"Girl gone wide."


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“I’m a slave to the Absolute. That means I don’t have to be a slave to any human on earth.” Was er sagt, macht natürlich Sinn. Wenn man etwas Absolutes gefunden hat – etwas, das über allem anderen, also über alles irdischem steht – dann verliert man die Demut vor der Welt. Man verliert die Demut vor dem Tod, denn das Absolute – in diesem Fall Allah – verspricht ein Leben nach dem Tod, das viel größer ist, das viel reicher ist. Wozu das Leben mit jeglichem Müll füllen, immer auf der Jagd nach dem absoluten Glück sein, wenn es sowieso unvergleichbar ist mit dem, was danach kommt? Das Schicksal weist den Weg. Wenn alles einen Grund hat, dann gibt es keine Hoffnungslosigkeit. Das Absolute ist der Sinn des Lebens, der Sinn jeglicher Existenz.

Ich sage ihm, dass er natürlich unglaublich reif und ausgeglichen wirkt, und vor allem glücklich. Aber er korrigiert mich mit seinem verschmitzten Straßenlächeln, und wie er dann diesen typisch arabischen Laut macht, dieses “tz tz”, aber ganz schnell, und dabei seinen Finger verneinend schüttelt – das ist so sympathisch, weil es mir so nahe ist. “I am almost never happy. I suffer. I chose a very simple life, but I am tested all the time. I can’t go out with my friends and drink and have fun and not think of tomorrow. I am human, I see the things you have and I want them too. I suffer. But I know why I suffer: because I know what is ahead of me when Allah gives me the gift of the afterlife.” Natürlich kann man sich nicht einfach so dafür entscheiden, obwohl er das genauso drehen möchte. Aber was er sagt, ist durchaus eine Lehre wert, immerhin muss man ja nicht seinen persönlichen Religionsmoment finden, um trotzdem an den Punkt zu kommen. Vielleicht ist es leichter, zur Religion zu gelangen, weil sie einem in vielen Dingen schon Entscheidungen abnimmt.

“If you are always happy, you never know what it’s not like to be happy. So this cannot be the point in life. You can be happy sometimes, it is the best feeling. But you would not know if you didn’t suffer sometimes. But you need to know why you suffer, or life will be more than just life. You will be dead while breathing.” Ich sage zu ihm, dass ich das aber ein bisschen lächerlich finde, das alles so fatalistisch zu sehen. Dass er doch auch manchmal zweifelt und nicht weiß, wieso ihm das Schicksal so spielt. Natürlich sind seine antworten alle studiert, er unterhält sich ja nicht zum ersten Mal mit jemandem über das Thema. Aber er versteht trotzdem nicht, dass es mir nicht um Religion geht. Mir geht es um Zufriedenheit. Er gibt mich Recht: “If you can find what I find in Allah, you will be happy, but not the kind of happy that you expect. It’s a different shade of happy.”

Ich rede über viele Dinge – nur darüber nicht so oft. Ich rede über alles, aber darüber eigentlich nie. Darüber, wo ich herkomme und welche Gegensätze mein Leben bestimmen. Wie konfus alles ist, wenn man nicht nur zwischen zwei Stühlen lebt, sondern einen gänzlich dritten Stuhl darstellt. “I am a child of the globalized world. The only thing that gives me identity is me being a Muslim. It is something I chose. It is not something I am born into. I am French, because I have lived my whole life in France. I am also from Morroco, because this is where my roots lie. But I can’t decide, I will never decide because people have always decided for me. Being a muslim is my decision. It is my identity. It is above everything and nobody can take it away from it, no paper, no state, no jail. It is something I can always have, everywhere. In this globalized world, it connects me to the Ummah, to all my brothers and sisters. When everything fails, we always go back to tradition and belief. It is not a coincidence. It is natural for the human being.”

Ich sage ihm nicht, dass ich das bezweifle. Wenn es so wäre, dann wäre ich an einem ganz anderen Punkt, jetzt, “when all else fails”. Aber ich verstehe schon, dass er einen Weg gefunden hat, sich aus seiner Misere zu ziehen. Ich beneide ihn darum, auch wenn er mich in seiner ganzen Frömmigkeit beschämt. Er verurteilt mich nicht, aber mein Beschämen zeigt mir, dass ich mich selber verurteile – dafür, dass ich nicht so bin wie er. Dass ich Fehler mache, aber auch nur seiner Norm entsprechend. Meiner Norm, um ehrlich zu sein. Denn das ist das, womit ich aufgewachsen bin. Ich habe mich nie dagegen oder dafür entschieden, deshalb rede ich nicht gerne darüber. Es ist ein Teil von mir, den ich durchaus auslebe, wenn ich das Bedürfnis verspüre – kulturell zumindest. Aber ich habe mich nie dazu positioniert in der Hoffnung, dass es eines Tages einfach verschwindet. Und wie das so ist, wenn man sich plötzlich mit verdrängten Teilen auseinandersetzt, kann es ganz schön weh tun. Das sieht er mir an, er ist ja auch nicht dumm, auch wenn ich versuche mich bedeckt zu halten. Es interessiert mich, was er denkt. Aber es macht mich traurig, dass ich nicht vollständig ehrlich zu ihm bin, noch nicht zumindest. Er repräsentiert alles, womit ich nicht umgehen kann.

