Von Leichtigkeit

Da, wo viele Leute ihren Mitmenschen schon eine Stoppschild vor die Butterbirne halten, baue ich mir eine batikgemusterte Hängematte zwischen zwei Palmen und lasse mir einen eiskalten Ananassaft und ein bisschen Gras servieren. Ich brauche keinen zwischenmenschlichen Stress wegen kleiner Dinge – und bei großen Dingen brauche ich mich erst recht nicht mehr damit zu beschäftigen. Diese Art der Konfliktbewältigung (oder vielmehr: Konfliktignorierung) führt nicht selten zu schmerzhaften Einschnitten in Beziehungen, aber das hat sich für mich bisher nie besonders negativ ausgewirkt. Solange man mit seinen Entscheidungen am Ende des Tages Frieden schließen kann, so lange hat man ja auch nichts falsch gemacht (keine Garantie für diese Aussage).
Und dann wundern sich die ganzen unwichtigen Leute im äußeren Zirkel des Bekanntenkreises, wieso ich nur mit den Achseln zucke, wenn andere ausrasten, und warum ich nur mecker und mich im Nachhinein über bestimmte Situationen aufpisse, anstatt sie direkt anzusprechen und den Täter meines Leides zu konfrontieren. Wisst ihr was? Nennt es passiv-aggressive, emotionale Flachwichserei, aber wenn ich jetzt jemandem meine Meinung in die Fresse kacke, dann muss ich auch damit rechnen, dass mir dieser Jemand seine Meinung zurückdonnert, dann muss ich mich plötzlich streiten, in Rage reden, eventuelle handgreiflich werden und meine Brüder aus Frankfurt holen, die mich dann vor hysterischen, raffgierigen und missgönnenden Zicken beschützen. Das ist es mir einfach nicht wert. Lieber meditiere ich fünf Minuten lang und frage mich danach, ob es mich immer noch beschäftigt. Ich bin da eher wie ein Hund: ich suhle mich dann meistens schon hechelnd im Schlamm und warte darauf, dass mir jemand die Titten krault.
Ich möchte dieses kostbare, schöne, glückliche Leben nicht damit verbringen, mich zu streiten, jedenfalls nicht mit meinen Freunden oder mit der Familie oder sonst irgendwas. Ich höre mir dann an, dass ich Schuld habe und Dinge kaputt mache, von mir aus gestehe ich diese Schuld auch ein (selbst, wenn ich sie nicht trage) und nicke das dann ab: nennt mich einen Push-Over, aber ich bevorzuge die Leichtigkeit einer nachgebenden Position der einer aggressiven Streitsüchtigen. Es geht mir nicht darum, Recht zu haben, und zu gewinnen (jedenfalls meistens nicht). Es geht mir darum, dass wir dann alle in Friede, Freude, Eierkuchen zusammenleben, große, riesige Dinge gemeinsam planen und eines Tages Schlösse aus Legosteinen bauen. Nennt es Wunschdenken- ich nenne es Leichtigkeit.
Und Leichtigkeit ist kein Lottogewinn. Versteht mich nicht falsch: nur weil ich ab und zu mal nicht lauthals in Kampfposition gehe (was im Übrigen für alle Beteiligten auch besser ist, da ich eindeutig gewinnen würde, weil alle Mitleid mit mir haben), heisst das nicht, dass ich ein friedlicher, unprovozierbarer Mensch bin. Ich versuche nur die ganze Wut und den anderen Jesusscheiss zu katalysieren. Nicht gegen Menschen zu gehen (jedenfalls nicht in direkter Konfrontation), sondern gegen das System (DAS SYSTEM!!!!). Und Leichtigkeit in Beziehungen und im Leben heisst nicht, dass ich im Restleben auch dieses Privileg genießen kann. Für diese Art der Leichtigkeit muss ich einem Job nachgehen; ich muss mich mit Erwachsenendingen plagen, auf die ich überhaupt keine Lust habe. Ich muss meinen ganzen Zorn und meinen Weltschmerz und meine Tränen in Projekte stecken, damit sie sich nicht an den falschen Orten äußern und Dinge zerstören, die eigentlich gut sind.
Aber jetzt, wo diese Lebensphilosophie so offen vor euch breitgetreten wurde, muss ich auch anführen, dass es nicht immer so leicht ist, wie ich es gerne hätte. Ein vorbildlicher Ghandi zu sein und nie etwas als Problem anzusehen und jedem Arsch und seiner Mutter einen Gefallen zu tun kann dem von der Gesellschaft (DIE GESELLSCHAFT!!) zerstörten Bewusstsein schnell mal Erwartungstürme aufsetzen, die dann der sorglos pfeifenden Sara gar nicht auffallen. Und dann kommen die Enttäuschungen, eine nach der anderen, weil man wegen der Leichtigkeit, diese entzückende, freudige Leichtigkeit, einfach nie gesagt hat, was man will – und da andere Menschen nicht die empathischen Fähigkeiten einer Superheldin wie mir besitzen, bekommt man das dann ja auch nicht.
Und dann stehe ich wieder da, konversationslos, abgerieben, mit meiner Leichtigkeit unter’m Arm und einem nackten Eisstiel in der Hand auf einem weiten Rasen, alleine, und das Konfetti prasselt auf mich herab wie ein Hagelsturm, und keiner ist da, um mir Gesellschaft dabei zu leisten. Und keiner weiß eigentlich, wie es mir geht, und warum es mir so geht. Und manchmal will ich gar nicht viel mehr als für eine Stunde Leichtigkeitspause zu haben, damit ich auch mal verstehe, was so bei mir abgeht. Einfach nur um abzuklären, ob auch wirklich alles gut ist. Man kann ja nicht den ganzen Tag Regenbögen scheissen.


4 comments in “Von Leichtigkeit”
July 13th, 2011 at 14:58
HERRLICH
July 13th, 2011 at 21:34
Jawohl, weniger Hipsterkram, mehr sowas :-)
July 20th, 2011 at 20:40
Wunderbarer Text, wirklich gelungen!
July 26th, 2011 at 15:39
Mir gefällt die Ehrlichkeit in diesem Text – toll! Danke!