ATHENS

Veröffentlicht January 22, 2012

Die Tür knarzt voller Schmerz, als sie sich nach so langer Zeit wieder bewegt. Von ihr fällt eine Armada von Staub, welcher mit den Luftpartikeln zu einem kleinen Wirbelsturm im Luftzug wird bevor er nach wenigen Sekunden erneut die Starre der Leblosigkeit annimmt.

Sie blickt auf ihre nun dreckigen Handinnenfläche, verwirft einen nie ausformulierten Gedanken zur Symbolhaftigkeit dieser speziellen Schmutzschicht, reibt ihre Hand an ihrer verwaschen gekauften Denim Jeans, die ihre Oberschenkel extrem dick wirken lässt, und tritt in das augenscheinlich leer stehende Haus aus ihrer Vergangenheit ein. Sie konnte sich trotz aller Anstrengungen nicht erklären, wie sie überhaupt hier her gekommen war; sie wusste nicht mehr, wie dieser Traum angefangen hatte. Aber nun war sie hier und ließ die Sonnenstrahlen der hellen Welt in das dunkle Haus einfallen. Sie erschloss, Schritt für Schritt, nur mäßig bekanntes Land: hier war sie schon mal gewesen. Aber wann?

Nur mit Mühe kann sie ihre angetrockneten Lippen befeuchten und krächzt ein leises “Hallo” aus ihrer Kehle, welches sich in ein Ungeheuer von Echo verwandelt. HALLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLOLO… die Decke gibt einer Lawine an Staub nach, im hinteren Zimmer, dort, wo die Dunkelheit herrscht, entsteht ein tosender Lärm, ein regelrechtes Chaos, in dem sie sich auf den Boden wirft und die Arme über den Kopf schlägt, so, wie sie es in diversen amerikanischen Action-Filmen schon oft gesehen hatte. “Oh Gott”, denkt sie still in ihren pulsierenden Geist hinein. “Das Teil kracht mir gleich auseinander”. Ihre noch vom Kommunikationsversuch nassen Lippen sind nun perfekt von einer millimeterdicken Lage aus Staub bedeckt. Mit einigem Prusten und vielen Sabberfäden, die schließlich an ihrem Kinn eine dunkle Dreckspur hinterlassen die sie nicht bemerkt, kann sie ohne Einsatz ihrer Zunge den Dreck aus ihrem Mund entfernen. Sie findet, für den Bruchteil eines Gedankenblicks, sogar ein bisschen Stolz für die souveräne Leistung, die sie noch im Schmutz liegend vollbrachte.

Während sie mit ihren zarten, kleinen Händen auf dem Kopf auf den abgezogenen Dielen liegt und darauf wartet dass das Beben sich beruhigt – mit größter Chance, unter den Trümmern des einstürzenden Altbau begraben zu werden – erreicht sie ein Signal. Es kitzelt sie mit größter Unvernunft in der Nase und verhält sich der Situation unangemessen, aber ihr Herz macht einen fiktiven Sprung aus ihrer Brust, als sie den Geruch endlich identifizieren kann: Gras. Marihuana. Der süße, grüne Rauch, der die Nasennebenhöhlen füllt, der sich seinen Weg durch die Lunge ins Blut und schließlich in die Gedanken bahnt um den Menschen mit Magie zu füllen…

Mit dieser Erkenntnis stützt sie sich auf die Ellenbogen und bemerkt zugleich, dass auch die Gewalt des Echos nun nachgelassen hat. Das Haus steht noch. Sie rafft sich auf, schüttelt den Staub pro forma von den Klamotten und hält kurz inne. Ein schüchternes Lächeln macht sich in der Dunkelheit auf ihren Lippen breit. Keiner kann es sehen; sie selbst bemerkt es nicht. In ihren Gedanken stürzen die Ziegel auf sie. In ihren Gedanken wird sie bereits von schwerem Stein erschlagen. Aber sie kommt nicht umher, ein bisschen Romantik für die Situation zu verspüren: mag sein, dass sie in dieser Tragödie vergessen wird. Mag sein, dass sie sich selbst schon längst vergessen hat. Mag sein, dass sie ihr aufgeschriebenes Leben in dieser anderen Dimension nun lassen muss. Doch hat es etwas beruhigendes zu wissen, dass sie trotz all dem noch die Chance bekommt, richtig breit zu sein.