Ich frage ihn: “Do you think people can find an Absolute without Allah?”, und er sagt “Yes, of course. But today it is so much more difficult. You have Instant-Satisfaction. Everything must be now, now, now. You are hungry, you eat now. You are sad, you take drugs. You have any problems and there is an instant solution. Life is not about instant solutions, life is about nurturing your soul and your mind. You consume and consume and consume but your soul stays weak and small. Your soul does not grow up because it always gets what it wants now. By the end of everything, you will be nothing but a can filled with consumer trash, full of society codes that do not mean anything after your death and after the death of all of your friends. You leave nothing. When you were a child, it was easy to believe in everything. Now you believe in only the things you can see. And when you feel empty, you long for something that you can’t see, but nobody teaches you how to do believe. I am not saying technology is bad; I say it is not an excuse to kill yourself mentally. It is not an excuse to lose your belief and stop teaching the children the supernatural. Because virtuality is supernatural, too. You can’t touch Facebook. You can’t touch Twitter. You cannot touch communication, it is a new word and it is metaphysical. Everything has turned into spirituality. But people cannot believe in God anymore? They cannot believe something they don’t see? That is a joke.”

Er sagt das alles und ich glaube es ihm, weil er es so formvollendet darstellt. Und zugleich bin ich traurig, denn ich weiß: was für ihn funktioniert, muss nicht zwangsweise für mich funktionieren. Meine Mutter sagt immer, sie mache sich keine Sorgen, denn eines Tages werde ich den richtigen Weg finden – also den richtigen Weg zurück zu Allah. Und er sagte das genau so, wenn auch ein bisschen distanzierter: “There is a reason why you have all these questions. It means you are trying to find God. It doesn’t matter where you find it; but you are now at a point where you feel like something is missing. It is good. Your soul is trying to find it. You will find it just by this feeling. It’s nature. You can ignore it, or you can give into it. Give into it. Be unhappy. Find what you believe in. Turn off the music and the distraction and stop feeding your soul and your body with instant satisfaction when you don’t feel happy. Find things that you work for. Find things that are not instant. Principles of any kind. But I tell you: Allah has made a book for us with all the principles we need. It’s easier that way. Take the easy wait and acknowledge your destiny, but maybe your destiny is another one. It is also a test by Allah.”

Der letzte Satz widerspricht natürlich allem, was er zuvor gesagt hat. Er hat nunmal seinem Glauben, er wird davon nicht wegkommen- auch wenn er mich darüber hinweg trösten will, dass ich ihn nicht habe.

Der Knall deiner Abschieds-Ohrfeige katapultierte mich in eine andere Sphäre. Wo ich zuerst hinter den von Tränen verschwommenen Bildern meiner Augen nicht erkennen konnte, wieso alles zwar gleich aussah, aber sich nichts gleich anfühlte, kamen mit der Zeit immer mehr Details dazu. Das Echo des Aufpralls auf meiner Wange hallte bis dahin noch weiter, selbst, als ich wieder funktionierte, um mich immer daran zu erinnern, dass etwas anderes nun die Realität ersetzt hatte.

Ich funktionierte wieder. Ich ging dem Leben nach, so, wie es mir vorgeschrieben war. Da, wo ich mal einen Plan sah, klaffte nun ein riesiges Loch von Nichts, kurz gefolgt von Tod. Ich aktzeptierte die Tatsache, dass ein einst von so vielen wunderschönen Wörtern umschücktes Buch nun nur noch leere Seiten enthielt, aber nur, weil ich noch die Kraft sammelte, den Türspalt zurück zu meiner Dimension zu suchen. Dorthin zurück, wo du und ich gemeinsam unseren Zeitsstrang zum Ende hin begleiten.

