Einfach mal Kontrolle über das erringen, gegen das man immer machtlos sein wird: die verfluchte Zeit – die Nemesis der Gegenwart, die ohne Unterlass Rache an dir verübt und auf den Bewertungsskalen deiner Gedanken und deines Handelns (und Nicht-Handels) ihren ganz eigenen emotionalen Abdruck hinterlässt. Mann, sie ist stets bereit zu reagieren um dann doch nur wieder der eigene Film mit Werbepause zu bleiben. Sie ist und bleibt unkontrollierbarer Luxus – eine Erkenntnis, die einen regelmäßig erleuchtet ohne dass man aus ihr schlau wird.
Mann, was gäbe ich darum, diesen verdammten Dolorean vor meiner Tür stehen zu haben.
Fragen, die mich seit Monaten sehr beschäftigen und auch hin und wieder quälen: Wo ist meine Zeit geblieben und wie kann ich sie mir zurückerobern? Wie kann ich Kontrolle über die fehlende Zeit gewinnen, die doch unkontrollierbar bleibt? Wie kann ich verhindern, dass der Mangel an Zeit, das Schwinden der Freizeit mein Leben verändern?
Ich weiß auf diese Fragen keine Antworten, was wirklich ziemlich erschlagend ist, wenn man seit Monaten daran arbeitet, seine Alltagsmechanismen zu verstehen um dann daraus das beste für sich und sein soziales Umfeld zu machen.
Ich glaube fast, dass dieses Unterfangen unmöglich sein muss. Der perfekte Zeitpunkt um sich damit anzufreunden, dass das Leben wirklich nicht einfach ist.
Angefangen hat das letztes Jahr im September. Mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin. Und es ist lustig, dass ich schon jetzt zu Beginn das Wort „ehemalig“ benutze. Das ist so ähnlich, als würde ich mit „Sechs Wochen später“ ein ultrageiles Intro hinlegen.
Wie dem auch sei und wie ich gerade schon erwähnte, begann das alles letztes Jahr im September. Meine Mitbewohnerin zog ein, vermutlich der Prototyp eines Menschen, den man den ganzen Tag nur im Schwimmbecken unterstuken möchte. Und wenn es einen Ohrfeigenbaum geben würde, dann würde man sie unter dem Vorwand eines Picknicks da hin locken, wo Ohrfeigenbäume eben so wachsen würden und würde kräftig an eben diesem schütteln. So. An sich ist sie ein ganz netter Mensch, attraktiv, Anfang 20 und so. Wäre da nicht dieses Fremdschämen. Und wie das Fräulein Neuro vorgestern schon wirklich gut auf den Punkt gebracht hat, ist das mit dem Fremdschämen immer so eine Sache, wenn man zugeben muss, dass das was fremd ist, man höchstpersönlich selbst ist.
Woher kommt das eigentlich, dass Menschen, die glauben tolerant und absolut aufgeschlossen zu sein, nicht das sind, was sie so den lieben ganzen Tag glauben? Es gibt auch so Leute, die sagen, ja, erzähl mir mehr davon oder gib mir mal auch ein bisschen Speed auch wenn wir uns nicht kennen, damit ich später nicht mehr kontrollieren kann, was ich tue. Und ja, das ist genauso gut, wie regelmäßig „DSDS“, „We are Family“ oder „Bauer sucht Frau“ zu gucken um dann ironisch darüber zu reden und zu spotten und zu sagen, ja, ich guck das, weil es so völlig trashy ist und ich nehme das alles ja nicht ernst und bin so klug zu wissen, dass es Müll ist.
Warum ich das alles jetzt so ohne den Beweis für einen Ohrfeigenbaum schreibe? Weil ich gerade leider über etwas spreche, dass praktisch vor meinen Augen passiert ist. Und es tut mit wirklich leid, liebe ehemalige Mitbewohnerin, aber du bist jetzt der Prototyp für mich, was aber nicht schlimm ist, weil es mittlerweile viele Leute gibt, die so sind wie du. Leute, die Neil Postman schon mal gehört haben, aber im Grunde sich mit nichts und niemanden beschäftigen wollen.
Es sei denn es hat Titten oder einen Schwanz und „will momentan einfach auch mal an sich denken“. Oder ist unerreichbar oder so. Die Klassiker eben. Nach der schweren Zeit und so.