Die hinter ihr bereits zugefallene Tür zur Außenwelt versperrt den Lichtfluss. Nur mit wenigen, gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der morschen Architektur fallen, tastet sie sich ihren Weg langsam in das Haus hinein, dem zauberhaften Geruch hinterher. Der Gedanke, wieder aus diesem Geisterhaus rauszugehen, erreicht sie nicht. Schritt für Schritt arbeitet sie sich an der Dunkelheit ab, schließt sogar die Augen, um ihren Geruchssinn walten zu lassen und steht plötzlich auf einer Treppe, die in ein tiefes Schwarz herabführt.

Große Angst fabriziert den Schweiß auf ihrer Stirn, der über ihre Augen und Lippen tröpfelt. Ihre Hände, so unbeschäftigt und ohne Geländer zum festhalten, verschränken sich zitternd und feucht vor ihrem Oberkörper, der kalt und versteinert und fiebrig und schmutzig ist. “Wo bin ich”, fragte sie sich zum ersten Mal konkret. “Was mache ich hier. Wieso ist hier niemand, wieso muss ich da jetzt runter?” Sie wünscht sich weinend in eine einfachere Zeit zurück. Wie damals, wenn sie beim Arzt gefragt wurde, wo es denn weh tat und sie sich einfach nur zu ihrer Mutter umdrehen musste, die dann den Rest geklärt hat. Wie damals, als das letzte Klingeln vor den Sommerferien ertönte und sie nach Hause ging und sich für sechs Wochen nur sinnlose Filme und Serien anschaute und sich in einen Jungen verliebte, der sich nicht zurückverliebte.

Schließlich kauert sie sich auf die oberste Treppenstufe und lehnt ihren Rücken an die unsichtbare Wand neben ihr. Irgendwann wird sie den Weg nach unten wagen. Aber mit viel Glück, so sagt sie sich, stürzt alles ein, bevor sie es tatsächlich muss. Mit geschlossenen Augen und unruhigem Atem und dem intensiven Grasgeruch, der sie an den Görlitzer Park und den Keller ihres Bruders erinnert, schläft sie ein, auf einen bunten Traum hoffend, einer, der sie wieder nach Hause bringt, in das andere Jahr 2012, mit den anderen Menschen, mit der warmen Liebe und dem bewohnten Haus.

ATHENS · Kategorien: Chaosplanet · Ein Kommentar
 
 

HANGING ON

Veröffentlicht January 21, 2012

Sie riss ihre Augen auf. Ihr Puls bewegte ihren Atem zu einem schmerzhaften Dauerlauf der Angst. Panisch blickte sie sich um, immer noch unwissend, ob sie sich in einem Traum oder in der Realität befand. Sie suchte nach dem Schalter, der das Licht in ihre Welt bringen sollte, doch der Tastsinn war ihren verschwitzten, zitternden Fingern entsagt worden. Mit einem Griff an ihre Brust, dort wo ihr Herz verborgen lag, fragte sie sich, was nach dem schnellen Atmen kommt, wenn das Gehirn nicht mehr Sauerstoff aufnehmen kann? Wie groß die Angst vor dem Fall sein kann, wenn man schon längst aufgeschlagen ist? Was passiert, wenn es plötzlich nicht mehr um offene Wunden, sondern um fehlende Beine geht? Wie lange kann man seine Augen vor der Dunkelheit verschließen, bis sie vergessen, sich je wieder zu öffnen?

Sie konnte sich nicht unter Kontrolle bringen und weinte, und weinte, und weinte, und wünschte sich einen fernen Traum zurück, den sie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft und ihre Gegenwart nannte, überall und alles, nur nicht hier und das, und schlief schließlich ein mit dem Wunsch, nie wieder zu erwachen.

