Es kommt mir unglaublich unverschämt vor ein anderes Review zu zitieren bevor ich meines geschrieben habe. Mache ich es mir zu einfach, wenn ich zuerst andere Kritiken lese, um meine eigene richtig formulieren zu können?

Möglicherweise ist “Cloud Atlas” ein Film, bei dem sich viele Journalisten und geübte Kritiker nach einer Bedienungsanleitung sehnen. Dieses Epos und Meisterwerk von einem Film verdient nicht weniger als eine tiefgehende, weitreichende, super-komplexe Interpretation. Sich bei anderen zur Hilfe zu bedienen erscheint im Sinne unseres Zeitalters: vieles ist mittlerweile so verworren und unübersichtlich dass es anmaßend wäre, eine einzige Person mit der Verantwortung einer umfangreichen Erklärung zu belasten. Die Finanzkrise, das Urheberrecht in der digitalen Welt, der Nahost-Konflikt. Das sind, unter anderem, große Probleme unserer Zeit. Da ist es nur gerecht einen Film zu produzieren der genauso unlösbar erscheint.

Doch hier nun zum Zitat von Roger Ebert, dass nicht weniger Hilflosigkeit ausdrückt als ich es gerade tat:

Yet “Cloud Atlas” cries out for an explanation, and surely you’ve noticed that I’ve been tap-dancing around one. I could tell you that it relates six stories taking place between the years 1849 and 2346. I could tell you that the same actors appear in different roles, playing characters of different races, genders and ages. Some are not even human, but fabricants. I could tell you that the acting and makeup are so effective that often I had no idea if I was looking at Tom Hanks, Halle Berry or Jim Broadbent. I could tell you that, and what help is it?

I could tell you that each segment is a refashioning of the story contained in the previous one. That the same birthmark turns up in every period of time. That a repeated motif is that all lives are connected by a thirst for freedom. That the movie was inspired by the much-loved novel of the same name by David Mitchell. That in the novel, the stories were told in chronological order, and then circled back again from end to beginning. That the movie finds its connections through the reappearances of the same actors in different roles and deliberately refers to one story from within another.

“Cloud Atlas”, dieser anstrengende, schwerfällige Film, ist aber nicht Mullholland Drive. David Lynchs Film war nie dazu da, um verstanden zu werden oder einen tiefergehenden Inhalt zu transportieren. Die Wachowski-Geschwister, mit Tom Tywker im Gepäck, haben durchaus den Roman von David Mitchell mit einer Bedeutung versehen: wir sind alle durch Zeit und Raum hinweg miteinander verbunden, und wir haben die Kraft, etwas zu verändern. Es mag vielleicht offene Fragen geben, die sich mit Symbolik, Metaphern und Visionen der Regisseure beschäftigen. Aber Bedeutung, Sinngebung, ist nicht alles was einen Film ausmacht.

Deshalb verschränke ich mich gegenüber Eberts sehr positiven Kritik. In ihrer prägnanten Form ist sie nicht falsch, doch hat sie leider das Medium “Film” hinter die inhaltliche Substanz eingeordnet, teilweise sogar vergessen.

“Cloud Atlas” ist schön anzusehen. Die 100 Millionen US-Dollar sind gut investiert worden. Ohne Zweifel sind die verschiedenen durchlaufenen Episoden des Filmes gut gelungen. Sie alle vertreten jeweils eigene Filmgenre. Zusammengesetzt ergeben sie einen Meta-Film, Filme im Film (ich bin nahe dran, doch wieder Mullholland Drive aufzugreifen). Man wünscht sich fast, jede einzelne Story bekäme ihren eigenen Film geschenkt.
Doch die Verwandlungen der einzelnen Schauspieler in schier unendlich viele Figuren ist ein Gimmick, das nicht immer funktioniert. Im Falle des Hae-Joo Chang, der in Neo-Soul den ehrenhaften Retter spielt, wird Jim Sturgess als Koreaner maskiert. Leider erinnert das Resultat mehr an die unerschütterlichen Pokerface-Agenten der Matrix-Triologie als einen echten Asiaten. Dass Mimik und schauspielerische Leistung bei so einer Kostümierung immens verloren gehen können war den Regisseuren offensichtlich das kleinere Wehwehchen. In Anbetracht des Potenzials von “Cloud Atlas”: schade.

Die Rollenwandlung durch die Epochen verwirrt zudem. Bedeutung mag eines sein. Allerdings ist sie eine Zumutung an den Zuschauer, der sich ständig in den einzelnen Geschichten neu orientieren muss, weil er wertvolle Konzentration auf die Zuordnung der Schauspieler in ihren Rollen verschwendet. Wenn sie bis ins unkenntliche transfomiert werden – wieso überhaupt denselben Schauspieler nutzen? Das ist das Resultat der Kinoentwicklung: “weil man es kann”. Ob es etwas beiträgt oder das Ergebnis glaubhaft: belanglos. Das macht den Film unnötig kompliziert, aber immerhin amüsant: Hugo Weaving als hysterisch-brutale Aufsicht im Seniorenheim ist ein Knaller.

Mit den zahlreichen Ablenkungsversuchen wird es umso schwerer, die jeweiligen Storylines miteinander zu verknüpfen. Man könnte sagen, Cloud Atlas ist ein Film, den man zwei Mal gucken muss; ich befürchte jedoch, dass sich diese Anstrengung keiner ein zweites Mal antun wird. Christopher Nolan hatte mit Inception im Jahre 2009 einen ähnlich komplexen und tief gewundenen Film gemacht. Inception konnte man beim ersten Mal schon verstehen- auch wenn man der Vielschichtigkeit keine Beachtung geschenkt hat. Bei jedem Mal danach erschließen sich auch Symbolik und Anhaltspunkte. Selbst nach dem 10. Mal bleibt Inception spannend, weil der Weg das Ziel ist und das Ziel keine Lösung bietet. Es ist ein Denkspiel, verflixt und illusorisch wie Eschers Treppe. Aber Cloud Atlas? Ich glaube nicht, dass der Film Verknüpfungen und Rätsel beherbergt. Entweder man findet in den lose verbundenen Geschichten den Sinn, den man sich Film wünscht, oder man findet ihn nicht.

Die Köstlichkeit des erfundenen Englisch-Dialektes in der post-apokalyptischen Zukunftsversion kann man deshalb getrost sinnbildlich auffassen. Obwohl ich nichts verstanden habe, habe ich alles verstanden. That’s the truetrue.

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