“I’m a slave to the Absolute. That means I don’t have to be a slave to any human on earth.” Was er sagt, macht natürlich Sinn. Wenn man etwas Absolutes gefunden hat – etwas, das über allem anderen, also über alles irdischem steht – dann verliert man die Demut vor der Welt. Man verliert die Demut vor dem Tod, denn das Absolute – in diesem Fall Allah – verspricht ein Leben nach dem Tod, das viel größer ist, das viel reicher ist. Wozu das Leben mit jeglichem Müll füllen, immer auf der Jagd nach dem absoluten Glück sein, wenn es sowieso unvergleichbar ist mit dem, was danach kommt? Das Schicksal weist den Weg. Wenn alles einen Grund hat, dann gibt es keine Hoffnungslosigkeit. Das Absolute ist der Sinn des Lebens, der Sinn jeglicher Existenz.

Ich sage ihm, dass er natürlich unglaublich reif und ausgeglichen wirkt, und vor allem glücklich. Aber er korrigiert mich mit seinem verschmitzten Straßenlächeln, und wie er dann diesen typisch arabischen Laut macht, dieses “tz tz”, aber ganz schnell, und dabei seinen Finger verneinend schüttelt – das ist so sympathisch, weil es mir so nahe ist. “I am almost never happy. I suffer. I chose a very simple life, but I am tested all the time. I can’t go out with my friends and drink and have fun and not think of tomorrow. I am human, I see the things you have and I want them too. I suffer. But I know why I suffer: because I know what is ahead of me when Allah gives me the gift of the afterlife.” Natürlich kann man sich nicht einfach so dafür entscheiden, obwohl er das genauso drehen möchte. Aber was er sagt, ist durchaus eine Lehre wert, immerhin muss man ja nicht seinen persönlichen Religionsmoment finden, um trotzdem an den Punkt zu kommen. Vielleicht ist es leichter, zur Religion zu gelangen, weil sie einem in vielen Dingen schon Entscheidungen abnimmt.

“If you are always happy, you never know what it’s not like to be happy. So this cannot be the point in life. You can be happy sometimes, it is the best feeling. But you would not know if you didn’t suffer sometimes. But you need to know why you suffer, or life will be more than just life. You will be dead while breathing.” Ich sage zu ihm, dass ich das aber ein bisschen lächerlich finde, das alles so fatalistisch zu sehen. Dass er doch auch manchmal zweifelt und nicht weiß, wieso ihm das Schicksal so spielt. Natürlich sind seine antworten alle studiert, er unterhält sich ja nicht zum ersten Mal mit jemandem über das Thema. Aber er versteht trotzdem nicht, dass es mir nicht um Religion geht. Mir geht es um Zufriedenheit. Er gibt mich Recht: “If you can find what I find in Allah, you will be happy, but not the kind of happy that you expect. It’s a different shade of happy.”

Ich rede über viele Dinge – nur darüber nicht so oft. Ich rede über alles, aber darüber eigentlich nie. Darüber, wo ich herkomme und welche Gegensätze mein Leben bestimmen. Wie konfus alles ist, wenn man nicht nur zwischen zwei Stühlen lebt, sondern einen gänzlich dritten Stuhl darstellt. “I am a child of the globalized world. The only thing that gives me identity is me being a Muslim. It is something I chose. It is not something I am born into. I am French, because I have lived my whole life in France. I am also from Morroco, because this is where my roots lie. But I can’t decide, I will never decide because people have always decided for me. Being a muslim is my decision. It is my identity. It is above everything and nobody can take it away from it, no paper, no state, no jail. It is something I can always have, everywhere. In this globalized world, it connects me to the Ummah, to all my brothers and sisters. When everything fails, we always go back to tradition and belief. It is not a coincidence. It is natural for the human being.”