Meine Parallelwelt sieht unserer identisch aus, aber sie lügt mich an, sie ist eine Täuschung, ein falsches Schild an der Straßenkreuzung, das ich genommen habe. Und nun bin ich gefangen. Das Spiegelbild unserer Welt ist irreführend, denn ich vergesse dich manchmal. Wenn ich mich erwische, erschrecke ich nüchtern. Die Erinnerungen an die Leere und die Zeitstränge und Dimensonen kehren zurück, und suche weiter nach dem kleinen, offenen Türspalt, der mich wieder zurück zu dir bringt.

by Anonym in Restrealität


in unregelmäßigen abständen veröffentlichen protagonisten eines anderen lebens (anderer welten, dimensonen, zeiten und gesellschaftsformen) ihre gedanken, erlebnisse und traumata hier. manche sind alter egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. in einem zustand des nicht-da-seins finden sie ihren frieden darin, in die außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. um ihre anonymität zu wahren, werden nur ihre pseudonyme preisgegeben. willkommen in der restrealität…


“yonder” von aguno

“Komm”, sagt er. Er nimmt meine Hand in seine. “Lass uns Einen rauchen. Da vorne, am Ufer.” Ich nicke nur und blinzel an ihm vorbei. Mein Herz klopft hoch und stößt gefährlich an den Kloß in meinem Hals, der sich zu einem Brocken von Beton verwandelt hat. Ich habe Angst den Mund aufzumachen und ihn mit einem Wasserfall an Herz, Blut und Bauschutt zu ergeben. Also lasse ich mich ziehen, und wir sagen nichts.

Obwohl es so viel gibt, was ich noch sagen will.

Er legt seine Jacke auf das spitze Sommergras und setzt sich hin. Ich bleibe stehen und sehe dem Wasser bei seinem ruhigen Treiben zu. Er blickt gegen die Sonne zu mir hinauf, hält sich die eine Hand eine Stirn, die andere legt er auf den freien Platz auf der Jacke und kneift die Augen fest zusammen. “Setz dich. Bitte.”

Meine Beine sind steif. Zeitlupe. Ich nehme tief Luft. “Reiß dich zusammen”, beruhigt mich das Wesen in meinen Fußzehen, dass noch ein bisschen Kontrolle hat. Es zwingt mich in die Knie zu gehen und Platz zu nehmen. Mein Kopf bleibt starr auf den funkelnden Fluss gerichtet, der in der Nachmittagssonne nichts zu sagen hat, und auch nicht viel tut außer für mich da zu sein. Nach links geht es zu mir, nach rechts geht es zu ihm. Auf der anderen Seite existiert nur ein schwarzes Loch. Und hinter uns sind alle Menschen, an denen ich Tag für Tag vorbei laufe.

Er rollt das Papier liebevoll zusammen und leckt behutsam den Klebestreifen ab. Er macht den Joint an, nimmt einen tiefen Zug und starrt parallel mit mir auf das Wasser.

Die Zeit rauscht an uns irgendwie vorbei, während wir immer noch bewegunglos sitzen. Jeder einzelne Moment brennt sich ein und zieht sich hin. Obwohl wir beide einfach nur aufstehen, auflegen, beenden und abschließen wollen, bleiben wir da, zusammen und doch nicht zusammen. Die Sonne geht unter, der Fluss zieht stumm weiter. Wir bleiben sitzen und dehnen und strecken, was noch da ist. Bis nur noch ich da bin. Und irgendwann nur noch der Fluss. Bis der auch nicht mehr da ist.

by Anonym in Restrealität


in unregelmäßigen abständen veröffentlichen protagonisten eines anderen lebens (anderer welten, dimensonen, zeiten und gesellschaftsformen) ihre gedanken, erlebnisse und traumata hier. manche sind alter egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. in einem zustand des nicht-da-seins finden sie ihren frieden darin, in die außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. um ihre anonymität zu wahren, werden nur ihre pseudonyme preisgegeben. willkommen in der restrealität…

Es ist Feierabend. Ich schließe den Reißverschluss meiner Laptoptasche, lockere die Krawatte, stelle meine Kaffeetasse in die Spülmaschine, ziehe meine Jacke an und nicke meinen Kollegen zum Abschied einen Gruß. Feierabend. Die Bedeutung des Wortes zieht mittlerweile an uns vorbei. Feierabend. Wenn wir mit der Arbeit fertig sind, gehen wir abends feiern. Feierabend.

Freitag, die Zeit rennt, der Countdown läuft. Schnell, schnell, lege ich meine Sachen in der Wohnung ab, ziehe meine Freizeitklamotten an, schaufel schnell noch ein Fertiggericht in mich hinein, zähle mein Geld, habe schon längst vergessen, was mich vor einer Stunde noch beschäftigt hat. Vergessen.

Meine Freunde sind schon da, mein Bier steht bereit, ein, zwei Schlücke und ich bin angekommen. Fünf für zwei. Fünf Tage für zwei Nächte. Repeat. Alles ist egal, wenn es erstmal so weit ist. Fünf Bier. Zwei Kurze. Eine Line auf dem Klo. Ich habe verdrängt, wieso ich überhaupt hier bin.

