Erwartungstürme
Die meisten scheitern an Erwartungsbildern. Weil das Zusammensein mit einem Menschen irgendwann einen Namen bekommt: Eine Beziehung. Wunsch und Panik. Und weil das irgendwann so heißt, hat es so und so zu laufen.
Kein schlimmes Ende, kein hässliches Ende, aber ein sehr schmerzhaftes Ende. So schmerzhaft, wie es sein kann, wenn man irgendwie erwachsen geworden ist. Ich – oder auch wir – sind am Ende immer irgendwie über unsere Erwartungsbilder gestolpert. Oder wir haben schlichtweg das Interesse, den Flow für den Anderen, für das Sichere, für das Vertraute verloren. Mit Wohlwollen oder einfach nur wegen der allgemeinen Vergesslichkeit, die eintritt, wenn man mit Menschen lebt.
[Fotografie: Lena Burmann]
Man vergisst verdammt schnell, dass keine Beziehung wie ein Hollywood-Streifen abläuft und schon gar nicht so, wie die von das Glück auskotzenden Freunden, die im Übrigen auch nie besser oder schlechter dran sind, als man selbst. Zu den Erwartungsbildern, die sich verflucht hoch auftürmen können, die der Physik am Fundament trotzen, das einfach nicht so stehen kann, so wie es da wackelt, ja, zu diesen Erwartungsbildern vergleicht man auch noch.
Nie mehr muss sich Rauch wieder legen. Auch der Status Quo ist Geschichte. Irgendwie und irgendwann hat man aufgehört darüber nachzudenken, wie es war, als man noch glücklich war. Daran wollen oder können sich die Wenigsten erinnern, wenn sie ihr Erwartungstürmchen und das letzte bisschen Verständnis für das Denken und Fühlen des Anderen wegfegen: Grau-staubiger Beziehungskehricht aus der Vergangenheit in strahlender Frische der Gegenwart. Bitte mit Drama, wenn es geht, und mit Vergessen des Umstandes, dass irgendwer alleine eine Entscheidung getroffen hat.
Es gibt da drei Dinge, über die es sich lohnt – wie ich finde – nachzudenken:
1. Macht man es sich zu leicht? Wenn alles schon so furchtbar schwer sein muss, dann sei es doch einmal gestattet, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Oder machen es einem die Anderen zu schwer? Oder doch vielleicht genau andersherum? So ein ehrlicher Umstand ohne Mittelweg?
Liebe – großes Wort – ist nun mal keine Verpackung, die man wegwirft, weil man glaubt, der Inhalt sei verloren gegangen. Diejenigen, die das tun, verlieren sehr viel, wenn sie nicht mehr auf pubertäre Albträume angewiesen sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die mit so einem Verhalten mehr Liebe verfeuern, als andere in ihrem ganzen Leben erhalten. Erwartungstürme und Trophäen sind voll nicht gut.
2. Man ist mal ganz furchtbar auf die Schnauze gefallen, wurde hintergangen, betrogen, abgeschossen, einfach ganz mies behandelt, redet sich danach ein, keine Lust mehr auf eine Beziehung zu haben und scheitert aber genau an dieser komischen Vorstellung über Erleuchtung. In einer Sache läuft vor allem Folgendes falsch: Man ist der Meinung, man müsse geliebt werden, weil einem vorher ja so was Schlimmes passiert ist.
(Oder man will prinzipiell keine Beziehungen, weil entweder nur Ficken in die Tüte kommt oder eben die Erleuchtung über sich und seine Wünsche und auch Erwartungen noch ausgeblieben ist).
Dazu gibt es eigentlich auch gar nichts Schlaues zu formulieren. Das sind einfach nur Geschichten, Geschichten des Lebens und so, die auch in diesem Fall ein jähes Ende finden, weil man eingesehen hat, dass man was ändern muss. Und zwar bei sich selbst, wenn man nicht möchte, dass sich die Dinge wiederholen. Wiederholungen passen auch nicht zum Finden des Glücks.
3. Man muss sich selber aus der Scheiße ziehen. Und dann vergisst man diese blöden und naiven Flausen im Kopf, die einem ohne Unterlass einreden wollen, dass es eine viel spannendere, komplexere, erleuchtendere, intensivere und tiefergreifendere Antwort gibt, als diese hier:
Man sollte sich nicht mit der Vergangenheit vergleichen oder mit mit anderen Menschen. Andere Menschen sind anders, weil sie anders sind. Dafür, dass sie anders sind, sind sie ja andere Menschen. Wir sind wir – für immer und in alle Ewigkeit. Und das muss man so easy schlucken, wie es sich anhört. Was auch ganz einfach klingt: Man muss sich dabei treu bleiben mit allen Macken, Ängsten und Spinnereien. Derjenige, der das mitmacht, der ist genau Derjenige, der zu einem passt. Punkt.
