Delirium

Diese Traurigkeit, die einen manchmal scheinbar grundlos überschwemmt- wie eine ungesehene Welle, die an Felsen kracht. Ein dicker Kloß im Hals, der nicht wegzudenken ist. Der plötzliche Gedanke an Mama und Papa und an die Vergänglichkeit, während alles um einen herum in einem grauen “Meh” verschwimmt. Einfach so. Keine Ankündigung, keine Vorbereitung, kein Grund.
Die Nächte, in denen man seine letzten kalten Gefühle noch einmal hervorkitzelt, in dem man sich die traumatisierendsten Horrorszenarien vorstellt. Um sich dann über die eigenen Tränen lustig zu machen. So lange, bis man nicht mehr weinen muss, weil man sich an die Gedanken gewöhnt. Nichts kann mir weh tun, nicht mal ich selber.
Aber es war die falsche Entscheidung. Die falsche Gewohnheit. Das falsche Lachen, ständig gefickt zu werden und sich dafür am Ende noch zu bedanken. Keine Wut spüren, weil das Ausgeglichenheit verspricht. “A Smile Goes A Long Way” – “Don’t Frown” – “Don’t Worry, Be Happy” – wie viele Phrasen. Doch anscheinend bin ich die erste, die es bis dahin geschafft hat.
Es gibt keine rundum-positiv Welt, schreit mein Unterbewusstsein, während mein Oberbewusstsein es mit Happyness füllt, ertränkt mit Sonnenschein, “HALT DIE FRESSE” ruft — aber das wird nicht so heruntergebrüllt, nein, es wird von singenden Kätzchen vorgetragen, “Hahahahaaaaalt dihihieeee Freheheheeeeesseeeheee“, wie eine Liebesballade mit kitschigem Chorus, Halt die Fresse, liebes Unterbewusstsein, alles ist gut, und wunderschön, und einfach fantastisch, und es gibt keine Gerechtigkeit, deshalb befreie dich von dieser Illusion, und da brauchst du jetzt auch gar nicht so wütend zu werden. Hier, nimm einen Keks, mach dich locker, riech an wunderschönen Blumen.
Ein Knoten, der nicht platzt. Eine Mutter, die in Sepiafarben durch Träume schwebt. Ein Leben, das mit Oberflächlichkeiten gefüllt ist. Gedanken, die sinnlos im Raum stehen und niemals wieder angefasst werden. Zu alt. Zu gebunden. Zu viel Verantwortung. Alles ist gut – die Tränen? Nein, es regnet nur in mein Gesicht.
Alles ist gut. Wirklich. Und ich fühle mich gut. Und ich liebe das Leben. Ich liebe alles. Bitte ignoriert die blutende Faust in meinem Magen, sie tut auch gar nicht weh. Ich tanze. Ich kann es nicht ändern. Es hat mit niemanden was zu tun, ich kann niemanden beschuldigen, ich bin alleine, ich will alleine sein, es tut nicht weh, es hat nie weh getan. Splittersekunden sind das.
Was für ein schönes Leben ich habe. Und wie hässlich es in diesen einsamen Momenten aussehen kann, weil ich jeden Menschen, mit dem ich es hätte teilen können, verspielt habe. Aber so ist das halt, so ist das immer.


6 comments in “Delirium”
July 5th, 2010 at 22:11
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July 5th, 2010 at 22:16
“Was für ein schönes Leben ich habe. Und wie hässlich es in diesen einsamen Momenten aussehen kann, weil ich jeden Menschen, mit dem ich es hätte teilen können, verspielt habe. Aber so ist das halt, so ist das immer.”
darf ich den kompletti text copypasten und auf die unschuld stellen? das spricht mir dermaßen aus der ebbenseele.
i really like you.
July 6th, 2010 at 02:15
traurig und zerreißend. es ist selten, dass einen texte noch so berühren. vor allem die letzen beiden sätze treffen.
July 6th, 2010 at 08:56
finest!
July 7th, 2010 at 18:59
Schön. Schön-traurig … bescheuerte Wortkombi, aber naja.
July 8th, 2010 at 12:13
oh ein toller text. den kloss kenne ich so gut – hast du auch schon die zeit gehabt wo alles genauso scheisse ist wie mit kloss bloss der kloss bleibt aus? ich mache mir darüber gerade gedanken_ (weil alles gerade so unterirdisch ist) oder ist die beschissenheit der dinge so gross das selbst der kloss angst hat?
aber ich versuche auch immer daran zu denken das irgendwann die sonne wieder scheint – das es ohne regen keinen bezaubernden und überaschenden regenbogen geben wird und das man ohne tiefen die höhen viel weniger fühlen könnte…
auf jedenfall ganz fabelhaft auf den punkt geschrieben! und zum schluss wünsche ich mir nich nur den menschen zum regenbogen kucken sondern auch zum stirnhalten wenn ich kotzen muss.