Überall passiert dasselbe: wir finden keinen Grund zum Feiern, also ist das Feiern der Grund geworden. Wir arbeiten, um feiern zu gehen. Wir feiern, weil wir arbeiten müssen. Fünf Tage Funktion für zwei Nächte Kontrollverlust. Ein Raum voller Kunst, oder ein Raum voller Künstlichkeit: synthetische Lichter knallen auf synthetische Emotionen und vermischen sich mit dem Sound synthetischer Musik. Bass, rollen, und alle tanzen. Wir tanzen, weil wir schon viel zu viel joggen und laufen und hin und herrennen, im metaphorischen sowohl als auch im tatsächlichen Sinne. Tanzen, auch wenn es idiotisch und zwecklos wirkt. Weil es idiotisch und zwecklos ist. Viel mehr davon bleibt uns nicht mehr übrig.

Ich stampfe im Takt mit, so lange meine Füße mich tragen, der DJ schwitzt vor mir, meine Nachtmenschen um mich herum klatschen und pfeifen und gröhlen. Wir haben Spaß, obwohl nichts an dieser Situation irgendwie amüsant ist. Ich sehe meine Ex-Freundin ein paar Menschen weiter zu den Beats schlängeln und werde nüchtern. Sie darf nicht hier sein, sie ist eine Erinnerung zu viel an das, was sonst um mich herum passiert. Du darfst nicht hier sein, verschwinde, versuche ich zu artikulieren, aber aus meinem Mund kommt nur Schaum, mein Atem nur Ecstacy, mein Kopf zu breit um zu funktionieren. Gottseidank.

Die Augen geschlossen kann ich die Blitze immer noch sehen. Ich lege den Kopf ganz weit nach hinten, bis mir der Nacken weh tut, ich rempel andere mit meinen Ellenbogen an und keinen stört‘s. Boom, Boom, Boom. Wir tanzen, ich vergesse, ein Regenbogen erscheint in der Musik, man nennt es Synästhesie, vielleicht ist es auch der Alkohol, vielleicht die Zigaretten, wahrscheinlich die Drogen. Eine Zigarette in meiner Hand, Rauch in meiner Lunge, das Lächeln hübscher Mädchen (nicht sie, ich schaue sie nicht an), Typen, die genauso wie ich ein normales Leben führen und ihren Feierabend genießen in dem sie alles, was davor und danach passiert, ausblenden. Blackouts.

Die Kopfschmerzen gehören dazu, definitiv. Sie erinnern einen an die Zeit, die man hat, um aus dem Koma aufzuwachen und wieder in das Leben zu starten, dass einem strukturiert aufgemalt wurde. Ohne dieses Leben macht das Feiern keinen Sinn. Ohne das Feiern ist es unerträglich. Jeder Feierabend wieder. Eine Party hier, eine Party dort. Woche für Woche, Kokain wie Kolumbien, MDMA wie Marrokko, Nikotin wie Nordamerika, Alkohol wie Australien, Gras wie Griechenland. Eine Reise in tausende Welten, hoch und runter, vergiss die Abgestumpftheit. Alle hier sind wie ich, alle hier, im Club, in der Lagerhalle, auf dem Bürgersteig, wir kennen uns unter der Woche nicht, aber nach Feierabend sind wir beste Freunde – wie im Kindergarten, wie in der Nachbarschaft, und die Zeit rennt gegen uns, fünf für zwei, fünf Tage Sinnlosigkeit für zwei Nächte nicht darüber nachdenken.

by yeahs in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Eine Abschiedsnotiz für das Mädchen, dass ich gehen lassen musste.

photo by Matthias Heiderich, taken from "Meanwhile, Back in Berlin"

Du wirkst so unnahbar.
Ich kann Dich nicht mehr fühlen.

Mir ist so schlecht wie einem zwölf jährigen nach einer misslungenen Prüfung.

Als würde Bekanntes unbekannt. Als würde die Welt, die eben sinnig war, nun ein unlösbares Rätsel… nein. Vielmehr ein kaum anschaubares verschwommenes Bild.

Das ist kein Vorwurf! Nein, es ist ein verzweifelter Ausschrei.

Ein Ruf rüber ans andere Ufer, an dem Du stehst und zu dem die Brücke durchschlagen wurde. Ein Ruf der Dir sagen will, dass wir eine andere Brücke finden müssen. Dass ich mir wünsche eine zu finden. Du stehst drüben, zu mir gewandt und hörst mich an und ich weiß nichts mehr zu sagen. Habe Angst, dass du dich umdrehst und gehst… uns so rede ich, kann nicht von der Stelle gehen und bin unfähig die Brücke erneut aufzubauen.