Und ich saß von September bis Dezember in meinen eigenen vier Wänden und habe mit angesehen, wie ein kleines Mädchen eine Erwachsene gemimt hat. „Irgendwas mit Menschenrechten später“, sagte sie und adoptierte im Oktober prompt einen kleinen Jungen in Thailand. Also nicht so richtig. Eher so im Sinne des westlichen Ablasses: fünf Euro pro Monat spenden. Und den kleinen Jungen wollte sie dieses Jahr sogar besuchen. Reise gebucht, aber den Weg zum Adoptivkind doch nicht mehr eingeplant, weil da irgendwo ein riesiges Elektrofestival steigt, wo ganz viele Briten sind. Globetrotter, die einfach mal wichtiger sind, als die ganzen kleinen Bratzen mit den Fliegen im Gesicht. Fünf Euro, Junge, ich bin Student und „muss einfach auch mal an mich denken“. Verstehste.
Ich schäme mich auch dafür, wie ich vor einigen Jahren war. Aber so war ich nie. Und nein, sie ist kein Extrembeispiel, meine liebe ehemalige Mitbewohnerin, die mit ihrer schicken großen Rahmenbrille die ganze Welt umarmen würde, wenn sie was zu geben hätten, was nützlich ist. Speed, oder coole Tipps für Partys, oder einfach mal Impulsideen, wie nach Afrika fahren um einen Brunnen zu bauen, falls ein UNICEF-Dorf weiter eine geile Party steigt.
Und wieder gebe ich dem Fräulein Neuro recht, wenn sie schreibt, dass viele sagen, man müsse zu Dingen stehen, die man getan hat. Als man noch ein bisschen, jünger, naiver und völlig unverträglich für so ziemlich das Meiste war. Man solle zu Fremdschämen stehen und das ehrlich finden. Und ja, auch ich bewundere Menschen, die von sich behaupten können:
„Ich habe nichts in meinem Leben bereut und ich würde es wieder GENAUSO machen. […] Und wenn ich mal einen Fragebogen ausfüllen würde, der unheimlich entlegene Aussagen von mir erwartet, würde ich auf die Frage ‘Welche lebende Persönlichkeiten bewundern Sie’ genauso antworten: Alle, die nichts in ihrem Leben bereut haben.“
Was mich an der ganzen Sache irgendwie so traurig macht, ist, dass viele glauben, man könne mit Kalkül durch das Leben gehen. Man schiebt einfach die Verantwortung zu dem nächsten Idioten. Soll er doch damit umgehen. Mit dem, was ich will und darstelle, aber nicht bin oder sein kann, weil ich ein verfluchter Spaßtourist in meinem eigenen Leben bin.
Ja, hinterlasst eure Schneisen der Verwüstung! Keine Verwüstung im Sinne von sichtbar, sondern die fiese Sorte, die sich wie emotionaler AIDS über alles und jeden legt, wenn man nicht reif genug ist. Bescheißen wir Leute, emotional! Machen wir Drama, indem wir uns auch nach Jahren in das Leben des Exfreundes einmischen! Versuchen wir zu glauben, dass es nicht schlimm ist, alle Erfahrungen mal auszuprobieren um wirklich alles zu lüften! Jedes verfluchte Geheimnis.
Wann habe ich angefangen mit dem Kopf zu schütteln? Noch nicht allzu lange her. Ich will zu wirklichen vielen Leuten sagen, hör auf damit, so wie du dich verhälst und so wie du lebst, ist das einfach rücksichtslos. Aber hey, ich sage es nicht. Weil es ist ja jedem freigestellt, so zu leben wie er das möchte und sich vorstellt, richtig? Auch wenn das heißt, dass man sich für die wirklichen Dinge nicht interessiert. Wichtig ist: Respekt, Rücksicht, ein bisschen Empathie, den Willen, Dinge zu verstehen und nachzuvollziehen. Wichtig ist auch: Die Idee „Dinge erleben, verstehen und verarbeiten“ ist kein Universalfreischein alles zu machen, was man in seinem Weltbild für richtig hält. Und vor allem: Scheiße ist, wenn man beim „Dinge erleben, verstehen und verarbeiten“ die Kette schon nach „erleben“ abbricht. Verweilen ist nicht.
Nein, niemals das Leben anderer beurteilen, richtig?
Ich schäme mich fremd. Für meine ehemalige Mitbewohnerin und alle, die glauben dass das Leben ein Freizeitpark ist, indem die Neugier für eine Sache so kurzweilig ist.
Eigentlich ist das keine Neugier mehr. Es ist einfach nur gar nichts mehr. Nichts. Einfach nur Anschlag in den Mund, schön kotzen und sagen, ja, hat weh getan und so.
