I Swear; It’s Okay

Veröffentlicht September 16, 2011
We Are Leaving Our Youth

We Are Leaving Our Youth

Ich lerne mich selber kennen. Das ist in vielen Dingen beruhigend und erleichternd, weil die Auswahl dann nicht mehr so schwer fällt. Was man gut findet und schlecht, das sind schon mal einige Hinweise darauf, wie man leben möchte. Und Dinge, die man charakterlich für selbstverständlich hielt, werden in ein anderes, neues Licht gerückt. Das macht vieles nicht unbedingt einfacher, weil man sich seinem Wesen, so paradox es klingen mag, auch beugen muss. Aber im Nachhinein ist das eine Richtung auf dem Weg durch’s Leben, und ohne die wäre ich vermutlich ziemlich unzufrieden.

Nein, einfach ist es sicherlich nicht, wenn man an seine unmittelbaren Grenzen stößt. Das passiert vor allem gerade bei Freundschaften, die ich nicht an ihrem dramatischen Limit sehen möchte. Die zarten Verknüpfungen unserer Persönlichkeiten können brechen, und damit finde ich mich ab. Schön ist es nicht, aber sinnvoll. Abwerfen, was abgeworfen werden muss, um sich selbst zu schützen.

Das macht mir auch Angst. Zu wissen, dass man eben nicht mehr alles kann, oder alles gut findet, und man nicht mehr ausschließlich in einem Erfahrungsprozess ist, wo das Motto “everything goes” steht. Jung sein; das bedeutete für mich bisher alles zu sammeln und in eine Kiste zu packen. Denn Now’s The Only Time I Know. Um eines Tages das, was mir gefällt, daraus auszuwählen und daran festzuhalten. Denn das bedeutet Charakterstärke, das bedeutet, man hat Prinzipien und handelt nicht nach Laune sondern bedacht. Wieso sollte man denn das, was man sich so mühevoll aufgebaut hat, einfach so durch eine Stimmung verbauen wollen? Dann lieber in die Erfahrungstruhe gucken; schauen, ob man da nicht schon mal was reingeworfen hat, was einem Neonpfeil in Richtung Ziel entspricht. Ohne unüberwindbare Brennesselhecken oder hohe Berge, die man überwinden muss. Die wird es mit Sicherheit sowieso geben, wieso also nicht beim letzten Level abspeichern und dann da weitermachen, wo man nach dem ersten Mal Game Over war?

In vielen Lebenslagen bedeutet das aber aktuell auch für mich, Reißleinen zu ziehen. Mich selbst zu kennen bedeutet: ich trage jetzt Verantwortung dafür, dass es mir gut geht. Einen Job zu kündigen hängt damit zusammen. Das letzte Mal endete die Situation in einem schmalen Burn Out und einer semi-überlegten Reise durch die Welt, die mich letztendlich bis in Einzelteile fragmentiert zurück an meinen Startpunkt brachte. Denselben Fehler mache ich nicht noch mal, auch wenn die Alternative, das Unbekannte, das “was mache ich jetzt” nicht der einfachere Weg ist, sondern nur der, der mehr Möglichkeiten beherbergt.

Reißleinen ziehen ist keines meiner Talente, so gut kenne ich mich auch. Ich hasse es an Dingen aufzugeben, die mir eigentlich gut tun, die ich brauche. Aber die Zeit hat schon öfter gezeigt dass ich nicht die Ausdauer habe, alle negativen Seiten einer Situation zu tragen, bis ich ihnen mit Apathie gegenüber stehe.

Ich frage mich dann, ob das Unspektakuläre dahinter, diese einfache Entscheidung “es tut mir insgesamt nicht gut, deshalb will ich es nicht” vielleicht zu voreilig ist; ob nicht manchmal die mehrmalige (augenscheinliche) Fehlentscheidung, getroffen in vielleicht unterschiedlichen Rahmensituationen, ob das nicht möglicherweise dann doch der richtige Weg ist. So tun, als würde man sich nicht kennen. Ist es das, was Menschen machen, wenn man sie für verrückt erklärt? Wenn sie alles hinwerfen, was sie haben, um ein anderes Leben zu leben, welches sie sich gewünscht haben? Will ich so sein?

Für jetzt entscheidet das Bauchgefühl in einer explosiven Mischung mit dem Kopf zusammen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann kenne ich mich selber, und ich weiß, was mir gut tut. Und deshalb weiß ich auch, wie viele Dinge enden, bevor ich sie zu Ende gebracht habe. Und das macht mir Angst.

 

2 comments in “I Swear; It’s Okay”

  1. Bisaz says:


    ein mutiges statement, s.

    die verantwortung für sich selbst zu sorgen, auf sich aufzupassen – wie du es oben beschrieben hast – ist etwas lernbares, das man aber durch schmerzen lernen muss, wie so viele dinge im leben. wenn man ein harter hund ist, dann verschleppt man die dinge, bevor man KO geht. was viele, die an so einem punkt noch nicht standen, nicht verstehen können, ist, dass man auf jeden fall KO gehen wird und dass es nichts in der erfahrungskiste gibt, das das verhindern kann.

    irgendwann läuft man mit freunden durch die stadt, und geht zum kotzen um die ecke. man weiß, dass da innerlich was ist, das einen fertig macht. meistens sind es die einflüsse der anderen, denkt man. die wahrheit ist: ma ist es selbst. und die tatsache, dass es nie darum gehen wird, stehen zu bleiben.

    es geht darum, dass man es unterschätzt hat, sich abzugrenzen. sei es von anderen, sei es von den dingen, die man tut, oder eben auch von sich selbst. unter dem ganzen druck wird man sich selber fremd. dass zu akzeptieren, das zu erkennen, das schafft man nicht allein.

    beim ersten mal kann man die reißleine gar nicht ziehen. man muss KO gehen. man muss. wenn man KO ist und liegt, fängt ein ganz anderer stress an. man sieht, dass die welt so verdammt schnell geworden ist und einem schnelligkeit abverlangt.

    letztenendes, wenn man dann wieder aufgestanden ist, gibt es nur eine sache, die man tun muss. immer wieder. für den rest seines lebens:

    man geht in zeitlupe, geht ganz langsam. und weil das nicht genug ist, bleibt man öfter stehen. auch mal länger.

    einfach weil man das vorher nicht konnte und wusste.

    und auch wenn das manchmal weh tut und einem angst macht. es verhindert pfeffer im kopf.

    danke, s.

  2. ebbe says:


    ich bin besonders gut darin unüberlegt reißleinen auf kosten anderer menschen zu ziehen. leider.
    ich will das ändern, für mich und die menschen, die ich bedingungslos liebe.
    du bist einer dieser ganz besonderen menschen!
    krasser text.

    <3

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