In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und du? – Und du, lächelst…
… schaust mich an. Schaust mich an und sagst: „Die Menschen wollen keine Träumerei, schon lange nicht mehr. Das was du, hoffnungsloser Dichter, Inspiration nennst, finden sie lächerlich. Lächerlich, ja allein das Wort `Inspiration´, ist lächerlich.“ – Mir sind die Lippen zusammengefroren, bringe nur noch Stottern und Laute wie längst verhallte Trommelschläge hervor. Stoße, erbreche sie heraus. Und du? Und du? – Schweigst, machst eine deiner tiefgründig, realistisch sinnierenden Pausen. Lässt dir deine Weisheit noch einmal auf der Zunge zergehen. Und bevor du dich erbarmst sie hervor zu bringen, stammle ich: „Was du sagst sind keine Worte, selbst wenn du sprichst herrschst dieselbe leere, realistisch sinnierende Stille im Raum. Du lächelst, du lächelst dein heroisch ironisches Lächeln und dann gibst du deine ungetroffene Zustimmung, als hätte mein Schuss dich verfehlt.“ Du lächelst, sagst: „Wie sensibel du bist! Ist fast schon peinlich! Sei nicht so pingelig! Nicht alles muss elegant und geschmückt sein!“
Für dich bin ich immer nur der Belächelte, aus Prinzip werde ich belächelt, dass ist deine Stärke, dein Lächeln, es ist eine Maske die man nicht runter reißen kann. Durch sie hast du das Recht, recht zu haben, zu mehr bist du nicht in der Lage, du kannst dein Gegenüber nur übertrumpfen. Und wenn ich dann übertrumpft bin? – Was geschieht dann? – Ich schlage mit Worten auf dich ein, aus dem Bedürfnis heraus, dein Lächeln zu zerreden und du belächelst mein Reden, weil du nur lächeln kannst…
Ich gehe, habe keine Lust mehr auf deine Blicke, mehr hattest du mir nicht zu bieten, in unseren Gesprächen, du Schlauer, du Moderner, du stilvoll Wissender? Ich kenne dich, all das ist immer der selbe Ton, die gleiche Art, das selbe distanzierte Lächeln. Sprechpausen sind deine Sprachen, sie erwecken im Zuhörer die Sehnsucht dir zuzuhören und Inhalt zu finden, Etwas zu finden, dich zu finden: Was du sagst? Was du tust? Was du denkst? – Mich interessiert das alles nicht mehr, kenne dich, verstehe deine Technik, deine So-bin-ich-Stilfabrik, dein Sucht-mich-doch-bin-ich-wirklich-da? Dein Subtext langweilt mich, dein Text ist nicht vorhanden und das alles soll spannend sein?
Ich gehe, bedanke mich, du hast mir, dem Kind, dem Träumer und Schlafwandler, meine Sprache geschenkt. Ein schönes Geschenk, ich bedanke mich! Ich gehe, entschuldige mich stumm dafür, dass ich dich gefunden habe, dich nicht länger suchen wollte, dir eine Identität geschenkt habe. Es muss zerschmetternd sein sich derart zu verschreiben, sich aufzuopfern für Pausen, für weise Flecken, für Leerzeichen, für ein alles übertrumpfendes Lächeln.
Manchmal sehne auch ich mich danach, dann könnte ich ohne Arbeit arbeiten, könnte ohne zu denken, denken, schreiben ohne zu sprechen, sagen ohne zu erklären, versprechen ohne zu meinen, könnte leben ohne mich zu schämen, kämpfen ohne gekränkt zu werden.
Aber verstehst du nicht? – Wenn ich schreiben würde, so wäre dies keine Schrift und wenn ich dichten würde, so entstünde kein Gedicht und wenn ich sprechen würde, so teilte ich nichts mit und wenn ich leben würde, so wäre jeder Schritt, kein Schritt…
Ich entferne mich, bin nicht länger dein Tischkompane, starre keine Sekunde mehr auf deine Pausen, bin nicht mehr ergriffen von deiner Gewalt. Klein und erbärmlich soll ich endlich sein, ein Mensch mit Schwäche, mit Fehlern und Dummheiten, mit Naivität, mit manchem Starrsinn, so einiger Krankheit, doch frei von dir. Mit der Hoffnung etwas sagen zu lernen, Hörer zu finden die mich hören, die mich deswegen verstehen, mich wahrhaft auslachen können und ich werde vollkommen entblößt, doch überzeugt von der Entscheidung dafür, vor ihnen liegen, mich wälzen und drehen, verkrümmen. Und du? – Wirst über mir stehen und lächeln, … mit deiner unsichtbaren Schwäche im Gesicht, deinem Stolz, denn du, du, hast dich den Pausen verschrieben, dem Schweigen, den Leerstellen. Ich stehe auf. Ich gehe. Du winkst. Und lächelst…
Schleim
Veröffentlicht March 31, 2010
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

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In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Lippen so rot wie dein Blut, Gesicht weiß wie meine Angst und Haare schwarz wie unser Unglück…
Du bist schon längst über die sieben Berge gestiefelt,
ganz verkatert…,
doch dein Duft ist hier geblieben.
