the art of love

Veröffentlicht July 25, 2010

Was denkt man, wenn man in Panik gerät? Wenn man in einer riesigen Masse plötzlich anfängt zu schwitzen, hektisch zu werden, wenn man gedrückt und gedränkt wird, der schwere Geruch von Alkohol und Zigaretten in der Luft — vermehrt Schreie hören, losrennen, mit einem kurzen Blick nach unten vielleicht noch ein Gesicht sehen, das leer und ausdruckslos nach oben schaut, reintreten, regelrecht über Wasser halten, den Retter auch noch mitertränken–

Kontrolle – über sich selbst ist schon schwer – aber dann noch über andere. In meiner Gehirnrinde bohrt sich die Frage durch, schleichend und stechend, was hättest du getan – aber ich hätte nichts anderes tun können, die Frage ist nur da, um mich zu sensibilisieren, mein Herz zu öffnen, und nicht einfach nur wegzuschauen — das hättest du sein können, auf dem letzten Rave — Raves, die völlig unorganisiert und unkontrolliert sind. Das hätte die brennende Eisfabrik sein können. Wir sind so verantwortungslos in allem, und dann traf es diejenigen, die der Verantwortung und der Gewissenhaftigkeit vertrauten–

Fragt sich, wer die Verantwortung jemals tragen kann – wenn sogar jegliche strikte Organisation nutzlos wird. Gänsehaut im Nacken– das waren wir. Das sind unsere Leute gewesen, Kids, die den Beat unter der Haut spüren wollten. Keine Druffis, keine Schlägertrupps, keine willkürlichen Kämpfe gegen die Staatsgewalt; nur willkürlicher Tod, der völlig unnötig war, und Konsequenzen, die sich nicht ermessen lassen können. Wenn Worte nicht mehr leer sind. Wenn Eltern stumm zusammenbrechen. Wenn Arbeitgeber fassungslos den Telefonhörer fallen lassen. Wenn Sanitäter nicht von Routine, sondern von absolutem Horror überrascht werden. Wenn sich Beamte verantworten müssen. Wenn die Erde sich weiterdreht für alle anderen, und die Party morgen weitergeht – nur für die Menschen nicht, die heute Opfer für nichts wurden.

Heute gibt es keine Helden. Es tut mir unendlich leid.

 

6 comments in “the art of love”

  1. Paul says:


    “Das Leben geht weiter”

    Manchmal das Schlimmste, was passieren kann. Kein Anhalten. Kein Zurückschauen.
    Und alles, was ich tun kann, ist eine Träne zu vergießen. Weil es mich so traurig macht.

  2. Loveparade 2010 « Tee&Mixtapes says:


    [...] Sara hat einen intensiven Text geschrieben, wie das Gefühl da unten gewesen sein könnte. Ich bekomme immer wieder einen Kloß im Hals, wenn ich drüberlese. Eine ganz wichtige Stelle, die mich die halbe Nacht nicht losgelassen hat und warum ich jetzt auch schon wach bin: das hättest du sein können, auf dem letzten Rave — Raves, die völlig unorganisiert und unkontrolliert sind. Das hätte die brennende Eisfabrik sein können. Wir sind so verantwortungslos in allem, und dann traf es diejenigen, die der Verantwortung und der Gewissenhaftigkeit vertrauten– [...]

  3. Robby says:


    “Was denkt man, wenn man in Panik gerät?”

    Gar nichts. Fight, Flight, Freeze. Eines dieser Reaktionsmuster wird sich abspielen. Entweder du kämpfst, flüchtest oder bleibst stehen. Basale Reaktionen, du handelst automatisch, ohne Kontrolle. Das kann gut sein, aber auch in die Hose gehen. Sich in solchen Momenten halbwegs kontrollieren und koordinieren zu können ist denke ich hilfreich. Wenn man das dann noch auf sein Umfeld übertragen kann, großartig. Oder anders: Autoritäre Kommandos, klare Ansagen um die unkontrollierten Massen einigermaßen zu stabilisieren. Beziehungsweise das nähere Umfeld. “Sicherheitszone” aufbauen, sich gegenseitig schützen und festhalten, die Frauen in die Mitte des Kreises. Das wäre mein erster rationaler Impuls gewesen. Und ich hoffe, dass ich in solchen Situationen schnell genug in einen Bewusstseinszustand käme. (Und irgendwie gehe ich sogar davon aus. Ob mich das letztendlich überleben lässt, hängt auch von anderen Faktoren ab, aber dann würde ich zumindest kontrolliert sterben :D)

    Ansonsten, bei aller Tragik: Der Tod ist allgegenwärtig. Du kannst auch im Autoverkehr sterben oder wo auch immer. Von den durchschnittlich 30 Selbstmorden pro Tag ganz zu schweigen. Das mag jetzt zynisch klingen, aber ist sogar wahrscheinlicher. Dass er, der Tod, natürlich durch dieses (mediale) Event viel eindrücklicher in das Bewusstsein dringt… nun ja.