„Ja, hat weh getan und so“. Danke für das Teilen von Aspekten, die auch du lieber Prototyp nie begriffen hast. Konsumieren und Begreifen. Ist wie mit Neil Postman und dem (Unterschichten-)Fernsehen, frei übersetzt: Das Leben mit künstlicher Neugier und dem Drang „Schnell, weg, schnell weg“ ist nicht für Idioten gemacht. Es erzeugt sie.
Unter den Ohrfeigenbaum mit der ganzen oberflächlichen Scheiße, ihren Anhängern und Akteuren.
Das ist Felix Römer. Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, dann muss man still sein, verkneifen, was im Kopf rumort. Oder in der Pumpe. Schweigen, wenn das Widerwort wider willen Befreiung sucht.
Bitte hört ihm gut zu, denn es gibt nichts mehr dazu zu sagen:
Lassen wir die Ausflüchte. Ich war in letzter Zeit sehr inaktiv. Grund dafür war mein 25. Geburtstag, der mich mit dem Gesicht auf den Boden gedonnert hat: “Ey, 30 ist näher als 20. Deine Geheimratsecken werden größer, du hast jetzt zwei Haare auf dem Rücken, an einigen Stellen werden die Haare schon grau. Quarter-Life-Crisis.”
UPDATE: Ich kann gar nicht sagen, wie heftig geil das Konzert gestern war. Aber triggern wir mal kurz die Stimmung an:
Dann musste ich mir auch noch eine neue Wohnung suchen, da einer meiner WG-Mitbewohner durchgedreht ist. Nach einer kleinen Schlägerei und vielen bösen Worten habe ich den Entschluss gefasst auszuziehen, damit er mir nachts nicht die Kehle durchschneidet oder ich ihn verbrenne. Ich hasse ihn. Er ist ein psychopathischer Misanthrop. Wut beiseite.
Find mal eine Wohnung in Jena, einer Stadt, die völlig überbevölkert ist, in der es kaum Mietangebote gibt, man sich mit 50 Mitstreitern um ein Zimmer in einer WG prügeln muss, ein demütigendes Casting nach dem anderen. Aber ich wurde fündig. Berliner nehmen mich auf. Ich bin Berliner, die sind Berliner. Das Jahr geht gerecht zu Ende.
Und weil der ganze Stress an mir Spuren hinterlassen hat, habe ich vor Monaten schon präventiv das große Ausrasten gekauft. Heute Abend ist es soweit. Rammstein und ich. Und mein Dad. Es wird viel Nasenbluten geben. Und blaue Flecken. Und Feuer. Bämm-Bämm.
Die meisten scheitern an Erwartungsbildern. Weil das Zusammensein mit einem Menschen irgendwann einen Namen bekommt: Eine Beziehung. Wunsch und Panik. Und weil das irgendwann so heißt, hat es so und so zu laufen.
Kein schlimmes Ende, kein hässliches Ende, aber ein sehr schmerzhaftes Ende. So schmerzhaft, wie es sein kann, wenn man irgendwie erwachsen geworden ist. Ich – oder auch wir – sind am Ende immer irgendwie über unsere Erwartungsbilder gestolpert. Oder wir haben schlichtweg das Interesse, den Flow für den Anderen, für das Sichere, für das Vertraute verloren. Mit Wohlwollen oder einfach nur wegen der allgemeinen Vergesslichkeit, die eintritt, wenn man mit Menschen lebt.
Man vergisst verdammt schnell, dass keine Beziehung wie ein Hollywood-Streifen abläuft und schon gar nicht so, wie die von das Glück auskotzenden Freunden, die im Übrigen auch nie besser oder schlechter dran sind, als man selbst. Zu den Erwartungsbildern, die sich verflucht hoch auftürmen können, die der Physik am Fundament trotzen, das einfach nicht so stehen kann, so wie es da wackelt, ja, zu diesen Erwartungsbildern vergleicht man auch noch.
Nie mehr muss sich Rauch wieder legen. Auch der Status Quo ist Geschichte. Irgendwie und irgendwann hat man aufgehört darüber nachzudenken, wie es war, als man noch glücklich war. Daran wollen oder können sich die Wenigsten erinnern, wenn sie ihr Erwartungstürmchen und das letzte bisschen Verständnis für das Denken und Fühlen des Anderen wegfegen: Grau-staubiger Beziehungskehricht aus der Vergangenheit in strahlender Frische der Gegenwart. Bitte mit Drama, wenn es geht, und mit Vergessen des Umstandes, dass irgendwer alleine eine Entscheidung getroffen hat.
Es gibt da drei Dinge, über die es sich lohnt – wie ich finde – nachzudenken:
1. Macht man es sich zu leicht? Wenn alles schon so furchtbar schwer sein muss, dann sei es doch einmal gestattet, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Oder machen es einem die Anderen zu schwer? Oder doch vielleicht genau andersherum? So ein ehrlicher Umstand ohne Mittelweg?
