Moralizer
Neo hat in Matrix 1 dieselbe Katze zweimal hintereinander gesehen und alle anderen haben darauf abgespackt und kamen nicht mehr klar. Was Neo nicht wissen konnte, war, dass er einem Denkfehler zum Opfer fiel, den man weiß Gott nicht berücksichtigen kann, wenn man so vor sich hindenkt und an keine greifbaren Asymmetrien in der Welt glaubt. Das machen wir Nicht-Auserwählten übrigens ganz ähnlich mit unseren Moralvorstellungen. Wir haben da einen Moralkodex, der unser Leben bestimmt und von dem Wissenschaftler behaupten, er würde unsere Gesellschaft in einem Gleichgewicht halten und das Chaos verhindern. Ist wohl auch wahr. Aber: Moralisches Empfinden führt meistens zu Entscheidungen, die nur auf den ersten Blick richtig sind. Und weil wir kein zweites Mal hinschauen, wiegen wir uns in Sicherheit, dass alles gut so ist, wenn man nur selber moralisch gesunde Ansichten zu vertreten glaubt.

Herr Gott konnte den Teufel noch nie leiden. Und gerade heute trat er aus der Hölle zu ihm empor. Angewidert blickten Engelsvisagen, als er den himmlischen Torbogen durchschritt.
Und der Allwissende sprach: “Luzifer, habe ich dir nicht genug Verdammte gesandt, dass du mich jetzt aufsuchen musst???“
„Doch Herr, reichlich… gewiss ich kann mich nicht beklagen…“
„Auch du erfüllst deine Arbeit zu meiner Zufriedenheit, lieber Luzifer, und hilfst mir stets das Gute vom Bösen zu trennen. Also hätten wir das geklärt!“
„Nun…“
„Was, nun?!“
„Allwissender, ich sprach mit einer Schuldigen, die du mir sandtest….”
…
„Jaa… ?!“
„Herr, warum schickst du sie zu mir?“
„Weil sie unmoralisch handelte, Luzifer, warum fragst du?!“
„Mit einem Schuss ermordete sie den Mann, der ihre Tochter mit zwanzig Messerstichen tötete!“
„Mörderin ist Mörderin!“
„Gewiss…. Ich hörte auch von einem Helden, den ihr hier im Himmel feiert…!“
„Ja, mein liebster Luzifer! Er hat vier Männer vor einem Zugunglück gerettet!“
„Er rettete sie dadurch, dass er den Zug auf ein Gleis leitete auf dem nur ein Mensch stand!“
„Ein Menschenleben gegen Vier!“
“Gewiss…. Dann ist da noch der Verbrecher, den ich foltern sollte….“
„Ja…“
„Herr, er ist masochistisch veranlagt, ich glaube nicht, dass er leidet…“
„Bestrafe ihn so wie hier schon seit jeher bestraft wird! Mit Pein und Schmerz! …Wir müssen Bestrafung an denen üben, die Bestrafung verdient haben!“
„Ach, es fällt mir so schwer auszusprechen, was mich bedrückt…“
„Sprich, damit wir es bereinigen können, ich habe zu tun…!“
„Allwissender, hat denn diese besagte Frau nicht auch Bestrafung an dem geübt, der Bestrafung verdient hat?“
„Nun gut, ich werde es mir überlegen, ob ich Gnade über sie walten lasse, einverstanden?“
„Und der Held, woher wissen wir eigentlich, ob er nicht einen guten Menschen für vier Schlechte tötete?!“
„Nun gut, ich werde es mir überlegen, ob ich ihn aus dem Paradies verbanne, einverstanden?“
„Und dieser Masochist? Sollten wir ihn nicht lieber als Bestrafung in den Himmel senden?“
„Nun gut, ich werde den Sündiger ins Paradies geleiten, einverstanden?“
„Herr, all diese Menschen verdammt zu ewiger Höllenqual, mir scheint dass auch wir Sündiger sind!“
„Luzifer! Du wirst doch wohl noch Gut von Böse unterscheiden können!?!“
„ ….. “
[Foto: via]


3 comments in “Moralizer”
October 29th, 2009 at 13:59
Es kommt halt alles auf die Maßstäbe an, die man sich setzt. Es ist unglaublich, wie viele Leute Moral als eine natürliche Gegebenheit ansehen, und nicht als eine synthetische Gewaltausübung.
Bewiesenermaßen ist es ja auch für einen Staat einfacher, sich über die Moral durchzusetzen, als über die tatsächliche Exekutive. Das spiegelt sich vor allem im Anspruch an die Wirtschaft, “sozial zu handeln”, was absolut schwachsinnig ist (was aber nicht impliziert, dass ich kein Fan vom Sozialstaat bin, sondern einfach die Logik dahinter nicht verstehe).
Kant ist übrigens ein großes Arschloch, während deine Goethe-artige Konversation zwischen Gott und dem werten Satan durchaus exquisit ist ;)
October 29th, 2009 at 14:14
Ein feiner Gedankenanstoß … Ich denke solange keiner sich anmaßt »GOTT« zu spielen oder den »TEUFEL« zu verkörperen, bzw. durch die eigens beanspruchte Freiheit die anderer einschränkt … leben wir doch in einer recht guten Welt. Es gibt zum Glück jeden Tag so viele einfache Entscheidungen für jeden von uns zu treffen, mit denen man »positiv« wirken kann und man sich nicht erst den geistigen Stand eines »Philosophen« erarbeiten muss :-)
Sagte ich schon – Schöner Text? Ja!? Egal … mir gefällt er :-)
October 29th, 2009 at 16:29
Toller Text.