AdagioParty/Westberlin

Veröffentlicht December 21, 2009

B. ist in Berlin. Wenn B in Berlin ist heisst das Halli Galli und Atombombe. Wir legen unsere Eier auf den Tisch und spielen russisches Roulette mit Panzerfäusten. Es macht Bäm und plötzlich klatscht es Gehirnmasse an die Wände. Wir feiern wie Rockstars und zerlegen Gebäude in tausend Teile.

Jedenfalls fühlt es sich so an. Meistens ist es dann nämlich doch so, dass wir eine lauwarme Lasagne genießen, Familienfernsehen gucken und dann sabbernd auf der Couch einschlafen. Am nächsten Tag wachen wir mit Rücken auf und erzählen anderen, was wir doch für geile Partys gefeiert haben. B. und ich nicken uns dabei verschwörerisch zu: wir wissen Bescheid.

Der Plan

So oder so ähnlich war auch unsere kleine Hotelexkursion am Samstagabend. Geplant war eine Orgie im Hotelzimmer, drei Meter Koks auf der Theke, nackte Weiber auf dem Bett, und wir, wie wir gelangweilt bei der Action zuschauen, wartend auf den nächsten Kick. Das war zumindest der Plan.

Es verlief dann aber doch ein bisschen anders, als wir feststellen, dass das Adagio City Aparthotel ((was auch immer “City Aparthotel” heissen soll. Ein apartes Hotel? Ein Apartement-Hotel? Und wieso dieses unnötige “City” davor? Und heisst nicht ein schäbiger Laden am Potsdamer Platz Adagio?)) am anderen Ende des Ku’Damms ist (das Ende, das man vom Zoo aus im Impaktwinter nicht unbedingt zu Fuß erreichen will) und wir bis zur Ankunft schon völlig ermüdet waren. Wir befanden uns im Westen Berlins: das alleine war schon neu für uns. Die Straßen waren uns unbekannt, wir fühlten uns wie Touristen. B. hielt krampfhaft seinen Brustbeutel fest. Als wir unsere Herberge endlich entdeckten, überfiel uns eine Art Wehmut und Heimweh. Wir hofften auf eine warme Willkommensumarmung.

Das Hotel ist ziemlich unscheinbar von außen. Insgesamt war die Straße relativ dicht mit Hotelketten besiedelt, das Adagio hätten wir aber so schnell ohne die Hausnummer nicht gefunden, da man es von der Straße aus nicht sieht. Erst beim Einbiegen in eine Einfahrt sieht man dann den Eingang. Zwielicht, dubios, genau mein Geschmack, baby.

(Das dürfte dann das einzige professionelle Bild sein. Im Folgenden werden euch nur noch verschmierte Asi-Bilder gezeigt, die zwar von Kameras kamen, aber genauso gut auch von alten 0,5 Megapixel-Handy-Kameras hätten kommen können)

Die Rezeption war karg, aber völlig in Ordnung. Check-In problemlos, wir waren bereit für Remmidemmi und konnten kaum noch an uns halten. Die Lobby: extrem stylish, vielleicht ein bisschen too much. Kubistisch und jung gehalten, zumindest hatte es einen gewissen jugendlichen Anspruch. Ich fand es wesentlich besser als die kitschigen Hoteleinrichtungen die nach 60er biederem Katastrophengeschmack aussehen, aber so wirklich gemütlich wirkte es trotzdem nicht. Macht aber nichts, schließlich sind wir nicht da, um in der Lobby zu parken (die übrigens auch vollständig leer war, trotz kostenlosem W-Lan und einer PC-Station).

Das Zimmer war die Bombe: es war zwar klein und etwas vollgepackt, aber es gab nichts, was wir wirklich vermisst hätten. Das Interessante am “Wohlfühlhotel” ist ja, dass jedes Zimmer auch eine integrierte Kochnische, vielmehr sogar eine kleine Küche hat. Ich weiß zwar nicht, ob ich unbedingt zwanzig Zentimeter neben meinem Festmahl aufwachen möchte, aber praktisch ist es allemal. Kühlschrank, Herd, Spülmaschine, Besteck, Teller, alles da. Es gab sogar so eine kleine Stereomaschine, an die ich meinen iPod natürlich nicht anschließen konnte, weil Apple ein Arschloch ist. Erstmal also Laptop an, Mukke aufgedreht, und Trampolin auf dem Megabett gesprungen (zu rein wissenschaftlichen Zwecken: immerhin musste ja ausgetestet werden, wie viel Orgie das Teil denn aushalten würde).