 
 

COWBOYS DES WAHNSINNS

Veröffentlicht January 8, 2012

Wir ritten die Plastikpferde der Kirmes in unseren dreckigen Jeans und mit dem von unseren Schuhen tropfenden Matsch ein. Mitten in der Nacht setzten wir uns Cowboyhüte auf die Köpfe, steckten wir uns Zigaretten in den Mund, und formten Pistolen mit unseren Händen. Im jugendlichen Wahnsinn zuckten wir mit den Schultern, als wir uns zu dritt in der Stille des künstlichen Abenteuerlands unsere Wunschmusik einbildeten und trotzdem tanzten. Rauchend, bedrohlich und cool, wie wir nunmal waren.

Im Staate des Wahnsinns, der uns letztlich erreichte, weil wir an der Systemkonformität scheiterten, sollte es keine Regelungen für Geisteskranke mehr geben – denn hier waren wir befreit von diesen Stigmata. Wir befanden uns in derselben physischen Welt wie alle anderen Opfer und Sklaven, die sich als gesund empfanden. Doch wir waberten gerne in unserer eigenen Dimension, von LSD produziert, aber von echtem Blut durchblutet. Dinge, die in unserer Welt nicht zählten: Steuern, übermäßige Schambehaarung, schlecht sitzende Kordhosen, die deutsche Hegemonie in der europäischen Finanzkrise, widerliches Dönerfleisch und fälschlicherweise überschriebene SD-Karten mit unwiderherstellbaren Erinnerungen.

Eine Kette an unberechenbaren Ereignissen brachte uns drei an diesen fernen Ort des wilden Lebens. Wir waren einst die Sicherheitsbeamten gewesen, die den Status Quo des Lebens bewahren wollten: Schule, Studium, Reihenhaus, Rente. Wir wollten ein Teil des Systems sein, aber vor dem ideologischen Hintergrund, dieses System von innen heraus zu stürzen. Doch unsere Ideologin wurde gefressen, zerschmettert, unwiderruflich in Verbitterung getränkt und vom Zynismus gefickt. Aus den intriganten Motiven wurden gebrochene Seelen, die vergessen hatten, wieso sie so verbissen so sein wollten wie alle anderen (um nicht aufzufallen, um an die Spitze zu kommen, um dann schließlich die herrschende Macht zu stürzen und das eigene System mit Zustimmung aller Teilnehmer zu regieren).

Doch dann passierte etwas, dass uns in der farbenfrohen Welt der Berliner Parklandschaft aufblühen ließ: die abgestellten Zirkus- und Kirmesgeräte, verrostete DDR-Fahrgeschäfte und tote Karussel-Tiere weckten in uns die Lust, so zu tun, als wären wir Teil eines poppig-nachdenklichen Indie-Musikvideos das aus GIF-Bewegungen besteht und viel Konfetti und Lametta und Mops-Welpen beinhaltet. Wir gaben uns dieser Illusion des Wahnsinns hin, liebten uns zu dritt unter dem unsichtbaren weil bewölkten Sternenhimmel, fühlten uns wie Jedis aus der Zukunft, die genau wussten, wie die Menschheit in ihre abartige Schieflage gerutscht war. Nur nach einer Lösung dafür suchten wir nicht mehr. Keine Gesetze, keine Essays, keine Zeit für Sicherungskopien. Wir waren nun endlich frei für all die Dinge, die wir schon immer machen wollten, und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden.

 
 

The Noose of Jah City

Veröffentlicht December 5, 2011

Während Kontrollverlust zwar in den hippiesquen Zeiten der Selbstbefreiung als schick und zwingend notwendig gilt, wenn man nicht als verstaubter Spießer dem kulturellen Untergang geweiht sein möchte, kann Kontrollverlust auch ziemlich ätzend sein. Wenn man sich, sein Wohlergehen, seine Flexibilität und die Hälfte seiner Zurechnungsfähigkeit abgibt. Und seien wir mal ehrlich: die meisten Leute sind wie wir. Auch sie sitzen die meiste Zeit mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen vor ihrem Leben und fragen sich, welche Spirituose sie heute bevorzugen. Genauso, wie sie vor ihrem Bildschirm sitzen und auf Facebook akrobatische Siegeszüge für virtuelle Ablenkungstuniere turnen. Und das sind dann die Leute, die die Schrauben an unseren Flugzeugen festziehen, und die für die Sicherungen in unserer Wohnung zuständig sind, und die das Fernsehprogramm gestalten, und die unseren intellektuellen Texte schreiben.

