Reden wir doch mal über Ehre. Oder Stolz. Oder über Rechtschaffenheit. Über Ideale. Und vergessen wir mal die ganze Scheiße mit dem Pathos, der an diesen Dingen klebt wie die Mutlosigkeit am Mutlosen.
Nein, vergessen wir diesen Pathos und sprechen einfach mal über Ehre, Stolz, Rechtschaffenheit und Ideale bei Menschen, auf die Tag für Tag gekotzt wird. Da wo Scheiße vom Himmel fällt. Da wo einem permanent unter die Nase gerieben wird, was man vor dir hält.
Und ich spreche nicht über das Leid der dritten Welt. Oder über die Menschen, die irgendwie in das Abflussrohr von Arbeitslosigkeit oder Ungerechtigkeit gesaugt werden.
Ich rede von Menschen, die sich jeden Tag den Arsch für sich und das eigene wichtige Umfeld aufreißen. Menschen, die keine Wahl haben. Menschen, die man in Romanen beschreibt, über die sich das Elend der ganzen Zivilisationsschattenseite ergießt. Für die es manchmal am Ende ein kleines Happy-End gibt, weil sie sich wirklich bemüht haben, aus der ganzen Scheiße einen Weg ans Tageslicht zurückzufinden.
Menschen, die jeden Tag aufstehen, mit einem unschuldigen und vergesslichen Lächeln im Gesicht, bereit einen weiteren Tag voller Demütigung und Ungerechtigkeit serviert zu bekommen. Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr.
Menschen, die aus einfachen Verhältnissen kommen und das Glück haben, ihr Gehirn mit einem bisschen Fleiß zu was brauchbaren, ja, zu etwas besonderem zu machen. Weil sie sich selbst mit vorgehaltener Pistole einfach weigern, alles hinzuschmeißen, aufzugeben und sich um Abflussrohr der Ungerechtigkeit beerdigen zu lassen, lange Zeit bevor das Herz aussetzt.
Leute, die gerade, weil sie nie die Unbeschwertheit, Unabhängigkeit und Leichtheit kennen gelernt haben, die jedem rechtschaffenden Menschen zustehen sollte.
Leute, die die meiste Zeit des Tages damit konfrontiert werden, dass sie Nullnummern sind, obwohl sie eher die Hölle zufrieren sehen lassen würden, ehe sie gewillt sind Niederlagen zu schlucken, obwohl sie auf der Gewinnerseite stehen müssten. Ich spreche von Menschen, die eigentlich keinen Grund im Leben finden sollten, morgens nicht deprimiert aufzustehen, weil vor ihnen viele Stunden des gnadenlosen und niederträchtigen Arschficks stehen. Sie stehen auf und sehen aus, als wären sie die ganze Nacht zu Cunnilingus mit Rosanne Conner gezwungen worden.
Sie greifen nicht zu den Erträglichmachern unserer Zeit, den Drogen, obwohl die Aussichten über die Stufe 1 der Maslov-Pyramide in naher Zukunft für sie ein unerreichbares Ziel bleiben wird.
Sie sind in der Lage ins Scheinwerferlicht gestellt zu werden und von allen Seiten angepisst und angespuckt zu werden, und dennoch ihren Kopf wieder hochzunehmen, wenn sich die größten Wichser gelangweilt einer interessanteren Sache zuwenden und auf was anderes lachend mit dem Finger zeigen.
Sie putzen sich die Zähne, Abend für Abend, um den Geschmack von bitterem Ejakulat aus der Erinnerung – und sei es nur für ein paar friedliche Stunden – zu putzen. Sie weinen manchmal nachts, sind verdammt noch mal erschöpft. Es sind Menschen. Aber sie stehen wieder auf. Jeden verdammten Morgen.
Ihr Schicksal ist es, nicht zu verbluten. Und sie kämpfen um jedes bisschen Anerkennung und Freiheit.
Diese Menschen haben wahre Freunde. Die einen kriegen es mit, die anderen nicht. Sie verlieren sich in Liebe, in Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Sie verlieren sich in Fantasie und finden Wege, sich nicht in Zorn oder Wut zu verlieren. Sie sind nicht zynisch. Sie geben nicht an.
Und sie blicken jeden Tag in den Spiegel, erblicken die müden Augen, die vielen Spuren der ganzen Scheiße, die sich als hässliche Maske in das Fleisch darbt. Sie verschwenden keine Minute daran, all die Versuche des Brechens zu akzeptieren. Sie verdrängen nicht, sind keine Helden in einer Welt, in der jeder nach der Weltherrschaft grabscht, als wären es pralle Titten feuchter Seelen, die sich bücken oder die Beine breit machen.
Nein, mann.
Sie setzen sich mit ihren Problemen auseinander. Die Prügel stecken sie wahllos ein. Sie lächeln. Und halten durch. Sie beneiden Menschen, die leichter leben können. Ein Leben zu dem sie keinen Zugang finden, weil ihnen die Tür zu einer Welt vor der Nase zugeschlagen wird, in der es besser sein könnte.