Dann haben wir es entdeckt: das Bad. DAS BAD, MAN. Das war vielleicht das schönste Bad, was ich je gesehen habe. Es war nicht groß, nein. Aber man wollte darin sterben. Man wollte darin Liebe machen. Hätte ich die Chance, mein Leben ausschließlich in diesem Bad mit einem Laptop verbringen zu können, ja, ich würde es tun. Ich würde es tun.

(Ich schäme mich mittlerweile auch ein bisschen für diese Super-Amateur-Bilder. Wirklich.)

Wir hatten eine riesige Fensterwand im Zimmer… leider war die Aussicht etwas beunruhigend. Wir starrten auf einen Hinterhof, der zu Kriegszeiten wahrscheinlich als Erschießungsplattform gedient hatte, mit Absenkungen, damit das Blut auch wirklich abfließt.. Das Gebäude gegenüber sah aus wie der Kerker, in dem sich Der Mann in der eisernen Maske jahrzentelang befand. Irgendwie hatte das was historisch-monumentales, deshalb konnten wir es als romantisches Detail des Hotels verbuchen.

Langsam verfestigte sich unser Plan: Erstmal Futter holen, dann Druckbetankung, dann Bumsfallera im Q-Dorf, wo wir die Bahatsches zum Anschlag gezwungen hätten. Bei Nazi-Edeka mit den rassistischen Preisen gab’s dann Einkauf für Schwangere: Lachs, KRUSTENLOSES TOASTBROAT (!!), Chips in allen abartigen Varianten, Salsa, Milchschnitte im Vorratspack für den Fall, dass ein Krieg ausbricht und man viereinhalb Jahre im Bunker verbringen muss, Oliven, die inTouch (man muss ja auf dem Laufenden bleiben!), synthetische Joghurtcreme mit KÄSEKUCHENGESCHMACK.

KÄSEKUCHENGESCHMACK!

Wenigstens hatte Edeka einen ausreichenden Vorrat an hessischem Äppelskes und gutem Halbtrockenen für eine intensive Leber-ABM. Vollbepackt mit brauner Pornopapiertüte ging es zurück ins Hotel, wo wir von der Dame an der Rezeption skeptisch beäugt wurden. Sie wusste schon, was das war: es war die Verstärkung für den Putzdienst am nächsten morgen, der die Kotze hinter den Gardinen wegwischen sollte. B. und ich guckten uns flüchtig an. Es war so weit.

Wir legten die Beastie Boys ein. Wir klatschten uns die ersten Gläser ins Gesicht. Wir machten uns Lachs mit Honig-Senf auf Toast ohne Kruste. Wir fraßen Käsekuchen-Joghurt und Ost-Schokolade mit Baumgeschmack. Wir zogen unsere Jogginghosen an und packten unsere Karate Moves aus.

Feels Like Home

Dann kam Awesome Dude, mitsamt Rotznase. Gut, waren es nunmal keine Prostituierten, aber ich will gar nicht wissen, was sich die Rezeptionistin gedacht hat, als da noch ein Typ ins Zimmer raufging… wahrscheinlich nicht viel. Man muss dazu sagen, dass das ganze Feels-Like-Home-Konzept des Hotels extrem gut funktioniert. Am liebsten wäre ich direkt eingezogen, nicht zuletzt wegen des Flachbildfernsehers und dem hochwertigen Küchenbesteck (alter, Korkenzieher, Dosenöffner, ich war ja fast drauf und dran meinen Jutebeutel auszupacken, das Zeug zu bunkern und abzudampfen, ENDLICH KÜCHENBESTECK!), aber auch, weil es sich sehr nach Jugendherberge und Klassenfahrt im positiven Sinne anfühlte. In Hotels hält man sich meistens eigentlich nur zum Schlafen oder zum Duschen auf, in diesem Fall waren wir völlig glücklich damit, einfach im Zimmer zu sein, unseren Blutstrom mit Cholesterin und Glutamat vollzustopfen und die angenehme Höllenhitze aus der Heizung zu genießen.