Ich sage ihm nicht, dass ich das bezweifle. Wenn es so wäre, dann wäre ich an einem ganz anderen Punkt, jetzt, “when all else fails”. Aber ich verstehe schon, dass er einen Weg gefunden hat, sich aus seiner Misere zu ziehen. Ich beneide ihn darum, auch wenn er mich in seiner ganzen Frömmigkeit beschämt. Er verurteilt mich nicht, aber mein Beschämen zeigt mir, dass ich mich selber verurteile – dafür, dass ich nicht so bin wie er. Dass ich Fehler mache, aber auch nur seiner Norm entsprechend. Meiner Norm, um ehrlich zu sein. Denn das ist das, womit ich aufgewachsen bin. Ich habe mich nie dagegen oder dafür entschieden, deshalb rede ich nicht gerne darüber. Es ist ein Teil von mir, den ich durchaus auslebe, wenn ich das Bedürfnis verspüre – kulturell zumindest. Aber ich habe mich nie dazu positioniert in der Hoffnung, dass es eines Tages einfach verschwindet. Und wie das so ist, wenn man sich plötzlich mit verdrängten Teilen auseinandersetzt, kann es ganz schön weh tun. Das sieht er mir an, er ist ja auch nicht dumm, auch wenn ich versuche mich bedeckt zu halten. Es interessiert mich, was er denkt. Aber es macht mich traurig, dass ich nicht vollständig ehrlich zu ihm bin, noch nicht zumindest. Er repräsentiert alles, womit ich nicht umgehen kann.

Ich frage ihn: “Do you think people can find an Absolute without Allah?”, und er sagt “Yes, of course. But today it is so much more difficult. You have Instant-Satisfaction. Everything must be now, now, now. You are hungry, you eat now. You are sad, you take drugs. You have any problems and there is an instant solution. Life is not about instant solutions, life is about nurturing your soul and your mind. You consume and consume and consume but your soul stays weak and small. Your soul does not grow up because it always gets what it wants now. By the end of everything, you will be nothing but a can filled with consumer trash, full of society codes that do not mean anything after your death and after the death of all of your friends. You leave nothing. When you were a child, it was easy to believe in everything. Now you believe in only the things you can see. And when you feel empty, you long for something that you can’t see, but nobody teaches you how to do believe. I am not saying technology is bad; I say it is not an excuse to kill yourself mentally. It is not an excuse to lose your belief and stop teaching the children the supernatural. Because virtuality is supernatural, too. You can’t touch Facebook. You can’t touch Twitter. You cannot touch communication, it is a new word and it is metaphysical. Everything has turned into spirituality. But people cannot believe in God anymore? They cannot believe something they don’t see? That is a joke.”

Er sagt das alles und ich glaube es ihm, weil er es so formvollendet darstellt. Und zugleich bin ich traurig, denn ich weiß: was für ihn funktioniert, muss nicht zwangsweise für mich funktionieren. Meine Mutter sagt immer, sie mache sich keine Sorgen, denn eines Tages werde ich den richtigen Weg finden – also den richtigen Weg zurück zu Allah. Und er sagte das genau so, wenn auch ein bisschen distanzierter: “There is a reason why you have all these questions. It means you are trying to find God. It doesn’t matter where you find it; but you are now at a point where you feel like something is missing. It is good. Your soul is trying to find it. You will find it just by this feeling. It’s nature. You can ignore it, or you can give into it. Give into it. Be unhappy. Find what you believe in. Turn off the music and the distraction and stop feeding your soul and your body with instant satisfaction when you don’t feel happy. Find things that you work for. Find things that are not instant. Principles of any kind. But I tell you: Allah has made a book for us with all the principles we need. It’s easier that way. Take the easy wait and acknowledge your destiny, but maybe your destiny is another one. It is also a test by Allah.”

Der letzte Satz widerspricht natürlich allem, was er zuvor gesagt hat. Er hat nunmal seinem Glauben, er wird davon nicht wegkommen- auch wenn er mich darüber hinweg trösten will, dass ich ihn nicht habe.

This article has 1 comments

  1. Robin

    Danke fürs Teilen dieser Geschichte.
    Ersetze Allah durch den Christlichen Gott und ich kann meinen Namen unter den blog Eintrag setzen. Gut zu wissen, dass es noch mehr Menschen gibt, denen so geht.

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