Jeden Tag geben wir ein Stück unserer Unabhängigkeit ab. Das ist ja auch okay, man kann ja auch nicht alles. Nicht alles wissen, nicht alles können. Wir geben Kontrolle darüber ab, was auf diesen Gebieten passiert, und auch das ist okay, denn viele haben sich spezialisiert und sind besser in ihrem Fach als wir (selbst, wenn sie die meiste Zeit Minesweeper spielen und ihre Vorgesetzten hassen und Geldprobleme haben).

Es ist aber nur so lange okay, bis wir die Kontrolle nicht mehr zurückhaben können. Während viele konkrete Dinge lose in unserer Atmosphäre schweben und greifbar bleiben, sind es unsere Herzen meistens genau dann nicht, wenn wir einen Rückzug starten möchten. Und dann geht das Gepaddel ums Überleben los. Entweder, man lässt weiterhin jemand anderes die Kontrolle darüber haben und baut eventuell große Scheisse, oder man erkämpft sich in bitterer Schlacht zurück, was schon längst Scheisse geworden ist.

Kontrollverlust ist ein anderes Wort für die Ehrfurcht vor der Hoheit, die man über sich akzeptiert. Und so lange die Hoheit einen guten Tag hat, sieht man nicht die Schläge, die einem für die miesen Tage (meistens Montage) bevorstehen.

 
 

Die Manchmal-Freunde

Veröffentlicht November 21, 2011

Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.

Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.

Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.

Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.

Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.

 
 

World Unite! Lucifer Youth Foundation

Veröffentlicht November 19, 2011

Das letzte Mal, als ich einen Song von Wy Lyf postet, war es Mai. Das Video enthielt mächtige Szenen und gewaltvolle Bilder von Aufständen, Protesten und Märschen. Das Video war eine Ode an die Demonstration. Ich machte mir meine Gedanken dazu – sagte aber nichts. Manchmal spricht eine Collage, die audiovisuell funktioniert, mehr als die Sprache, derer wir uns mächtig sind.

Im Mai, das war irgendwie vor und nach dem Arabischen Frühling gleichzeitig. Das war noch vor den Englischen Riots, das war vor den Occupy Wall Street Protesten in New York. Das war nach Fukushima. Das war noch, bevor Levis sich entschied seine Kampagne “Go Forth!” global aufzubauen und in Berlin neu zu formulieren. Das war bereits sehr lange nach dem Zusammenbruch des Finanzmarktes und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, aber es war noch vor dem Zusammenbruch der Europäischen Gemeinschaft dank der Verschuldungspolitik von Staaten.

Ich habe damals, im Mai, einen Text geschrieben, der zu Gewalt aufforderte. Vielmehr: Auflehnung. Ich habe damals ein Gefühl genommen, welches in mir ruhte und langsam herausbröckeln sollte, und es in die einzigen Bilder gesteckt, die ich ausmachen konnte: Fäustschläge und brutalste Eskalation. Es war passiv-aggressive Stimmung, die ich nicht einordnen konnte. Dieses Nicht-Können machte mich wütend. Der Geist, die Gedanken, sie sind abhängig von der Sprache, und die Sprache ist genauso abhängig von ihnen. Wie konnte ich empfinden, ohne es formulieren zu können? Diese Machtlosigkeit vor dem abstrakten Gerüst der Realität lässt einen gewalttätig werden wollen, denn nun gibt es kein Ventil mehr für das, was sich tief drinnen aufstaut.

