Mit dir in der Märchenkiste

Veröffentlicht March 26, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…


Lippen so rot wie dein Blut, Gesicht weiß wie meine Angst und Haare schwarz wie unser Unglück…

Du bist schon längst über die sieben Berge gestiefelt,
ganz verkatert…,
doch dein Duft ist hier geblieben.

Es war als hätte sich diesmal Schneewittchen an einer Spindel gestochen, dabei hatte sie noch den vergifteten Apfel im Hals…

Mein Herz schlief 100 Jahre in einem Schloss voll Dornen und wartete auf dich, doch jetzt wo du, mein Prinz, mich geküsst hast, sehe ich nur noch den Frosch in dir und dieser ist ganz und gar nicht königlich.
Während du den Brotkrumen hinterher gelaufen bist, habe ich von fremden Tellerchen gegessen und im finsteren Wald den bösen Wolf getroffen.

Er hat ein paar mal kräftig gepustet bis das Backsteinhaus in dem das Gefühl für dich wohnte, gänzlich in sich zusammen fiel. Jetzt liegt es begraben in einem gläsernen Sarg.
Der böse Wolf nahm mich mit: die fiese Stiefmutter lud uns zum Essen ein, wir erschreckten die sieben Gaislein, lachten viel und oft. Ich hielt sogar seine Hand während wir in den Brunnen fielen, naiv genug zu glauben, dass die Steine in seinem Magen tiefe Gefühle für mich waren.

Nun stehst du allein vor dem zuckersüssen Lebkuchenhaus gebacken aus allerhand “Warums” und hast doch kein Spieglein an der Wand um es zu befragen.

Diesmal gibt es keinen Hans im Glück, dafür umso mehr hässliche End – lein. Es ist so hässlich allein…

Es war einmal eine Fast-Prinzessin, die keine sein wollte.

von elv

 
 

Auf dem Dach

Veröffentlicht March 20, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Ich sitze auf dem Dach. Die Sonne geht unter. Meine Haare werden leicht von dem sommerlichen Wind mitgerissen. Die Augen fokussieren keinen bestimmten Punkt. Sie schauen in die Leere. Ab und an blinzeln sie dann von alleine, ohne das ich es mitbekomm. Ich bin in den Gedanken sowieso ganz woanders. Mein Kopf ist voll. Voller Probleme, Sorgen, Nöten. Und ich weiss nicht, ob ich das alles jemals packen werde. Zusammen packen werde. Alleine packen werde. Ich weiss es nicht.

Ich lasse mich nach hinten fallen, die Wolken über mir haben die dunkel-goldene Farbe der Sonne angenommen und es formen sich wilde Spielereien. Mein Brustkorb hebt und senkt sich im Takt des ratternden Motors, der leise vor sich hinsurrt. Das hat schon fast eine hypnotische Wirkung. Wäre ich jetzt so ein wunderheilender Heini aus dem Fernsehen von einem tollen Lustigen Sender wo man ganz schnell sein Geld verlieren kann, würde ich mich jetzt mit „Ey Bob.. Isch habe die ultimative Mention gefunden um mich voll frei zu fühlen“ betiteln. Da ich aber durchaus mehr Niveau hab als die, lasse ich es, kann ein Grinsen jedoch nicht unterdrücken. Ich breite meine Arme aus und blicke gen Himmel. Meine Gedanken liegen immer noch bei meinen Sorgen und Nöten, sie werden sogar gerade ein wenig schlimmer. Mein ganzes Leben habe ich versucht es allen recht zu machen. Ich wollte immer die Anerkennung, die mich zu einem glücklichen Kind macht. Leider wurde mir das mit 11 Jahren einfach so entrissen. Aus Kind wurde Erwachsene. Die Jugend war ausgeschlossen. Sie war einfach ausradiert. Sie bestand aus nicht viel. Sie bestand eigentlich nur aus mir und der Musik und der Welt der Literatur, des Schreibens. Ich konnte die Gefühle schon immer besser aufschreiben, als sie jemanden ins Gesicht zu schmettern. Das einzige, was ich lernen musste von Haus aus „ Niemand darf dein Inneres sehen, verschließe dich so gut es geht, sei hilfsbereit und denke erst als letztes an dich“. In der Zwischenzeit habe ich auch ein wenig dazu gelernt und verschließe mich zumindestens nicht mehr vor allen Leuten. Jedoch vertrauen finden ist immer noch so eine Sache. Es ist, als wolle mein Leben mir zeigen, das es die Jugend nachholen möchte. Nun, es ist jedoch hierfür zu spät. Vielleicht lern ich das auch noch.