Welch ein Dilemma!
Bleibe ich stehen, so kann ich dein Ufer nicht erreichen, gehe ich, so verliere ich Dich aus meinen Augen.

Verzeih mir! Ich gehe dich jetzt finden.

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Ich stehe am Bahnhof Zoo neben dem Bäcker am U-Bahn Eingang zur U2, ich habe keinen Bock direkt runterzugehen, ich bin in Hektik und im Stress und ich telefoniere mit zwölf Leuten und als das endlich vorbei geht und ich die paar Tropfen Regen ins Gesicht abkriege und der Tag damit scheinbar endgültig gelaufen ist stecke ich mir doch die Zigarette an, die ich vermeiden wollte. Fick es, egal.

Neben mir steht ein Typ, nicht ungepflegt, nicht stinkend, irgendwie 90er Jahre Technolook und ein unschuldiges und total durchgenommenes Gesicht mit Sommersprossen, er steht vielleicht einen Meter neben mir mit einem Pappbecher vom Kaffeemann und guckt mich kurz an, als ich ihn angucke, nichts spektakuläres, aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich nicht alleine rauchen will und ich drehe mich zu ihm und halte ihm meine Packung Malboro Gold hin und frage “Willste eine?”

Er guckt böse und angegriffen und hat mich nicht richtig verstanden, “Was?” fragt er, “Na ob du ne Zigarette willst?” und ich merke, dass ich nicht lächel, also lächel ich, die Munition in seinen Augen wird augenblicklich entschärft, “echt?!” und ich sage “Klar” und er nimmt sich eine, und dann sucht er total verzweifelt nach Feuer, als ob ich sie ihm gleich wieder wegnehmen würde, also gebe ich ihm auch Feuer und er nimmt einen langen und zufriedenen und zittrigen Zug, “Man, woher wusstest du, dass ich jetzt eine gebrauchen könnte?”, ich zucke mit den Achseln. Keine Ahnung, ich wollte nicht alleine rauchen, und er stand neben mir in Raucherpose, “Keine Ahnung”.

Ich wollte mich wieder weg drehen, ich wollte nicht mit ihm quatschen, ich hatte gar keine Lust auf quatschen, aber er fing an zu reden, vielleicht weil er glaubte dass er mir das jetzt schuldig war. “Wartest du auf den Bäcker?”, “nein”, “die machen ja um 20 Uhr zu und da schmeissen die ihr ganzes Zeug raus”, ach so war das, er wartete auf altes Brot, na dann, “Soll ich dich auf was einladen?”, fragt er mich, und ich bin kurz aus meiner Bahn geworfen, er hält mich für eine Obdachlose, und wenn ich mir meine zerrissene Jeans und meine tief ins Gesicht gezogene Mütze so vorstelle, ja, dann vielleicht wirklich. “Nee man, passt schon.”, sage ich.

“Ich gehe gleich eh arbeiten, aber ich muss mich erst mal stärken”, wo geht der Typ denn hier jetzt arbeiten?, “wo gehst du denn jetzt arbeiten?”, frage ich, “na hinten auf’n Strich, du nicht?”, “Nee, ich nicht.” “Ich hab noch zwei Doggen zu Hause und ich muss die füttern, naja, scheisse, muss halt ‘ne!” “Ja, klar, muss halt.” Irgendwie wundert mich das nicht, dass er auf den Strich geht, er sagt das auch ohne dass es ihm peinlich ist, dafür bewundere ich ihn aber ich denke nicht mehr lange darüber nach, jetzt fallen mir auch die ganzen Flecken auf seinen Armen auf, H halt, natürlich, heieieieiei. “Ich hab noch ein bisschen Kleingeld, kannste haben”, ich drücke ihm ein paar Euro in die Hand, er ruft “SCHEISSE NEIN!! HÖR AUF!”, aber er sagt das total erschüttert und positiv erstaunt, und ich bin mindestens genauso erschüttert darüber, dass er so dankbar scheint. Es sind doch nur ein paar Euro. “Es sind doch nur ein paar Euro. Haste wenigstens ein bisschen Futter!”, ich habe kein Mitleid, ich denke mir nur, ich hab das bisschen Kleingeld und hätte es sowieso nur verloren weil ich kein Münzfach habe.