Es war eine globale Stimmung, die durch die Medienlandschaft transportiert wurde. Völlig egal, ob es sich dabei um ein Bild oder eine Nachricht handelte, die Atmosphäre des Auflehnens war schon im Mai zu spüren. Sie war schon die letzten Jahre dagewesen, aber subtiler, stellenweise, ohne besondere Reaktion. Die Rebellion der iranischen Jugend war eine kleine Welle der Gerechtigkeitsforderungen, doch er versank in den Tiefen, am Grund des Ozeans. Die entstandenen Strömungen jedoch, sie waren weiterhin da – sie zeichnen sich heute umso deutlicher ab. Unsere jungen Menschen, Generation Facebook, Generation Internet, Generation Hipster, ihnen wird der Nihilismus, der gedankenlose Konsum, die Resignation vorgeworfen — doch müssen sie sich beweisen, profilieren, gegen die Punks, gegen die Hippies, gegen die 68er, gegen alle Bewegungen, die die Vorarbeit geleistet haben. Kein Wunder – wer will da nicht resignieren, bei Erwartungen, die kaum einzuhalten sind? Was haben die Generationen vor uns geschafft, wenn nicht die Fehler, die wir heute ausbaden müssen? Wie kann man sich da noch trauen, nach Idealen oder Gutmenschlichkeit zu streben? Friss oder stirb sind unsere großzügigen Alternativen, die all diese reaktionären Subkulturen vor uns, für uns erarbeitet haben. Sie haben es nicht besser gewusst, und ihre Versuche scheiterten. Wir wollen es besser machen: es gar nicht erst versuchen.

Das Gesicht der Menschheit hat sich zu einem hässlichen verändert, wo es schwieriger geworden ist, zwischen gut und schlecht, zwischen Kollektiv und Individuum zu unterscheiden, ohne daran zu zerbrechen. Wir bekommen das Erbe unserer großen Brüder und Schwestern ausgehändigt mit den Worten, “Jetzt ist alles gut”, und kriegen gar nicht mit, wie schlecht alles ist. Wir zucken resigniert die Schultern, denn man hat uns alle Waffen aufgrund eines Friedensversprechens genommen.

Aber diese Stimmung, dieses unaussprechliche Gefühl, das gedämpfte Raunen in einer Masse voller anonymen, schulterzuckenden, katzenrettenden Schatten von Menschen, es ist der Beweis dafür dass wir noch nicht am Ende sind. Wir sind nicht abgestumpft. Wir sind keine willenlosen Marionetten, keine konsum- und marketingverblendeten Hipster, jedenfalls nicht immer. Wir sind frei, wir sind jung, wir haben alle Möglichkeiten, die Welt zu verbessern und wollen das auch, aber wir resignieren – manchmal – eben im Angesicht der Problemberge, die man vor uns stellt und geben uns mit einer kleinen Welt voller Narzissmus und Ich und Ich und Ich zufrieden. Unser kleines Ghetto der Unwirklichkeit. Doch die Stimmung vernichtet unsere heile Welt der Ignoranz. Sie steckt uns über Kontinente, soziale Netzwerke und Medienberichterstattung an. Wir merken: wir fühlen uns nicht ungerecht behandelt. Aber an diesem Gefühl stimmt etwas nicht.

Wu Lyf haben ein neues Video aus ihrem Album Go Tell Fire To The Mountain veröffentlicht. Ich führe das an, weil das ganze Album in seiner Gesamtheit, aber das Video und der Song “We Bros” speziell, diese von mir als unbetitelte “Stimmung” zusammengefasste Atmosphäre einfängt. Diese Dringlichkeit, die aufgekratzte Stimmung des englischen Quartetts, dieses unfertige, schrammelige, aber irgendwie doch ziemlich harmonische Ding, das spricht so viel aus, was unsere Generation vielleicht gerade auszuformulieren versucht. Ich glaube daran, dass wir uns auflehnen können, dass wir es besser machen können, wenn wir weiter machen, und dieses Gefühl durch alle Netze und Schichten durchtransportieren, bis wir endlich, endlich, endlich die Musik zur Politik machen.

Im Video rennen Kinder vor etwas davon. Erst am Ende sehen wir, was es ist. Sie rennen vor unserer Welt weg. Wir rennen vor unserer Welt weg. Wir werden ständig dazu aufgefordert, Dinge zu verstehen. Was, wenn wir die Dinge einfach sein lassen könnten? Wenn wir alles liegen lassen – die Supermärkte, die Gesellschaftstrukturen, die Staatsgewalten und die Normative unserer von Dichotomien zusammengesetzten Kultur – und irgendwo, frei davon, unserer Kinder zur Welt bringen und ihnen dabei zusehen, wie sie es machen?