Wären wir nicht so faule, fette Säcke, wären wir bestimmt auch noch mal in den Sportbereich gegangen, den man bei Reservierungen inklusiv nutzen kann. Stattdessen haben wir es uns also gemütlich gemacht, Pro7 eingeschaltet und Schlag den Raab verfolgt ((und ich konnte meinem Wunschzettel einen weiteren Punkt hinzufügen: endlich wieder gutes Fernsehen in Deutschland!)). Das heisst: ich habe mich empört weggedreht und die nächsten 3-4 Stunden in einer Art apathischem Koma verbracht, während Awesome Dude und B. sich fette Klatscherei in Form von Boxen antaten. Die einzige, die K.O. war, war ich. Koks und Nutten? Moment, ich muss kurz lachen.

Nachdem Awesome Dude dann die weite Reise in den Osten (ja, ich weiß, ich wohne offiziell auch im Westen, aber ich sehe es nicht ein, Wedding ist so asozial, das könnte halt auch Neukölln sein) antrat, machte B. etwas, dass wohl für immer in das Buch der Lamer eingehen wird: er nahm ein Bad. Jawohl.

Ein Bad!!

Wohlgemerkt ohne Schaum (und wenn ich kurz darüber nachdenke, Shampoo gab es auch nicht?) hat er sich um zwei Uhr nachts sein Haupt mit feinstem Wasser in einer jungfräulichen Badewanne berieseln lassen, während ich mit Kimme raus auf dem Bett mich nach einer weicheren Matratze sehnte (ich habe aber tatsächlich sehr gut geschlafen, möchte ich hier erwähnen, was für meine Verhältnisse extrem selten vorkommt).

Es war völlig klar, dass wir das Zimmer nicht mehr verlassen würden. Als anständiges Kind besorgter (arabischer) Eltern, die an Ehrenmord festhalten ((tun sie nicht. Als ich das letzte Mal soetwas geschrieben habe, haben mir mindestens zwei Personen eine E-Mail von wegen Unterstützung und Frauenhaus geschickt. Seriously, Leute, meine Eltern sind vielleicht gestört, aber man wird ja wohl noch seine eigene Kultur in den Dreck ziehen dürfen)), musste ich B. auf den Hotelflur verbannen. So konnte ich entspannt das Bett ganz alleine einfurzen.

Wir machten die Augen erst wieder am nächsten Morgen auf, als wir feststellten, dass das Frühstück schon längst vorbei war. Keine Smoothies! Die Pein war zu groß. Dann schaute ich nochmal auf die Fresstheke und wusste, dass wir hier noch einiges vor uns hatten. Es ging weiter: BBC Dokumentation, Milchschnitte und Toast mit Salsa Dip. Yeah Baby, Yeah.

Okay, wir haben sogar aufgeräumt, bevor wir ausgecheckt sind. Wir sind eben doch anständige Rockstars. Ich schiebe meine Lethargie auf PMS, und B war immer noch verballert vom Rammsteinkonzert des Vorabends. Wir vergeben uns selbst.

Adagio, Baby.

Aber eines ist auf jeden Fall dabei rausgekommen: Das Adagio ist echt nicht von schlechten Eltern. Wir haben zuletzt nochmal recherchiert, wie viel uns so ein Aufenthalt eigentlich gekostet hätte und wollten fast noch eine Nacht bleiben, weil, oh shit, wir hätten es uns sogar gut leisten können: 68 € für eine Nacht und zwei Personen inklusive Frühstück? Ich war in einem schäbigen Hostel in Amsterdam, das war drei mal so teuer, und da gab es auch mit Sicherheit keine Küche. Ich war in einem Drecksloch in Frankfurt, das sich Herberge schimpfte, das war doppelt so teuer und man war kurz davor, da einen fetten Döner mit viel Knoblauch reinzuschmeissen: “Hier, Gestank kannst du wieder haben!”

