Es gibt ja so eine Sache, die jeder Autofahrer gemeinsam hat: jeder hält sich für den besten. Mit einer Ausnahme: meine Wenigkeit. Ich rate insbesondere alten Menschen und Kindern, erstmal eine Art Lebensversicherung abzuschließen, bevor sie mit mir in die Karre steigen. Sogar ICH habe Angst, wenn ich hinter’m Steuer sitze. So oft, wie ich schon im Stehen stolpere, ist es nur eine Frage der Zeit, bis mir so ein Teil unter meinem zuckersüßen Popo explodiert. Umso erleichterter war ich, als ich aus der Kleinstadt, wo das Auto die Lebensfähigkeit einer Person darstellt, nach Berlin zog. Ich händigte die Schlüssel zu meinem verrosteten Astra aus dritter Hand an meinen kleinen Bruder weiter und fuhr seitdem nur noch U-Bahn. Sogar Fahrrad fahren ist für mich ein Nervenkitzel, den andere nicht mal mit Fallschirmspringen erfahren würden.
Doch das Leben gibt mir jetzt eine zweite Chance, um mich zu beweisen. Nach drei Jahren Auto-Abstinenz vertrauen mir die netten Menschen von Nissan ihre Zukunftsvision an, eine mit der ich 100 Tage lang ab heute meine Nachbarschaft in den Wahnsinn treiben kann. Stundelang vor einer Parklücke stehen und weinen, weil ich das Teil nicht reinkriege? Check. Auf der Autobahn mit maximal 80 km/h auf der linken Spur fahren, weil ich zu viel Angst habe, den Laster zu überholen? Check. Vor Sorge, einen Fahrradfahrer umzunieten, lieber mal die begrünte Betonfläche am Moritzplatz-Kreisel mitnehmen und über das Teil mit 90 km/h donnern und das Ende meiner Tage in absehbarer Nähe sehen? Check. Letzteres ist mir NICHT WIRKLICH HEUTE AM ERSTEN TAG SCHON PASSIERT.
Folgendermaßen läuft die ganze Sache ab: ich, als nicht-gerne-Autofahrer, teste den neuen Nissan Leaf, ein hundertprozentiges Elektroauto, und ihr dürft dabei sein. Mehr als das: ihr dürft sogar für mich abstimmen. Nach dem Wettbewerb mit vielen anderen großartigen Bloggern darf der Gewinner entscheiden, an welche gemeinnützige Einrichtung das Auto geht. Ich mache das natürlich hauptsächlich aus altruistischen Gründen, denn obwohl das Auto extrem nützlich und entspannt zu fahren ist, gibt es einen kleinen Haken bei der Sache: das Aufladeproblem. Ich bin ja voll für Nachhaltigkeit und Fortschritt, was unsere Technologien angeht. Autos mit Elektromotor sind da eine spannende Geschichte. Doch ohne die passende Infrastruktur wird die größte Aufgabe sein, das Auto so flexibel nutzen zu können wie jedes andere. Der Nissan Leaf schafft mit einer Aufladung knapp 200 km/h – wenn man sparsam fährt. So zumindest die Ansage. Ob das stimmt, werde ich noch auf die Probe stellen. Doch was dann? Aufladestationen können schon mal etwas länger brauchen – ungefähr 8 Stunden für eine volle Ladung. Und sie sind spärlicher besäht, als mir lieb ist. In Kreuzberg etwa gibt es keine. Jedesmal nach Mitte fahren und mit der U-Bahn nach Hause? Sheesh. Oder eben an die Schnellladestation nach Schöneberg am Gasometer. Im Sommer mal ‘ne halbe Stunde chillen, kein Ding, denn so lange braucht es, um 80% geladen zu werden. Das lädt natürlich dazu ein, mal den Grill aufzustellen, ist ja ein schöner Ort. Lange Trips werden dadurch aber eher zur Qual, denn solange es keine Schnellladestationen am Wegesrand der Autobahnen gibt – no chance.
So weit zu der Aufgabe, der ich mich stelle. 100 Tage lang ein Auto, und ihr dürft ab und zu hier dabei sein, meistens jedoch auf der offiziellen Big Turn On Seite (TBTO) Mein Nissan Leaf trägt die Nummer 36 für Kreuzberg. Wenn ihr mich seht, lenkt mich bitte nicht ab, sonst habt ihr direkt ein Nahtoderlebenis verursacht. Weil ich euch auch so lieb habe, gibt es hier noch mein schickes Intro-Video. Ich schwöre ich bin eigentlich cooler, aber das wisst ihr ja hoffentlich.