It’s a sad song that makes a man put
money before life
a sad song that puts a man for sale
A sad song that make a man put
money before life

In jedem Fall kann ich euch Go Tell Fire To The Mountain nur ans Herz legen. Es inspiriert mich, und es wird euch inspirieren. Hört es euch an und sagt mir, dass ihr auch diese Ernsthaftigkeit unserer Schritte auf dieser Erde spürt. Sagt mir, dass euch nicht alles egal ist.

 
 

Drank In My Cup

Veröffentlicht September 27, 2011

Ach, dieses Umsturzgefühl schon wieder. Lyrik, Literatur, gute Texte, eine Aneinanderreihung von Wörtern, die ja auch irgendwie Sinn machen sollen. Es will ja auch keiner in der kargen verfügbaren Zeit, die man sonst mit Möpsen, lustigen .Gifs oder absolut durchbrechenden Schlagzeilen verbringen könnte, irgendwelche Texte lesen wo jemand mit vielen Adjektiven beschreibt, wie er gerade melancholisch aus dem Fenster guckt und über zwischenmenschliche, emotionale Scheisse grübelt.

Das will einfach keiner lesen, ich ja auch nicht. Es langweilt mich ja schon wenn ich JDs (durchaus auch humorvollen!) Gedankengänge bei Scrubs folgen muss und mir dann gegen Ende jeder Episode fast eine Träne herunterkullert weil das wieder so schwergängig und moralisch wertvoll war. Lieber poste ich noch einen Song, Worte zählen nicht, geht zurück dahin, wo ihr herkommt, konsumiert fleißig bedeutungslos weiter, am Ende des Tages läuft es doch alles auf dasselbe hinaus. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass dieses mir auferlegte Hobby des Schreibens eine immer sinnlosere Richtung annimmt. Vielleicht sollte ich auch einfach die Fresse halten und Musik machen, so, wie jeder andere Mensch, der heute (im Internet und außerhalb) auch mal Erfolg haben möchte.

 
 

I Swear; It’s Okay

Veröffentlicht September 16, 2011
We Are Leaving Our Youth

We Are Leaving Our Youth

Ich lerne mich selber kennen. Das ist in vielen Dingen beruhigend und erleichternd, weil die Auswahl dann nicht mehr so schwer fällt. Was man gut findet und schlecht, das sind schon mal einige Hinweise darauf, wie man leben möchte. Und Dinge, die man charakterlich für selbstverständlich hielt, werden in ein anderes, neues Licht gerückt. Das macht vieles nicht unbedingt einfacher, weil man sich seinem Wesen, so paradox es klingen mag, auch beugen muss. Aber im Nachhinein ist das eine Richtung auf dem Weg durch’s Leben, und ohne die wäre ich vermutlich ziemlich unzufrieden.

Nein, einfach ist es sicherlich nicht, wenn man an seine unmittelbaren Grenzen stößt. Das passiert vor allem gerade bei Freundschaften, die ich nicht an ihrem dramatischen Limit sehen möchte. Die zarten Verknüpfungen unserer Persönlichkeiten können brechen, und damit finde ich mich ab. Schön ist es nicht, aber sinnvoll. Abwerfen, was abgeworfen werden muss, um sich selbst zu schützen.

Das macht mir auch Angst. Zu wissen, dass man eben nicht mehr alles kann, oder alles gut findet, und man nicht mehr ausschließlich in einem Erfahrungsprozess ist, wo das Motto “everything goes” steht. Jung sein; das bedeutete für mich bisher alles zu sammeln und in eine Kiste zu packen. Denn Now’s The Only Time I Know. Um eines Tages das, was mir gefällt, daraus auszuwählen und daran festzuhalten. Denn das bedeutet Charakterstärke, das bedeutet, man hat Prinzipien und handelt nicht nach Laune sondern bedacht. Wieso sollte man denn das, was man sich so mühevoll aufgebaut hat, einfach so durch eine Stimmung verbauen wollen? Dann lieber in die Erfahrungstruhe gucken; schauen, ob man da nicht schon mal was reingeworfen hat, was einem Neonpfeil in Richtung Ziel entspricht. Ohne unüberwindbare Brennesselhecken oder hohe Berge, die man überwinden muss. Die wird es mit Sicherheit sowieso geben, wieso also nicht beim letzten Level abspeichern und dann da weitermachen, wo man nach dem ersten Mal Game Over war?

