FIN / BLN

Veröffentlicht February 10, 2012

Diese Stadt hat mich zerfickt; in ihren großen Klauen festgehalten, tief durchdrungen, bis ins Mark beeinflusst und wie ein Parasit von innen heraus gefressen. Ich nehme tief Luft, wenn ich in den Zug steige, weit weg von hier und dir, und spüre nichts außer die Klammer der Unterdrückung. Bei aller Liebe zur Poesie: in dieser Stadt ist auch meine poetische Liebe gestorben. Wie ein Unfall wiederholt sich die Szene immer und immer wieder vor meinen Augen, und immer und immer wieder sagt mir die Stadt das, was ich schon lange gedacht habe, mich aber nie traute auszusprechen: Es funktioniert nicht mehr zwischen uns. Immer und immer wieder falle ich in das tiefe Loch der Fremdheit. Alle Orte in meinem Kiez unterkühlt, alle Erinnerungen nur Illusionen, selbst die Illusionen nur noch der fade Beigeschmack einer durchzechten Nacht im Technoclub, vollgepumpt bis ins sporadisch klopfende Herz der Apathie mit Diazepam und Alkohol, als ob das irgendwas bringen würde…

Oh, ich kannte das Risiko der Achterbahnfahrt in Berlin: die leeren Blicke, die leeren Seelen, sie haben alle ihre kleinen Geschichten erzählt, wenn man tief in sie hinein geschaut hat. Wie Junkies, die noch auf Erlösung glauben, sitzen sie in ihren Altbauwohnungen und holen sich auf den Fernsehturm einen runter, während ihre Herzen in tausend Teile zerbrechen weil sich hier jeder selbst finden muss und keine Zeit hat, jemand anderen zu finden. Aus Angst davor, eines Tages Rechenschaft für seine konsequente Art abzulegen, als ob man sich für Liebe und Spießigkeit vor dem hohen Großstadtgericht entschuldigen müsste, “sorry dass ich wie ein normaler Mensch empfunden und mich nach Sicherheit gesehnt habe, ich hätte wissen müssen, dass das in Berlin einfach nicht geht.” Dann gehen sie nach Hause und ficken sich frei oder lassen sich frei ficken und finden wieder ein Stück weit “zu sich selbst” zurück; jeder will Soloist beim Wunschkonzert sein.

Zurecht, möchte ich behaupten, denn wenn man erstmal gegen die Wand mit dieser naiven Scheisse gelaufen ist, dann versteht man auch, dass Sicherheit vor allem dann geboten wird, wenn man sich nicht mehr aufgibt, hingibt, und der Leidenschaft maximal noch ein Kondom überzieht um den One Night Stand nicht zu gefährden. Ich bitte um diese Betäubung, die die Menschen hier scheinbar alle spüren – alle, außer mir natürlich, die an den eisigen Betonmauern dieser traurigen und verletzten Gestalten scheitert. Berlin ist so lange gut, bis man sich ernsthaft niederlassen möchte, in der Erde gräbt um Saat auszulegen; wurzeln, sozusagen. Aber jetzt verstehe ich: das Studium ist nur eine Aufenthaltserlaubnis, die Arbeit nur ein Mittel zum Zweck, der Sex ein Zeitvertreib, die Liebe nicht-existent. Natürlich kann man das alles eintauschen, aber wieso das Heroin für einen minderwertigen Methadonkick aufgeben, wenn man sowieso nicht geheilt werden kann? Die Sucht wird mit dem ersten Schuss gesetzt, ab jetzt leben wir für die Selbsttäuschung, für den Ego-Kick, das Leben auf Zeit, mit Mitte 20 richtig draufhauen, Karriere und so weiter, aber eigentlich: nichts außer Schmerz, der synthetisch bearbeitet wird.

Oh Bär, erlöse mich von diesen Gefühlen. Erlöse mich von diesen dörflichen Vorstellungen davon, wie man zusammen lebt. Amputiere mir all meine Empfindungen und mache mich zu einem fickenden, saufenden Roboter, der ständig zu sich selbst finden muss, aus Angst, Verantwortung zu übernehmen oder nie wieder frei zu sein. Befreie mich von den Ketten der Liebe, denn sie sind für nichts zu gebrauchen in dieser Stadt. Lösche meine Erinnerungen an die Kindheit, denn meine jugendliche Zuversicht ist hier gestorben. Nimm mein Herz und werfe es auf die Straße, schreib “zu verschenken” drauf und lass es von räudigen Passanten vollkotzen, anmalen und schließlich von Flaschensammlern einstecken und mitnehmen. Ich will es nie wieder sehen, es darf sich ruhig verlieren: was anderes bleibt jetzt auch nicht mehr übrig.