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(falls ihr der Sache auch auf Twitter followen wollt)
Früher war das so, dass ich mir eine Liste mit Dingen gemacht habe, die ich mir leisten wollte. Ich würde nicht direkt sagen, dass ich daraufhin gespart habe; aber es war so, dass diese Liste priorisiert werden musste, irgendetwas war immer wichtiger als das andere. Mehr als einmal im Monat etwas “teures”, also etwas für ungefähr 50 Euro, das war nicht drin. Also gab es Listen. Und manchmal hat die Geldlosigkeit die Punkte auf der Liste überlebt. Dann stand da an erster Stelle ein iPod. Und nach einigen Monaten hatte ich das Geld für den iPod immer noch nicht zusammen; da gab’s dann aber irgendwas neues auf der Liste. Man blieb bescheiden. Mehr als 200 Euro kamen nicht zusammen, wenn man alle Dinge zusammenrechnete. 200 utopische Euro, für die man sich eine Jeans, neue Schuhe, einen iPod, vielleicht Unterwäsche kaufen wollte. Das waren große Investitionen. Konzerttickets waren nicht drin. Für ein Eis im Sommer wurden die Eltern wahlweise beklaut oder angeschnorrt.
Irgendwie ist es schade, dass ich das nicht mehr mache, sondern nur noch dringend etwas brauche (Unterwäsche) (und wie dringend, kann man jetzt auch einfach mal so stehen lassen. Wer es nicht schafft, seine Wäsche öfter mal zu waschen, muss halt mit quantitativen Maßnahmen entgegen steuern) oder dringend etwas möchte (iPhone, neue Schuhe, neue Jacke, am besten einfach alles wollen und alles kaufen was man sich leisten kann und immer noch nicht auf die teuren Investitionen hinsparen).
Ich weiß ja auch nicht so genau, was ich sagen will. Vielleicht, dass es auch einfach nicht mehr so spannend ist ohne eine Liste. Vielleicht, dass es sowieso egal ist, was ich brauche oder nicht brauche; ich kaufe immer genau das, worauf ich gerade Lust habe und das erklärt dann auch, wieso ich im Sommer zum Straßenkind werde, dass sich um nichts kümmert und nur von Weed & Auswärtsessen & Sonnenschein lebt. Ist, wie gesagt, aber auch ziemlich egal. Ich brauche dringend eine perfekt sitzende Jeans, gute Laufschuhe, eine Frisur, Unterwäsche und mehr Geld, meine ich.
Irgendwie zynisch und seelenlos, aber notwendig und aufregend: so wird die Werbeindustrie, die “Werbung” generell in der Kurz-Dokumentation “Sunshine” dargestellt. Der Amerikaner, der in Shanghai Fast Food Werbung für McDonalds verkauft, erzählt von seinem Alltag bei seiner Arbeit in dieser schön gemachten Mini-Doku.
Werbung ist ein faszinierendes Feld, und nicht zuletzt weil jeder der potenzielle Empfänger von Werbung ist, sondern weil sie unüberwindbar geworden ist, tückisch und schleichend. Genauso hat die Branche selbst etwas magisches an sich: unendliche Ressourcen, schmerzhafte Kreativarbeit, die Leiden junger Menschen, die sich in moralischen Konfliktzonen bewegen müssen, die Drogen, der Wahnsinn, das Abheben, und am Ende ist es wie in vielen anderen Branchen auch: keiner weiß so richtig, was er tut, aber man tut, und das nennt sich dann Arbeit.