In vielen Lebenslagen bedeutet das aber aktuell auch für mich, Reißleinen zu ziehen. Mich selbst zu kennen bedeutet: ich trage jetzt Verantwortung dafür, dass es mir gut geht. Einen Job zu kündigen hängt damit zusammen. Das letzte Mal endete die Situation in einem schmalen Burn Out und einer semi-überlegten Reise durch die Welt, die mich letztendlich bis in Einzelteile fragmentiert zurück an meinen Startpunkt brachte. Denselben Fehler mache ich nicht noch mal, auch wenn die Alternative, das Unbekannte, das “was mache ich jetzt” nicht der einfachere Weg ist, sondern nur der, der mehr Möglichkeiten beherbergt.

Reißleinen ziehen ist keines meiner Talente, so gut kenne ich mich auch. Ich hasse es an Dingen aufzugeben, die mir eigentlich gut tun, die ich brauche. Aber die Zeit hat schon öfter gezeigt dass ich nicht die Ausdauer habe, alle negativen Seiten einer Situation zu tragen, bis ich ihnen mit Apathie gegenüber stehe.

Ich frage mich dann, ob das Unspektakuläre dahinter, diese einfache Entscheidung “es tut mir insgesamt nicht gut, deshalb will ich es nicht” vielleicht zu voreilig ist; ob nicht manchmal die mehrmalige (augenscheinliche) Fehlentscheidung, getroffen in vielleicht unterschiedlichen Rahmensituationen, ob das nicht möglicherweise dann doch der richtige Weg ist. So tun, als würde man sich nicht kennen. Ist es das, was Menschen machen, wenn man sie für verrückt erklärt? Wenn sie alles hinwerfen, was sie haben, um ein anderes Leben zu leben, welches sie sich gewünscht haben? Will ich so sein?

Für jetzt entscheidet das Bauchgefühl in einer explosiven Mischung mit dem Kopf zusammen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann kenne ich mich selber, und ich weiß, was mir gut tut. Und deshalb weiß ich auch, wie viele Dinge enden, bevor ich sie zu Ende gebracht habe. Und das macht mir Angst.

 
 

Where you end and I begin

Veröffentlicht September 12, 2011

Ich habe Herz.

 
 

Bisaztrophe

Veröffentlicht August 31, 2011

Deine Stimme ist so erheitert und optimistisch wie immer, obwohl ich mich schon sehr lange nicht mehr bei dir gemeldet habe. “Der Schein trügt, S”, sagst du und lachst. “Wir waren schon oft da, wo du jetzt bist, und es bringt nichts mehr sich vor den Konsequenzen zu verstecken. Du kannst entweder glücklich sein oder dein Leben in Sicherheit wiegen. Nur beides, das wirst du jetzt noch nicht bekommen. Du kannst dankbar dafür sein”. Ich verstehe das alles nicht. Gebannt im Kreise unseres ewigen Spiel des Erwachsenwerdens zählst du die restlichen Münzen in deiner Tasche und guckst dich fragend nach bereitwilligen Geldgebern um. “Na und, dann muss man im Notfall halt auch mal schnorren, und hart an der Grenze leben. Wir tun es ja nicht, weil wir nicht anders können, wir tun es, weil wir uns entschieden haben, jung zu sein!

Deine Glückseligkeit bedrückt mich und meine tägliche Fahrt mit der U-Bahn. Ich weiß, dass du recht hast, deshalb rufe ich dich wieder an und erzähle dir davon, dass ich keinen einzigen Schritt weiterkomme, in der Angst, über eine unsichtbare Klippe zu fallen und in alle möglichen Probleme zu geraten. “Wie mache ich jetzt weiter?”, frage ich dich unaufgeregt. Die Antwort kenne ich. Du lachst, gibst mir einen klatschenden High Five und sagst: “egal wie, es wird schon das Richtige sein.”

Und du wirst recht behalten.

 
 
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