Valium
Gott hat den größten Spaß daran, in den leeren Momenten meines Lebens unter meine Haut zu kriechen und sich dort zu manifestieren, so lange, bis ich Fight Club spiele und mir selbst in den Kopf schieße – bildlich, natürlich, aber mindestens genauso schmerzhaft. Und mit den leeren Momenten meine ich diejenigen Augenblicke, in denen ich von allem weit weg bin, was funkelt und glitzert und für eine wohltuende Ablenkung sorgt, kurzgefasst, alles, was mein Leben bisher beinhaltete. Es gibt Dinge, vor denen kann man nicht flüchten, von Gott wohl am allerwenigsten.
Ich schiebe die Schuld dafür natürlich vollständig auf meine Erziehung, ein wirrer Mischmasch aus mittelalterlichem Religionsunfug, rebelliösem Hormondrang, kulturell integrierter aber an alten Bräuchen und Traditionen festhaltender Eltern und, naja, Deutschland. Nicht, dass irgendetwas davon mir den freien Willen nehmen könnte, aber soetwas wie eine “Entscheidung treffen” wird in übelkeiterregende Dimensionen katapultiert. Deshalb rede ich darüber nicht gerne. Nicht über Gott, nicht über meine Erziehung, nicht über das, was meine Eltern mir bedeuten oder wieso es so schwierig ist, darauf klarzukommen. Mein Kopf hält nach 22 Jahren der absoluten Überzeugung, dass ich mein Leben lang vier oder fünf Leben leben muss, nicht mehr die Fresse, und es wird schwerer, ihn zum Schweigen zu bringen. Valium kann nicht die Antwort sein, und bevor ich mich in die Zwangsjacke stecken lassen, möchte ich wenigstens noch das Drama erleben, das mich an den endgültigen Punkt bringt. Wenn schon kein wunderbares, unerwartetes High, dann doch immerhin ein letzter, alles vernichtender Kick. Eine Überdosis Narzissmus, vielleicht?
Aber es bleibt nicht bei den unklaren und wirren, selbst-destruktiven Gedanken, nein, ich möchte mich und alles erklären, auf den Tisch legen, was zu mir gehört und was nicht und wieso und warum. Ich formuliere es so: ich weiß nicht, wo Gott ist, und ich habe ihn nie gefunden. Mein Gott war mein Glück, soetwas wie Seelenheil. Schon immer frei nach dem Motto “tu alles, damit du in deinem Leben glücklich und zufrieden bist”, weil Allah und die Religion dir das (offensichtlich!) ja in der Vergangenheit nicht bringen konnten. Zumindest ist das mein Reasoning im Nachhinein, eigentlich hatte es mehr etwas damit zu tun, dass ich den Regeln der Religionen während meiner lustig-besorgniserregenden Teenagerphasen nicht folgen wollte. Weil es keinen großen Spaß macht. Verständlich für euch, sicher. Unverzeihlich für meine mich liebenden und mir vertrauenden Eltern nennen.
Kommt mit mir mit auf eine Reise in die Depression, in ein Leben, in dem man sich als Kind schon entscheiden muss, ob man seine Eltern genug liebt, um zu lügen, oder ob man sein Glück auch ohne sie finden kann und so schnell wie möglich aus diesem Horrorfilm herausrennt. Stellt euch vor, ihr schlagt beide Wege ein, zuerst mal hier, dann mal da, und ihr glaubt, ihr kommt an ein Ziel, irgendwas, eine Antwort, endlich befreit. Und schlagartig stellt ihr fest, dass ihr dem Teufel (oder Gott, nennt es wie ihr wollt) mitten in die Arme gerannt seid. Traurig, aber wahr.