Es war als hätte sich diesmal Schneewittchen an einer Spindel gestochen, dabei hatte sie noch den vergifteten Apfel im Hals…
Mein Herz schlief 100 Jahre in einem Schloss voll Dornen und wartete auf dich, doch jetzt wo du, mein Prinz, mich geküsst hast, sehe ich nur noch den Frosch in dir und dieser ist ganz und gar nicht königlich.
Während du den Brotkrumen hinterher gelaufen bist, habe ich von fremden Tellerchen gegessen und im finsteren Wald den bösen Wolf getroffen.
Er hat ein paar mal kräftig gepustet bis das Backsteinhaus in dem das Gefühl für dich wohnte, gänzlich in sich zusammen fiel. Jetzt liegt es begraben in einem gläsernen Sarg.
Der böse Wolf nahm mich mit: die fiese Stiefmutter lud uns zum Essen ein, wir erschreckten die sieben Gaislein, lachten viel und oft. Ich hielt sogar seine Hand während wir in den Brunnen fielen, naiv genug zu glauben, dass die Steine in seinem Magen tiefe Gefühle für mich waren.
Nun stehst du allein vor dem zuckersüssen Lebkuchenhaus gebacken aus allerhand “Warums” und hast doch kein Spieglein an der Wand um es zu befragen.
Diesmal gibt es keinen Hans im Glück, dafür umso mehr hässliche End – lein. Es ist so hässlich allein…
Es war einmal eine Fast-Prinzessin, die keine sein wollte.
von elv
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Ich sitze auf dem Dach. Die Sonne geht unter. Meine Haare werden leicht von dem sommerlichen Wind mitgerissen. Die Augen fokussieren keinen bestimmten Punkt. Sie schauen in die Leere. Ab und an blinzeln sie dann von alleine, ohne das ich es mitbekomm. Ich bin in den Gedanken sowieso ganz woanders. Mein Kopf ist voll. Voller Probleme, Sorgen, Nöten. Und ich weiss nicht, ob ich das alles jemals packen werde. Zusammen packen werde. Alleine packen werde. Ich weiss es nicht.
Ich lasse mich nach hinten fallen, die Wolken über mir haben die dunkel-goldene Farbe der Sonne angenommen und es formen sich wilde Spielereien. Mein Brustkorb hebt und senkt sich im Takt des ratternden Motors, der leise vor sich hinsurrt. Das hat schon fast eine hypnotische Wirkung. Wäre ich jetzt so ein wunderheilender Heini aus dem Fernsehen von einem tollen Lustigen Sender wo man ganz schnell sein Geld verlieren kann, würde ich mich jetzt mit „Ey Bob.. Isch habe die ultimative Mention gefunden um mich voll frei zu fühlen“ betiteln. Da ich aber durchaus mehr Niveau hab als die, lasse ich es, kann ein Grinsen jedoch nicht unterdrücken. Ich breite meine Arme aus und blicke gen Himmel. Meine Gedanken liegen immer noch bei meinen Sorgen und Nöten, sie werden sogar gerade ein wenig schlimmer. Mein ganzes Leben habe ich versucht es allen recht zu machen. Ich wollte immer die Anerkennung, die mich zu einem glücklichen Kind macht. Leider wurde mir das mit 11 Jahren einfach so entrissen. Aus Kind wurde Erwachsene. Die Jugend war ausgeschlossen. Sie war einfach ausradiert. Sie bestand aus nicht viel. Sie bestand eigentlich nur aus mir und der Musik und der Welt der Literatur, des Schreibens. Ich konnte die Gefühle schon immer besser aufschreiben, als sie jemanden ins Gesicht zu schmettern. Das einzige, was ich lernen musste von Haus aus „ Niemand darf dein Inneres sehen, verschließe dich so gut es geht, sei hilfsbereit und denke erst als letztes an dich“. In der Zwischenzeit habe ich auch ein wenig dazu gelernt und verschließe mich zumindestens nicht mehr vor allen Leuten. Jedoch vertrauen finden ist immer noch so eine Sache. Es ist, als wolle mein Leben mir zeigen, das es die Jugend nachholen möchte. Nun, es ist jedoch hierfür zu spät. Vielleicht lern ich das auch noch.
Aber wenn ich mein ganzes Herzblut zusammenstecke und mir meine Ziele immer vor Augen halte, dann schaffe ich es. Dann schaffe ich das, was man mir immer vorwirft es nicht zu haben. Dann zeige ich meiner Welt den nackten Arsch und jeder der dann angschissen kommt, der hat es nicht anders verdient, als ignoriert zu werden. Mein Weg wird erreichbar sein, egal durch wie viele Täler ich noch gehen muss und mit wie vielen Existenzskrisen ich mich noch rumschlagen muss. Meine Gedanken kreisen Richtung Mittelpunkt meiner selbst.