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OPEN

Veröffentlicht February 6, 2012

“Es liegt nicht an dir, es liegt an deinem Migrationshintergrund.” Sie blinzelte irritiert.
“Wa- was?”
“Du hast nach einem Grund gefragt. Es liegt nicht an dir, es liegt an deinem Migrationshintergrund.”
“Aber das ist doch absurd!”
“Na und? Du wolltest einen Grund, hier hast du einen Grund. Es ist nunmal absurd. Genauso absurd wie die Frage nach dem Warum. Es gibt kein Warum. Es gibt auch keine Antwort auf das Warum, weil es das Warum nicht gibt.”

Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und schaute sich im Raum um. Dunkle Gestalten saßen auf alten, stinkenden Sofas und zogen in Zeitlupe an wunderbar schön gedrehten Joints. Die Nebelschwaden und das karge Licht ließen kein Erkennen zu. Lediglich die Zähne ihres Konversationspartners blitzten schelmisch auf, wenn er mit ihr redete. Er reichte ihr die Tüte.

“Ich will nicht”, sagte sie, nicht ohne Trotz in der Stimme.
“Na dann, mehr für mich.”

Betretenes Schweigen beherrschte den türlosen Ort für eine Weile, bevor sie wieder die Verzweiflung überkam. Dicke Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie versuchte mit ihren dreckigen Ärmeln den plötzlichen Gefühlsausbruch zu kaschieren, aber ihr Gegenüber lachte bereits laut auf.

“Ich sag doch, du solltest lieber ziehen! Wieso weinst du schon wieder? Was willst du denn noch? Willst du ‘ne Valium? Oder vielleicht ne Pulle Vodka? Das kann ich dir alles besorgen, kein Problem.”
“Nein, ich will das alles nicht, man”, schluchzte sie in ihren Kragen hinein, “ich will das nicht.”
“Was willst du dann, verdammt noch mal, Mädchen?”
“Ich will zurück!”
“Und was gibt es dort, was es hier nicht gibt?”

Für einen Moment hielt ihr Schluchzen an. Sie wagte sich kaum zu sagen, was sie sagen wollte. Sie wusste nicht mal, ob es die richtige Antwort auf die Frage war. Sie wusste nur, dass dieses Gefühl hier unten nicht existierte, in der Kälte, in der Fremde, in der Leere.

Sie flüsterte.

“Ich will… dort gibt es Liebe.”

Einer der Beisitzenden hustete. Er brach sich sechs Rippen bei dem Versuch, nicht laut aufzulachen. Ihr Gegenüber hingegen tat sich keinen Zwang an, seine Stimme donnerte in ihre Ohren, ein Sturm von hohlem Gelächter füllte ihren Kopf und lähmte ihren Herzsschlag.

“Man, Mädchen”, prustete er. “Hast du das wirklich gerade gesagt? Was willst du denn mit so einer Scheisse! Gib dich zufrieden: du bist jetzt hier unten mit uns, und wenn du glaubst, dass es nicht schlimmer werden kann, dann fehlt dir ein großes Stück Fantasie. Du willst Liebe? Dann hau ab, verpiss dich. Keiner zwingt dich, hier zu sein. Aber wenn du noch ‘ne Weile bleiben willst, dann haben wir einiges, was dich aufheitern könnte.”

“Ich will nicht hier sein! Ich hab mir das nicht ausgesucht”, schrie sie in die Runde. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und schrie, bis ihre Lungen einen Streik bei der körperlichen Gewerkschaft anforderten. “ICH WILL HIER NICHT SEIN! ICH WILL HIER NICHT SEIN! ES IST DIE HÖLLE!”

“SO EINFACH IST DAS ABER NICHT”, schrie der Unbekannte zurück. Auch er war von seinem Platz aufgestanden und baute sich wie ein Turm vor ihr auf. “Du hast dich hier reinmanövriert, also sieh zu, dass du hier auch abhaust! Wir sind zufrieden hier! Wir haben abgeschlossen mit der Welt, mit deiner Liebe, oh Gott, ich fasse es nicht, dass du das überhaupt ernst meinen kannst!”