Sie nehmen keine Rache später an denen, die in ähnlichen Situationen stecken. Auch wenn man plötzlich auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt. Sie haben ihr Leben in der Hoffnung verbracht und geduldig gewartet, dass es besser wird. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als Fairness.
So wie sie andere behandeln. Weil sie immer da sind, wenn sie da sind. Selbst wenn es für einen aussichtslos aussieht. Das sind Menschen, die man in einer Schlägerei neben sich haben will.
Diese Menschen sind ehrenhaft, idealistisch, wahrlich stolz und rechtschaffend.
Erfolglos und gut.
Die, die genau wissen wie Macht von unten aussieht und dennoch nicht durchdehen.
Traurig. Aber nicht einsam. Ihre Währung ist all das, was man ihnen gibt. Wenn der Tag voller Scheiße und Ungerechtigkeit vorbei ist, dann erhalten sie im besten Fall Wärme von Menschen. Von den richtigen Menschen. Sie geben sich damit zufrieden und denken nicht daran, dass das nicht ausreicht um durchzuhalten. Sie finden einen bizarren Weg um glücklich zu sein.
Und ich bin mir nicht sicher, ob sie all das Wenige eintauschen würden, wenn man ihnen die Tür zu einem vermeidlich besseren Leben aufmacht. Es hat sie immerhin vor dem Durchdrehen bewahrt. Und das ist verdammt noch mal unbezahlbar.
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Comments ( 13 )
[...] Durchhalten | dragstripGirl: this is heavy. "Sie setzen sich mit ihren Problemen auseinander. Die Prügel stecken sie wahllos ein. Sie lächeln. Und halten durch. Sie beneiden Menschen, die leichter leben können. Ein Leben zu dem sie keinen Zugang finden, weil ihnen die Tür zu einer Welt vor der Nase zugeschlagen wird, in der es besser sein könnte." [...]
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links for 2010-02-26 added these pithy words on
Feb 26 10 at
20:01
[...] weiß aber, das nichts Intelligentes dabei rumkommen wird. Ich kann sowas einfach nicht. Es gibt so Leute, die schreiben einen verständlichen Text und zwischen den Zeilen sitzen diese kleinen Gnome, deren [...]
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Gnome und pinke Boxhandschuhe | I ♥ electru.de added these pithy words on
Mar 03 10 at
12:24
In Ordnung, ich sitze hier am Schreibtisch und heule gleich. Scheiße. Wouw.
Toller Text. Ich find, solche Menschen bekommenn zu wenig Achtung, eben dadurch, dass sie diese nicht einfordern.
Hmm *Schulter zuck* – ist es “schlimm”, wenn ich jetzt sage, dass jeder die Möglichkeit hat zu ändern, wenn er will? Ich meine, du schreibst ja selbst im letzten Absatz, dass sie es wahrscheinlich nicht weggeben wollen würden, dass sie es brauchen und sich auf eine Art und Weise gut damit fühlen. Oder zumindest nicht so schlecht, als wäre es Grund genug etwas anderes zu machen. Und das ist okay. Wenn das die Rolle ist, die sie spielen wollen, ist das so. Falls nicht, werden auch sie früher Schwert und Schild (metaphorisch) in die Hand nehmen und sich ihren Weg freischlagen. Und tun sie das nicht selbst, tut es früher oder später ihr Körper.
@Robby: Niemand hat die Möglichkeit, irgendetwas zu ändern. Man hat nur die Möglichkeit, seine Gefühle in Bezug auf die Situation zu ändern und das beste daraus zu machen und die Zähne zusammenzubeissen und die Fresse zu halten und sich durchzuboxen. Es ist die mentale Einstellung, die einen dann am Leben lässt, nicht die Tatsache, dass man es von Rags to Riches schafft.
Und dieser charakterliche Bonus ist es, den man am Ende nicht eintauschen will, denn man hat sich seine Arroganz im Leid wohl verdient (und die meisten bleiben dabei trotzdem bescheiden).
Zu sagen, jeder hätte die Möglichkeit was zu ändern, ist anmaßend und faktisch nicht richtig. Nein, nicht jeder hat die Möglichkeit etwas zu ändern, jedenfalls nicht was finanzielles oder materielles angeht.
@S: seh’ ich genauso. ich hatte NIE die finanziellen möglichkeiten um zu studieren. ich wollte meine eltern nicht verschulden. also bin ich ganz einfach arbeiten gegangen. und mache das beste draus. auch wenn die kunden, die ich täglich bedienen muss, abgehoben und arrogant auf einen herunter schauen. weil man hat ja nicht studiert, wie sie, hat keinen golden löffel in den arsch geschoben bekommen, wie sie.
aber dass ich ( vielleicht ) sogar klüger bin als sie, weil ich weiß, wie das leben WIRKLICH läuft, denke ich, dass ich mehr im vorteil bin als sie.
Ich habe vor ihnen Respekt, ihrer Haltung, dem was Du beschreibst. Mit einigen komme ich vielleicht nicht gut klar, mag sie sogar nicht (, was dann auf Gegenseitigkeit beruht). Aber ich habe Respekt.
irre.
du kotzt mir aus der seele.
geiler text. hat mir gerade sehr geholfen.grüße aus der psychiatrie, aus eben diesen gründen.
alles wird judd.