  4. S says:


    @Robby: Selbstverständlich ist der Tod allgegenwärtig, aber es liegt doch ein Unterschied darin, ob ein nachlässiger Fahrer einen Fußgänger mitnimmt, oder ob eine Veranstaltung, die so viele finanzielle und organisatorische Träger im Rücken hat, auf einmal fast 20 Menschenleben kostet.

    Ich möchte das auch gar nicht überromantisieren- es sind tragische Dinge passiert, die aber auch nicht tragischer sind als Genozid im Sudan oder ein Herzinfarkt in der U-Bahn. Ein Menschenleben ist ein Menschenleben. Mich berührt das natürlich umso mehr, weil der Identifizierungsgrad hier so hoch ist – mein letzter Rave war vor 2 Wochen, und da gab’s nicht einen Polizisten. Ohne sagen zu wollen, dass das die bessere Variante ist, kommt es mir nicht in den Kopf, wie etwas von dieser Größe zu so einem Massengrab werden kann. Ich pack’s einfach nicht.

  5. Robby says:


    @S: Wenn man sich das Zustandekommen anschaut, ohne Frage. Im Ergebnis sind “beide” tot. Und dass du dich mehr mit einem Raver als mit einem 0815-Fußgänger oder Autofahrer identifizierst, kann ich auch nachvollziehen. Dennoch finde ich dieses “Armgewedel” der Medien schrecklich. Zumal mehr außer Armgewedel nicht passieren wird. Ich meine, wenn ich mir die Aussagen des Sicherheitskonzeptverantwortlichen anschaue… *lach* Wird man deswegen bei kommenden Veranstaltungen mit immensen Menschenmassen neben einem Physikprofessor (!) auch noch Psychologen oder dergleichen ins Boot holen? Interdisziplinär sich um die Sicherheit kümmern, Szenarien durchspielen, optimale Lösungsstrategien entwickeln, den maximalen Profit hinten anstellen? Wohl kaum. (Und selbst dann wären solche Tragödien nicht 100% vermeidbar. Ich finde ja eher es ist ein Wunder, dass bei derartigen Massen nur 18 Personen umgekommen sind. Bei derartigen Fehlplanungen hätte die Zahl auch schnell nach oben schnellen können.)

    Dass einige Privatpersonen auch unabhängig eigener Betroffenheit aufgrund wirklich betroffen sind, glaube ich gerne. Aber das, was Medien und Politik da schon wieder draus machen, widert mich an.

  6. S says:


    @Robby: Die Frage ist natürlich was unsere Erwartungshaltung der Medien gegenüber sind – ich bin auch nicht gerade erfreut über das, was da aus den Kanälen rausgedröhnt wird, aber ja, es wird öffentlich diskutiert und es muss auch in Frage gestellt werden, ob und wie solche Events in Zukunft aussehen sollen. Ich will das lieber transparent mitbekommen (wobei transparent hier mit Vorsicht zu genießen ist), als das jetzt ad acta zu legen und nie wieder ein Wort darüber zu hören.

    Dass dabei auch viel Scheisse bei rumkommt- auf jeden Fall. Ich glaube einfach nur dass in Anbetracht der Situation alles pietätslos daherkommt, egal, ob man das fundiert wissenschaftlich oder sachlich neutral darstellt, oder ob man, wie ich, als Privatperson, einfach nur seine Gedanken ausschüttet. Am Ende des Tages sind Leute gestorben. Es ist nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es ist schlimm und tragisch, weil es nicht hätte sein müssen: aber es ist halt jetzt erst einmal so.

    Man kann natürlich gucken, ob man solche Veranstaltungen für die Zukunft optimiert; ich persönlich bin der Meinung, dass das negative Konsequenzen für unsere Feiergemeinschaft tragen wird. Zumindest mit der Loveparade dürfte es jetzt aus sein. Auch das finde ich nicht unbedingt schlimm; die hat sowieso ihren Zenit schon längst überschritten…

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