Sie beruhigten sich beide und setzten sich wieder hin. Sie wischte sich die Tränen weg. Nach einigen Minuten nahm sie tief Luft.

“Wie komme ich hier wieder raus?”
“Keine Ahnung.”
“Aber.. du hast gesagt, man kommt hier wieder raus?”
“Babe. Ich hab schon viele Leute kommen und gehen sehen. Ich chill hier und mach mein Ding, plötzlich steht eine Göre wie du vor mir und erzählt mir was von Liebe. Wir sitzen hier wegen ganz anderen Dingen. Du denkst, dass ist der schrecklichste Ort, an dem man sein kann, aber die Hölle ist ein Haus mit vielen Türen. Wenn du die falsche Tür erwischst, geht’s noch ein Stockwerk tiefer rein und schwerer raus.”
“Okay, okay. Aber ich sehe hier keine Türen.”
“Weil du noch nicht bereit bist. Ich sehe unendlich viele Türen. Eine davon könnte nach draußen führen. Aber was soll ich da? Und was, wenn draußen noch viel schlimmer ist als hier? Ich weiß hier wenigstens, was ich zu tun habe. Da draußen, das ist nichts für mich, es ist der Grund, warum wir alle hier sind. Und im Zweifelsfall wird es nicht besser, man, es wird nicht besser, wenn du jetzt das Tür-Roulette spielst und reinhaust. Aber du hast auch keine Wahl. Du bist noch nicht bereit. Du chillst jetzt ein bisschen mit uns. Irgendwann kommen die Türen. Dann kannst du dir fest wünschen, dass du dich für die richtige entscheidest. Aber bis dahin… Willkommen im Club.”

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Sommer/Winter

Veröffentlicht January 30, 2012

Lange wusste man nicht, ob der Winter noch kommen würde oder ob er dieses Jahr dann doch ausbleibt. Ein lang gestreckter Herbst hätte sowohl dank seiner Milde schön sein können, als auch eine unglaubliche Unsicherheit, eine große Angst und größeren Zweifel mit sich gebracht: es hätte trotzdem ein großes Zittern gegeben, nämlich vor dem (un)erwarteten Kälteeinbruch. Das erleichterte Seufzen kommt erst im Nachhinein, wenn man es bis zum Frühjahr ohne Eis und Glätte geschafft hat. Dann kann man Aufatmen, dann hat man nur noch wenige Wochen und Monate bis zur ersehnten Leichtigkeit, die der helle Sonnenschein und der wolkenlose Himmel und die vielen Bauchnabel und nackten Schenkel in grünen Gräsern und blauen Gewässern so mit sich bringen.

Aber der Winter ist ja dann doch noch gekommen, und so müssen wir uns nicht mehr mit der Frage beschäftigen, was jetzt passiert. Wir müssen uns nicht mehr fragen, ob wir – rein prophylaktisch – eine neue Winterjacke kaufen, oder ob unsere halbdicke Herbstjacke uns über die nächsten Monate bringt. Wir müssen uns nicht mehr Fragen, ob dieses Ding zwischen Winter und Herbst, der sogenannte Herbinter, uns noch in den Wahnsinn mit seiner Unschlüssigkeit treibt.

Nein, nein, die Fragen sind ein für alle Mal geklärt: es ist verdammt kalt. Eis benetzt die Straßen. Die Gefahr, sich auf’s Maul zu legen ist sehr hoch. Wer sich dabei die Zähne ausschläggt oder das Bein bricht, ist selber verantwortlich. Jetzt dauert es nur noch länger, bis die Sonne durchbricht und uns von unseren Leiden der Kälte, der Dunkelheit und der ewigen Winterdepression erlöst. Ab jetzt ist das Gefühl für Zeit stehengeblieben. Ab jetzt gibt es kein gestern und kein morgen mehr. Ab jetzt gibt es nur noch das Warten auf den Sommer.

Das Jahr 2011 ist offiziell am 29. Januar 2012 zu Ende gegangen.