:D
@S: Naja, meine Selbstwirksamkeitsüberzeugung sagt und zeigt mir da etwas anderes. Hätte ich nicht die Überzeugung, ich könne etwas ändern… ich glaube, ich könnte mich gleich erschießen. Aber demnach könnte ich ja nicht mal mehr das. Wer nicht handelt, wird behandelt. Aber Handeln hat seinen Preis, genauso wie Veränderung. Nicht jeder ist immer bereit ihn zu zahlen – meine Person eingeschlossen. Wäre ich allerdings der Meinung, dass man nichts ändern könnte… wäre ich erstens nicht dort, wo ich heute bin (nicht, dass ich schon sonderlich weit wäre, aber immerhin…) und hätte wohl das Falsche studiert.
Zu sagen, nicht jeder hätte nicht die Möglichkeit was zu ändern, ist anmaßend und faktisch nicht richtig. Ohne Zweifel gibt es physische bzw. physikalische Grenzen. Aber eine Vielzahl sind selbst- oder fremdauferlegt. Wer nicht nach dem Unmöglichen strebt, wird das (Maximal-)Mögliche nie erreichen. Und das hat weniger etwas mit finanziellen Ressourcen zu tun, als viel mehr mit Begeisterung, Überzeugung und Vertrauen. Die sind nicht alles, aber entscheidend. Denn Mittel und Wege finden sich… nicht immer, aber oft genug. Nur stellt sich die Frage, ob jemand bereit ist das Risiko einzugehen dabei zu Scheitern und “noch schlechter” dazustehen als vorher. Zumal im selben Atemzug das Problem des möglichen Gesichtsverlustes hinzukommt, der Unsicherheit, der temporären Aufgabe der Identität. Ein hoher Preis. Wer nicht bereit ist ihn zu zahlen, macht weiter wie bisher und deklariert sich selbst als Opfer der Reichen, Mächtigen, Bösen, des Schicksals – ist ja auch okay, kann jeder so machen, wie er will, mache ich in vielen Bereichen bestimmt auch. Nur zu sagen, dass niemand die Möglichkeit hat etwas zu ändern… nicht in meiner Welt. Schwierig, schmerzhaft und mitunter scheiternd, aber möglich.
Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.
@Robby: Wie ist das bei behinderten Menschen? Bei psychisch erkrankten Menschen? Wie ist das bei Menschen, die eine ganze Familie tragen müssen? Ja, klar kann man sich davon distanzieren, aber das ist ja meistens kein Sieg für die Persönlichkeit sondern ein Verlust an Seele (sonst wäre es ja auch keine Last gewesen, oder?). Das Finanzielle soll nicht für den Fall stehen, dass man mal einen Porsche fahren will, und das es unfair ist, dass andere eben nicht so hart arbeiten müssen. Sicher könnte man eventuell vielleicht irgendwann irgendwie was daran ändern.
Aber seien wir mal ehrlich, es gibt so, so viele Faktoren, die da mit reinspielen. Und allein durch die mentale Anstachelung ist es eben doch nicht immer möglich. Und alles, was man dann ändern kann, ist eben das Shitface-Grin, dass man im Gesicht trägt, und die Zufriedenheit, die man trotzdem dabei empfindet.
Ich habe aber das Gefühl, dass ich dich in deinem ersten Kommentar falsch verstanden und daraufhin total falsch reagiert habe, mein Comment macht ja nicht mal im eigenen Context Sinn.
Ansonsten fand ich nur amüsant deinen Satz:
“Aber eine Vielzahl sind selbst- oder fremdauferlegt.”
… was auch sonst :D
Wie gesagt, im Rahmen gewisser Grenzen gibt es Spielraum. Bei psychischen Erkrankungen/Störungen muss man variieren – die systemische Betrachtungsweise finde ich in der Hinsicht sehr schön/wohltuend/angenehm. Dass es, wenn man nichts ändern kann, besser ist die Bewertung zu ändern, steht außer Frage. Nur ist es eben möglich gewisse Dinge zu verändern. Da gilt es dem Sprichwort entsprechend zu handeln, wenn es handlebar ist, es zu akzeptieren (= funktionaler Umgang), ist es das nicht, und beide Möglichkeiten voneinander zu unterscheiden.
Eigentlich lässt sich dafür ganz einfach Lazarus-Stressmodell verwenden :D Worum es mir jedenfalls ging: Auch wenn man nicht alles verändern kann (aus welchen Gründen auch immer), gibt es doch genug Variationsmöglichkeiten.
Was den Satz anbetrifft: In meinen Augen aber eine wichtige Differenzierung. Welche Limitierungen habe ich z.B. aufgrund meiner Erziehung (Stichwort Glaubenssätze) und welche erlege ich mir selbst auf (beispielsweise Verzicht auf Autonomie, um wichtige Beziehungen zu erhalten/nicht zu gefährden).



