Ich halte nichts von dem Mythos der sexuellen Entlastung bei sportlicher Betätigung. Der gute Sigmund mag mit seiner These vielleicht einigen Frauen einen Gefallen getan haben, damit sie keine Vergewaltigung mehr fürchten müssen, wenn sie mal wieder eine Migräne vortäuschen; allerdings kann man ja nur allzu gut beobachten, wie sich Männer abreagieren. Kriege, Amokläufe und Filesharing. Und das alles nur wegen unzureichender Geschlechtsverkehrsversorgung.

Deshalb kann ich auf eine Historie der Sport-Ablehnung meinerseits zurückblicken. Meine Faulheit überzeugte mich schon in meinen jungen Jahren davon, dass Hungern um einiges angenehmer ist als Bewegung; das geht sowieso Hand in Hand, eine Mahlzeit bereitet sich ja auch nicht selbst zu. Mama hatte auch nicht jeden Tag Zeit, sich um ihre verwöhnten Kinder zu kümmern. Anders ausgedrückt: Es muss etwas Schreckliches passiert sein, damit ich mich dazu entschließe, Sport zu machen.

Die Fettschwarte, die sich um meine Organe gelegt hat, ist wohl Grund genug geworden. Und das, obwohl ich mich sogar gesünder ernähre als noch vor 1,5 Jahren. Damals, als ich jeden Tag zu Mäcces anstatt zur Schule gefahren bin. Aber so ist es halt. Das Arbeitsleben verändert mich und zerstört mein tief verankertes Prinzip: “Was du heute kannst besorgen, das sollte in Armlänge erreichbar sein.”

Nun ist es also soweit. Ich bin im Fitnessstudio angemeldet und darf Markus Kavka und Till Lindemann beim Pumpen zugucken. Das beschränkt sich meistens auch wirklich nur darauf, da Aktivitäten meinerseits in Schweißbädern und Atemnot,  Schlaganfall und Herzinfarkt enden. Die lässigen Kippen, die mir seit knapp fünf Jahren aus dem Mundwinkel hingen und es ab und zu immer noch tun, sind nicht mehr ganz so lässig, wenn ich rückwärts vom Laufband fliege und den dritten Stock runterkrache. Die Fettflecken kommen dann auch nicht mehr so schnell raus. Dabei grunzen sich die Latte Machiatto Muttis, die gerade ihren achten Wurf Kinder hinter sich haben, mehrere Stunden den Stepper belegen und dabei genüsslich die Gala verzehren, zustimmend zu, weil sie sich in ihrer Fitness bestätigt wurden. Ich werde von Sabine und Michaela ausgelacht. SABINE UND MICHAELA!!

Man kann richtig sehen, wie die Muttis nach so-und-so vielen Jahren endlich wieder soziale Kontakte knüpfen, Gott Dank dem Fitnessstudio! Yoga Kurse mit gleichgesinnten Frauen, die ihre Männer leider nicht den ganzen Tag lang in den Hobbykeller verbannen können und selbst eine Flucht vor Kind und Haushalt suchen, Pilates, und abschließend werden die übrigen Zelluliteringe gezählt. Best. Friends. Forever.

Ich kriege schon den übelsten Achselterror und fange an auf 45 Kilometer gegen den Wind nach Angstschweiß zu riechen, wenn ich das Wort “Crosstrainer” nur höre. Nach einer Stunde auf so ‘ner Maschine brauche ich erstmal Nachkriegs-Reha, glaubt mir. Und ich meine, der Widerstand bei den Geräten steht auf 0.

Aber die sind ja nicht dumm. Die blicken komplett durch, diese Gebärmaschinen, die sich gegenseitig Tipps für das aktuelle Brot-Angebot beim Bäcker nebenan geben. Die signalisieren sich in einer mir unverständlichen Muttersprache, dass sie die Konkurrenz (“junge Hüpfer”) nicht fürchten müssen. Das tut mir irgendwie fast schon Leid, dass ich diesen Frauen etwas vormache, nur weil ich ein wirklich ganz schlechtes Exemplar für die holde und geile Weiblichkeit bin, die ihre Männer so anziehend finden. Wenn die wüssten, was sonst noch so auf den Straßen rumläuft, die würden gleich mal schneller steppen.

Wo wir gerade bei Männern sind: Ich hatte mir fest vorgenommen, mich als vollständig Sex-Neutrales Wesen zu betrachten, wenn ich in der Foltergerätekammer bin, und zwar nur, um mir nicht ständig Sorgen um die fettigen Haare und die exorbitanten Achselschweißflecken zu machen. Das ist allerdings wirklich schwer, wenn ein gutaussehender Typ nach dem anderen den Raum betritt, sich mit seinem Herkules-Oberkörper erstmal einen Überblick über die Geräte verschafft und dann fast zusammenbricht vor lachen, wenn er Schweinchen Babe beim Sterben zusieht. Übertrumpft wird das nur noch davon, dass man entweder laut loslachen muss, weil die Olympia-Blooper gerade gezeigt werden, oder davon, dass man die ganze Zeit leise Knoblauchrülpser loslässt, weil man den ganzen Tag schon Wasser mit Kohlensäure säuft.

Was für mich furchtbar ist, kann für die anderen nur unerträglich sein.

Dennoch ist das (wie ich mir ständig wieder in den Kopf rufe) wirklich das kleinere Übel. Schlimmer ist nur, wenn der Schwabbel keine Intimrasur mehr zulässt und die Oberschenkel sich trotz Grätsche an jeder Stelle berühren, weil sie so fett geworden sind. Das würde dann in etwa auch die Frage klären, warum der Sex ausbleibt. Freud kann mich mal. Sport ist kein Sexkompensator, sondern Vorraussetzung für Geschlechtsverkehr außerhalb von Fett-Fetisch-Pornos.

… übrigens soll das alles jetzt nichts über mein Sexleben aussagen. Wirklich.

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Comments ( 3 )

Oh my… selten so herzhaft gelacht.
Mehr!

zimtsternin kommentierte am Mar 02 10 um 21:49 --replyReply to this comment

“schweinchen babe beim sterben zusieht”, yay! danke für das lebhafte und fantasievolle kopfkino. aber lass mal, ich hatte es auch schon mal in nem fitness studio versucht und mich alleine schon bei der bedingung der unterschiedlichen geräte zum vollhorst gemacht. und von kondition oder so etwas ähnlichem sucht man bei mir auch vergebens.
es blieb beim ersten und gleichzeitig letzten besuch in so einer folterhöle. der traum von nem richtigen sixpack is zwar noch nicht ausgeträumt, aber um mein gewicht brauche ich mir dank papi und mami bis zu meinem 35 lebensjahr keine allzu großen sorgen machen. es sei denn demnächst können auch männchen babys werfen.

dennis kommentierte am Mar 02 10 um 21:49 --replyReply to this comment

Du solltest deinen Lesern vielleicht wirklich noch mitteilen, dass dieser Artikel ja eigentlich von mir geschrieben wurde. :)

Franzi kommentierte am Mar 03 10 um 10:17 --replyReply to this comment

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