 
 

All Falls Down

Veröffentlicht January 28, 2012

Noch bevor ihre Augen offen waren wusste sie, dass sie schon wieder in derselben fürchterlichen Dimension gelandet war. Dieselbe Kälte, dasselbe einstürzende Haus, dieselbe Verzweiflung und dieses immerwährende Fall-Gefühl im Bauch, als hätten ihre Eltern sie damals im Free Fall Tower der Universal Studios vergessen. Als wäre Fallen jetzt der Normalzustand. Als wäre Beten für den Aufprall eine menschliche Hoffnung.

Aber sie wollte in dieser Runde stark sein und ihre Angst überwinden: das hier ist kein Horrorfilm, das hier ist das Limbo, von dem Christopher Nolan in Inception berichtete. Man kommt hier nur raus, wenn man Rückgrat beweist. Also befreite sie ihre rostigen Beine von ihrer kauernden Position am Treppenabsatz, stand auf und ging hinunter in die dunkle, unbekannte Welt, in der man nicht sterben und nicht leben konnte.

Als sie die Dunkelheit nunmehr vollständig umgab, knallte sie mit dem Kopf vornüber gegen eine schwere Metallwand, die sich nach einigem zögerlichen Tasten mit ungelenken Fingern als Tür herausstellte. Sie hielt den Atmen an und zog am Knauf, doch die Tür ging nicht auf. Erleichtert, doch gleichzeitig am Rande der Tränen, trat sie wieder einen Schritt zurück von der Tür. Eine leichte Vibration ging unter ihren Füßen durch den Boden. Tränen rollten wieder ihre Wange lang. “Scheisse”, murmelte sie leise. “Scheisse.”

Nach einigen Minuten hörte sie ein lautes, männliches Seufzen. Sie erschrak, zuckte stehend zusammen, verlor beinahe das Bewusstsein vor Angst. “Wer… wer ist da?”, flüsterte sie in das Nichts, vor ihr die Tür, hinter ihr die Treppe, das Licht zu weit weg, um sie in ihrer Position zu unterstützen. Es dauerte eine Weile, bis eine Antwort kam.

“Du musst drücken, Mädchen.”

Ihre Tränen passierten den letzten Checkpoint und brachen den bewachten Zaun der Selbstbeherrschung. Es war zu spät. Angst und Wahnsinn überkamen sie, “das ist nur ein böser Traum, das ist nur ein böser Traum”, sagte sie sich immer und immer wieder. “Wenn man sich nicht daran erinnern kann, wie man hergekommen ist, dann ist man in einem Traum”, wie ein Mantra sagte sie die fiktive Formel des Filmes nach, der sie im Jahre 2010 so fasziniert hatte.

“DU MUSST AN DER TÜR DRÜCKEN, NICHT ZIEHEN!”, donnerte es nochmals. Sie kauerte wieder auf ihren Knien, wippe vor und zurück, hielt sich die Ohren mit ihren kalten Händen zu und ignorierte das Beben und den Kiesel, der auf sie rieselte. Sie wollte nur noch hier raus und fragte sich, wieso sie bei jedem mutigen Schritt nach Hause wieder von der grausamen Realität ihres Traumes eingeholt werden musste. Noch bevor sie eine Antwort finden konnte, ging ein Ruck durch die Tür; langsam schiebt sich das Metall über den Steinboden. Ein Spalt von Licht schimmerte jetzt hindurch. Sie hörte auf zu schluchzen. Als sich nichts mehr bewegte, atmete sie tief ein und stand auf. Ihre Hand griff nach der Tür, sie drückte und trat in einen Raum voller Licht.

Die Tür knallte hinter ihr zu, doch wo sie vorher blind vor Dunkelheit war, war sie nun geblendet von einer radioaktiven Sonnenstrahlung. Sie musste sich die Hände über die Augen falten, um das grelle Brennen abzuwenden. “Wo bin ich?”, rief sie in den Raum rein. Erst jetzt bemerkte sie den unterschwelligen Tinitus, den sie sich wohl eingefangen haben musste. Wie ein liegengebliebenes EKG hörte sich das an – wie symbolisch, dachte sie. Der Tod kann nicht weit sein.

“Hör auf, über den Tod nachzudenken!”, schallte es aus einer fernen Ecke des Raumes. Sie zuckte zusammen.

“Und überhaupt – wenn eine Tür beim ersten Ziehen nicht aufgeht, dann versuch es beim nächsten Mal mit Drücken. Du bist nicht Alice im Wunderland. Das hier ist nicht mit Helferlein konzipiert. Das nächste Mal helfe ich dir nicht mehr so!”