So was geht im Drama schnell unter oder wird unter den zusammenpurzelnden Erwartungstürmen begraben. Begraben unter einer grau-staubigen Schicht Beziehungskehricht. Und so.
Alles andere ist zwischenmenschlicher Zufall und ungünstige Sternkonstellation. Oder ein Mensch, der am Ende einer Beziehung in den Irrwegen der Zeit seine Liebe verloren oder verletzt zurückgelassen hat. In der Brust pocht es: Bumm Bumm. Frei übersetzt heißt das: „Ich war da…!“


8 comments in “Erwartungstürme”
December 4th, 2009 at 12:06
stimmt. die meisten menschen haben das mit den falschen zeitpunkten noch nicht verstanden. und wenns halt nicht geht, gehts halt nicht. da gibt es dann auch nichts zu dramatisieren.
auf der anderen seite aber bitte über die sache mit den chancen relektieren.
nichts bereuen…
December 4th, 2009 at 12:08
@meierrr
Nichts bereuen. Ja. Aber bitte ohne Renitenz auf dem Radar.
December 4th, 2009 at 12:18
das geht dann ja hand in hand mit dem ständigen reflektieren, um der retinenz entgegenzuwirken.
ich glaube, wenn man sich erstmal bewusst geworden ist, in wie weit sich das mit der postmoderne auf den eigenen entscheidungshorizont ausgewirkt hat, kommt man ganz fix an einen punkt, an dem man chance nicht mehr als chance, sondern als prozess begreift, in dem man ja selbst in dem moment schon längst mit drin steckt.
das hat allerdings auch etwas mit erwartungstürmen zu tun. nämlich die, die man sich selbst vor die möglichkeiten baut, die sich einem eröffnen könnten. wo dann wieder die nostalgie ins spiel kommt und dieses unmögliche festklammern an irgendwelchen idealisierten personen im eigenen umfeld, für die man dann alles andere aus seiner eigenen wahrnehmung streicht.
ich sollte aufhören, sonst hab ich am ende nichts mehr, was ich selbst bloggen kann.
December 4th, 2009 at 12:40
Aus irgendeinem Grund erinnerte mich dein Text an einen Song von PJ Harvey, der überhaupt nichts damit zu tun hat- aber irgendwie doch.
And then I fell in love
With the most wonderful boy in the world
We’d take long walks down by the river
Or just sit for hours gazing into each other’s eyes
We were so very much in love
And then one day
He went away
And i thought i’d die
But I didn’t
And when I didn’t
I said to myself
“Is that all there is to love ?”
PJ Harvey – Is That All There Is (der Song ist irgendwie furchtbar, aber ich habe ihn früher 24/7 konsumiert und mir dabei Heroin gespritzt)
December 4th, 2009 at 16:51
Der Text gefällt – und lässt genug Freiraum für eigene Interpretationen – gefällt noch mehr! Die Liebe und so … ob man dazu ein zu Zweit überhaupt braucht – vielleicht ist genau das der KILLER – ach was weiß ich :-))) Wollte doch nur sagen, dass ich hier gern mitlese – Servus!
December 4th, 2009 at 17:36
Ich werfe einfach mal Verständnis in den Raum. Und das ist umso schwieriger, je weiter man auf der Erfahrungsleiter nach oben steigt. Und gleichzeitig einfacher, wenn man aus seinem eigenen Standpunkt heraustreten kann und einfach mal klar kommt. Metaperspektive.
Beziehungen kommen und Beziehungen gehen. Wer krampfhaft daran festhält… kann das gerne tun, wäre aber nichts für mich. Kollege pulsiv hat irgendwann mal, vermutlich vor Jahren, so einen tollen Spruch mit Schmetterlingen gebloggt, den fand ich gut. Ziehen lassen und wenn es zurück kommt, kommt es zurück. Wenn nicht, dann nicht. Beides ist okay.
In einem anderen Kontext fiel “Keine Erwartungen.”. Das finde ich gut, wenngleich das in der Superlative wohl kaum zu erwarten ist. Nun ja, irgendwie so. Erwartungen erwarten regelrecht enttäuscht zu werden. Abwarten und kommen lassen.
December 4th, 2009 at 22:04
Der Vergleich ist das schlimme. Der Vergleich killt immer alles. Vergleich ist der Mantel in dem die Vergangenheit sich in deinem Kopf versteckt auch wenn du geglaubt hast sie schon abgehakt zu haben. Erst wenn man nicht mehr vergleicht ist man frei, kann man wieder in neue Augen schauen und sich darin verlieren. Aber ich weiß nicht wie man das schafft nicht mehr zu vergleichen. Bei mir kam das über Nacht.
December 7th, 2009 at 15:22
erwartungstürmen [schönes bild]!? habe ich mit der unfähigkeit in die zukunft blicken zu wollen entsorgt, aber ja: sie drücken, kratzen und belasten zeitweilig. die der anderen.