Das Ding ist doch, dass nicht am Ende jeder Folge einer Serie sich das liebende Paar in überzogener Romantik über Berge und Täler und im regnerischem Sturm in die Arme läuft. Man muss immer so geduldig sein, die Spannung zu ertragen und die Geschichte auszuformulieren. Es gibt kein “sofort”, wenn man Unterhaltung will. Es gibt nur Staffelenden, die mit einem riesigen Cliffhanger antizipieren lassen, was als nächstes geschieht – nämlich in sechs Monaten oder in gar 12, wenn die nächsten Episoden abgedreht sind und endlich den Zuschauern vorgeführt werden können. Zeit und Liebe nähren sich voneinander, und genauso gehen beide Konzepte zu Grunde, wenn man ihnen eine Sache vorenthält. Was wir jetzt brauchen: mehr Zeit, um die Liebe zu vergessen. Was dann kommt: Liebe, die die Zeit vorbei rasen lässt. Lass uns die Akkus aufladen und den Platz für neue Geschichten schaffen, neue Folgen mit neuen Darstellern und Höhepunkten und Wendungen, die keiner erwartet hätte, weil die Writer mal wieder extrem verrückte Dinge geplant haben.
Auch wenn die Spannung uns fast zerreisst: wir müssen dran bleiben.
Trotz aller Höhen und Tiefen blicke ich auf die letzten 7 Tage erleichtert zurück. So vieles hätte schief gehen können – ging es aber nicht. Alles ist irgendwie ganz gut, wenn man sich mal zusammenreisst und die schönen Momente dominieren lässt. Der Umzug ist geschafft, die Wohnung ist abgegeben, die neue WG kotzt in ihrer ganzen Großartigkeit kleine Glücksbröckchen und die Gefühlslage hat sich stark beruhigt. Perfekt abgerundet wird das alles dann mit der entsprechenden Konsumbereitschaft: Neue Nike Air Max 1 und eine neue Destroyer, diesmal mit Lederärmeln – I’m bringing sexy back, motherfuckers. Wenn ich mich jetzt noch um Hausarbeiten, Steuererklärung und den anderen nervigen Arbeitskram kümmern würde statt ständig ins Kino zu gehen und Musik zu hören, dann wäre das Leben geradezu perfekt.
Mädchengangster, gefangen im Dualismus. Ein gutaussehendes Bündel wandelnder Widersprüche, Füße zu klein für Nikes, Frisur zu voluminös für kleine Skatergirl-Mützchen, Schenkel zu fett für Skinny Jeans und White Tee und Leopardeprintleggins. Aber ich scheiss auf die Authentittenzität, boy, ich bring Mitte nach Neukölln, Hood-Couture aus dem Altbau-Block am START, Kreuzberg Gentrification Light, schön in Residenzjogginghosenoutfit zu Katies Blue Cat ‘nen frischen Cappucino und einen Bagel mit Cream Cheese für 4 Euro und dem Ramschwarenhändler der zumachen muss noch mal Hallo sagen und wieder nichts kaufen, was es nicht auch bei Amazon mit Umsonstversand gibt! Ich höre auf meinem freshen iPhone Mobb Deep und laufe nachts um den Görlitzer Park herum, damit es mir nicht geklaut wird! Ich drehe meine Joints bereits vor der Party und verkauf sie für 3,40 an den englische Touristen! Ich hole mir eine Dauerkarte für’s Prinzenbad aber chill in Shirt und Jeans damit die türkischen Muttis mich nicht anspucken! Ich hol den besten Döner aus Kreuzberg ABER BITTE OHNE KNOBLAUCH UND OHNE ZWIEBEL ICH GEH NÄMLICH NOCH PARTY WALLAH! Junge, ich ficke dein Leben so hart und weine mich dann nachts in den Schlaf! Ich kaufe mir ein Skateboard und hänge es unter den Stuck im Wohnzimmer! Ich trage die Hose in den Socken damit sie sich nicht in meinen Single-Speed Speichen verheddert! ICH KAUF MIR EINEN SCHLAGRING UND TRAG IHN ALS ACCESSOIRE UM DIE FINGER! Ich pack Graffiti an Hauswände und lade meine Tags auf Facebook hoch! Ich trage Wal-Mart Pullover aus LA über meiner Bauchweg-Strumpfhose! ICH GEH ZU WATCH THE THRONE MIT EIN SITZPLATZTICKET! Ich weiß dass 2Pac lebt DAS HABE ICH IN MEINEM HIP HOP SEMINAR GELERNT! Ich häng im Block rum und lass ein Foto von mir für Instagram machen! VERSACE UND M.I.A. SIND GEIL! Ich sage LAK WALLAH wenn mich was nervt und meine Freunde geben mir Überprops für meinen breitgefächerten Multikulti-Hintergrund! Ich klau 10 Euro vom Nachttisch meiner Freundin UND GEBE SIE IHR ZURÜCK! OH Gott Deutschrap ist so TOT man aber ich hab Gästeliste für Cro Konzert lass ma hingehen! ICH KAUFE MIR EINE STURMMASKE FÜR DAS ODD FUTURE KONZERT UND HEBE SIE FÜR FASCHING AUF. Ich fahre einen roten Opel Astra Baujahr 97 und dreh THE CURE laut auf! Die Polizei macht Personenkontrolle und ich gebe ihm meinen Perso und sage DANKE LIEBER HERR KOMISSAR! POW, POW, POW!