Ich muss auch ein bisschen lachen, mit ihm zusammen, weil das so eine total bizarre Situation ist, ich wollte doch nur nicht alleine rauchen, und jetzt quatscht der mich voll wie toll ich bin und dass ich mega den Sozialen hätte, nee, wenn der wüsste dass ich nur nich alleine sein wollte, ich sage zu ihm “man, das wird irgendwann wieder besser, wir haben alle schlechte Zeiten und wenn wir uns nicht gegenseitig helfen, wer dann?”, und er nickt, und er sagt “Ja, auf jeden Fall. Wenn du ein bisschen Dope brauchst, kein Problem..”, und weil ich seine Illusion nicht zerstören will sage ich “Nee, passt schon, behalt du mal, ich hab gerade gute Tage gehabt”, und auch wenn er jetzt glaubt, ich gehe auch auf den Strich, ist mir das recht so, dann hat er wenigstens Solidarität gefunden, meine Fresse, wir kommen beide auch aus Frankfurt am Main, dann umso mehr, das erzählt er mir nämlich auch, das und von den anderen Bäckern auch, die um die Uhrzeit alles rauswerfen, und einen Tag später fand ich heraus, dass sich das “Containern” nennt, interessant, da bin ich ja gerüstet für die beschissene Zukunft, und überlege ob ich ihm die Kippe gegeben hätte wenn ich gewusst hätte aber ach aber ach.

Ich gebe ihm meine Zigarettenpackung zum Abschied, vielleicht nicht wirklich gesund oder so, und vielleicht hätte ich ihm ‘ne Pizza ausgeben sollen, aber was soll’s, was soll’s, er fängt an mich anzuschreien dass ich das nicht tun kann und ihm nicht einfach so viel geben kann und ich lache ein bisschen und er lacht auch und ich sage “ey, wir sehen uns, und viel Glück heute”, und er schüttelt den Kopf wieso jemand so bekloppt ist und ich gehe in die U-Bahn und habe es beim Einsteigen schon längst vergessen und mache mir auch keine Gedanken mehr drüber und bin völlig unzufrieden weil ich meine Zigaretten weggegeben habe und jetzt könnte ich echt mal wieder eine rauchen, aber nett war er ja, und dann freue ich mich doch, ihm die Kippen gegeben zu haben, denn sein Tag wird bestimmt noch beschissener als meiner, und dann rege ich mich auf, weil er doch kein Feuer hatte.

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Immer, wenn ich jemanden bewundere; wenn mich jemand fasziniert, wenn ich so nah ran möchte wie nur möglich, legt sich völlig automatisch eine dicke Eisschicht, unabkratzbar, über meine ganze Haut und friert mich ein. Ich bin unfähig, Augenkontakt zu halten, unfähig, einen einzigen Satz geradeaus zu sagen, und wer auf meine Lippen schaut sieht, wie oft ich auf ihnen rumbeiße, sieht vielleicht auch wie oft ich versuche, meine Frisur zu richten. Ich stehe dann oft vor einem mentalen Spiegel und kritisiere meine Bewegungen, höre nicht mehr, wenn man mit mir redet, bin seltsam wenn ich angesprochen werde, stottere. Ich will so nah ran wie es nur geht und katapultiere mich ganz weit weg. Jede Wärme, die mir entgegen gebracht wird, verdampft in der Atmosphäre. Ich will, doch es geht nicht.

Ich fühle mich hingezogen, nicht sexuell, nicht unbedingt sexuell- unmerklich, einige Bewegungen sind es, die es auslösen. Es können Augenbrauen sein, die sich bei einem Wort nach oben verziehen oder Finger, die mit der Gabel spielen. Die Blicke die sich intensiv in meine Seele brennen, mich ausziehen und keuchend liegen lassen, und ich bin gelähmt, ich bin völlig überwältigt von so viel Impuls und Effekt und reagiere wie allergisch auf dieses Gefühl… eingenommen sein… benebelt sein… sich im Schatten verbotener Fantasien Dinge wünschen, die man selbst nicht direkt versteht, die man sich auch nie vorher gewünscht hat. Verboten, unerwidert, ein grausames Spiel mit heißen Gefühlen.

Aus meinem harten Kern wird weiche, klebrige Molasse die in den Händen fast fremder Menschen zerfließt, und die Unsicherheiten eines Mädchens, alle, die sie schon überwunden hat, werden plötzlich wieder hochgewürgt. So viele Jahre Arbeit von einem einzigen Blick vernichtet und für wertlos befunden, alles nur Täuschung. Es gibt keine Attitüde mehr, nur noch Qual, weil ich nicht bekommen kann was ich will, weil ich mich wie ein Idiot benehme, weil ich nicht mal mehr weiß, wozu das alles gut ist, warum das passiert, wie das jetzt zu stande kommt, an was ich mich erinnere, wieso es überhaupt wichtig ist, ist es denn wichtig?