Sie war in ihrer geblendeten Starre gelähmt. Sie verstand, dass jemand mit ihr redete, aber sie konnte nicht zuordnen, ob tatsächlich gesprochen wurde oder ob ihre Gedanken bearbeitet wurden. Diese ungreifbare Stimme jedoch konnte sie ganz klar zuordnen.

“Bist du… bist… bist du Kanye West?”, fragte sie in den Raum hinein, ohne sich selbst zu hören. Wie ein Vakuum wurde jedes Wort von der Sonne verschlungen. Bis auf das tote EKG gab es keine Akustik. Umso erstaunter war sie, dass die Antwort tatsächlich in ihrem Kopf landete.
“Nein. Ich bin Gott.”
“Oh.”, sagte sie, enttäuscht. “Aber du hörst dich so an.”
“Das ist, um dir die Angst zu nehmen. Du weinst ganz schön viel. Kanye West beruhigte dich schon als kleines Kind.”
“Als.. Kind? Ich bin 23.. Kanye West macht doch noch nicht so lange..”, doch Gott unterbrach ihren Einwand.
“Nebensächlich! All Falls Down! Alles an Sicherheit hat er dir gegeben, du warst 7 Jahre alt, da wusste ich, Yeezy gehört zu dir! Ich bin hier um dir zu helfen, als Kanye West verkleidet!”

Doch der immer lauter werdende Tinnitus und die radioaktie Sonnenstrahlung brannten All Falls Down aus ihrem Gehirn. Sie fiel weiter, tiefer, aus dem Licht und aus dem Akustik-Vakuum hinaus in eine neue Welt. Kein Kanye West, kein Sonnenschein. Sie wusste nichts mehr, als die Dunkelheit durch ihre Adern strömte, verlor ihre Gedanken, ihre Erinnerung und ihr Bewusstsein gleichzeitig. Ein Hauch von Limbo umgab sie, als der Schlaf sie in eine neue Welt holte…

 
 

WASSUP

Veröffentlicht January 24, 2012

Im Schlaf bemerkt sie nicht, wie ihre Nase läuft, nasskalt auf ihre Lippen und Klamotten, Stylefaktor null. Ihre Hände sind unter ihrem T-Shirt vergraben, das Fieber zeichnet ihre geschlossenen Augen in Falten, doch ihr Traum ist so bittersüß wie die Realität, in die sie sich zurückwünscht: die vertröstete Liebe, die Geldprobleme, das ständige Nasenbluten, die Selbstbewusstseinsverzerrung, die Existenzängste, der Tod ihrer Eltern und ihrer Familie, all diese unter normalen Umständen als “furchtbare” Dinge sind in ihrem Traum da- und doch ist er so viel schöner, als das Kauern an einem Treppenvorsprung zu dunklen Gewölben hinunter, der ihr jeden Augenblick zerbrechen könnte. Sie möchte eine große Angst gegen viele zermürbende zurück tauschen, aber dafür ist es zu spät, also träumt sie weiter von einem Leben, das nie existierte und niemals existieren wird.

 
 

ATHENS

Veröffentlicht January 22, 2012

Die Tür knarzt voller Schmerz, als sie sich nach so langer Zeit wieder bewegt. Von ihr fällt eine Armada von Staub, welcher mit den Luftpartikeln zu einem kleinen Wirbelsturm im Luftzug wird bevor er nach wenigen Sekunden erneut die Starre der Leblosigkeit annimmt.

Sie blickt auf ihre nun dreckigen Handinnenfläche, verwirft einen nie ausformulierten Gedanken zur Symbolhaftigkeit dieser speziellen Schmutzschicht, reibt ihre Hand an ihrer verwaschen gekauften Denim Jeans, die ihre Oberschenkel extrem dick wirken lässt, und tritt in das augenscheinlich leer stehende Haus aus ihrer Vergangenheit ein. Sie konnte sich trotz aller Anstrengungen nicht erklären, wie sie überhaupt hier her gekommen war; sie wusste nicht mehr, wie dieser Traum angefangen hatte. Aber nun war sie hier und ließ die Sonnenstrahlen der hellen Welt in das dunkle Haus einfallen. Sie erschloss, Schritt für Schritt, nur mäßig bekanntes Land: hier war sie schon mal gewesen. Aber wann?