Liebe – großes Wort – ist nun mal keine Verpackung, die man wegwirft, weil man glaubt, der Inhalt sei verloren gegangen. Diejenigen, die das tun, verlieren sehr viel, wenn sie nicht mehr auf pubertäre Albträume angewiesen sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die mit so einem Verhalten mehr Liebe verfeuern, als andere in ihrem ganzen Leben erhalten. Erwartungstürme und Trophäen sind voll nicht gut.
2. Man ist mal ganz furchtbar auf die Schnauze gefallen, wurde hintergangen, betrogen, abgeschossen, einfach ganz mies behandelt, redet sich danach ein, keine Lust mehr auf eine Beziehung zu haben und scheitert aber genau an dieser komischen Vorstellung über Erleuchtung. In einer Sache läuft vor allem Folgendes falsch: Man ist der Meinung, man müsse geliebt werden, weil einem vorher ja so was Schlimmes passiert ist.
(Oder man will prinzipiell keine Beziehungen, weil entweder nur Ficken in die Tüte kommt oder eben die Erleuchtung über sich und seine Wünsche und auch Erwartungen noch ausgeblieben ist).
Dazu gibt es eigentlich auch gar nichts Schlaues zu formulieren. Das sind einfach nur Geschichten, Geschichten des Lebens und so, die auch in diesem Fall ein jähes Ende finden, weil man eingesehen hat, dass man was ändern muss. Und zwar bei sich selbst, wenn man nicht möchte, dass sich die Dinge wiederholen. Wiederholungen passen auch nicht zum Finden des Glücks.
3. Man muss sich selber aus der Scheiße ziehen. Und dann vergisst man diese blöden und naiven Flausen im Kopf, die einem ohne Unterlass einreden wollen, dass es eine viel spannendere, komplexere, erleuchtendere, intensivere und tiefergreifendere Antwort gibt, als diese hier:
Man sollte sich nicht mit der Vergangenheit vergleichen oder mit mit anderen Menschen. Andere Menschen sind anders, weil sie anders sind. Dafür, dass sie anders sind, sind sie ja andere Menschen. Wir sind wir – für immer und in alle Ewigkeit. Und das muss man so easy schlucken, wie es sich anhört. Was auch ganz einfach klingt: Man muss sich dabei treu bleiben mit allen Macken, Ängsten und Spinnereien. Derjenige, der das mitmacht, der ist genau Derjenige, der zu einem passt. Punkt.
So was geht im Drama schnell unter oder wird unter den zusammenpurzelnden Erwartungstürmen begraben. Begraben unter einer grau-staubigen Schicht Beziehungskehricht. Und so.
Alles andere ist zwischenmenschlicher Zufall und ungünstige Sternkonstellation. Oder ein Mensch, der am Ende einer Beziehung in den Irrwegen der Zeit seine Liebe verloren oder verletzt zurückgelassen hat. In der Brust pocht es: Bumm Bumm. Frei übersetzt heißt das: „Ich war da…!“
Kann sein, dass es an der derzeitigen Jahreszeit liegt, aber zunehmend suche ich nach geschmeidigen Sachen, wobei mir Mayer Hawthorne den Einstieg in den Herbst schon erheblich erleichtert hat. Durch einen Freund wurde ich heute auf Jonathan Jeremiah aufmerksam (siehe auch die wirklich nette Website). Und da kann ich nur von Dankbarkeit sprechen.
Dieses Jahr war irgendwie ein gutes Jahr für smoothe Besänftigungsmusik – Broken Beats. Und Jonathan Jeremiah, dessen ersten beiden EPs bei Island Records erschienen (ehemaliges Independent-Label aus Jamaika, das unter anderem auch Bob Marley hochzog), trifft diesen ganz besonderen Nerv. Vor allem der großartige Song „Happiness“, der vor kurzem als EP erschienen ist, klingt wie eine bittersüße Hommage, wie ein Liebesbrief an die geschmeidige Seite des 70er-Jahre-Radio-Pops. Empfehlenswert sind in dem Zusammenhang auch die Remixes des Tracks (Quite Village Remix & Morgan Geist’s Port Authority Remix). Großer Stoff.
Auf die erste LP, das Debut, warte ich jedenfalls gespannt. Klingt auf jeden Fall nach wirklich geilem Scheiß. Und auch wenn der Dude aussieht wie Jesus, tut es! Hört es euch an!
Ein bisschen beneide ich ja schon die Leute, die das Glück hatten ihn dieses Jahr auf dem Haldern Pop zu sehen. Bängeräng.