Wie ein zwölfjähriges Kind, dass sich in einen Popstar verliebt; lächerlich, unbegründet, regelrecht naiv; und dabei ist es nicht Liebe. Es ist nichts. Nur eine Person, die mein Gesichtsfeld einnimmt. Ich bewundere sie. Weil ich noch nie in diese Welt eingetaucht war. Weil ich mich nie getraut hatte, einmal die Augen zu zu machen und frei zu sein. Ich rede mir ein, dass es jemanden gibt, der diesen Traum verwirklicht. Paralyisiert und unfähig, langsam atmend, kann ich unter so viel Druck die Worte nur noch herauspressen. Ich kann es nicht sagen. Ich kann es nicht zugeben. Ich trete zurück. Ich mache dicht. Es geht nicht. Ich bin kalt.

by Anonym in Restrealität


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Ich erinnere mich noch an die Aussichtsplattform und das Glitzern der Mittagssonne, die von den strahlend weißen Flügeln reflektiert wurde. Ich drückte meine Nase gegen das Glas platt bis sie weh tat, und ich hatte eine faszinierende Ausdauer: ich konnte wirklich stundenlang so stehen bleiben.

Ich erinnere mich daran, meinem Vater Adieu zu winken, damals, als man noch mit ans Gate durfte. Ich erinnere mich an meine verrotzte Schnute und die ganzen vielen Tränen, wenn ich mich von ihm verabschieden musste. Dabei verabschiedete ich mich nie wirklich von ihm- ich kannte nur sein Bild, das Bild des Reisenden, mein Held, mein Papa, der Abenteurer. Ich kenne ihn vom Flughafen, wo er mit seinen schönen Taschen stand und meine Mutter leidenschaftlich küsste und uns zu dritt auf seinen Schultern trug und sich von uns loseisen musste, um seinen Flug noch zu bekommen.

Jede Fahrt zum Flughafen war eine kleine heimliche Feier, bei der wir die Autobahn genossen, und der Abend zuvor war mit nervösem Gekicher und einer kindlichen Vorfreude geprägt. Wir erzählten uns Geschichten von Piloten und Wolken und Kampffliegern und wir düsten auf unseren Hochbetten und in unseren Träumen von Kontinent zu Kontinent. Aber es war nicht nur das Fliegen. Es war alles.

Die großen Hallen. Die gedämpfte Akustik. Die vielen hektischen, lachenden, weinenden Menschen und die Sprachen. Manchmal waren es unseren eigenen Koffer, die so ein schönes Geräusch machten, wenn man sie hinterherzog. Es waren auch die Flugzeuge, die großen, die kleinen, und die Stewardessen, die uns Stifte und Ausmalpapier in die Hand drückten, und es waren die seltenen Spaziergänge ins Cockpit, wo uns der beeindruckende Pilot kleine Pins an die Brust steckte und uns die Hände schüttelte. Es war das fertig abgepackte Essen und die anderen Kinder im Flugzeug. Es war das Gefühl im Bauch bei einem Luftloch und die spaßige Angst und die Filme und das Anlehnen an die Schulter meines großen Bruders und das stundenlange Game Boy spielen und sich um den High Score prügeln.

Es waren die Flüge in neue Welten, und es waren die Glückstränen meiner Mutter, wenn das Flugzeug in ihrer Heimat landete. Es waren die Gerüche. Es war der große McDonalds, den wir so liebten, weil wir mit Kindern aus allen möglichen Nationen gespielt haben, in unserer Geheimsprache. Unserer Flughafengeheimsprache, die jeder verstehen konnte.

Es war Papa, auf den wir zu rannten, wenn er wieder zu Hause ankam, nach Wochen der Geschäftsreisen. Er brachte uns exotisches Spielzeug mit, und viele Kulis von Messen, und Geschichten von Koalas und Bären und Fotos von Dheli und Südafrika. Er war unser Flughafen, wenn er nicht verreist war. Er nahm uns hoch und drehte sich mit uns im Kreis und wir fielen lachend und schwindlig zusammen.

Eines Tages kam Papa von einer Reise zurück, ohne Lachen, ohne Freude. Er musste nicht mehr reisen, dafür gab es jetzt jemand anderen. Wir machten keine Ausflüge mehr, und irgendwann wurden wir zu alt, um danach zu fragen.

Mein Papa ging als Reisender. Er kam nie wieder zu uns zurück.

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…


Es gibt sie, diese Momente die so voll sind, dass man das Gefühl hat platzen zu müssen.

Diese Momente, so voll, dass man das Gefühl hat nie glücklicher sein werden zu können, als in diesem Moment.

Ich habe ihn meist morgens, wenn ich zufrieden und müde nach Hause laufe. Vorbei an den Gleisen, das Klackern einer Dose, das Zischen – kurz-, gelegentliches Scherzen mit dem Menschen der einen begleitet und auf einmal ist er da: dieser Augenblick an dem ich schreien möchte, mein Glück in die Welt hinaus und in mich hinein, und dir entgegen..