Allah, oder Gott, oder Satan, der Teufel, Luzifer, kriecht mir unter die Haut und lässt mich nicht los. Ich fühle mich leer, weil niemand da ist, um mir zu sagen, dass ich nicht leer bin, dass das Leben aus mehr besteht als aus Mutter und Vater und Familie glücklich zu machen, dass man sich selbst erstmal glücklich machen sollte. Aber was, wenn mein Glück, also Happyness, ich finde das Wort adequater, vom Glück anderer abhängig ist? Kann ich glücklich sein, wenn andere glücklich sind, ohne glücklich zu sein? Kann ich glücklich sein, wenn ich andere dafür unglücklich machen muss? Kann ich den letzten bisschen Rest an Verstand und Logik in meinem Kopf dafür auf’s Spiel setzen, ein ehrliches Leben zu führen?
Mein Kopf ist voll von den Gedanken an Konsequenzen; wenn Dinge ans Licht kommen, wenn keine Vergebung, sondern nur noch Enttäuschung und Hass auf mich geworfen werden. Ich wache nachts schweißgebadet auf von Albträumen, an die ich mich nicht erinnere, und habe Angst, dass meine Mutter gestorben ist bevor ich sie um Vergebung beten konnte, bevor SIE Gott um Vergebung beten kann, dafür, dass sie alles anscheinend falsch gemacht hat. So sind Eltern. So sind Kinder. So läuft alles. Bin ich die erste, die das durchmacht? Bestimmt nicht. Bin ich die letzte? Ich kann es nur hoffen.
Dieses Spiel mit dem Gefühl, an rationalem Wahnsinn unterzugehen, irgendwo weit weg von zu Hause, da, wo alles viel klarer und deutlicher wird, es befreit und es sperrt ein. Allah kriecht nachts in mein Bett und fragt mich, ob ich überhaupt an irgendetwas glaube – an Liebe, an Beziehungen, an Religion, an Bildung, an das Leben, an das Glück, an Freundschaft, und alles, was ich tun kann, ist mich vor Angst zu übergeben, weil ich nicht weiß, ob das ein Figment meiner Einbildung ist, eine Mischung aus Drogen und Emotionen und Heimatlosigkeit, oder ob es da etwas gibt, an das ich bisher nicht geglaubt habe, und das jetzt kommt, um mich zu holen, um mich einzusperren, in die Hölle der Schlaflosigkeit, in die Hölle der Menschen die scheinbar keine Seele besitzen.
Allah kriecht mir nachts ins Hirn und fragt mich, ob ich lieber meine Familie behalten möchte, und die Liebe und Zuneigung meiner wunderbaren Eltern, die nichts falsch gemacht haben (was mich betrifft), oder ob ich lieber ein Leben führen möchte, in dem ich diesen Zustand niemals verlasse. Und es ist so einfach, zu antworten, denn die Frage hat er mir schon mal gestellt. Ich habe mit Taten geantwortet und alles dafür getan, nicht an ihn zu glauben, genauso wie ich mich jetzt dagegen wehre, aber es ist so schwer. Türen beschritten haben und um Verzeihung bitten, nicht mal wissen für was, nur wissen, für wen.
Am Ende wird die Lüge nicht siegen. Am Ende kann ich nicht belügen, woher ich komme. Am Ende werde ich alleine sterben und mich vielleicht, vielleicht aber auch nicht, rechtfertigen müssen. Am Ende steht nicht die Frage “woran glaubst du”, sondern “wer hat an dich geglaubt?”. Am Ende werde ich mir immer noch dieselben Gedanken machen, in meinem letzten leeren Moment, wo nichts mehr scheint und glitzert und mich von großen Fragen und Sinnesbekenntnissen ablenken kann. Am Ende bin ich sowieso gebrandmarkt, egal, was ich mache, geprägt von 22 Jahren voller Fantasie und Illusion und Bullshit, nicht mehr, und nicht weniger. Am Ende kann ich nichts mehr tun außer zu hoffen, dass nicht Allah, sondern Mama an meinem Grab steht. Aber wer will das schon.