Es gibt Menschen, und ich lüge nicht wenn ich behaupte, dass es meistens Australier sind, die haben keinen Kummer in der Welt. Sie haben nur unendlich viel Energie und den Drang, etwas zu tun. Ob es sinnvoll ist, ob es überhaupt funktioniert: völlig egal. Und die ganze Zeit hat man das Gefühl, dass sie es eigentlich nur so machen, weil es gerade eben aktuell ist. Wer scheitert, zieht weiter – too easy, mate. Meine Zeit in Australien hat mich auf jeden Fall einiges gelehrt, in Bezug auf das Leben. Auch da gibt es Spießbürgertum, auch da gibt es Ottonormalverbraucher. Aber seltsamerweise herrscht in diesem Volk so eine grundlegende Entspannung den Dingen gegenüber, die keine systematische Sicherheit dir geben kann. Ich mache dafür die Distanz und die unglaubliche Natur verantwortlich. Im Zweifelsfall können die auf ihre Bretter steigen und die Wellen surfen. Im Zweifelsfall können sie das ganze Jahr im Zelt schlafen, denn kalt wird es eh nicht. Ich habe keine Ahnung, wieso ich hier so hart über Australien und Australier philosophiere, aber es ist schon interessant zu sehen, dass die Macher von Skateistan Australier sind, und mit welchem Mindset sie an diese “Arbeit” gehen.
Skateistan, das ist ein Projekt, das Kindern in Afghanistan Skateboards näher bringen soll. So weit, so bizarr. In einem Land, das bis auf sein Mark erschüttert wurde, mit so unglaublich vielen kulturellen Hürden für Außenstehende, sollen nun Boards und Wheels die Kids begeistern? Auf verstaubten, bröckelnden Straßen, mit erschreckender Politik. Skateistan, der Film, dokumentiert die Reise der Macher und ihre Idee, einen Skatepark und eine Skateschule für die Kinder zu errichten. Gestern lief der Film in Berlin, und obwohl er keinen allzu großen Unterhaltungswert mit sich bringt, ist er sehr berührend. Er ist ein Einblick in die afghanische Geschichte, in die Kultur und auch ein bisschen in die Zukunft.
“Why Skateboarding? Because it works!” … der wichtigste Satz im Film, aber auch darüber hinaus. Diesen Kids könnte man alles beibringen, und jegliche Möglichkeiten geben, sie würden sie mindestens genauso enthusiastisch greifen. Wenn man nichts hat, nimmt man alles, was man kriegen kann. Und hier kommt vielleicht auch der altruistische, verrückte Australier ins Spiel, für den das Skaten so wichtig ist, dass er es weitertragen will. Mit Spaß und mit Lust. Und wer diese Kids dann beobachtet, der weiß: das ist richtig so, und es ist fantastisch.
Und so ist das also. Ein Unfall passiert, der Arm ist ab, dann kommt die Genesung: zuerst vom Schock, dann vom Schmerz und letztlich heilt auch die abgerissene Zukunftsvorstellung an ihren Stümmeln wieder ab. Nachts wird man von den Phantomschmerzen noch mal wachgerüttelt, dann hält man sich kurz fest, wo nichts mehr ist und merkt: ah, ja, klar. Ich in in der Realität angekommen. So fühlt sich das an: echt, rau, roh und bis ins Mark erschütternd. Aber: real. So real, dass man sich manchmal fragt, in welchem Traum man vorher gelebt hat. Oder: so surreal, dass man an seiner Realität wieder anfängt zu zweifeln. Tief im Loch gefangene Gedanken werden mit Alltäglichkeit betäubt, und ich sehe der Wunde zu, wie sie sich schließt. Sie nässt jedenfalls nicht mehr, das ist ein großer Sprung nach vorne. Manchmal, wenn ich so da sitze und nichts denke und nichts fühle, dann vergesse ich, dass es je einen Unfall gab, und dann vergesse ich, dass ich je Schmerzen hatte, und dann vergesse ich, dass tiefe Narben meine Haut zeichnen und hey, mir fehlt ein Arm. Aber das ist es jetzt: Realität.