Das Adagio, man mag es kaum glauben, war für den Preis nicht nur in Ordnung, es war großartig! Es war sauber! Und ich möchte an dieser Stelle nochmal an das Bad erinnern! DAS BAD!

Andererseits ist es auch eine Neueröffnung: die Preise werden wahrscheinlich in den nächsten 6-12 Monaten angehoben und die Zimmer sehen in zwei Jahren (und spätestens nach unserem Aufenthalt) nicht mehr so nach Untouched Virgins aussehen. Nervig war wirklich nur die dezentrale Lage (Ku’Damm? Really? Und nicht mal eine S-Bahn oder U-Bahn, die man innerhalb von 5 Minuten erreichen könnte, jedenfalls nicht bei so einem arktischen Klima) und die Tatsache, dass man im Zimmer nur LAN hatte (auch inklusive, worüber ich mich eigentlich gar nicht beschweren möchte, aber was anderes ist mir gerade nicht eingefallen). Was ich bis zuletzt nicht beurteilen konnte war der Service: es war ja alles da, wir hatten kaum Fragen an die Rezeption und ein Sandwich hochzubestellen macht keinen Sinn, wenn man eine Küche hat. Aber: wäre es überhaupt möglich gewesen? Das ist hier die Frage…

Anyway: B und ich trennten uns dann voll zermatscht (von was, das weiß keiner so genau). B hatte noch Stunden später Schmerzen im After. Der Grund hierfür wird wohl für immer ein Phänomen bleiben. Ist vielleicht auch besser so.

Review im Auftrag von onlinebotschafter.com

 

10 comments in “AdagioParty/Westberlin”

  1. Franzi says:


    “B. hielt krampfhaft seinen Brustbeutel fest”

    Satz des Jahres. Jetzt kann ich beruhigt sterben

  2. b+ says:


    muss ich mir glatt für meinen berlin trip merken. unschlagbarer preis und gut aussehen tuts allemal. und b. ich bade in hotels auch gern nachts. mehrmals.

  3. limmerstr.twoday.net says:


    Hotelzimmerparty…

    Letztens war ich zufälligerweise in einem großartigen Hotel in Berlin, dessen Name mir leider schon wieder entfallen ist. Der erste Blick im Zimmer galt, wie immer, der Speisekarte des Roomservice und der Minibar. 0,2 Liter Milch sollten 8,….

  4. Malte says:


    YEAH! Sehr gut … ich liebe eure Texte und ich werde auch mal einen Abstecher dorthin wagen … aber nur wegen der Chips von Edeka!

  5. me. says:


    oh gott, es gibt allen ernstes krustenloses toastbrot?! sieht so aus als gaebe es fuer mich noch jede menge zu entdecken auf dieser welt…

  6. Robby says:


    Ich wollte schon sagen: 85€ pro Nacht (aktuelle Homepageanzeige) bei so einer geilen Inneneinrichtung (gefällt mir stilistisch sehr gut), ist auf zwei Personen gerechnet schon ziemlich geil. Oder zumindest tragbar.

    Erinnert mich außerdem daran, auch mal wieder irgendwo Unfug zu machen…

  7. S says:


    @Robby: Ja, wahrscheinlich wird sich die Preislage ein bisschen verändern, so nach Feiertagen usw gerechnet und später gibt’s dann auch keinen Neutierbonus mehr.. Der Normalpreis liegt dann wohl bei ca. 100 €, was m.M.n. dann widerrum grenzwertig ist. Für 2-3 Nächte trotzdem zu empfehlen und immer noch weitaus billiger als viele andere Hütten, die nicht mal annäherend an den Standard im Adagio rankommen.

  8. S says:


    Übrigens, B, dein Screamo-Foto könnte auch als MySpace-Profil-Douchebag-Pic durchgehen.

    Nur so by the way.

  9. lia.R says:


    Ich habe ja beim Lesen des Artikels versucht, einigermaßen Haltung zu bewahren, aber dank dem letzten Absatz und meines darauffolgendem leicht ausufernden Gelächters glauben jetzt alle Leute aus meiner Psycho-Vorlesung, ich wäre das Live-Beispiel für die Positivsymptome einer Schizophrenie. Anyway – sehr nice!

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