Nur mit Mühe kann sie ihre angetrockneten Lippen befeuchten und krächzt ein leises “Hallo” aus ihrer Kehle, welches sich in ein Ungeheuer von Echo verwandelt. HALLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLO… die Decke gibt einer Lawine an Staub nach, im hinteren Zimmer, dort, wo die Dunkelheit herrscht, entsteht ein tosender Lärm, ein regelrechtes Chaos, in dem sie sich auf den Boden wirft und die Arme über den Kopf schlägt, so, wie sie es in diversen amerikanischen Action-Filmen schon oft gesehen hatte. “Oh Gott”, denkt sie still in ihren pulsierenden Geist hinein. “Das Teil kracht mir gleich auseinander”. Ihre noch vom Kommunikationsversuch nassen Lippen sind nun perfekt von einer millimeterdicken Lage aus Staub bedeckt. Mit einigem Prusten und vielen Sabberfäden, die schließlich an ihrem Kinn eine dunkle Dreckspur hinterlassen die sie nicht bemerkt, kann sie ohne Einsatz ihrer Zunge den Dreck aus ihrem Mund entfernen. Sie findet, für den Bruchteil eines Gedankenblicks, sogar ein bisschen Stolz für die souveräne Leistung, die sie noch im Schmutz liegend vollbrachte.

Während sie mit ihren zarten, kleinen Händen auf dem Kopf auf den abgezogenen Dielen liegt und darauf wartet dass das Beben sich beruhigt – mit größter Chance, unter den Trümmern des einstürzenden Altbau begraben zu werden – erreicht sie ein Signal. Es kitzelt sie mit größter Unvernunft in der Nase und verhält sich der Situation unangemessen, aber ihr Herz macht einen fiktiven Sprung aus ihrer Brust, als sie den Geruch endlich identifizieren kann: Gras. Marihuana. Der süße, grüne Rauch, der die Nasennebenhöhlen füllt, der sich seinen Weg durch die Lunge ins Blut und schließlich in die Gedanken bahnt um den Menschen mit Magie zu füllen…

Mit dieser Erkenntnis stützt sie sich auf die Ellenbogen und bemerkt zugleich, dass auch die Gewalt des Echos nun nachgelassen hat. Das Haus steht noch. Sie rafft sich auf, schüttelt den Staub pro forma von den Klamotten und hält kurz inne. Ein schüchternes Lächeln macht sich in der Dunkelheit auf ihren Lippen breit. Keiner kann es sehen; sie selbst bemerkt es nicht. In ihren Gedanken stürzen die Ziegel auf sie. In ihren Gedanken wird sie bereits von schwerem Stein erschlagen. Aber sie kommt nicht umher, ein bisschen Romantik für die Situation zu verspüren: mag sein, dass sie in dieser Tragödie vergessen wird. Mag sein, dass sie sich selbst schon längst vergessen hat. Mag sein, dass sie ihr aufgeschriebenes Leben in dieser anderen Dimension nun lassen muss. Doch hat es etwas beruhigendes zu wissen, dass sie trotz all dem noch die Chance bekommt, richtig breit zu sein.

Die hinter ihr bereits zugefallene Tür zur Außenwelt versperrt den Lichtfluss. Nur mit wenigen, gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der morschen Architektur fallen, tastet sie sich ihren Weg langsam in das Haus hinein, dem zauberhaften Geruch hinterher. Der Gedanke, wieder aus diesem Geisterhaus rauszugehen, erreicht sie nicht. Schritt für Schritt arbeitet sie sich an der Dunkelheit ab, schließt sogar die Augen, um ihren Geruchssinn walten zu lassen und steht plötzlich auf einer Treppe, die in ein tiefes Schwarz herabführt.