Das kann man einfach nur noch achselzuckend hinnehmen. Es ist der Garden State Dualismus, es ist nicht richtig und nicht falsch, es gibt keine Antworten und es gibt auch keine Fragen mehr.
Es ist:
This isn’t a conversation about this being over, it’s, it’s… I’m not, like, putting a period at the end of this, you know, I’m putting, like, an ellipsis on it, cause I’m- I’m- I’m worried that if I don’t figure myself out, if I don’t go like land on my own two feet, then I’m just gonna to mess this whole thing up, and this is too important. I gotta go… you changed my life in four days. This is the beginning of something really big. But right now, I gotta go.
vs.
Yeah, the ellipsis, it’s dumb. It’s dumb. It’s an awful idea. I’m not gonna do it, okay? Cause like you said, this is it. This is life. And I’m in love with you… I think that’s the only thing I’ve ever really been sure of in my entire life. And I’m really messed up right now, and I got a whole lot of stuff I have to work out, but I don’t want to waste any more of my life without you in it. And I think I can do this. I mean, I want to. I have to, right?
Aber ich bin nicht Largeman. Wie soll ich sagen? I Am Sam.
Manchmal wünschte ich mir, mehr Leute würden ihre zeitweilige Armseligkeit an die große Glocke hängen. Nicht, weil ich vor Mitgefühl strotze, sondern weil ich ungerne alleine in meinem Elend suhlen möchte. Eine Party: für diejenigen, die an der Supermarktkasse stehen und weinen. Für die, die sinnlos auf fremde Leute einprügeln. Für alle Menschen die sich besaufen, bis sie nicht mehr stehen können und nachts in den kalten Armen von Ersatzmenschen liegen und versuchen ihre Gefühle abzuschalten. Und was sonst soll einen auch darauf vorbereiten?
Ich fühle mich wie Hermine Granger. Super-Streberin, relevant gebildet, kleine Klugscheisserin, rational unbestechlich. Und dann, in der Praxis, steht sie vor dem Besen und weiß nicht wie sie losfliegen soll. Nichts, kein Film, kein Song, keine Literatur hat je im Ansatz die Ausmaße dieser Katastrophe-Auf-Repeat erfasst. Zweifelsfrei ist es meine eigene, kleine Katastrophe, die null gesellschaftliche Relevanz mit sich bringt. Aber vielleicht gibt es irgendwo da draußen einen anderen, elendigen, armen Menschen, der sich selbst bemitleidet und das hier liest und sich denkt: ja, so fühle ich mich auch. Willkommen in meinem Club. Ich werde mir deine Story nicht anhören, weil ich zu beschäftigt bin damit, keinen Ausweg mehr für mein trauriges Leben zu sehen. Aber sei trotzdem gegrüßt.
Wisst ihr, warum wir alle Hanky Moody Fans sind? Obwohl er so ein ätzender, mieser, armseliger Typ ist? Wisst ihr das? Weil er liebt. Und weil er leidet (freilich leidet er wahrscheinlich nicht so wie ich – weinend an der Supermarktkasse, weinend an der Tankstelle, weinend im Bett, weinend am Esstisch, weinend beim Musik hören, weinen beim Tee kochen, weinend beim Arzt, weinend im Club – aber er leidet). Wir verzeihen einer fiktiven Figur diese ganzen unrealistischen Makel dafür, dass er ja eigentlich im Kern ein guter Junge ist. Aber in Wahrheit gibt es keine Sympathiepunkte für leidende (oder liebende) Menschen. Selbstmitleid, Negativität, Zynismus, das gehört doch alles nicht ins perfekte Bild der Selbstdisziplin und der erwachsenen Bewältigung. Im besten Falle betrinkt man sich drei Monate und setzt in der Zeit sein Herz aus den zerbrochenen Teilen wieder zusammen. Ein Jahr später verliebt man sich wieder und ist dann wahrscheinlich so voller Angst vor dem Ende der letzten gescheiterten Beziehung, dass man auch das frische, neue Etwas kaputt gehen lässt.