Aufgeregt durch die vielen Gedanken ist mir gar nicht aufgefallen, das es bereits dunkel geworden ist und die Sterne aufgegangen sind. Ich stehe auf. Schüttel die Kiesel von meinen Klamotten, nehm mir den Rest Astra Rotlicht in die Hand, schnipp den Zigarettenstummel weg und begebe mich auf den Weg nach unten. Aber nicht bevor ich meinen Mittelfinger Richtung Horizont strecke und verschmitzt mit gesenktem Haupt lächele.
Le Fuck.
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer und um das alles zu begreifen
wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.
Ich stehe auf dem Balkon. Es ist Frühling, noch nicht wirklich warm, aber warm genug, um eine Weile im Sonnenlicht zu stehen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Ich blicke an den dreckigen Betonwänden des Plattenbaus gegenüber vorbei auf das erste aufkeimende Grün des dahinterliegenden Parks und mache mir Gedanken darüber, wie oft ich diesen Weg in den letzten drei Monaten zu dir gegangen bin.
Meine Lippen sind trocken, der Balkon ist dreckig und unten tragen die ersten Alkoholiker ihre Pfandflaschen zum Supermarkt um die Ecke. Die Sonne scheint, ich möchte einen Schnaps. Stattdessen zünde ich mir noch eine Zigarette an. Wie lange stehe ich hier schon?
Ich habe Hunger. Wir haben noch nicht gefrühstück oder geduscht. Dein Geruch liegt noch auf mir und das leichte Brennen an meinem Hals zeugt von deiner rastlosen Stutenbissigkeit, mit der du mich durch die Nacht getrieben hast.
Ich drehe mir langsam eine weitere Zigarette. Unten auf der Straße spielen Kinder in Anziehsachen, die ihnen ihre Eltern bei billigen Kleidungsdiscountern gekauft haben. Ich höre den Hund von Simone aus der Wohnung im ersten Stock bellen und denke mir, dass sie sich bestimmt über einen gemeinsamen Kaffee freuen würde. Man kennt sich.
Mich fröstelt ein wenig. Trotz der Sonne ist es doch kalt genug, dass ich eine Gänsehaut bekomme, während ich, unter dem Versuch meine Fassung zu bewahren, in meinen Taschen zum wiederholten Male nach meinem Feuerzeug suche. Manchmal sind Automatismen das einzige, was einem in bestimmten Situationen bleibt.
Drinnen höre ich dich lachen. Ich inhaliere so tief, dass mein Magen rebelliert und ich meine ganze Kraft darauf verschwenden muss meine grüne Galle nicht über die Balkonbrüstung zu entleeren.
Langsam spüre ich, wie die Taubheit der letzten Minuten von mir weicht, welche bis dahin noch Kontrolle versprochen hat. Meine Augen erden feucht und ich versuche mich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, um dem Drang der Tränen nicht nachgeben zu müssen.
Die Balkontür hinter mir wird zu einer Mauer, deren Höhe und Breite sich meiner Wahrnehmung entzieht. Was allerdings durchdringt ist deine Stimme und ich zwinge mich, den Blick in Blocktristesse des Ghettos gerichtet, einen weiteren Zug zu nehmen.
Ich zittere, nicht nur vor Kälte, stehe rauchend im Frühlingssonnenschein und warte darauf, dass du endlich aufhörst mit ihm zu telefonieren.
X/Y
Veröffentlicht March 5, 2010
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Es sind diese absurden Momente, Tiefpunkte, die extremen Momente in denen man plötzlich begreift. Das Gefühl absoluter Klarheit. X und ich. Die Augenblicke sind endlos. Der Glanz ist verschwunden. Und du, X du siehst gelangweilt aus.
Y: Was ist das X, was verdammt nochmal, ist das?
Du siehst mich an. Aber du hörst mich nicht. Ich fange an X zu schütteln.
Y: Wir X, was bedeutet das, wer sind wir, was?
X: Hör auf damit. Hör auf mit deinen Schubladen, deinen Definitionen, deinen beschissenen Erwartungen. Wir sind Nichts, Y. Wir sind unendlich im nichts. Bedingungslos. Bedeutungslos. Freiheit, Y.
Y: Bedingungslos. Bedeutungslos. Ist das Liebe, X? Du wirst mich fallen lassen in deiner Bedeutungslosigkeit. Freier Fall mitten in das verfickte Nichts. Du reißt die Teile aus mir, die dir gerade gefallen. Deine beschissene grausame Willkür. X, du bist ein Heuchler. Weißt du das, du der Weltenretter. Pamphlete gegen die Ungerechtigkeit, die Konsumlust. Du bist nie satt. Du bist der gierigste Konsument. Rücksichtslos. Du hast nie gelernt zu geben, X. Du nimmst. Du sagst mir, du bist Egoist. Das bist du. Siehst du, was du angerichtet hast, X? Ich bin zerbrochen in die Stücke, die du aus mir gerissen hast. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin X. Es sind so viele Ich. So viele Splitter. Erzähl mir nichts von Definitionslosigkeit. Du definierst deine Welt. Du hast mich verschwendet, X. Es geht um dich, X nur um dich. Verstehst du das? Du belügst dich selbst. Nur hör endlich auf es Liebe zu nennen.