Große Angst fabriziert den Schweiß auf ihrer Stirn, der über ihre Augen und Lippen tröpfelt. Ihre Hände, so unbeschäftigt und ohne Geländer zum festhalten, verschränken sich zitternd und feucht vor ihrem Oberkörper, der kalt und versteinert und fiebrig und schmutzig ist. “Wo bin ich”, fragte sie sich zum ersten Mal konkret. “Was mache ich hier. Wieso ist hier niemand, wieso muss ich da jetzt runter?” Sie wünscht sich weinend in eine einfachere Zeit zurück. Wie damals, wenn sie beim Arzt gefragt wurde, wo es denn weh tat und sie sich einfach nur zu ihrer Mutter umdrehen musste, die dann den Rest geklärt hat. Wie damals, als das letzte Klingeln vor den Sommerferien ertönte und sie nach Hause ging und sich für sechs Wochen nur sinnlose Filme und Serien anschaute und sich in einen Jungen verliebte, der sich nicht zurückverliebte.

Schließlich kauert sie sich auf die oberste Treppenstufe und lehnt ihren Rücken an die unsichtbare Wand neben ihr. Irgendwann wird sie den Weg nach unten wagen. Aber mit viel Glück, so sagt sie sich, stürzt alles ein, bevor sie es tatsächlich muss. Mit geschlossenen Augen und unruhigem Atem und dem intensiven Grasgeruch, der sie an den Görlitzer Park und den Keller ihres Bruders erinnert, schläft sie ein, auf einen bunten Traum hoffend, einer, der sie wieder nach Hause bringt, in das andere Jahr 2012, mit den anderen Menschen, mit der warmen Liebe und dem bewohnten Haus.

ATHENS · Kategorien: Chaosplanet · Ein Kommentar
 
 

HANGING ON

Veröffentlicht January 21, 2012

Sie riss ihre Augen auf. Ihr Puls bewegte ihren Atem zu einem schmerzhaften Dauerlauf der Angst. Panisch blickte sie sich um, immer noch unwissend, ob sie sich in einem Traum oder in der Realität befand. Sie suchte nach dem Schalter, der das Licht in ihre Welt bringen sollte, doch der Tastsinn war ihren verschwitzten, zitternden Fingern entsagt worden. Mit einem Griff an ihre Brust, dort wo ihr Herz verborgen lag, fragte sie sich, was nach dem schnellen Atmen kommt, wenn das Gehirn nicht mehr Sauerstoff aufnehmen kann? Wie groß die Angst vor dem Fall sein kann, wenn man schon längst aufgeschlagen ist? Was passiert, wenn es plötzlich nicht mehr um offene Wunden, sondern um fehlende Beine geht? Wie lange kann man seine Augen vor der Dunkelheit verschließen, bis sie vergessen, sich je wieder zu öffnen?

Sie konnte sich nicht unter Kontrolle bringen und weinte, und weinte, und weinte, und wünschte sich einen fernen Traum zurück, den sie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft und ihre Gegenwart nannte, überall und alles, nur nicht hier und das, und schlief schließlich ein mit dem Wunsch, nie wieder zu erwachen.

 
 

COWBOYS DES WAHNSINNS

Veröffentlicht January 8, 2012

Wir ritten die Plastikpferde der Kirmes in unseren dreckigen Jeans und mit dem von unseren Schuhen tropfenden Matsch ein. Mitten in der Nacht setzten wir uns Cowboyhüte auf die Köpfe, steckten wir uns Zigaretten in den Mund, und formten Pistolen mit unseren Händen. Im jugendlichen Wahnsinn zuckten wir mit den Schultern, als wir uns zu dritt in der Stille des künstlichen Abenteuerlands unsere Wunschmusik einbildeten und trotzdem tanzten. Rauchend, bedrohlich und cool, wie wir nunmal waren.

Im Staate des Wahnsinns, der uns letztlich erreichte, weil wir an der Systemkonformität scheiterten, sollte es keine Regelungen für Geisteskranke mehr geben – denn hier waren wir befreit von diesen Stigmata. Wir befanden uns in derselben physischen Welt wie alle anderen Opfer und Sklaven, die sich als gesund empfanden. Doch wir waberten gerne in unserer eigenen Dimension, von LSD produziert, aber von echtem Blut durchblutet. Dinge, die in unserer Welt nicht zählten: Steuern, übermäßige Schambehaarung, schlecht sitzende Kordhosen, die deutsche Hegemonie in der europäischen Finanzkrise, widerliches Dönerfleisch und fälschlicherweise überschriebene SD-Karten mit unwiderherstellbaren Erinnerungen.

