COWBOYS DES WAHNSINNS

Wir ritten die Plastikpferde der Kirmes in unseren dreckigen Jeans und mit dem von unseren Schuhen tropfenden Matsch ein. Mitten in der Nacht setzten wir uns Cowboyhüte auf die Köpfe, steckten wir uns Zigaretten in den Mund, und formten Pistolen mit unseren Händen. Im jugendlichen Wahnsinn zuckten wir mit den Schultern, als wir uns zu dritt in der Stille des künstlichen Abenteuerlands unsere Wunschmusik einbildeten und trotzdem tanzten. Rauchend, bedrohlich und cool, wie wir nunmal waren.
Im Staate des Wahnsinns, der uns letztlich erreichte, weil wir an der Systemkonformität scheiterten, sollte es keine Regelungen für Geisteskranke mehr geben – denn hier waren wir befreit von diesen Stigmata. Wir befanden uns in derselben physischen Welt wie alle anderen Opfer und Sklaven, die sich als gesund empfanden. Doch wir waberten gerne in unserer eigenen Dimension, von LSD produziert, aber von echtem Blut durchblutet. Dinge, die in unserer Welt nicht zählten: Steuern, übermäßige Schambehaarung, schlecht sitzende Kordhosen, die deutsche Hegemonie in der europäischen Finanzkrise, widerliches Dönerfleisch und fälschlicherweise überschriebene SD-Karten mit unwiderherstellbaren Erinnerungen.
Eine Kette an unberechenbaren Ereignissen brachte uns drei an diesen fernen Ort des wilden Lebens. Wir waren einst die Sicherheitsbeamten gewesen, die den Status Quo des Lebens bewahren wollten: Schule, Studium, Reihenhaus, Rente. Wir wollten ein Teil des Systems sein, aber vor dem ideologischen Hintergrund, dieses System von innen heraus zu stürzen. Doch unsere Ideologin wurde gefressen, zerschmettert, unwiderruflich in Verbitterung getränkt und vom Zynismus gefickt. Aus den intriganten Motiven wurden gebrochene Seelen, die vergessen hatten, wieso sie so verbissen so sein wollten wie alle anderen (um nicht aufzufallen, um an die Spitze zu kommen, um dann schließlich die herrschende Macht zu stürzen und das eigene System mit Zustimmung aller Teilnehmer zu regieren).
Doch dann passierte etwas, dass uns in der farbenfrohen Welt der Berliner Parklandschaft aufblühen ließ: die abgestellten Zirkus- und Kirmesgeräte, verrostete DDR-Fahrgeschäfte und tote Karussel-Tiere weckten in uns die Lust, so zu tun, als wären wir Teil eines poppig-nachdenklichen Indie-Musikvideos das aus GIF-Bewegungen besteht und viel Konfetti und Lametta und Mops-Welpen beinhaltet. Wir gaben uns dieser Illusion des Wahnsinns hin, liebten uns zu dritt unter dem unsichtbaren weil bewölkten Sternenhimmel, fühlten uns wie Jedis aus der Zukunft, die genau wussten, wie die Menschheit in ihre abartige Schieflage gerutscht war. Nur nach einer Lösung dafür suchten wir nicht mehr. Keine Gesetze, keine Essays, keine Zeit für Sicherungskopien. Wir waren nun endlich frei für all die Dinge, die wir schon immer machen wollten, und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden.


2 comments in “COWBOYS DES WAHNSINNS”
January 11th, 2012 at 22:47
liebeliebe für diesen text. <3
January 15th, 2012 at 10:55
“und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden…”
der text hat mich gerade sehr bewegt.