X: Hör auf. Ich liebe dich doch. Diesen Moment. Du willst alles, aber ich kann dir nicht alles geben. Verstehst du das, Y? Es gibt keine Ewigkeit, es gibt keine Erfüllung. Keine Vollkommenheit. Nichts ist perfekt, Y.
Y: Du weißt nicht wovon du redest, X. Wenn ich ein Messer hätte, X. Ich würde es dir in dein Fleisch stoßen, damit du verstehst was Schmerz ist, X. Damit du fühlst was Hass ist. Und damit du begreifst was Liebe bedeutet. Deine, unsere “offene Beziehung”, X? Wir haben keine Beziehung X, wir haben nichts. Nichts außer die Bedeutungslosigkeit. Die Leichtigkeit. Und ich hab mich darin verloren, X. In dir verloren. Du hast die Grenzen verwischt, als du von mir genommen hast. Du frisst und frisst, deine endlose Gier, du bist nicht bedingungslos, X. Du bist, der der alles will. Alles und du hast es genommen, X. Du hast mich ausgesaugt, mich zum Produkt gemacht. Monster! Monster! Und während du deine Zähne in mein Fleisch geschlagen hast, hast du mich angesehen und hast es Liebe genannt.
Y wird gehen. Irgendwann. Noch braucht sie X. Sie wird ihre Selbstaufgabe als Hingabe, Leidenschaft, Kunst sehen. Aber es wird sie zerstören, und sie weiß es. Stück für Stück wird sie sich verlieren. Und irgendwann wird X satt sein, und von Y werden nur noch Teile beliben. Y wird sich betrachten -auseinandergerissen, verloren- sie wird langsam lernen, wie es ist sich zu lieben. Sie wird lernen, wie es sich anfühlt, frei zu sein. Sie wird den freien Fall als Freiheit begreifen. Sie wird sich hassen, ihre Schwäche, ihre Sehnsucht, sie wird sie hassen die Abhängigkeit. Bis sie begreifen wird. Sie will fallen, und wenn sie am Boden angekommen ist wird sie nach oben sehen. Sie ist schon so oft hier gewesen. Sie kennt den Abgrund. Und sie kennt das Schimmern, das in der Ferne zu sehen ist. Irgendwo. Y wird es finden. Irgendwann.
Sie nennt es Ambivalenz, sie sagt sie kann ihr Leben nur leben, wenn sie noch weiß wie es sich anfühlt zu fallen und zu lieben. Wieder und wieder. Kunst nennt sie es. Liebe vielleicht.
Autor: Anonym
Mike
Veröffentlicht February 24, 2010
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Die Milchbar. Wir glaubten zumindest, dass die Kneipe mit kleinem angeschlossenem Kiosk Milchbar hiess, ein Schild gab es ja nicht. Aber wir fanden den Namen sympathisch. Von außen bekam man den Eindruck einer Bahnhofsspelunke: Die Rollläden stets nur halb geöffnet, darunter noch weiße Gardinen, die das letzte bisschen Restlicht draussen lassen. Es war duster und leicht gammlig, die Einrichtung hatte ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nicht dass es dort jemals geschmackvoll zugegangen wäre. Das Publikum wirkte auf den ersten Blick nicht besonders einladend, es sind die Art von Leuten, die in anderen Bars schon rausgeflogen sind, hier aber trotzdem noch ihren Absacker kriegen. Es wirkte nicht wie eine Kneipe, in die man spontan einen Fuß setzen würde. Der Besitzer war Michael Smith.
Mike.
Mike war, als wir das erste Mal dort waren, Ende 50, und er wirkte nicht wirklich gesund. Ich könnte wetten, dass er auf der Straße häufig von anderen einen leicht angewiderten Blick kassiert hat, ansonsten wollte sich aber keiner näher mit ihm beschäftigen. Er hatte eine unheimlich rauchige Stimme und redete irgendein britisch-deutsches Kauderwelsch, dass nur schwer verständlich war. Wenn man jedes zweite Wort einfach ignorierte liess sich ungefähr erahnen, was er eigentlich wollte. Mit der Zeit ging es einfacher, wir mussten nur genau hinhören. Wenn er Stories aus seinem Leben erzählte. Wie er bei Woodstock war, was uns ja regelmäßig neidisch machte. Wie er die gesamte Welt bereiste und an den interessantesten Orten die verrücktesten Sachen erlebte. Oder wenn er beispielsweise Nigel zurechtwies. Nigel, stets gut gekleidet mit einer sündhaft teuren Aktentasche aus Leder, der aber auch stets schon gut abgefüllt in der Milchbar erschien und dann immer die Story erzählte, wie sein Vater in irgendeinem Revolutionskrieg 1000 Inder getötet hätte, bevor er von Mike mit einem “Jaja Halts Maul Nigel!” erst mal abgefertigt wurde. Angelika, die immer irgendwelche NDW-Songs schmetterte. Ihre Stimme war entsetzlich. Wenn ich noch einmal in meinem Leben Eisbär hören muss drehe ich durch. Mike sah das zum Glück ähnlich und zögerte dann auch nicht, den Stecker von der Jukebox zu ziehen, nur um sich dann mit Angelika anzulegen.