Eine Kette an unberechenbaren Ereignissen brachte uns drei an diesen fernen Ort des wilden Lebens. Wir waren einst die Sicherheitsbeamten gewesen, die den Status Quo des Lebens bewahren wollten: Schule, Studium, Reihenhaus, Rente. Wir wollten ein Teil des Systems sein, aber vor dem ideologischen Hintergrund, dieses System von innen heraus zu stürzen. Doch unsere Ideologin wurde gefressen, zerschmettert, unwiderruflich in Verbitterung getränkt und vom Zynismus gefickt. Aus den intriganten Motiven wurden gebrochene Seelen, die vergessen hatten, wieso sie so verbissen so sein wollten wie alle anderen (um nicht aufzufallen, um an die Spitze zu kommen, um dann schließlich die herrschende Macht zu stürzen und das eigene System mit Zustimmung aller Teilnehmer zu regieren).

Doch dann passierte etwas, dass uns in der farbenfrohen Welt der Berliner Parklandschaft aufblühen ließ: die abgestellten Zirkus- und Kirmesgeräte, verrostete DDR-Fahrgeschäfte und tote Karussel-Tiere weckten in uns die Lust, so zu tun, als wären wir Teil eines poppig-nachdenklichen Indie-Musikvideos das aus GIF-Bewegungen besteht und viel Konfetti und Lametta und Mops-Welpen beinhaltet. Wir gaben uns dieser Illusion des Wahnsinns hin, liebten uns zu dritt unter dem unsichtbaren weil bewölkten Sternenhimmel, fühlten uns wie Jedis aus der Zukunft, die genau wussten, wie die Menschheit in ihre abartige Schieflage gerutscht war. Nur nach einer Lösung dafür suchten wir nicht mehr. Keine Gesetze, keine Essays, keine Zeit für Sicherungskopien. Wir waren nun endlich frei für all die Dinge, die wir schon immer machen wollten, und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden.

 
 

The Noose of Jah City

Veröffentlicht December 5, 2011

Während Kontrollverlust zwar in den hippiesquen Zeiten der Selbstbefreiung als schick und zwingend notwendig gilt, wenn man nicht als verstaubter Spießer dem kulturellen Untergang geweiht sein möchte, kann Kontrollverlust auch ziemlich ätzend sein. Wenn man sich, sein Wohlergehen, seine Flexibilität und die Hälfte seiner Zurechnungsfähigkeit abgibt. Und seien wir mal ehrlich: die meisten Leute sind wie wir. Auch sie sitzen die meiste Zeit mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen vor ihrem Leben und fragen sich, welche Spirituose sie heute bevorzugen. Genauso, wie sie vor ihrem Bildschirm sitzen und auf Facebook akrobatische Siegeszüge für virtuelle Ablenkungstuniere turnen. Und das sind dann die Leute, die die Schrauben an unseren Flugzeugen festziehen, und die für die Sicherungen in unserer Wohnung zuständig sind, und die das Fernsehprogramm gestalten, und die unseren intellektuellen Texte schreiben.

Jeden Tag geben wir ein Stück unserer Unabhängigkeit ab. Das ist ja auch okay, man kann ja auch nicht alles. Nicht alles wissen, nicht alles können. Wir geben Kontrolle darüber ab, was auf diesen Gebieten passiert, und auch das ist okay, denn viele haben sich spezialisiert und sind besser in ihrem Fach als wir (selbst, wenn sie die meiste Zeit Minesweeper spielen und ihre Vorgesetzten hassen und Geldprobleme haben).

Es ist aber nur so lange okay, bis wir die Kontrolle nicht mehr zurückhaben können. Während viele konkrete Dinge lose in unserer Atmosphäre schweben und greifbar bleiben, sind es unsere Herzen meistens genau dann nicht, wenn wir einen Rückzug starten möchten. Und dann geht das Gepaddel ums Überleben los. Entweder, man lässt weiterhin jemand anderes die Kontrolle darüber haben und baut eventuell große Scheisse, oder man erkämpft sich in bitterer Schlacht zurück, was schon längst Scheisse geworden ist.

Kontrollverlust ist ein anderes Wort für die Ehrfurcht vor der Hoheit, die man über sich akzeptiert. Und so lange die Hoheit einen guten Tag hat, sieht man nicht die Schläge, die einem für die miesen Tage (meistens Montage) bevorstehen.

 
 

Die Manchmal-Freunde

Veröffentlicht November 21, 2011

Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.

Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.

Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.

Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.

Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.

 
 
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