Luzia/MyFest

Veröffentlicht May 4, 2010

Jeder kennt diesen Moment. Der Meister am Tisch dreht es leiser, es zappelt und es blitzt auf, aber es kommt noch nicht. Die Anspannung macht sich in den Gesichtern der Teilnehmer breit. Eine Unruhe entsteht, die Beine und die Arme wippen mit dem Drang nach mehr, nach schneller, nach jetzt oder nie. Dann kommt es, wie ein Donner, der Bass kracht runter, die Füße berühren den Boden nicht mehr, die Welt verstummt und spielt sich nur noch in Zeitlupe ab während Arme in die Luft fliegen, Augen geschlossen und kleine, lachende Münder gezaubert werden. Alles hält an. Gedanken und Gefühle, Leben und Tod. Der völlige Verlust von Verstand und Vernunft. Alles für diesen Moment aufgespart, für diese Welt aufgespart, wo Schreie nicht gehört werden. Alles aufgestaute Frust und Wut in Liebe und Musik und Ekstase verpackt und für einen Moment in den Himmel geschrien. Alles, während der Beat unsere Vernunft zersägt.

Der Regen fing an auf uns niederzuprasseln, und wir schrien noch lauter, und wir lachten wie Kinder, und wir tanzten noch wilder. Unsere Haare wurden nass, und wir sahen furchtbar aus, aber keiner kümmerte sich jetzt darum. Ein Feuerwerk ging über den Dächern los, und Konfetti wurde über uns versprüht, Konfetti, das auf unsere nassen Körper niederflatterte und kleben blieb wie goldener Glitter. In den Augen der jungen Wahnsinnigen, die neben und über und unter uns tanzten, glitzerte die pure Lust und verdrängte die Pupillen der Koka-Banger, die bald schon mit Nasenbluten über den Bordstein kriechen und um Hilfe betteln würden.

All das erschien so gewöhnlich- gewöhnlich für Berlin, gewöhnlich für die Großstadt, gewöhnlich für Techno, gewöhnlich für das Mayfest, gewöhnlich für Kreuzberg und gewöhnlich für Koks. Doch wir rochen den Schaden, den die anderen Kids – Kids wie wir – nur einige Meter weiter anrichteten oder anrichten wollten. Wir spürten die Gewalt und die Aggression, denn wir waren erst letztes Jahr selber da gewesen um die Magie und die Faszination des Krieges hautnah zu erleben. Doch das war jetzt woanders, auf der anderen Seite der Hauswand.

Mit einem letzten Blick verabschiedeten wir uns von der anderen Seite, wo noch ein paar leise Schreie echoten bevor sie endgültig verstummten. Wir machten die Augen wieder zu und ließen den Bass unter unsere Haut kriechen, kurz bevor wir einen letzten Gedanken daran verschwendeten, wie sehr die Krawall-Kids unsere eigene innere Unruhe spiegelten.

 

8 comments in “Luzia/MyFest”

  1. Juliane says:


    mein tagebuch

  2. Sören says:


    Schade das ich nach Hause gefahren bin, weil ich mir die sinnlosen unpolitischen Krawalle der besoffenen Prolls nicht geben wollte, hätte ich doch stattdessen auf solch eine Party gehen können…

  3. Hausschuh says:


    nimms mir nicht übel, aber ich hab davon profitiert.
    ich feier in der Regel ungern mit Leuten die derart (“die sinnlosen unpolitischen Krawalle der besoffenen Prolls”) pauschalisieren

  4. Sören says:


    Ich habe versucht mit meiner Aussage eben nicht zu pauschalisieren ;) Es tut mir auch leid wenn das etwas falsch rüber gekommen ist.
    Das einzige was ich nicht mag sind Leute, die es geil finden, sich zu besaufen um dann Krawalle zu machen, die absolut keinen (politischen) Hintergrund haben, weder einen antikapitalistischen noch einen antifaschistischen. Am nächsten Tag gehen sie dann wieder in ihr “normales” Leben zurück, kriechen ihren Bossen in den Arsch und erzählen dann heimlich, was sie für geile Leute wären weil sie das Schaufenster eines kleinen 1-Mann-Betriebes eingeworfen haben (was jetzt hier nur ein Beispiel sein soll und so nicht passiert sein muss).
    Ich unterstütze ansonsten gerne jeglichen linken Protest am 1. Mai und war ja zwischenzeitlich selber dabei. Und wie ich darüber denke, wer am 1. Mai in Berlin wirklich Randale gemacht hat, sollte jeder wissen, der meinen Blog liest.

  5. Hausschuh says:


    geschenkt, dann entschuldige ich mich, wollte dir nicht zu nahe treten.
    ich glaub ich würd nicht jeden schritt mitgehen den du in deinem letzten post gemacht hast, aber da ich dich weder kenne -noch deinen blog lese- hoff ich einfach mal das ich dich im groben richtig verstanden habe und usnere meinungen nicht weit auseinander sind;)

  6. Hausschuh says:


    hah, hab gerade deine anspielung auf die cops verstanden (hoff ich zumindest), nachdem ich doch nochmal einen blick auf deinen blog geworfen hab

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