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by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Du hast mich gefragt: wo ist die Wut hin? Der Schmerz. Der Jähzorn. Diese Lust, etwas anzuzünden, dieses Brennen danach, jemanden zu treten und zu schlagen und sich zu wehren und alles in Grund und Boden zu schreien- die Wut auf die Eltern und darauf, dass jeder Mensch in eine ungerechte Dimension an Scheisse geboren wird, durch die er sich durchwühlen muss? Wo sind die mit Fäusten in den Himmel gereckten und mit erhobenen Köpfen durch den Horizont bohrenden Dämonen, die niemals aufgeben wollten, und die noch im Dreck an ihrer Wut festhalten konnten?

Da war die Schule, da waren die Vorurteile und die Wünsche und Vorstellungen, die man nicht teilte, und auf die man sich nicht einlassen wollte. Keine Kompromisse, keine Eingeständniss. Da waren jeden Tag die Vorwürfe, und jede Nacht die Freiheit sich in Tränen aufzulösen und in seine Kissen einzuschlagen, bis man vor Erschöpfung aufgab und seinen Träumen den Weg freigab.

Die im Delirium durchgestandenen Nächten mit den besten Freunden, die man so abgöttisch liebte, die die gleichen Gedanken dachten, die tanzenden Rebellen, die synthetischen Hirnficke, die Ignoranz und der Hass aller Teilnehmer der sich bündelte und zuletzt vom Schweiß der jugendlichen Angst weggespült wurde, bis es dann hieß: ich kann nicht mehr.

Die Furchtlosigkeit. Diese ewigen und epischen Schlachten gegen das eigene Gefühl, die Reflektionen im Spiegel, die man fort brüllte, die blutigen Arme, die man sich immer wieder aufkratzte, um aus dem einzigen Puzzlestück, das man besaß, ein ganzes Bild zu fantasieren. Um dem ganzen Problem, das man selbst war, und das die Welt um einen herum war, einen Sinn, eine Bedeutung, und zuletzt auch Halt zu geben. Man setzte sich in ein Auto voller Hofnarren, betrunken vor Schmerz und gesteuert von dieser blinden Rage, und man hielt seinen Kopf in den Wind und spürte die Tränen an den Wangen entlanglaufen und fragte sich alle wegweisenden Fragen, auf die heute immer noch keiner eine Antwort hat- Fragen, die keiner mehr stellt.

Und man fühlte sich angespuckt, von der Welt verachtet, von den Schönen geächtet, von den Intelligenten gehänselt und suchte ständig seinen Platz in dieser Mitte, umgeben von gleichgeschalteten Schafen, und man fühlte dieses Feuer, das einen so erzornte, so tief brennen, dass es von Null auf Dreitausend Grad und Jahre noch katapultieren sollte- so lange jedenfalls, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

Bis jetzt. Es bleibt nichts zurück außer die Asche, die sich auf das halbzufriedene, apathische Wesen legt. Das, was sich nicht mehr gegen irgendwelche Ungerechtigkeiten erheben möchte. Das, was sich damit abfinden muss, sich über Wasser halten muss, Verantwortung tragen muss. Der Blick in den Spiegel spricht kein Urteil mehr aus sondern lediglich ein Gebet, endlich wieder Schlaf zu finden, endlich wieder ein lodern zu spüren, ein Funken Hoffnung darauf, dass man eines Tages vergessen könnte, was man mal war um blind weitermachen zu können.

Und die Songs, die man einst so liebte, sind schon lange keine Leidenschaft mehr wert. Und die Geisterschreie, die noch durch die Schulflure und Kinderzimmer hallen, echoen höchstens noch der kommenden Generation hinterher, die bald schon Wahlzettel unterschreibt und nicht mehr wütend ist. Nicht mehr wütend auf die Welt, nicht mehr wütend auf ihre Eltern, und nicht mehr wütend auf sich selbst.

Man blickt tief in das Loch hinein, kurz bevor man hineingetreten wird, und tut nichts dagegen. Man fühlt eine Erleichterung, dass es doch nun zu Ende gehen kann, dass man jetzt nicht meht weiter machen muss. Man setzt sich einen goldenen Schuss, und verabschiedet sich davon, dass alles Unheil dieser Welt nicht mehr auf den eigenen Schultern lastet.  Du hast das immer gewusst, das alles, und du wusstest auch, dass das Leben für diejenigen, die noch da waren, weiter gehen würde. Und das man vergessen würde, und dass die Wut eventuell verblasst. Das alles hast du gewusst. Ich hoffe, du wirst immer jung und wütend bleiben, Peter Pan.

by yeahs in Restrealität