Aber: wen interessiert nächstes Jahr, wenn man sich heute schon brühend heißes Wasser über die Schenkel bis zum Arsch laufen lässt und zusätzlich zu einem gebrochenen Herzen, einer Nasennebenhöhlenentzündung, Minus auf dem Konto und abgemetzelten Verwandten in der Heimat jetzt auch noch riesige, sichtbare Narben von einem der sinnlosesten Unfälle aller Zeiten ertragen muss. Wenigstens habe ich jetzt einen Grund zum Weinen, den andere auch ohne Verachtung in der Stimme aktzeptieren können. Falls mich jemand also beim nächsten Mal nach meiner schlechten Laune fragt: ich hatte einen Unfall, hier, an meinen Beinen könnt ihr sehen, was passiert ist, und die Tränen in meinen Augen bescheinigen euch, dass es weh tut.
Das Leben rauscht an mir wie ein D-Zug vorbei, aber zur Silvesternacht hatte ich die einmalige Gelegenheit, einmal in Ruhe durchzuatmen und meine konstruierte Welt von oben zu betrachten. Genauer gesagt: ich saß auf einem Bett im Urbankrankenhaus vor dem Panoramaausblick und starrte auf den Himmel von Schöneberg, während die Stadt in einem tosenden Feuerwerksinferno erleuchtet wurde. Es war ein sehr fightclubesquer Moment. Das war so ein Augenblick, bei dem ich immer von dieser Überzeugung eingeholt werde, dass er von besonderem symbolischen Wert sein muss, ich diesen symbolischen Wert aber noch nicht so richtig erkannt habe. Trotzdem: in dieser kurzen Minute der totalen Hingebung für Zeit und Raum sauge ich die Bilder und Geräusche auf wie ein ausgedörrter Schwamm und setze die interpretativen Teile für mich später zusammen. Bisher hatte ich mit dieser Strategie noch nie Erfolg, denn auch in Retrospektive sind meine persönlichen, bedeutungstragenden Momente nie so richtig transparent.
Schon wieder war alles anders gekommen als gedacht. Schon wieder hatte ich Pläne, das Leben, sogar meine zukünftigen Gedanken und Taten in Stein gemeißelt und wurde anschließend von der Realitätsdampfwalze eingeholt: dein Leben kann nicht nur aus To-Do Listen bestehen, aus sorgfältig gepflegten Kalendereinträgen, aus unvergessenen Geburtstagen, aus behutsam ausgewählten Argumenten, aus rationalen Überlegungen und vernünftigen Entscheidungen. Die Realität will nämlich Platz, der nicht von dem strukturierten Netz der Sicherheit eingenommen werden sollte, sonst wird dieses Netz nämlich trotz aller Mühe beim Aufbau gnadenlos zerrissen und Realität macht es sich sowieso bequem. Ich kann also machen, was ich will: nicht das Unerwartete ist das Problem, sondern mein Umgang mit dem Unerwarteten. Mein Gesicht kann sich keine Stresspickel mehr leisten. Ich kann mir keine Versicherungen mehr leisten. Ich kann es mir nicht mehr leisten, mich an den weltlichen Aufgaben des Erwachsenwerdens zu zermürben. Jedes Mal, wenn es so weit war, habe ich Entschlüsse gefasst, die doofen Sachen alle abzubrechen “und endlich das zu tun, was ich wirklich tun will”, sprich: Job kündigen, Weltreise machen. Oder Job kündigen, Studium aufnehmen. Und dann noch mal kleinteiliger. Aber am Ende des Tages komme ich trotzdem an den Punkt der Überforderung, an dem ich mich frage:
Warum habe ich so viel Angst davor, zu schnell in die Kurve zu gehen in der Autobahnauffahrt, und was ist bitte so schlimm daran, wenn ein Plan nicht aufgeht? Sicherheiten sind Trugschlüsse. 2012 muss ich hart auf die Fresse fallen, um vielleicht endlich zu verstehen, dass es nicht so schlimm ist, wie ich dachte.