Mehr als eine Woche nach unserer Rückkehr aus Südafrika kann ich wohl behaupten (und damit auch für den Rest unserer wunderbaren Reisegruppe sprechen): das schlimmste an diesem Trip war es, wieder zurück in Berlin zu sein. Dabei war durchaus unerwartet, dass uns Mini – diese Reise gibt es übrigens auch ab sofort zu gewinnen, kann ich nur wärmstens empfehlen – und Südafrika direkt die Luxus-Tour  vorführten. Wir wurden in jedem Hotel empfangen wie Zaren und beinahe hätte ich mir auch ein kleines Krönchen aufgesetzt, um mein Fake-Rich-Dasein zu unterstreichen (als ob Hoodie und durchlöcherte Leggins nicht gereicht hätten. HALLO, MEIN NAME IST SARA, ICH KOMM AUS DEM DORF, HABE MEINE ELLENBOGEN AUF DEM TISCH WÄHREND ICH MIT DEM SCHWABBEL AUS DER AUSTER SPIELE UND FURZE HEIMLICH WENN ICH DURCH DIE LOBBY SCHLEICHE). Ich hatte kurz überlegt den Verantwortlichen mitzuteilen dass auch eine Betonpritsche, wie damals im Knast, voll gereicht hätte für meinen asketischen Lebensstandard. Aber hey – umso besser!

Seitdem finde ich mich in meinem armen Studentenleben in Deutschland nicht mehr ein. Ich brauche mindestens eine Putzfrau, eine Nanny und einen Koch, um klarzukommen. Fantastisches Essen, unrealistisch gephotoshoppte Landschaften, Reitsport auf weißen Löwen und der Augenschlag von verwirrten Giraffen, das alles von ständig wechselnden, perfekt bequemen Matratzen aus beobachtet und mitgefeiert- hat mir voll meine Ghetto-Attitüde versaut. Ich brauche einen Butler für die Auswahl meiner Air Max und einen Chauffeur für mein Schrott-Rad. Der Eleganz einer solchen Reise kann auch einen pseudo-Hippie wie ich nicht widerstehen. Mama wäre glücklich. Sogesehen war also das Abenteuer, dass wir am Western Cape erlebten, nicht ausschließlich auf das Land bezogen, sondern auch auf unsere Erwartungen in Bezug auf das Reisen selbst. Südafrika hat eine komplexe Geschichte hinter sich, ist eine sehr junge Demokratie und hat, beurteilt nach dem, was man in Deutschland zu sehen und zu hören bekommt, viele große Probleme sich als Aufsteiger der Wirtschaftswelt zu etablieren. Doch was das Land sehr gut kann: sich für Touristen darzustellen. Und das wunderbar.

Die Frage ist nur, ob man sich als Besucher selbst die Herausforderung sucht, mehr als nur Beobachter eines magischen Verwandlungsspiel zu sein. Wem will man aber einen Vorwurf machen, wenn man sich einfach nur in all den schönen Angeboten des Landes verlieren möchte? Genau das taten wir auch, als wir in unseren robusten Mini Cooper S Countrymen durch die Berge und an den Küsten entlang fuhren. Wir waren verzaubert.

Luxus oder nicht: diese Reise hat mir mindestens in Sachen Natur die Augen geöffnet. Während der Champagner hat geprickelt in meine Bauchnabel küssten mich Sonne, Himmel, Regenbogen und Pinguin gleichzeitig. Kennt ihr diese getönten Brillenscheiben, die einen im Sommer dazu verleiten, nur noch in Instagram-Bildern zu denken? So in etwa ist das am südafrikanischen Horizont. Man steht ganz schnell mit erhobenem Zeigefinger da und schreit “NEIN, DAS IST EINE LÜGE!”. Eine Truman-Show. Wie kann es so etwas außerhalb von Fernsehen und Film geben? Wie können das meine Augen überhaupt verarbeiten? Die sind ja normalerweise nur das grau-triste Pisswetter aus dem Deutschen Sommer gewohnt. Selbst an den schönsten Winkeln der Welt hat es nie zu so einer Epiphanie gereicht. Nicht nur die Natur trägt am Kap zum Thema Lebensgefühl bei.

Auch die Mentalität der Südafrikaner, ob schwarz, weiß oder braun oder gelb-gefleckt oder ein bunter Vogel, ist ausschlaggebend für das Wohlergehen eines jeden Besuchers. Erstmal sind alle quietschfiedel gelaunt, begrüßen dich überschwänglich, quatschen dich von oben bis unten voll und verbreiten ein Dauer-High in Form von Lachen und Lächeln. Wahrscheinlich aus diesem Good-Feel-Moment heraus haben die Kapstädter in ihrem kleinen Bezirk Boo-Kap jedes Haus in den schönsten Farben ordentlich angemalt (nicht ganz. Boo-Kap war einst selbst ein Town Ship und das Malay Viertel von Cape Town. Nach der Befreiung, wie uns bei der Führung durch die Stadt erzählt wurde, wollten die Einwohner ihre neue Freiheit mit Farbe zur Schau stellen). Was soll der weltweite Scheiss mit den gedeckten Farben? Ich will das! Wenn schon kein Graffiti, dann wenigstens vollgekleistert mit Farbe! Aber nein, das Liebesspiel in Europa findet hauptsächlich in Missionarsstellung statt und bunte Häuser sind was für Peter Pan und sein Gesindel. Dann wird direkt wieder moniert wie oberflächlich so eine Darstellung ist, was das für eine billige Ästhetik wäre und überhaupt, nett sein bedeutet ja in Deutschland, dass man nichts zu sagen hat und keinen kritischen Blick auf seine Umgebung wirft. Ich wünschte, ich könnte meine Kritik manchmal per Faust verteilen. Deutschland rührt einen emotionalen Zement in mir an, der irgendwann zum zynischen Klotz trocknet. Schwöre.

