010 at 13:23
Klar, Massentauglichkeit führt meistens dazu, dass eher auf kommerziellen Anspruch als auf Qualität geachtet wird, aber das ist ja genau das, was ich eben an DIESER Wandlung insbesonders so schätze: wer im Internet anfängt, der positioniert sich als Underdog ohne Deal und wird erst dann unter Vertrag genommen, wenn er bei der Masse ankommt.
Man muss es halt auch so sehen: die Labels sparen sich das Geld der Risikoinvestition, wenn Rapper (oder generell Musiker, Autoren, Filmemacher, kann man glaube ich bis ins unendliche weiterstricken) vorab evaluiert werden und erst dann in den kommerziellen Erfolg rutschen, denn so kann die Qualität zumindest für den Anfang erhalten bleiben.
… ich sehe das halt so, dass wir mittlerweile so von Klingeltonmusik und sonstigem Blödsinn verballert wurden, dass sich mittlerweile auch die Kids auf “richtig gute” Musik freuen und das auch zu schätzen lernen können, wenn man ihnen die Alternative bietet (zu MTV usw). .. ich krieg irgendwie keinen Gedanken zusammen gerade.
Was elektronische Musik angeht: die Explosion vor einigen Jahren war das beste, was der Szene hätte passieren können, weil auch hier endlich mal Genreübergreifend gearbeitet wird und Grenzen gesprengt werden. I, for one, welcome our new techno overlords..
February 10th, 2010 at 14:42
Kleiner Tip, Fräulein Neinichaddedichnichtbeitwitterbackduarsch :), gucken Sie heute mal bei itsrap.de – da gibt’ gleich 2 neue Cudi-Videos. Und ich bin ja auch immer noch ein großer Fan von Cudderisback: http://vimeo.com/8988454
Das hier ist auch okay. Leider halt nur uralt. :)
(Aber Common ist derbe!)
February 10th, 2010 at 14:46
@MC Winkel: man fragt sich halt, wie viele kommunikationskanäle es noch sein müssen ;) aber ne is klar, je mehr desto besser!
.. war übrigens nich böse gemeint, ich krieg nur keine benachrichtigungen darüber, wer mir followed, deshalb erinnere ich mich nie an sowas. hehehe.
und: cudderisback is awesome! aber das video zu make her say is einfach so viel geiler :D ich guck mir die videos dann mal an, werd die schon noch früh genug im reader haben :) thanks for the heads up!
February 10th, 2010 at 15:00
(und jetzt mal unter uns: ich hab mir das Mixtape nicht gezogen, weil ich das Cover so lame fand! Alter, was für ein Pisser muss man sein! LOL Aber ich hab das gerade nachgeholt, wie geil ist “I need a dollar” bidde? Hör das gerade. Können Sie bei mir im last.fm-Account nachprüfen. Oder sind wir da etwas noch ni… LOL)
February 10th, 2010 at 15:31
[...] kurz, hab’ echt derbe Neuigkeiten und ein biestiges Mixtape. Und zwar habe ich gerade beim dragstripdings erfahren, dass es in den Staaten eine neue Serie geben wird: HBO plus Mark Wahlberg plus (und jetzt [...]
February 10th, 2010 at 17:55
Ne neue Serie von Mark Wahlberg? Das hättest du mir nicht sagen dürfen. Ich kann doch nicht Woche für Woche auf ne neue Folge warten. Entourage habe ich auch an einem Weekend durchgeschaut! Und ja noch habe ich ein Privatleben ^^
Ach so meine Ohren möchten sich noch persönlich bei Dir für den Mixtape Link bedanken. Endlich wieder neue Songs auf meinem iPhone und ne weitere Rechtfertigung mir nen Größeres zu kaufen.
February 12th, 2010 at 02:19
Der Link zu mediafire ist tot :(
February 12th, 2010 at 12:20
find ich auch schade…
trost: http://www.youtube.com/watch?v=6r7Rq09PX0U
auch ganz nett oder?
February 12th, 2010 at 12:48
No worries, das Mixtape kann man auch noch über die Facebook Page laden: http://www.facebook.com/howtomakeit?v=app_4949752878
March 30th, 2010 at 09:55
[...] dem College kommt? Ist ja auch keine Seltenheit mehr, habe ich übrigens mit dem Begriff “Hipster Hop” gesegnetii, zur Zeit mein mir liebstes Genre. Bonus: die Typen wissen wie man rappt, Beats [...]
April 30th, 2010 at 11:33
[...] an dieses stringente Bild anzuknüpfen kommen wir nun zu meinem derzeitigen Lieblingsgenre, dem Hipster Hop, dem Fashion Rap, dem High Top Talk. Nach Skateboard P und K-West im Genre gab es ja erstmal ein [...]