YEAH SARA IS A FUCKING HIPSTER

Veröffentlicht July 20, 2010

Wenn man erst mal versteht, dass alles so berechenbar ist, und das Selbstbestimmung fast schon ein Witz ist, sobald man mal alles an Äußerlichkeiten addiert. Wie es zu dieser Erkenntnis kommt kann auf viele mögliche Arten passieren. Man kann das brutal vorgehalten bekommen (Standpauken oder von Nazis und anderen Hatern verprügelt werden), oder man kann sich einfach selbst als Klischee wiederentdecken, in einer absolut perfekten Illustration, ja, geradezu einer Karikatur seiner selbst. Oh hai, ich bin ein KLON.

The Hipster Runoff mag literarisch gesehen vielleicht ein anstrengend zu lesendes Werk sein, trifft aber – konkurrenzlos – alles, was unsere derzeitige Szeneentwicklung angeht, den Nagel immer auf den Kopf. Nicht immer ist alles unbedingt relevant und auch keine Kausalität, aber wie gesagt, ich erschrecke mich schon hin und wieder (und fühle mich ertappt), wenn ich mich so schön in den kategorischen Schubladen der Authoren wiederfinde.

Ein schönes Beispiel ist der neueste Artikel zu den Persönlichkeiten der derzeitigen Festivalbesucher/Blogger:

I remember when the festival bro was first invented, he represented a simpler, chiller bro in an Incubus/raver kind of way [link]. It seems like the modern festival bro might be more of a bloggy bro–a hyperconnected bro with high level opinions on indie music who ventures out into the real world several times per year for relevant shows and music festivals. He ‘creates his own merch’, making it clear that he ‘gets’ the ’scene’, hopefully looking to attract the attention of an entry level blog reader lil slut who giggles at his shirt. If that plan doesn’t pan out, ‘being blogged about by a festival blogger’ seems like a ‘decent consolation prize’ [via getting to share it in your facebook feed.’ (alt report)

Hehehe. Ja, die Zeiten der kleinen journalistischen Ambitionen sind eigentlich vorbei, heute will jeder Blog ein kleines (anderes) Magazin mit eigener Brand (Persönlichkeit) werden, mit Eventeinladungen und Ansehen und Reputation und VIP-Status. Will in seinen Nischen vertreten sein, am besten ganz oben, auch wenn die Nische mir manchmal selbst nicht wirklich transparent erscheint (das einzige, was wir auf diesen Parties dann alle gemeinsam haben, ist wahrscheinlich dass wir uns selbst feiern und dabei angähnen).

Und jetzt muss ich doch ein bisschen lachen, weil ey, besser hätte ich mich und 3/4 meiner Markennamen-Freunde auch nicht beschreiben können. Ich freue mich wirklich auf meine Weltreise und den Austritt aus diesem Pseudo-”Ich bin was wirklich wichtiges“-Leben. Nicht, weil ich so zwingend anders und toll und “auf dem Boden geblieben” sein möchte, sondern weil ich es mir, wenn überhaupt, doch immerhin das Abheben auch verdient haben möchte.

Nee, so schlimm ist das aber auch gar nicht, es ist nur bemerkenswert, dass mich vor allem der Blog, nicht Berlin in diese bestimmte “Ecke/Szene” gedrängt hat. Wie war das? Born To Be A HIPSTER. Oder eben auch Born to be a hipster influenced blogger in Berlin, wobei das wahrscheinlich sowieso auf dasselbe hinausläuft (nur die Musik, die lass ich mir nicht nehmen: das kann ich. Musik hören, meine ich). Ein Hipster bin ich nicht, ich bin nur ein Spasti mit Röhrenjeans und bekomme Dinge von Unternehmen geschenkt, die wissen, dass ich für drei Leute (meine Mutter, ein Stalker und ein fettes Kind) sowas wie ein Meinungsmacher bin. Könntet ihr mal bitte anfangen, mich zu feiern?

(Überhaupt, dieser ganze Meta-Circlejerk-Haufen aus dem Internet, der sich dann in Berlin versammelt – nicht vergessen, ich zähle mich bei dieser Kritik mit dazu – ist doch auch nur ein Haufen Kids, die sich von Marketingmenschen durchficken lassen, oder? Ich meine, klar, wir sind die Endkonsumenten und wir lieben die glitzernden Produkte und wir tun gar nicht erst so, als wären wir keine Fashionhuren, aber irgendwie ist das doch ganz schön amüsant wenn man das mal so großflächig betrachtet. Schön ist auch, wenn man sich als Individuum nahtlos in eine Masse gleichdenkender Leute einfügt, die dann aber alle gegeneinander arbeiten und sich immer weiter “hochkraxeln” wollen. Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, was “oben” eigentlich ist? Was ist oben? Der rote Teppich? Konfus, Konfuser, Konfuzius!

Bei findingberlin hatte ich das glaube ich auch mal treffender verpackt, auch wenn nicht direkt im Zusammenhang mit Blogs oder der eigenen Brand. Selbstmarketing ist ja auch nichts schlechtes, im Gegenteil, es ist das einzige. Nur ja, wofür, wenn man nicht gerade eine super Dienstleistung anbietet oder in eine Kooperation fallen möchte?)

(Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, deshalb noch so ein Absatz: es überrascht mich, dass es vor allem die “kreative Elite” dahin geschafft hat, solche Scenester-Schoßhündchen für Unternehmen zu werden, say American Apparell oder ach, von mir aus auch Nike und Adidas. Vielleicht, weil man sich dort gerade die kreativsten Menschen leisten kann, die den eigenen Konsumgeschmack, die Zeichen der Zeit sozusagen, ganz gut verstehen? Vielleicht ist es auch an dieser Stelle genau notwendig, zwischen SCENESTER und HIPSTER zu differenzieren, wobei sich Hipster ja aussuchen, wem sie das Geld/die Liebe/das Verständnis entgegenbringen (gerade im Wirtschaftssektor wird ja eher von Hipsteria profitiert als es die Kunst tun würde, mal ganz ehrlich), und Scenester einfach den “trendschaffenden”, also markierenden Hipstern hinterherrennen. Wenn man mich mal so fragen würde: 10% aller Röhrenjeanstragenden gehören damit also der Hipsterkategorie an, die restlichen 90% waren mal Emos, die sich weiterentwickelt haben. Was jetzt auch nicht so schlimm ist, weil es dafür weniger Emos gibt. Aber man muss es halt auch schon mal so sagen: Scenester = Blender. Hipster = irgendwas macht ihn einzigartig, auch wenn es nicht immer unbedingt ersichtlich ist. Bei den Scenestern kommt übrigens auch dieses mit der Fremdbestimmung zum tragen: sie laufen den Hipstern ja nicht hinterher und denken “iih ich will nicht so aussehen/diese Musik hören, aber ich tu’s trotzdem weil’s angesagt ist”, sondern sie finden das ja WIRKLICH gut, aber die Frage ist halt: findet man es selber gut oder findet man das als manipulierter Mensch gut? Und dann muss man ja auch davon ausgehen, dass der Hipster selbst nicht manipuliert wurde, weil er sich ja frei etwas “ausgedacht” hat. Was ja so aber niemals sein kann. Ach, irrelevant. Ob sich Gesellschaftspsychologen mit soetwas auseinandersetzen?)

Keine Ahnung, was ich ursprünglich mal sagen wollte. Ich freu mich schon darauf, wenn ich die +50 erreicht habe, und diese Gedanken und diese Belanglosigkeiten belächel und mir sage, “Dude, du hättest einfach machen, und niemals darüber nachdenken sollen, wie das wirkt oder ob das Spaß macht, denn ändern kannst du das, was du augenblicklich fühlst, sowieso wohl kaum, und ändern kannst du irgendwelche Fremdeinflüsse, die dich dann bewegen, ja auch nicht”. Aber ey: ich bin jung. Ich darf noch spinnen und philosophieren, ich hab in meiner Pubertät schon genug Menschenhass und Depressionen geschoben. Jetzt? Erwartet nicht zu viel von mir. Erwartet gar nichts außer ein Lachen (aber immerhin sowas wie ein glückliches Lachen, mit Ausnahme von diesen genauso hipsterigen We Fly High Momenten) und die Illusion, dass nichts Schlimmes passieren kann, wenn man die Augen nur fest genug schließen kann… denn früh genug schon wird mich das blaue Wunder wieder wecken, habe ich das Gefühl…

 

7 comments in “YEAH SARA IS A FUCKING HIPSTER”

  1. Jeriko says:


    Überhaupt, dieser ganze Meta-Circlejerk-Haufen aus dem Internet, der sich dann in Berlin versammelt – nicht vergessen, ich zähle mich bei dieser Kritik mit dazu – ist doch auch nur ein Haufen Kids, die sich von Marketingmenschen durchficken lassen, oder?

    Wenn man das will.

  2. S says:


    @Jeriko: Pff, dass du mich immer von meinem zynisch-polemischen Ross runterreissen musst.

    Hast aber Recht, es ist ja nicht so, als ob der freie Wille einem genommen wird, weil man einem bestimmten Lebensstil folgt. Sagen wir es so: es wirkt halt irgendwie so, als wäre es was erstrebenswertes, und manchmal erwische ich mich dabei, wie ich dem hinterheräugle, als wäre es etwas besonderes. Dass das nicht jeden betrifft ist klar, wurde aber auch, Pauschalisierung sei Dank, nicht weiter beachtet.

  3. Jeriko says:


    @S: Nein, nur dann wenn ich mich angesprochen fühle ;-)

    Was ich sagen will: nicht alle nehmen alles mit, denn ab irgendeinem Punkt kanns tatsächlich passieren, dass es lächerlich wird. Ich suche mir die Marketingfuzzis, denen ich meinen Popo entgegen strecke, sehr genau aus, denn auf Anschlagficken hab ich auch keinen Bock. Und Versuche in die Richtung gabs in letzter Zeit wirklich reichlich.

    So, und jetzt höre ich das hier :-)

  4. S says:


    @Jeriko: Oh. Mein. Gott. Das kann man gar nicht überbieten. Das ist der beste Song. Du hast das Internet gerade gewonnen, man!!

    … aber, ja, naja- selbst in Maßen, selbst wenn man was für “sich” dabei mitnehmen kann, ist man ja trotzdem irgendwo abhängig von der Anerkennung der “Großen”.. macht das Sinn? Eh, egal..

  5. MC Winkel says:


    Warum denn immer darüber nachdenken, wie man ist?
    Einfach … sein.

  6. die unschuldige irre says:


    Ich bin das dicke Kind für das du schreibst. :D
    Love!

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