Da ich momentan nikotinfrei lebe, durchlaufe ich die verschiedensten Stufen der Vorhölle, zu denen auch Alpträume gehören. Manchmal können selbst die besten Chancen zu einem Inferno aus Schmerz, Tränen, Hölle und Florian Silbereisen mutieren. Es gibt exemplarisch Situationen im Leben eines Mannes, da kommt es darauf an, Eier zu zeigen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Beispiel wenn Platz 2 auf der Liste der Jackpots Realität wird: Zwei Frauen kommen sich in Anwesenheit eines Mannes näher, so richtig mit nackt und so. Dass es aber nicht einfach ist Platz 1 der Jackpot-Liste in die Tat umzusetzen, soll in diesem Zusammenhang folgende wahre Geschichte aus meinem jämmerlichen Leben erklären.
Es war ein verdammt warmer Juni-Abend im Jahr 2006, als ich Besuch von einer äußerst attraktiven guten Freundin aus Bayern bekam. Fünf Jahre kannten wir uns zu diesem Zeitpunkt schon. Sie selbst würde sich als eine bisexuelle Frau mit Tendenz zur lesbischen Liebe beschreiben. Als wir uns kennen lernten, hatte sie gerade eine heterosexuelle Phase und es knisterte zwischen uns. Leider war ich 2001 erst blutjunge 17 Jahre alt und sie 22. Das war eine Nummer zu groß für mich und meinen Penis. Mutti hatte noch zu 70 Prozent die Fuchtel über B und das war nur zu zwei Prozent cool für sie. Wir beschlossen gute Freunde zu bleiben und wurden quasi seelenverwandt.
Zurück zum Juni-Abend 2006.
Damals studierte ich noch in Jena. Und da in dieser Stadt auch eine gute Freundin von ihr wohnte, wollte sie mit ihrem Besuch gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen. Wir trafen uns alle. Die Bekannte meiner guten Freundin brachte noch eine unbekannte gut aussehende Schwarzhaarige mit. Und die war eine Lesbe. Zu 110 Prozent. Sie hat mich zur Begrüßung angespuckt, was ich unter dem Gesamtumstand äußert gut fand. Aber: Wir verstanden uns an dem Abend alle Bombe, tranken Alkohol, aßen Curry-Hühnchen mit Couscous und quatschten bis in die Nacht. Zwischen meiner Bekannten und der Schwarzhaarigen funkte es bereits beim Kochen. Also dachte ich, mach einfach heimlich mehr Curry und Chili ins Essen, soll ja die Libido tunen, wie man munkelt. Seltsam, wie das Männergehirn aussetzen kann, wenn es um lesbische Liebe geht.
Dann saßen sie auf meiner Couch nebeneinander und flirteten. Ich goss nach. Immer wieder. Aber nichts passierte. Das ist so typisch. Man denkt als heterosexueller Mann in einsamen Momenten solche Situationen immer wieder durch. Aber wenn dieser mehr als unwahrscheinliche Fall dann real wird, steht man ohne richtigen Plan da. Das einzige wozu man fähig ist, ist Nachzugießen und das Essen stärker zu würzen. Ich meine, irgendwo muss man ja subtil bleiben. Wenn sich Frauen näher kommen, dann ist das so als würde man im Wald ein Reh treffen. Rehe kann man zwar nicht wirklich abfüllen oder deren Nahrung stärker würzen, aber sie haben eine Gemeinsamkeit mit Frauen, die sich näher kommen: sie sind scheu. Nur eine falsche Bewegung, ein Mucks und sie hauen rein. Das wollte ich mir nicht durch die Lappen gehen lassen.
Die Stunden vergingen, die Anspielungen zwischen den beiden Damen wechselten das Ufer: Zweideutiges wurde Eindeutiges. Aber mehr passierte nicht. Uncool, langweilig. Ich wurde schwer betrunken müde. Die Freundin meiner Bekannten ging. Die Schwarzhaarige blieb. In meinem Kopf kippte ein Glas Milch um, ebenso ein Sack Reis irgendwo in China. Deprimiert beschloss ich meinen Plan abzubrechen. Also legte ich den größten Abturner aller Zeiten in den DVD-Player: Ken Park von Larry Clark.
Am Fußende meines Bettes lag noch eine große Matratze, auf der es sich die lahmsten Lesben der Menschheitsgeschichte bequem machten und den Film sahen. Ich lag betrunken und enttäuscht in meinem Bett und schlief ein. Ich hatte nicht das Bedürfnis im Fernseher einen Typen zu beobachten, der sich beim Wichsen mit einer Sportsocke stranguliert und sich an Frauentennis aufgeilt. Auch wenn das mein Leben auf den Punkt gebracht hätte. In dieser Situation.
