STT BD

“Ich würde das hier alles am liebsten aufnehmen. Nicht für mich – ich werde das nie vergessen – sondern für die ganzen Leute zu Hause. Ich will ihnen zeigen, dass es das hier wirklich gibt, dass es nicht nur Legenden sind. Das hier ist Berlin, und das hier gibt es nur in Berlin.”
Natürlich tun wir es nicht. Erstens fehlt uns das Equipment, um soetwas auch nur ansatzweise realitätsnah festzuhalten. Es ist zu dunkel. Die Musik nicht auf Video greifbar. Unmöglich. Dazu noch: nicht teilhaben, nur observieren, um es später greifen zu können- den Moment ziehen lassen? Nein. Und dennoch: ein bisschen sticht es. Wie erzählen wir davon, wenn es vorbei ist? Ohne die Bilder- ohne den optischen und akustischen Eindruck? Und wem erklären wir, wie unfassbar die Location war, wie aufwendig die Vorbereitung, wie fantastisch die Musik, wie groß und vollkommen der Abend und wie es sich angefühlt hat, in den Sonnenschein des Wedding herauszutreten und Arm in Arm wankend die frische Morgenbrise auf der Haut zu spüren? Wer will uns zuhören, ohne es sehen zu können?

Werden wir uns daran erinnern, dass wir uns an den Türstehern vorbei in die abgeschlossenen Teile schlichen? Daran, dass der Pool uns und wenige andere Rebellen erwartete, der Pool des verlassenen Schwimmbades- leer, verlassen, glänzend im Licht. Wir sind wie kleine Kinder, die sich an solchen Dingen erfreuen. An dunklen Katakomben unterhalb der Straßen in einem nicht angesagten Teil der Stadt. Wir wollen ein Teil davon sein. Wir wollen mithelfen, es zu gestalten- so wie vor uns andere, woanders. Wir wollen erinnert werden, nicht angeben. Wir wollen nach Hause fahren und von der Faszination unserer Jugend berichten und von den Dingen, die sie verpasst haben. Nicht weil wir cooler sind. Nur leidenschaftlich.
Es sind nicht ausschließlich die Vorwürfe der elitären Einstellung, die uns davon abhalten. Es ist auch unsere eigene Wahrnehmung von Vergänglichkeit. Wir können es nicht digital speichern. Wir können unsere Gedanken nicht konservieren und unsere Erinnerungen nicht wahren- und schon beim nächsten Mal werden bereits einzelne Fragmente überschrieben, mit mehr Funken und Blitzen und Musik und unbeschreiblicher Faszination.. und plötzlich war das heute vergessen.

“Man with all his noble qualities, with sympathy which feels for the most debased, with benevolence which extends not only to other men but to the humblest living creature, with his god-like intellect which has penetrated into the movements and constitution of the solar system- with all these exalted powers- Man still bears in his bodily frame the indelible stamp of his lowly origin.”
Die Parties in Berlin, die unsere Leben in Glitter eintauchen sind nicht die Stationen, die wir in vierzig Jahren noch in unsere Haut eingebrannt haben möchten. Wir glauben, zwischen Momenten der Jugend und der Freizügigkeit, irgendwo einen Hauch von Wahrheit und Präsenz zu hinterlassen der viel stärker und dringlicher wirkt als “nur” das wilde Getanze in dreckigen Maschinenräumen. Aber es ist naiv.
Du kennst den Namen deines Vaters. Du kennst den Namen deines Großvaters. Du kennst nicht den Namen deines Urgroßvaters. Drei Generationen, bis er vergessen war.

Es braucht drei Generationen, um im Staub aller Lebenden und Toten zu verblassen. Drei Generationen, die wir verfeiern. Drei Generationen Schwarzlicht und große Augen, wenn wir uns die Gewisstheit der nicht vorhandenen Nachhaltigkeit aus den Poren schwitzen. Drei Generationen – und wir können es niemandem mehr erzählen.
























4 comments in “STT BD”
May 30th, 2010 at 23:30
Nein, wir werden uns nicht an jedes Detail erinnern, genauso wie die Party von letzter Woche gedanklich nur noch verschwommen existiert. Aber ist das wichtig? Macht es einen Abend weniger gut, wenn wir noch während wir tanzen wissen, dass er nächste Woche schon fast vergessen sein wird? Wir müssen nicht jede Party minutiös in Erinnerung behalten, um irgendwann mal jemandem zu erzählen zu können, wie wir unsere Jugend gelebt haben, ohne dass es nach einer Rechtfertigung aussieht. Das große Ganze, es reicht doch aus.
STT BD war geil!
(Bin auf keinem Bild. Find ich gut.)
May 30th, 2010 at 23:41
@Jeriko: Ich habe mir große Mühe gegeben, keine bekannten Gesichter zu posten.
Ich meinte übrigens nicht die Parties- nicht ausschließlich. Es war symbolisch gemeint für alles, was vergessen wird.
May 30th, 2010 at 23:59
Die Fotos sind aber tatsächlich ein ganz gutes Gegenbeispiel, denn sie sind gleichzeitig auch visuelle Dokumentation dieses Abends. Richtig, wir vergessen schnell, aber es braucht oftmals nur einen kleinen Schubser, um sich wieder zu erinnern – wie zum Beispiel ein Foto. Und das ist nur eins der Hilfsmittel, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, um gegen das Vergessen zu arbeiten. Nüchtern betrachtet.
May 31st, 2010 at 19:50
Ich musste letztens auch über meine Jugend nachdenken, und ob ich sie nicht vielleicht verschwende? Ich habe darüber nachgedacht, warum ich mir selbst stets beweisen muss, dass ich wirklich lebe, nicht nur existiere, und dass ich die Zeit, die ich aufbringe so zu tuen als ob ich lebe, nicht wirklich gelebt ist, sondern irgendwie – erlogen.
Manchmal habe ich den Drang den früheren Freunden zu beweisen, dass ich es besser hinbekommen habe als sie, oder zumindest genau so. Aber was hat das schon für eine Bedeutung, und kann man überhaupt besser leben? Ein besseres Leben führen? Mhh…