Genau, es gab eine Jukebox in der Milchbar. Eine richtige Jukebox, mit Vinyl, zwei Songs für 50 Pfennig. Also der Euro kam mussten wir bei Mike immer 50 Cent gegen 1 Mark tauschen, was widerum fünf Songs entsprach. dabei spielten wir immer nur einen Song, David Bowie’s Heroes, manchmal auch U2′s Where The Streets Have No Names. Mehr brauchten wir nicht, die verbliebenen Songs überließen wir den anderen - also Angelika. Einmal hatte Mike das Angebot in der Jukebox wieder geändert und David rausgeschmissen, was wir natürlich nicht einfach so stehen lassen konnten. Mike hatte keine Lust, die Single rauszusuchen und öffnete uns das Hinterzimmer. Unsere Kinnladen klappten auf den Boden. Vor uns taten sich nach Schätzungen etwa 12.000 Alben und gut 20.000 Singles auf, fein säuberlich alphabetisch sortiert, bis auf den kleinen Haufen auf dem Boden. Wir hatten noch nie eine so große Musiksammlung gesehen, geschweige denn eine nicht-digitale. Den Wert wollten wir uns gar nicht ausmalen. David haben wir dann im Haufen gefunden.
Und Heroes haben wir oft gehört. Wir waren ja oft da, es gab in dieser kleinen Stadt nicht viele Möglichkeiten, Billard spielen zu können. Mike hatte einen Billardtisch. Tatsächlich war es sogar der erste Billardtisch im gesamten Erftkreis, und er erzählte gerne, wie die Leute früher Schlange standen, um einmal spielen zu dürfen. Der Tisch hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen: Der Filz war teilweise eingerissen, die Fläche wellig und das Loch oben links transportierte die Kugel nicht mehr richtig. Alles Mankos, die wir geschickt umgangen bzw. zu unserem Vorteil genutzt haben. Mit der Umstellung auf den Euro konnten wir dann auch kostenlos spielen, da eine Umrüstung sich nicht mehr gelohnt hätte. Nicht dass wir das nicht auch vorher schon getan hätten, wenn das Geld knapp wurde: ein beherzter Schubser gegen den Tisch, schon konnten wir eine weitere Runde spielen. Mike hat es natürlich trotzdem immer gehört. Wir haben ein Mal gegen ihn gespielt. Wir dachten, wir wären einigermaßen gut. Es war die größte Blamage, die wir im Billard je eingefahren haben.
Mike war Multimillionär. Ihm gehörten fast alle Häuser in der Straße der Milchbar. Er hat in den 70ern ein paar sehr kluge Entscheidungen getroffen und in dieser Zeit sehr hart gearbeitet, um jetzt von den Einnahmen leben zu können. Das weiss so gut wie niemand. Wir wussten es auch nur, weil ein Vater eines Kumpels gleichzeitig Geschäfte mit ihm macht. Wir haben ihn einmal gefragt. Er nannte uns einen Betrag. Wir mussten schlucken. Aber der Blick in seinen Augen, die Art, wie er es sagte, so beiläufig, wir wussten, dass es ihm eigentlich nichts bedeutete. Da ist ein gemachter Mann, der von Leuten leicht angewiderte Blicke kassiert, obwohl er jeden einzelnen von ihnen auslachen könnte und es wahrscheinlich auch tut. Der an den schönsten Orten dieser Welt leben könnte und für seinen Lebtag ausgesorgt hätte, und der es stattdessen vorzieht, sich Abend für Abend hinter den Tresen seiner dusteren, leicht gammligen Bar zu stellen und seinem abgehalfteren Publikum inklusive zwei pubertierenden, billardbegeisterten Jugendlichen Bier auszuschenken. Seinen Freunden. In der Milchbar. Mike’s Milchbar.
Mike ist vor zwei Jahren gestorben. Ich habe selten einen sympathischeren Mann kennenlernen dürfen.
—
Danke Christoph.
Als ich das Projekt “Restrealität” auf DSG einführte, war es nur eine Kategorie für Dinge, die ich aus einer gewissen Distanz erzählen wollte. Geschichten, persönliche oder unpersönliche Erzählungen, Dinge, die in einem Schutzwall der Anonymität verhüllt werden sollten. Um die Grenzen zwischen mir und der Fiktion zusätzlich zu verwischen, lud ich jeden der wollte dazu ein, mitzumachen.

Ich bin völlig überwältigt.
Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt jemand je irgendetwas einschickt, aber mittlerweile machen nicht nur die Leute mit, die ich mit Axt über dem Kopf dazu zwinge, sondern Menschen, Fremde, Leute die etwas zu sagen haben, meistens in wunderbare Wörter verpackt. Und ich komm nicht hinterher damit, sie einzustellen.
Die Restrealität – also ihr – macht DSG zu etwas einzigartigem. Und ich möchte jedem danken, der sich die Zeit nimmt, diese Texte zu lesen und beizutragen. Das Vertrauen, dass uns geschenkt wird, wenn um Anonymität gebeten wird ist einfach nur krass, also danke noch mal dafür, auch von B (und jetzt auch N).
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier.
Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Ab sofort könnt ihr die Texte an restrealitaet/dragstripgirl/de schicken. Am besten, ihr fügt hinzu, ob ihr namentlich erwähnt werden möchtet, ob ihr einen Link zu eurem Blog gesetzt haben möchtet, wie der Titel des Beitrags ist, und wenn ihr ein passendes Bild habt umso besser. Und wenn nicht – auch egal.
Danke.
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Alle mögen Björn. Auch Katharina, die alle Kathi nannten, außer er. Jeder Name hat es verdient komplett zu sein, sagte Björn immer, für ihn war es ein Zeichen des Respekts.
Seit ihrem ersten Treffen hatte es ein Jahr, elf Monate und neunzehn Tage gedauert, bevor Katharina langsam herausfand dass Björn sie belog. Drei Monate und vier Tage später stritten sie sich zum letzten Mal. Es war kein Hollywood-Streit, statt Tellern flogen Anschuldigungen, Schimpfworte und Tränen. Alles Dinge, die mehr wehtun als zerbrochenes, mit Blumen bemaltes Porzellan. Sie wollte sich nicht von ihm trennen, doch schlussendlich hatte sie begriffen dass sie nicht ihn liebte, sondern den Traumprinzen den er für sie erschaffen hatte. Ihr schien als seien die letzten beiden Jahre mit ihm nie da gewesen, als würde sie plötzlich einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen, der äußerlich nach dem aussah wonach sich ihr Herz sehnte, innerlich jedoch ein ganz anderer war, und während das anderswo nur eine Metapher ist, so entsprach es hier der Wahrheit. Björn wollte sich auch nicht von ihr trennen, obwohl er es hatte kommen sehen war sie immernoch diejenige bei der er sich selbst seine Liebe fast abgenommen hatte. Fast, und so verlor Katharina die Schlacht, Björn aber den Krieg, in dem er selbst sein größter Feind war. Doch er blieb gelassen.
Für Björn gibt es keine Freiheit. Freiheit bedeutet, der zu sein der man ist. Freiheit bedeutet Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber, etwas was wohl nicht auf der Liste der Dinge steht die Björn ausmachen. Es fing ganz klein an, eine kleine Bemerkung, eine Meinung, ein einziges Wort, und schon begann der Baum der Lügen zu wachsen, zog seine Wurzeln durch ihre Beziehung und zeigte an der Krone das Bild eines Menschen der nur noch wenig mit dem tatsächlichen Menschen zu tun hat. Björn war ein toller Mensch, respektvoll, tolerant, liebevoll und schwer nicht zu mögen, ein stiller Begleiter, zufälligerweise genau der Mensch nach dem sie gesucht hatte, ihr Traumprinz, nach dem sie lange gesucht hatte. Ihm war es nicht so wichtig ob sie religiös war oder nicht, obwohl er selbst an keinen Gott glaubte tat er ihren Glauben nie als Humbug ab, oder versuchte sie davon abzubringen. Ihm machte es nichts aus dass ihr Sex größtenteils aus Blümchen bestand, obwohl er das Kama-Sutra bei sich im Schrank stehen hatte verlangte er von ihr nie mehr als sie wollte. Mit Katharinas besten Freundin, der Kuh mit dem übergroßen Ego, verstand Björn sich immer blendend, ihm machte es mehr Spaß in der Scheißkälte Schlittschuh laufen zu gehen anstatt den ganzen Tag im Bett zu liegen und sich Filme reinzuziehen, und sie war für ihn immer die Nummer 1. Björn war immer wie sie es sich wünschte, nur er selbst, der war selten.

Anfangs wusste sie das noch nicht. Anfangs weiß es niemand, manche wussten es nie, wissen es bis heute nicht, aber für Björn war da immer ein kleiner Schatten, tief in seinem Innern begraben, der mit der Zeit zwar kleiner und kleiner wurde, doch immer da war. Immer. Früher war es sein größter Wunsch gewesen möglichst gelassen zu sein, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, für die durch Emotionen angetriebenen Ausbrüche seiner Mitmenschen hatte er stets nur Verachtung übrig. Doch dann, eines Tages, merkte er dass ihr Preis teurer war als das was er durch sie gewonnen hatte. Der Fluch der Gelassenheit kostete Björn seine Liebe, seinen Hass und seine Trauer. Er hatte es erreicht, kaum mehr etwas konnte die Mauer um seine Gefühle durchbrechen, und plötzlich fehlte im etwas. Ihm wurde klar, Katharina hatte ihn nie geliebt, sie hatte ihn nicht mal gekannt, sie hatte sich in das verliebt was aus ihm geworden war, das was er für sie geworden war, und er hatte sie nie geliebt, er mochte nur die Vorstellung von wahrer Liebe, von einem Topf und einem Deckel die aufeinander passen, einer Scheinwelt, die er erschaffen hatte.
Der Übergang hat gedauert, verlief schleichend, und heute weiß Björn nicht einmal mehr womit, oder warum es damals begonnen hat. Aus dummer, naiver, aber echter Wahrheit wurde Schweigen, ein großes Schweigen, dass keinem zustimmt, aber auch nie anderer Meinung ist. Lieber ließ er andere im Glauben Recht zu haben, anstatt einen Keil zwischen die Beziehung zu stampfen, so dachte er anfangs. Die Taktik funktionierte gut, alle mochten ihn, und mit seiner Moral kam er in Einklang indem er sich immer wieder sagte er habe seine Prinzipien nicht verraten, er könne nichts dafür wie andere sein Schweigen interpretieren. Das Argument eines Kindes, des Kindes das er damals war. Er unterdrückte sein Ich, und gaukelte seinen Mitmenschen damit Toleranz und Gleichgesinntheit vor. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus, irgendwann merkte er wie leicht es war zu sehen wonach sich andere sehnen. Er fing klein an, er veränderte seine Vergangenheit, er erzählte Geschichten anders und gab Entscheidungen anders wieder, er pflanzte seine Wurzeln um, für sie, oder ihn, oder sie. Er merkte wie leicht es ihm fiel, und so kamen die Lügen in der Gegenwart an, bekamen Hand und Fuß, aus Björn wurde ein anderer Mensch, und der Baum wuchs. Er hatte Erfolg mit dem was er tat, die Leute mochten ihn, manche liebten ihn, und er bekam immer mehr Übung darin jedem ein anderes, passendes Bild von sich zu zeigen, Gefühle vorzutäuschen und die Wahrheit immer weiter zu vergraben. Es war kein Spiel mehr, sein Leben war zu einer großen Lüge, zu einer großen Täuschung geworden, was gerade die Menschen betraf die ihm am nähsten standen. Die, die ihn am allermeisten liebten, bekamen die größten Lügen aufgetischt, denn sie waren es deren Verlust er am meisten zu verhindern versuchte, sie waren es für die er sich komplett aufgab.
Doch das war nicht das Ende, den letzten Schritt auf seinem Weg ging er ohne es zu wissen. Björn war 21, als ihm eines Tages bewusst wurde dass er angefangen hatte seinen eigenen Lügen zu glauben, dass er nicht mehr wusste was er fühlte, dass er im Grunde gar nichts mehr fühlte, nur noch zeigte was von ihm erwartet wurde, dass er zig verschiedene Menschen war. Irgendwo zwischen all den Lügen hatte er sich selbst verloren, er konnte graben so tief er wollte, die Gedanken und Emotionen die er fand waren nur Bruchstücke von dem was er wirklich war, und nicht mal bei ihnen wusste er ob sie wirklich wahr waren. Plötzlich war aus dem Baum ein Wald geworden, und er fand nicht mehr heraus. Plötzlich war das Schweigen kein Mittel zum Zweck mehr, sondern das einzige was er noch tun konnte ohne sich selbst zu fragen ob er es war, oder jemand anderes, den er irgendwann mal für einen Freund, seinen Vater oder eine Freundin erschaffen hatte. Sein Geist hatte die Lügen legitimiert, indem er die Wahrheit sterben ließ.
Es war die Zeit der großen Entscheidungen, als Björn klar wurde, dass die Mauern die er erbaut hatte ihn nun selbst ausschlossen, dass er weder Ja noch Nein sagen konnte. Ihm wurde bewusst dass jeder, der sich selbst für jemand anderen aufgibt, und sei der Gedanke dahinter auch noch so nobel, aufhört zu existieren, und damit die Liebe zu Grabe trägt. Er stand vor einem großen Fragezeichen, er wusste nicht wie weit er seinen eigenen Gedanken trauen konnte, er wusste nicht mehr was er wollte oder wohin ihn sein Leben führen sollte. Alles was er wusste war dass er sein halbes Leben damit verbracht hatte nicht zu lieben, nicht zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu lachen und nicht zu hassen, dass alles nur ein einziges großes Schauspiel gewesen war, und dass es das war, wonach er sich jetzt am allermeisten sehnte, zu lachen und zu weinen, alles, bloß keine Gelassenheit. Er fühlte sich leer, so verdammt leer, ohne auch nur grob seine Zukunft vor Augen, ohne Menschen die ihn wirklich kannten, und fing an zu kämpfen, die unangenehme Wahrheit der angenehmen Lüge vorzuziehen, immer ein kleines bisschen mehr, immer weiter zu sich selbst, Menschen verlieren, Wahrheit gewinnen.
Nach Zwei Jahren, zwei Monaten und 23 Tagen mit Katharina hatte Björn eine weitere Schlacht im Krieg gegen sich selbst verloren. Heute bin ich 24 und kämpfe immernoch.
“Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm, gebt mir Wahrheit.”
- Chris McCandless
Danke Björn. Foto
Stories
Veröffentlicht January 25, 2010
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Wir waren in einer fremden Stadt, als wir uns wieder trafen. Es war unsere letzte Nacht. Meine Finger tanzten über sein Gesicht, strichen durch seine nassen Locken, über seine schönen Lippen.. Seine Augen waren geschlossen. Er atmete ruhig; er war erschöpft. All die Dinge, die wir uns in den Nächten zuvor durch unsere Körper gepumpt haben, brachen letztendlich unsere Standkraft. Nach fast 48 Stunden Wachsamkeit waren wir fast tot.
Das Zimmer, in dem wir lagen, spiegelte diesen halbwahnsinnigen Zustand wider. Das Rattengift hinter der Heizung. Die Brandlöcher in der Bettdecke. Die gelblichen Flecken auf den Laken, auf denen wir lagen. Die Wandbemalungen, die Requieme der trippenden Mittzwanzigern, die alle in den vergangenen 10 Jahren in diesem Hostel gewohnt haben, hatten auch uns eine Nacht zuvor gequält. Es blieb nichts ungesagt. Es blieb kein Traum unberührt. Sein Lachen hallte mir immer noch in meinen Gedanken nach.

Ich konnte trotz aller Müdigkeit nicht schlafen. Ich schlang die Decke noch enger um mich, drehte mich auf meinen Rücken und schaute aus dem Fenster hinaus, in den blau-schwarzen Himmel. Ich war völlig fertig, mein Schädel pochte. Es war die erste Nacht, in der wir nicht Arm in Arm lagen.
“Ich finde deine Pläne gut- aber mach es nicht wegen mir.”
Seine Stimme war ein Flüstern. Ich wusste nicht, ob ich ihn gehört hatte. Ich wusste nicht, ob es nur in meinem Kopf war. Ich drehte mich zu ihm, seine Augen waren verschlossen. “Was?”
“Deine Pläne- es ist gut. Aber nicht wegen mir. Ich weiß nicht, wo ich sein werde. Mein Leben ist verrückt- vielleicht bin ich nicht da… Mach es nicht wegen mir.” Sein Flüstern war kaum zu hören. Ich wollte es nicht hören.
Ich musste verächtlich schnauben, “Nein, ich mache es nicht wegen dir”, doch meine Kehle fühlte sich an, als würde sie gleich explodieren. Ich drehte mich wieder auf meinen Rücken und versuchte, meine Tränen zu unterdrücken. Ich war wütend, auf ihn, auf mich selber, ich wusste nicht wieso. Weil ich es nicht wegen ihm machen wollte und es satt war, mir diesen Vorwurf anhören zu müssen. Weil er es nicht zu schätzen wusste, selbst wenn es so wäre.
Weil unser Abenteuer hier endete.
Weil die Geschichte, die wir eines Tages erzählen werden können, niemals ein weiteres Kapitel sehen wird.
Er sagte nichts mehr, es machte mich rasend. Wie er da lag, so unbelastet, so zufrieden, ohne die Augen zu öffnen, ohne der Sache nur einen weiteren Moment zu widmen. Er hatte alles gesagt, in dieser letzten Nacht.
“Du wirst mir nicht das Herz brechen”. Ich sagte es, und ich fühlte es, während die Tränen meine Augen verließen.
“You’re not breaking my heart.”
Er machte die Augen auf.
“I’m not?”
Ich lachte. Nein. Es gab keine Splitter und keine Risse, nicht wegen ihm. Und ich lachte weiter, weil er nicht wusste, was dieses völlig verrückte Mädchen, dass von Piraten und Safaris träumte, eigentlich von ihm wollte.
“No, you’re not.”
Er machte die Augen wieder zu. Er wusste nicht, was er mir angetan hatte. Er wusste nicht, wie sehr er mich faszinierte. Er wusste nicht, dass er mein Herz nicht brechen konnte.
Er wusste nicht, dass er mein Herz geheilt hatte.
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