Nicht viel später wurde ich durch Geräusche vor meinem Bett wieder wach. Stöhnen und Schmatzen. Ich Vollarsch hatte mich beim Einschlafen natürlich so beschissen positioniert, dass ich rein gar nichts sehen konnte. Ich lag auf der Seite und schaute mir die langweiligste Wand aller Zeiten an, unter meinem Körper mein eingeschlafener Arm. So muss sich der gute Moritz Bleibtreu in Lola rennt gefühlt haben, als er den Koffer voller Cash in der U-Bahn verpeilt und seine 100 000 DM wegfahren sieht. Mir war nach Heulen und Freuen gleichzeitig zumute: Freulen.
Ich dachte:
„Was machst du jetzt? Ich meine, du kannst dich nicht rühren, die hören dann sicher erschrocken auf… und machen Hau Reinski. Oder vielleicht auch nicht… die treiben es gleich vor deinem Bett und wissen, dass du nur einen Meter weiter liegst. Die wollen doch, dass ich das mitbekomme. Miststücke. Okay… okay… bleib gaaaaaaanz ruhig, versuche dich so zu drehen, dass du quasi keinen Mucks dabei machst… ach scheiße, dass schaffst du niemals, du bist viel zu aufgeregt und wie sieht das dann aus, wenn sie dich dabei erwischen in eine Spanner-Position zu kommen. Wenn du zu langsam bist, dann kriegst du das beste auch nicht mehr mit… Scheiße… sie hat MACH DA WEITER gestöhnt… mach was, B, nimm irgendwas aus deinem Repertoire, nur mach was, du dämlicher Loser. Kacke… an meinen Puller komme ich auch nicht ran… VERFLUCHT, ICH KÖNNTE MIR IN DEN ARSCH TRETEN… boah, wäre das jetzt deluxe, wenn jetzt einfach das Licht angehen und der Song MOVING IN STEREO von THE CARS im Hintergrund einsetzen würde… Ob ich einfach aufstehen und was ganz Schmieriges sagen sollte? Vielleicht lassen sie dich ja mitmachen… OOOOOOAR… das wäre geil… 5, 4, 3, 2, 1………… FEIGLING, DU GOTTVERDAMMTER FEIGLING… Ich hasse dich.“
Zehn Minuten später war dann alles vorbei. Ich versuchte noch das Beste aus diesem verlorenen Moment zu machen und rieb meine Leistengegend still und leise am Spannlaken, aber da der Knopf meiner Schlafbuxe zwickte, war auch das nur bedingt angenehm. Offensichtlich hat das Schicksal es mir besorgen wollen. Ich hätte genauso gut in das Büro des Schicksals gehen, mir die Hose runterziehen, mich über den Schreibtisch beugen, mit gespreizten Beinen die Pobacken auseinander ziehen und sagen können: „Bitteschön, liebes Schicksal, steck ihn mir schön tief rein“. Ich kämpfte noch kurz mit den Tränen, der Wut, dem Halbsteifen. Es war vorbei… einfach vorbei.
Was wäre passiert, wenn ich da hätte mitmachen dürfen? Vermutlich wäre ich zwischen ihren Brüsten/Beinen wimmernd und zuckend zusammengebrochen und wäre drei Tage lang bewusstlos geblieben. Hirnschlag, Penisinfarkt, oder so.
Es war die schlimmste halbe Stunde meines Lebens. So zermürbend. Ich war so nah dran. In solchen Momenten zeigt sich, was man wirklich von sich halten kann. Das war ein ganz armes Zeugnis, dass ich mir am nächsten Morgen beim Frühstücken ausstellen musste. Was habe ich daraus gelernt? Ich habe gelernt, dass im Leben eines Mannes 30 Minuten Jackpot existieren. Wenn man die nicht nutzt, dann hat man das Leben nicht verdient.
Mein Penis bestrafte mich mit zwei Monaten erektiler Dysfunktion. Hatte ich verdient. Wenn ich mein Penis gewesen wäre, hätte ich zehn Jahre daraus gemacht.
An diesem verpassten Hauptgewinn knabbere ich noch heute. Nur das Weinen hat aufgehört.