Aber wenn ich mein ganzes Herzblut zusammenstecke und mir meine Ziele immer vor Augen halte, dann schaffe ich es. Dann schaffe ich das, was man mir immer vorwirft es nicht zu haben. Dann zeige ich meiner Welt den nackten Arsch und jeder der dann angschissen kommt, der hat es nicht anders verdient, als ignoriert zu werden. Mein Weg wird erreichbar sein, egal durch wie viele Täler ich noch gehen muss und mit wie vielen Existenzskrisen ich mich noch rumschlagen muss. Meine Gedanken kreisen Richtung Mittelpunkt meiner selbst.

Aufgeregt durch die vielen Gedanken ist mir gar nicht aufgefallen, das es bereits dunkel geworden ist und die Sterne aufgegangen sind. Ich stehe auf. Schüttel die Kiesel von meinen Klamotten, nehm mir den Rest Astra Rotlicht in die Hand, schnipp den Zigarettenstummel weg und begebe mich auf den Weg nach unten. Aber nicht bevor ich meinen Mittelfinger Richtung Horizont strecke und verschmitzt mit gesenktem Haupt lächele.

Le Fuck.

 
 

Frühlingskippe

Veröffentlicht March 15, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer und um das alles zu begreifen
wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.

Ich stehe auf dem Balkon. Es ist Frühling, noch nicht wirklich warm, aber warm genug, um eine Weile im Sonnenlicht zu stehen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Ich blicke an den dreckigen Betonwänden des Plattenbaus gegenüber vorbei auf das erste aufkeimende Grün des dahinterliegenden Parks und mache mir Gedanken darüber, wie oft ich diesen Weg in den letzten drei Monaten zu dir gegangen bin.

Meine Lippen sind trocken, der Balkon ist dreckig und unten tragen die ersten Alkoholiker ihre Pfandflaschen zum Supermarkt um die Ecke. Die Sonne scheint, ich möchte einen Schnaps. Stattdessen zünde ich mir noch eine Zigarette an. Wie lange stehe ich hier schon?

Ich habe Hunger. Wir haben noch nicht gefrühstück oder geduscht. Dein Geruch liegt noch auf mir und das leichte Brennen an meinem Hals zeugt von deiner rastlosen Stutenbissigkeit, mit der du mich durch die Nacht getrieben hast.

Ich drehe mir langsam eine weitere Zigarette. Unten auf der Straße spielen Kinder in Anziehsachen, die ihnen ihre Eltern bei billigen Kleidungsdiscountern gekauft haben. Ich höre den Hund von Simone aus der Wohnung im ersten Stock bellen und denke mir, dass sie sich bestimmt über einen gemeinsamen Kaffee freuen würde. Man kennt sich.

Mich fröstelt ein wenig. Trotz der Sonne ist es doch kalt genug, dass ich eine Gänsehaut bekomme, während ich, unter dem Versuch meine Fassung zu bewahren, in meinen Taschen zum wiederholten Male nach meinem Feuerzeug suche. Manchmal sind Automatismen das einzige, was einem in bestimmten Situationen bleibt.

Drinnen höre ich dich lachen. Ich inhaliere so tief, dass mein Magen rebelliert und ich meine ganze Kraft darauf verschwenden muss meine grüne Galle nicht über die Balkonbrüstung zu entleeren.

Langsam spüre ich, wie die Taubheit der letzten Minuten von mir weicht, welche bis dahin noch Kontrolle versprochen hat. Meine Augen erden feucht und ich versuche mich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, um dem Drang der Tränen nicht nachgeben zu müssen.

Die Balkontür hinter mir wird zu einer Mauer, deren Höhe und Breite sich meiner Wahrnehmung entzieht. Was allerdings durchdringt ist deine Stimme und ich zwinge mich, den Blick in Blocktristesse des Ghettos gerichtet, einen weiteren Zug zu nehmen.

Ich zittere, nicht nur vor Kälte, stehe rauchend im Frühlingssonnenschein und warte darauf, dass du endlich aufhörst mit ihm zu telefonieren.