Dann wiederrum ist es wahrscheinlich auch nicht sonderbar schwierig, sich als Südafrikaner auf so eine Attitüde einzulassen, wenn man an jeder Stelle des Landes abgefahrene Sonnenuntergänge und endloses Meer am Horizont sehen kann. Rechtfertigt der Regen unsere miese Petra? Ist der Honig des Lebens im Licht der Natur zu finden? Brauchen wir in Deutschland mehr sinnlos herumstehende Giraffen, um mal nicht über die Arbeitslosenzahlen und die Finanzkrise nachzudenken?

Und damit wäre ich dann auch schon am magischsten Moment der Reise angekommen, ich hatte es ja schon angekündigt. Unerwartet war das, eine Überraschung für Seele und Kopf gleichermaßen: die Natur. Die Berge, das Meer, die Unendlichkeit einer Reise, die man selber steuert. Das Auto ist dafür natürlich die sinnbildliche Perfektion, denn wenn man sein Tempo und seine Ziele (zumindest beinahe) selbst kontrolliert, dann fühlt man sich eben frei in ununterbrochener Bewegung. Ein Momentum von Bildern, die überhaupt nicht in Fotografie ausgedrückt werden kann (also jedenfalls nicht von mir), alles zieht an dir in Sekundenschnelle vorbei und lässt dich vor Staunen das Atmen vergessen. Sich die Zeit für so eine Reise – ich meine die Reise auf der Straße – zu nehmen, Meer, Berge, Tiere, Pflanzen und Ausblick wirken zu lassen, das alles entweder unter düster behangenem Himmel oder bei strahlendem Sonnenschein, das ist mein persönlicher Inbegriff dieser Reise, das einzige, was am Ende gezählt hat.

Die Momente, in denen man lautstark zu seinen liebsten Songs mitsingt, noch mal auf’s Gas tritt und versucht, den Rest der Welt und alle in ihr keimenden Probleme zu vergessen. Viel praktischer noch geht es auch darum, im Transfer eines Touri-Bus vor Anstrengung nicht einzuschlafen und mit bewegten Augen und bewegtem Bewusstsein konstant dabei zu sein. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn man sein Herz auch verschenken kann und den Hass und die Hektik der Großstadt für einen Moment ausblendet. Vielleicht werde ich alt, aber meine Vorstellungen von Urlaub und Reisen haben sich um eine etwas ruhigere Alternative erweitert. Ich will überhaupt keine Aufregung mehr. Ich will meine Augen weilen lassen und die Luft genau so genießen wie den fantastischen Wein, der in ihr reift.

Bei jedem Blick in die blauen Lagunen reflektiert das glitzernde Wasser die Träume tausender fremder Welten im Auge des Betrachters. Die Oberfläche zittert und entspricht einer Schatztruhe von Geheimnissen, die man öffnen möchte. Zu wissen, dass wahrscheinlich so viele unzählige andere Menschen diese Reise an genau diese Orte schon machten und dort ihre Gedanken hineinlegten erzeugt eine Gänsehaut. Was sucht man auf dem Grund der Gewässer in Afrika? Einen Ursprung, eine Idee, ein Anfang und ein Ende der Welt? Welche Antworten sucht man an einem Platz der so viele Geschichten in seinen Bergen und Fossilien, in seinen Tieren und seinem Himmel bündelt? An keinem anderen Fleck hat die Philosophie so schwerwiegend und effektiv eingeschlagen wie in der Stille unserer Pause am West Coast National Park. Wenn ihr also fragt, was das Glück kostet, kann es sein dass ich mit “ein Flug ans Kap der Guten Hoffnung” antworte und ihr euch einfach nur kurz locker machen müsst.

Obwohl wir uns nur in einem begrenzten Radius um das Western Cape bewegten erwies sich die Landschaft keineswegs als eintönig. Chamäleonartig wechselten alle paar Kilometer die Bäume auf den Straßenseiten ihre Farben, der Herbst verwandelt Teile des Landes in ein Kostümfestival der Jahreszeiten. Zur Hälfte rot, zur Hälfte grün; an anderen Stellen windig und stürmisch, aber nicht ohne den Regenbogen zum Trost hervorzulocken.