S liegt mit Tanga in Spanien in der Sonne, trinkt aus Eimern Sangria und knallt betrunkene Briten. Und ich war vor einer Woche da, wo man vor einer Woche auch hätte sein müssen: in Berlin beim Mayer-Hawthorne-Konzert. Und weil man bei seiner Musik prinzipiell erstmal eine Errektion bekommt bzw. feucht wird, dachte ich, es wäre nur passend, wenn ich mir gut aussehende Menschen suche, die schick anziehe und mich auch, und da einfach hingehe. Am 17. Dezember werde ich zwar schwer bei Rammstein im Velodrom ausrasten, aber ich kann jetzt schon sagen: Mayer Hawthorne – musikalisch mit das Beste, was mir 2009 live passiert ist.
Da stand ich dann also vor dem Bohannon, in einer Schlange, die bis zum Hackeschen Markt reicht, gefühlt bis Hannover. An der Seite Freunde und Miniheldin. Hunderte von Menschen in Stoffhosen, Kleidern, mit Fliegen, Westen, Krawatten, Hemden, Hüten, Schweißbändern und so. Wäre nur alles ohne Farbe gewesen: 20er Jahr und alle hübsch.
Im Bohannon mindestens 35 bis 40 Grad. Dicht gedrängt aneinander. Langes Warten und R’n'B-Musik. Aber nicht die Scheiße, bei der die Kragen der Polohemden hochgeklappt werden und Genitalien nach vorne gestreckt werden, damit Bitches ihre Ärsche daran reiben können, nein, richtigen Rythm and Blues, der aus dem in der weißen Version früher der Rock’n'Roll entstand. Vom allerfeinsten. Mein Herz ist auf Electro geeicht, das habe ich an dem Abend festgestellt. Es war also mal eine kleine Offenbarung, dass dem auch entgegengewirkt werden kann.
Dann mit großer Verspätung: Die Band betritt die Bühne. Alle haben Augenringe und sehen verflucht gut gekleidet und cool aus. Augenhöhe mit dem Publikum. Mayer Hawthorne geht ans Mic. Der Saal kocht. Alle sehen verschwitzt aber immer noch verflucht gut aus. Erster Track: Bewegung, geschlossene Augen und Herzklopfen. Alle wissen, wieso sie heute hier sind.
Es folgt „Maybe So Maybe No“, absoluter Burner, uralt-Cover von The New Holidays. Niemand kann seine Erektion zurückhalten, ich weiß es (Achtung: absolutes Killer-Video):
Knapp anderthalb Stunden später sind 80 Grad im Bohannon, alle haben mindestens zwei Liter Wasser über die Poritze ausgeschwitzt, viele Glückshormone schwingen durch den Club, viele Erektionen klingen ab. Es war großartig.
Absoluter Newcomer deluxe: Mayer Hawthorne. Du coole Sau, du. Und im Übrigen kann ich nur sagen, dass sein Debutalbum “A Strange Arrangement” wirklich allererste Sahne ist.
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
[Anm. von B: Der folgende Beitrag wurde von Paula Luca verfasst, die mit Ebbé und Mbum hier schreibt. Wir danken für dieses wirklich einzigartige, offene und mutige Statement. Und mit meinen eigenen Worten möchte ich sagen, dass mir Dinge wie das im folgenden Text Geschilderte, solche Schicksale irgendwie selber Mut geben und mir zeigen, dass man sich - verflucht noch mal - der Verantwortung für sein eigenes Leben bewusst werden muss. Und einsehen muss, dass man neben Mut auch die Begabung haben muss, durchzuhalten und nicht zu verzweifeln. Selbst wenn, ganz wichtig, man das Glück hat und aufrichtigen Beistand an seiner Seite hat.]
Ein Anruf – Enttäuschung. Die Frage nach dem Warum. Seit Jahren. Eigentlich ist es nicht so schlimm. Eigentlich – aber irgendwie auch doch. Angst. Scham. Angst. Eigentlich – aber, dass wissen nur wenige Menschen. Man ist stark. Man ist normal.
Als normal würden mich wohl auch die meisten Menschen in meinem Umfeld beschreiben. Sie sind maximal darüber verwundert, dass man lieber zur Club Mate greift als zum Bier. Sie fragen. Fragen bleiben im Raum stehen. Es ist nicht so wichtig.
Sind mir die Menschen wichtig, dann versuche ich zu erklären. Mich zu erklären, mich zu rechtfertigen, obwohl ich das nicht müsste. Aber ich muss es – für mich.
Ich bin krank. Ich sitze nicht im Rollstuhl, brauche keine Krücken, ich verliere keine Haare – man sieht es mir nicht an. Ich sehe nicht krank aus. Ich bin nicht eingeschränkt in meinem Handeln. Ich kann studieren. Ich kann arbeiten. Ich kann feiern gehen und Freunde treffen. Ganz normal eben. Nur schlucke ich jeden Morgen eine Hand voll Tabletten – Morbus Wegener. Nicht vererbt. Nicht ansteckend. Spontane Mutation des Körpers – falsch programmiert, selbstzerstörerisch.