 
 

X/Y

Veröffentlicht March 5, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Es sind diese absurden Momente, Tiefpunkte, die extremen Momente in denen man plötzlich begreift. Das Gefühl absoluter Klarheit. X und ich. Die Augenblicke sind endlos. Der Glanz ist verschwunden. Und du, X du siehst gelangweilt aus.

Y: Was ist das X, was verdammt nochmal, ist das?

Du siehst mich an. Aber du hörst mich nicht. Ich fange an X zu schütteln.

Y: Wir X, was bedeutet das, wer sind wir, was?

X: Hör auf damit. Hör auf mit deinen Schubladen, deinen Definitionen, deinen beschissenen Erwartungen. Wir sind Nichts, Y. Wir sind unendlich im nichts. Bedingungslos. Bedeutungslos. Freiheit, Y.

Y: Bedingungslos. Bedeutungslos. Ist das Liebe, X? Du wirst mich fallen lassen in deiner Bedeutungslosigkeit. Freier Fall mitten in das verfickte Nichts. Du reißt die Teile aus mir, die dir gerade gefallen. Deine beschissene grausame Willkür. X, du bist ein Heuchler. Weißt du das, du der Weltenretter. Pamphlete gegen die Ungerechtigkeit, die Konsumlust. Du bist nie satt. Du bist der gierigste Konsument. Rücksichtslos. Du hast nie gelernt zu geben, X. Du nimmst. Du sagst mir, du bist Egoist. Das bist du. Siehst du, was du angerichtet hast, X? Ich bin zerbrochen in die Stücke, die du aus mir gerissen hast. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin X. Es sind so viele Ich. So viele Splitter. Erzähl mir nichts von Definitionslosigkeit. Du definierst deine Welt. Du hast mich verschwendet, X. Es geht um dich, X nur um dich. Verstehst du das? Du belügst dich selbst. Nur hör endlich auf es Liebe zu nennen.

X: Hör auf. Ich liebe dich doch. Diesen Moment. Du willst alles, aber ich kann dir nicht alles geben. Verstehst du das, Y? Es gibt keine Ewigkeit, es gibt keine Erfüllung. Keine Vollkommenheit. Nichts ist perfekt, Y.

Y: Du weißt nicht wovon du redest, X. Wenn ich ein Messer hätte, X. Ich würde es dir in dein Fleisch stoßen, damit du verstehst was Schmerz ist, X. Damit du fühlst was Hass ist. Und damit du begreifst was Liebe bedeutet. Deine, unsere “offene Beziehung”, X? Wir haben keine Beziehung X, wir haben nichts. Nichts außer die Bedeutungslosigkeit. Die Leichtigkeit. Und ich hab mich darin verloren, X. In dir verloren. Du hast die Grenzen verwischt, als du von mir genommen hast. Du frisst und frisst, deine endlose Gier, du bist nicht bedingungslos, X. Du bist, der der alles will. Alles und du hast es genommen, X. Du hast mich ausgesaugt, mich zum Produkt gemacht. Monster! Monster! Und während du deine Zähne in mein Fleisch geschlagen hast, hast du mich angesehen und hast es Liebe genannt.

Y wird gehen. Irgendwann. Noch braucht sie X. Sie wird ihre Selbstaufgabe als Hingabe, Leidenschaft, Kunst sehen. Aber es wird sie zerstören, und sie weiß es. Stück für Stück wird sie sich verlieren. Und irgendwann wird X satt sein, und von Y werden nur noch Teile beliben. Y wird sich betrachten -auseinandergerissen, verloren- sie wird langsam lernen, wie es ist sich zu lieben. Sie wird lernen, wie es sich anfühlt, frei zu sein. Sie wird den freien Fall als Freiheit begreifen. Sie wird sich hassen, ihre Schwäche, ihre Sehnsucht, sie wird sie hassen die Abhängigkeit. Bis sie begreifen wird. Sie will fallen, und wenn sie am Boden angekommen ist wird sie nach oben sehen. Sie ist schon so oft hier gewesen. Sie kennt den Abgrund. Und sie kennt das Schimmern, das in der Ferne zu sehen ist. Irgendwo. Y wird es finden. Irgendwann.

Sie nennt es Ambivalenz, sie sagt sie kann ihr Leben nur leben, wenn sie noch weiß wie es sich anfühlt zu fallen und zu lieben. Wieder und wieder. Kunst nennt sie es. Liebe vielleicht.

Autor: Anonym

X/Y · Kategorien: Restrealität · 3 Kommentare
 
 
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