Das ruft eine ganz neue Emotion auf dem Plan, nämlich eine gewisse Wertschätzung von Natur, die eben nicht selbstverständlich ist. Scheisse man, Natur ist, wenn sich deine Olle kein Silikon für ihre Doppel-Ds implantiert hat. Man stelle sich vor, eines Tages gibt es auf gar keinem Kontinent mehr diese Erfüllung. Keine Tiere mehr, Überbleibsel unserer noch nicht von der menschlichen Kultur deformierten Erde. Keine Berge mehr, kein sauberes Meer mehr, alles ölverpestet, alles tot. Zu sehen, wie unbetoniert und frei ein Land sein kann – etwa im Sanbona Wildlife Reserve - lässt mich an den Selbstverständlichkeiten unserer Gegenwart natürlich zweifeln. Und dann kommen auch die schmerzhaften Wahrheiten hinzu, nämlich dass in Südafrika natürlich keine wilden Tiere frei herumlaufen, sondern immer in diesen Reservaten oder Nationalparks beheimatet sind. Somit ist eine relative, artifizielle Freiheit wieder erschaffen worden. Schön, aber mit bitterem Nachgeschmack. Was wäre das auch, wenn Elefanten durch die Städte rennen und unsere Kinder bedrohen würden! Und natürlich muss man sich vor den Pavianen in Acht nehmen, denn sie könnten unser Essen klauen… also geben wir ihnen einen anständigen Zoo, genau dort, wo auch ihre Heimat ist, ein Kompromiss, aber auch Diebstahl. Darin erschöpft sich jetzt auch meine von Weltschmerz belagerte Kritik, ich will mich darüber gar nicht so laienhaft auslassen. Spätestens jedoch wenn man selbst weiße Löwen aus drei Metern Entfernung an seinem Jeep vorbeischleichen sieht und die Ergriffenheit im Herzen überhaupt nicht zuordnen kann stellt man fest, dass die Tierwelt zum Ausstellungsinhalt der Menschen geworden ist. Und aus unseren Bemühungen es so gut wie möglich zu machen resultiert nur noch mehr Schaden. Wen würde das nicht auch traurig machen?

So profiliert sich ein Land wie Südafrika natürlich im Gegensatz zum Rest der Welt. Wer Straußen, Zebras, Giraffen (GIRAFFEN SIND SO SCHÖN ICH RASTE AUS), Löwen, Elefanten, Adler und Paviane auf einem Hektar vereint hat, der braucht vielleicht auch nicht viel mehr als das. Dafür kommt aber auch die schnelle Erkenntnis, dass man keine Exotik außerhalb der Natur zu erwarten braucht – nicht in sieben Tagen und schön abgeschottet vom Alltag, so wie Urlaub eben ist. Das Land wurde einst kolonialisiert und beherbergt eine etwas bizarre europäische Kultur ohne lange, dafür aber intensive Geschichte. Städtereisen sind in Südafrika wahrscheinlich innerhalb weniger Tage abgeschlossen. Das ist schade, denn der koloniale Einfluss (oder wie auch in Australien: Überfluss) scheint ein viel tieferliegendes Südafrika zu verstecken. Die Studentenstadt Stellenbosch, in der wir einen kleinen Halt machten, ist dafür ein gutes Beispiel. Sie bot Cafés und Boutiquen, Souvenirshops und Supermärkte, aber keinerlei Angebot für den Vorbei-und-Durchfahrer, keine überraschende Optik, keine Ausreisser in der Architektur. Ich glaube, ich habe dort kein einziges Foto geschossen. Das ist dann leider genauso charmant wie bei Ikea einkaufen zu gehen. Best Practice ohne Eindruck zu hinterlassen. Die synthetische Infrastruktur passt nicht zur ländlichen Umgebung, dachte ich mir oft – und vielleicht fühlte es sich auch deshalb manchmal an wie eine Tour durch die Universal Studios am Western Cape, ein Disneyland, Plastik und unrealistisch.

Manchmal will man sich – und das ist vielleicht auch der größte Motivationspunkt für eine Reise – in das Fremdheitsgefühl werfen, Exotik spüren, als ob Exotik die erhärteten Herzen und unsere zynischen Gedanken unseres gottlosen Alltag verändern könnten. Aber auf meiner Flucht durch’s Leben – anders kann ich es nunmehr auch nicht ausdrücken – komme ich immer wieder an den Punkt zurück, wo ich angefangen habe, nur: mit viel mehr wahrhaftigen und ehrlichen Eindrücken. Das Lachen auf einem unbekannten Gesicht, die Geschmäcker und die Gerüche, die Geräusche des Meeres in der Brandung und die Chance darauf, in Hermanus Wale zu sehen: solange diese kleinen Partikel der Möglichkeiten nicht per HD übertragbar sind, wird das Reisen in jeglicher Form immer etwas sein, was mich innerlich befreit. Und Südafrika habe ich mit Sicherheit noch nicht ausgiebig genug gesehen. Ich komme wieder, man.

   

This article has 1 comments

  1. benoegen

    Moin, starke Bilder, tolle Reise und extrem steiler Text! Ich verspüre leichten Neid!

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