Mit 17 die Diagnose – nicht weiter schlimm, dachte ich mir. Fünf Monate später – ich werde das Krankenhaus die nächsten 12 Wochen nicht mehr verlassen. Es sind prägende Wochen. Wochen, die mein Leben und mich irgendwie verändern. Im Inneren bis heute. Die heute noch Angst schüren und Tränen in die Augen steigen lassen.
Schmerzen im Magen – unerträglich. Cortison und Co. machen es besser – kurzfristig. Körperlicher Verfall – schnell. Nichts hilft. Ich fühle mich machtlos. Kann aber nicht mehr darüber nachdenken. Mir geht es zu schlecht. Schmerzen im ganzen Körper – er zerstört sich selber. Lässt sich nicht besänftigen.
Medikamentencocktail.
Untersuchungen.
Spezialisten.
Künstliche Ernährung.
Weit weg von zu Hause – meine Eltern, meine Familie immer für mich da.
Eine Nacht – der Kopf macht nicht mehr mit. Hirnblutungen. Er schaltet ab. Es ist ihm einfach zu viel. Die Erinnerung setzt erst eine Woche später wieder ein. In der Zwischenzeit: Intensivstation. Notoperation. Künstliches Koma.
Ich wache auf. Immer noch weit entfernt von der Realität. Ein Film spielt sich ab, den ich nicht steuern kann. Aber es fühlt sich irgendwie gut an. Die Schmerzen sind weg. Mein Körper so schwach, dass jede eigenständige Bewegung unmöglich ist.
Es ist okay. Man macht mir bewusst, dass ich fast tot gewesen wäre. Es ist nicht mehr okay. Wenige Worte bedeuten mehr als Wochen in Ungewissheit. Mir ist schlecht. Ich weine. Heute noch.
Es wurde besser. Das Übel der Schmerzen war beseitigt. Eine lange Narbe blieb zurück – vom Brustbein bis zur Scham. Neue Medikamente stabilisierten den Rest. Der Körper wurde wieder stärker – langsam. Erst greifen, dann sitzen, dann laufen.
Zu Hause. Der Blick in den Spiegel – erschrocken. Eine andere Person schaute zurück. Alte Bekannte liefen in der Stadt an mir vorbei, weil sie mich nicht erkannten. Cortison ist Gott und Teufel zugleich.
Nach einem halben Jahr, in dem ich krankgeschrieben war, habe ich schnell angefangen wieder ein normales Leben zu führen. Studium in einer neuen Stadt. Neue Freunde und Bekannte und damit auch das Bedürfnis mich erklären zu wollen. Sie kannten das frühere Ich nicht, aber ich kannte es und die Geschichte dazu und diese beeinflusste und beeinflusst auch heute noch mein Leben. Irgendwie.
Es ist die Angst vor dem, was passieren könnte, nicht mehr die Stärke zu haben so etwas noch einmal durchstehen zu können. Die Enttäuschungen bei der Nachricht nicht besser oder schlechter werdender Blutwerte. Zerstörung der Hoffnung irgendwann ohne Medikamente leben zu können – Kinder zu bekommen. Beruhigen. Alles hat Zeit. Ich habe Zeit. Hoffentlich.
Ich bin stark dank den Menschen, die darüber Bescheid wissen und für mich da sind. Die mich auffangen, wenn es mir schlecht geht. Die sich Sorgen machen. Die mich ganz normal behandeln. Für die mir an dieser Stelle die Worte fehlen, weil ihnen so viele Worte gebühren. Danke.
Ja, er ist jetzt noch nicht soo bekannt, aber wenn sogar schon britische Radiomoderatoren feuchte Träume bei seiner Musik bekommen, dann lohnt es sich mal reinzuhören. Dem bin ich gefolgt. Es war eine großartige Entscheidung: Mayer Hawthorne.
Was Soul angeht, bin ich jetzt eigentlich nicht so der Groupie. Aber wenn das Independent-Label Stones Throw Records (aus L.A., Kalifornien) was mitnimmt, dann wird auch mein Interesse geweckt. Am 21. November legt Mayer Hawthorne in Berlin im Bohannon auf und ich werde da sein, mit Fliege, Hosenträgern, Hemd, Tickets und Heldin. Weil sein Debutalbum „A Strange Arrangement“ einfach mal verdammt über-sweet ist. Der Junge ist so verdammt awesome… unbedingt ansehen: