BEST OF: Die Warum’s, die Darum’s und die Mir-doch-egal’s
Eigentlich bist du ein unerträglicher Mensch. Ein Hybrid aus allen Facetten, die Kribbeln im Kopf verursachen können. Ständig in Bewegung zu sein, ständig Fehler zu machen, und dann beim Versagen so unglaublich gut auszusehen und die Wut auf deine Fehler, die immer mich betreffen, verschwinden zu lassen, das ist allein dein Märchen. Es ist deine Einsamkeit, die mich verzaubert hat und die mich zwingt bei dir zu bleiben, damit es dir gut geht. Dir ist das nicht bewusst, weil wir beide etwas teilen: unsere Geschichte und unser Alleinsein.
Mit ihrer Geschichte konnte ich nie was anfangen, weil sie mir diese ja nie erzählt hat. Immer wenn die Augenblicke zwischen uns ihre Augen schlossen, wagte ich einen Versuch nach dem anderen, ihr näher zu kommen. Ernstgemeinte Fragen hat sie mit profanen Warum’s, Darum’s und Mir doch egal’s zurückgeschmettert.
»Hast du Zärtlichkeit denn gar nicht gerne?«, fragte ich sie, als ich mit meiner Hand über ihre Wange fuhr und sie ganz verspielt rein biss, während wir fetten Frauen im Fernsehen beim Abspecken zusahen. Der Schmerz war unerträglich, aber wie immer versuchte ich das zu ertragen, weil ich mochte wie sie mir körperlich weh tat und dabei tief befriedigt war. Immer wieder hatte ich schwere Bisswunden von ihr auf meiner Haut. Ich weiß nicht, ob es mir suspekt sein sollte, dass sie mir sogar wehtun musste, wenn ich versuchte ihr Zärtlichkeit zu geben. Wenn ich sie dann also fragte, ob sie denn Zärtlichkeiten nicht gerne hat, entgegnete sie mir grinsend mit einem Warum. Warum wollte sie wissen Warum? Darum, sagte sie dann. Ich bekam dabei jedes Mal Kribbeln in meinem Kopf.
Ich habe mich immer gefragt warum sie so auf Schmerzen steht. Sie liebte es, wenn ich ihr wehtat, körperlich. Wie oft habe ich sie geschlagen, weil sie es wollte, wie oft hat sie mir den Rücken blutig gekratzt, weil sie es wollte und ich Zähne zusammenbeißend Erregung vortäuschte? In gewisser Hinsicht hatte ich mich daran gewöhnt und empfand ebenfalls Lust daran, ihr weh zu tun. Ihr ganzer zierlicher Körper war übersäht mit Narben. Jede Narbe schien eine Geschichte der Lust zu erzählen.
Dann kam der Tag, als sie mich mit einem Gürtel schlagen wollte, weil es sie erregte und ich redete mich mit einer Lüge raus, weil mir die Nummer zu krass war (und ich nicht meinen Zahnschmelz endlos vernichten wollte) und sagte ihr, dass ich das nicht aushalten könne, weil mein Vater mich früher mit einem Gürtel geschlagen hatte und ich dann ein Kindheitstrauma reanimieren würde. Es war eine Lüge aus Scham. Sie war natürlich beleidigt und drückte mir eines ihrer inflationären Mir doch egal’s. Sie wurde früher schließlich auch schwer von ihrem Vater geschlagen, mit Kochlöffeln, Stöckern und Gürteln. Sie erwähnte das ganz beiläufig und lachte dabei. Ich musste den Schock über ihr Statement erst mal beiseite legen um meine Chance, zu ihr durchzudringen, wahrzunehmen. Ihre Narben, die für sie und mich immer Lust symbolisierten, waren auf einmal nur noch Narben.
(Bild: via)
Ich glaube ganz fest an den Grundsatz meinen Partner nicht analysieren zu dürfen, wenn ich merke, dass in ihm etwas Furchtbares schlummert, das ich selber nicht erlebt habe. Ich glaube deswegen daran, weil man sich bei solchen Tatsachen nicht im selben Orbit aufhält.
Man bekommt verschlossene Menschen mit schlimmer Vergangenheit nicht zum Sprechen, indem man auf sie mit Verständnis und Feingefühl eingeht, sondern indem man ihnen die Illusion verschafft, etwas zu teilen. Nur dieses Teilen befindet sich in einem Orbit. Vielleicht ist das auch der einzige Orbit, den man gemeinsam haben kann.
Ich verstand zum ersten Mal ihre ganzen Warum’s, Darum’s und Mir doch egal’s. Sie hatte sich mit Gewalt also geborgen gefühlt. Mir war es ein Rätsel, wie sie prägende Ereignisse sexuell verarbeiten konnte. Mir war es ein Rätsel, dass sie mich manchmal absichtlich so sehr provozierte, um mir die Schläge abzuringen, die ich ihr gab, weil sie danach lechzte. Da war nie Schutzhaltung, die doch instinktiv in jedem stecken sollte. Aber nicht in ihrem Märchen. Sie schloss die Augen, weil sie es genoss, wie ich ausholte. In diesen Augenblicken, muss alles um sie herum kollabiert sein. Die ganze Einsamkeit, die allein ihr gehörte und meine Klagemauer wurde, war einziger Zeuge, ihrer Narben und meiner Taten. Worte waren nicht mächtig genug, das zu erzielen. Zärtlichkeit auf ihrer Haut hatte soviel Zweck etwas zu bewirken, wie in einer Wüste nach Wasser zu buddeln.
Zärtlichkeit ist ein garstiges Instrument um Einsamkeit zu messen. Nur leider habe ich keine Ahnung, wie ich mit beobachteten Daten umzugehen habe (generell). Ich habe mich nie getraut noch tiefer zu bohren, denn wenn ich sie noch härter schlagen sollte, immer fester, war das alles, was sie zu geben hatte. Danach war sie immer leer und doch so glücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass sie ein lethargischer, ja depressiver Mensch gewesen wäre. Aber sie war kindlich, unschuldig und voller Lebensfreude. Nur die Zärtlichkeit zwischen uns war außerirdisch. Ich spielte mit, weil ich ihre Einsamkeit mochte, ihre Art, ihr Schreien, ihr Augenschließen vor dem Horror-Flow. Nachts weinte ich an ihrem Rücken, wenn sie meine Hand nahm und auf ihren Bauch gelegt hat. Ich verzweifelte gar fast daran, dass ich sie nicht verstehen konnte.
War ich fasziniert? Ein bisschen.
Wochen später saßen wir auf meinem Tisch, den wir ganz dicht an mein Fenster geschoben hatten. Draußen regnete es und wir rauchten beide eine Zigarette am geöffneten Fenster.
»Iih, Menthol«, sagte sie und blies kichernd eine blaugraue Wolke aus ihrem Mund in fallendes Nass. Sie legte dann ihren Arm um meine Schulter, und ihren Kopf an meinen Hals. Ich starrte nach draußen, wie sie, und dachte an den Gürtel und an ihr Warum. Es knisterte an meinem Ohr, weil sie an der Zigarette zog. Dann sagte sie:
»B… natürlich brauche ich welche…!«
Ich wusste in den ersten dreißig Sekunden danach nicht was sie meinte und traute mich nicht nachzufragen, weil ihre Antwort sicher ein Stoß zurück gewesen wäre und da ein Warum, ein Darum oder ein Mir doch egal keinen Sinn gemacht hätte, schwieg ich lieber, als ein weiteres nicht lösbares Rätsel zu bekommen. Ich wollte zum ersten Mal genießen, wie wir uns beide in ein und demselben Orbit näher kamen. Wir sagten nichts, starrten weiter raus in den Regen. Ihre Hand rutschte von meiner Schulter am Rücken nach unten, schlüpfte unter meinen Pullover und streichelte über die verschorften Wunden, die sie mir in den Rücken kratzte. Schon bald werden es Narben der Lust sein und ich war an meinem Fenster so sprachlos und entsetzt glücklich, dass sie mir ihre Einsamkeit, der ich niemals Herr werden konnte, in die Hände gelegt hat. Voller Vertrauen. Wenn auch nur für eine Zigarettenlänge. Es war ihr diesmal nicht egal. Dann schloss ich meine Augen und alles war irgendwie gut.


9 comments in “BEST OF: Die Warum’s, die Darum’s und die Mir-doch-egal’s”
November 13th, 2009 at 12:19
Ach B, ich bewundere bis beneide dich für deinen sprachlich-erzählerischen Ausdruck. Awesome.
November 13th, 2009 at 12:37
Danke mann. Ehrt mich echt.
November 13th, 2009 at 14:05
Unglaublich. Ich pack auch grad meine Sachen, der Blogpost über 2012 wird mal auf heute Abend verschoben. Das ist ein exzellenter Text, B.
November 13th, 2009 at 18:10
Super Text. Aber noch aus Zeiten des alten Blogs, oder?
November 13th, 2009 at 18:16
Wow es gibt doch Götter unter den Internet Schreibern. Basti ich beneide dich so sehr dafür.
November 13th, 2009 at 23:30
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Gerd Brunzema und , B erwähnt. B sagte: Neuer Post: BEST OF – Die Warum's, die Darum's und die Mir-doch-egal's http://bit.ly/2CKDLv [...]
November 14th, 2009 at 00:35
Ich reihe mich mal ein in das allgemeine Überragendfinden deiner Gänsehauttexte. Nice, bin sehr froh, dass ich vor kurzem zum ersten Mal über eure Seite gestolpert bin ;)
November 14th, 2009 at 13:29
@Jenny
Jap. Deswegen auch das BEST OF vor dem Titel. S und ich posten alte Sachen noch mal, weil die Texte von srave.com und cplanet.de nicht mehr im Netz sind. Und weil sich das Publikum hier mehr mischt, als auf den jeweiligen Blogs vorher. Und weil gerade wenig Zeit ist, an neuen Sachen zu arbeiten. Danke dir.
@Thilo
Vielen Dank. Ich bin nicht so der Fan meiner Sachen, aber ich kann mich nciht so gut ausdrücken.
@lia.R
Dito. Danke.
November 14th, 2009 at 15:45
Ich hab’ das damals ja Alles nicht so mitbekommen und freue mich daher sehr, dass Du die alten Sachen nochmal raushaust. Big up for this one, B!