Die aktuelle Entwicklung von Pop-Musik sieht man am besten an Ushers Diskographie. Er ist nicht nur schon ziemlich lange dabei, er ist dabei auch konsequent erfolgreich. Und das nicht trotz, sondern weil er sein Genre subtil (und dann nicht mehr ganz so subtil) mit der Zeit in etwas anderes reformiert hat. Einst von R&B geformt ist er nun die Bronze-Statue auf dem Dancefloor der elektronischen Tanzmusik.

Usher: My Way (1997)

Nur auf die Popmusik der USA bezogen gibt es heute generell weniger Hip Hop und R&B-Einflüsse in den Billboard Charts als, sagen wir, noch vor 10 Jahren (USA 2002 Top 5: 2. Foolish, Ashanti; 3. Hot In Herre, Nelly; 4. Dilemma, Nelly & Kelly Rowland – Quelle Wikipedia – USA 2012 Top 5: 2. Diamond, Rihanna – Quelle Billboard Charts). So weit gehen meine Erinnerungen zurück und ich fühle mich hier nicht verpflichtet, folgende These empirisch aufzuarbeiten: die USA bedient sich interkulturell an der Nostalgieschatuelle europäischer Popmusik, um ihrer eigenen Musik einen neuen Twist zu liefern. Leider ist das Ergebnis genauso schrecklich wie es schon damals die Vengaboys oder A*Teens waren.

Usher war natürlich nicht der erste, der diesen Weg eingeschlagen hat. Rihannas “We Found Love” hat genauso die Raver-Szene in England zitiert wie die Black Eyed Peas mit ihren Dancefloor-Hits. Sean Paul, Pitbull und, ich kotze schon wenn ich den Namen nur tippen muss, Flo Rida sind auch ganz oben auf der Liste. Dass David Guetta, Tiesto und Swedish House Mafia die Headliner auf einem der größten elektronischen Musikfestival der Welt, dem Electric Daisy Carnival in Las Vegas, sind – auch das spricht für sich (knapp 300.000 Besucher 2011 – so viele haben alle elektronischen Festivals in Deutschland nicht mal zusammen genommen). R&B ist nicht mehr das go-to Genre für Dancefloor-Booty-Drop Knüller in US-Clubs. Wenn man davon ausgeht, dass Pop der Spiegel der (auf Musik bezogenen) Gesellschaft ist, haben dank Skrillex & den anderen Sound-Idioten alle R&B/Rap Produzenten längst verloren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis David Guetta und Swizz Beats zusammen für Justin Bieber produzieren (der sich übrigens GEGEN ein Image als Rapper und Gangster entschieden hat, auch ein sehr interessantes Indiz für einen musikalischen Paradigmenwechsel im Mainstream-Pop). Ich kann diesen kläglichen Elektro-Sound der USA so hart verurteilen, weil ich mich an diese elektronischen Einflüsse erinnere und sie für veraltet erkläre.

Usher: U-Turn (2001)

Wenn ich gewusst hätte, was der Ed Banger Hype for einigen Jahren global anrichten kann, wäre ich niemals auf den Zug aufgesprungen. Aber wir reden hier nicht über die 2000er, als wären es die peinlichen 90er gewesen: wir leben in einer Zeit, wo die Vergangenheit in unmittelbarer Nähe ist. Unabhängig von Alter und Geschlecht sind wir dank dem Instant-Archiv Internet immer genau da, wo Vergangenheit und Zukunft sind. Diese Gegenwartsschrumpfung ist auf jeder Ebene zu erkennen – auch in der Musik.

Der springende Punkt an der Behauptung ist aber nicht, dass mehr Amerikaner jetzt elektronische Musik hören. Die amerikanische Kultur liefert ein breites Spektrum an Produzenten und Künstlern, die schon von jeher eine elektronische Szene etabliert hat. Ganze Sub-Kategorien sind über dem Atlantik entstanden, Chicago House, Detroit Techno, all das wird auch heute noch im Berghain gespielt und schlägt immer tiefer Wurzeln im Repertoire der intelligenten Electronic Dance Music in Europa. Der interessante Fakt liegt im Mainstream-Kurs von synthetischen Beats, Bass und Drops. Die Tendenz ist auch ganz stark im Mainstream Hip Hop belegt, oder wer kann den Unterschied zwischen Dubstep und Trap noch so richtig benennen?

Usher: Yeah! (2004)

Obwohl ich das Ergebnis dieser unfreiwilligen Kultur-Kollabo nicht gutheißen möchte, finde ich es doch unglaublich spannend zu beobachten wohin diese Entwicklung führt. Übrigens sind das alles gefühlte Dinge, die auch in europäischen Musikszenen stattfinden: immer mehr DJs nutzen R&B- und Rap-Samples für ihre Produktionen und spielen den Hybrid als elektronische Edits ab. Der sanfte Unterschied besteht darin, dass diese Produktionen noch keinen Einfluss auf den Mainstream haben und selbst in Berlin nur schleichend durchsetzen. In Deutschland bleibt man ja bequemerweise seit Kriegsende bei Modern Talking- sowohl in den Charts als auch in den Hinterstübchen. Da braucht man sich nicht mal anzustrengen, um zu wissen, was als nächstes im Radio läuft: der neue Song von Usher, der sich anhört wie ein alter Song von Aqua oder Whighfield.

Übrigens fällt es mir schwer, so lapidar über ein vielschichtiges, komplexes Thema meine Gedanken zu äußern. So eine These steht und fällt ja mit Überzeugungskraft, auch wenn hier nicht der Platz dafür ist. Ich warte immer noch auf ein Seminar, dass mir eine Hausarbeit diesbezüglich erlaubt. Anyway: ich bin mir sicher, dass man die regionalen Grenzen nicht so pauschal ziehen kann. immerhin sind es auch amerikanische Labels, die sich stark am IDM (Intelligent Dance Music) Boom in Europa (also in England, dem Epizentrum der elektronischen Musikkultur, und Berlin, wo das Technomotiv bis heute zu Tode reproduziert wird) orientieren und diesen sogar maßgeblich beeinflussen. Hudsown Mohawke, Lunice, Diplo – sie gehören in diese Trendsetter-Reihe, nicht ausschließlich, aber doch immens. In dieser geschrumpften, globalisierten Welt, dank Internet und schnellem Flugverkehr, verschwimmt alles in einen staatenlosen Brei und jegliche Limits sind da, um ein Konzept einfach darzustellen. Denn wenn sich keiner kennt, muss man sich auf das dringlichste Merkmal reduziert sehen: auf den Pass und damit dem kulturellen Stempel.

Usher: Love In This Club (2008)

Insofern ist das vielleicht keine synchrone Entwicklung, denn während der Europäer die nervige Musik von damals in der nervigen Musik von heute wieder geboren sieht (und sich in manchen Fällen gerne dafür an den Strick hängen möchte), ist der Amerikaner noch nie im Mainstream so stark von Europa beeinflusst worden, dass ihn die R&B-Vergewaltigung hier in dem Ausmaß nerven könnte. Andersherum war ich nie von R&B genervt, sondern auch in jungen Jahren froh, dass BSB und *NSync und eben Usher solchen Gigs wie Loona keine Chance gegeben haben. Ich meine, Loona. Das hört sich doch wirklich genau so an wie der letzte Track von allen kontemporären amerikanischen Pop-Künstlern.

Usher: OMG (2010)

Da aber unsere Musik-Welt nicht unerheblich von der amerikanischen Musikwelt beeinflusst ist, dürfte es niemanden wundern dass unsere Charts derzeit so aussehen: Rihanna, Gangnam Style (!!!), Flo Rida, ein bisschen Rentner-Pop von Robbie Williams & Adele (die heutigen Joe Cocker & Tina Turner – in Deutschland wird man Rentner-Pop niemals beseitigen können, zu sehr sehnt sich unser älterwerdendes Völkchen nach Eros Ramazotti und Günther Jauch) und… David Guetta.

Die Amerikaner waren wenigstens noch clever genug, sich an UNSERER Schatzkiste der Vergangenheit zu orientieren. Wir hingegen bedienen uns immer wieder an dem No-Fail Konzept unseres älteren Bruders. Ich sehe ja ein, dass Deutschland eine Spätzünder-Nation ist. Warum wir es jedoch nie zu Stande bringen unsere eigenen, kollektiven Trends zu etablieren, das bleibt für immer ein Geheimnis. Und da soll sich noch einer über Berlin und seine Multikulti-Arroganz beschweren. Ich bin für immer gerne in dieser Stadt, weil sie es schafft, aus dieser Kette des Kulturtodes auszubrechen – und das auch wahrscheinlich nur, weil es nicht Deutsche sind, die sie belagern.

Usher Medley 2012

This article has 8 comments

  1. MC Winkel

    Wie immer Onehundret! I liked “Robbie Williams & Adele (die heutigen Joe Cocker & Tina Turner)” most, endlich sagt das mal einer. Optional ginge auch Chris de Burgh und Bonnie Tyler oder kurz: Alles, was Gottschalk cool findet. Nur 2 Fragen:

    – Machst Du solche Abhandlungen wie hier mal eben nebenbei oder planst und recherchierst Du langfristig und veröffentlichst dann erst Tage nach Beginn solch eines Postings? So oder so, die zweite Frage ist:
    – Wann?

  2. yeahs

    Haha. Danke für die dicken Props man, das bedeutet mir einiges!
    Ich mache das nebenbei, aber ich hab meistens schon ein paar Tage vorher darüber nachgedacht. Das entfaltet sich dann in meinem kleinen Gehirn über Gespräche mit Freunden und so weiter… es dann zusammen zu tippen dauert dann nicht mehr so lange.

    Die zweite Frage verstehe ich nicht. :)

  3. MC Winkel

    “es dann zusammen zu tippen dauert dann nicht mehr so lange.” – und davon bin ich halt seit Jahren hier auf dsg schon beeindruckt, ein beneidenswertes Talent ist das, verdammt. Ich kann mir all das in der Birne Entfaltende plus das in Gesprächen Eruierte immer nicht merken, ist zu viel und zu durcheinander, ich würd das nie so sortiert und aufgearbeitet bekommen, bin evtl. aber auch einfach zu faul dafür. Props natürlich zurecht, wenn, dann sind die hier ja wohl richtig platziert. Aber genug geslimed, sonst denken die Leude noch ich will flirten. :)

  4. Frank Krings

    Das US-Rapper bei europäischen Elektroniker vorbeischauen gab es immer wieder. Ich denke an Afrika Bambaataa, der 1982 “unsere Düsseldorfer” Kraftwerk episch gesampelt hat: http://www.youtube.com/watch?v=9lDCYjb8RHk
    Oder Westcoast Hip Hop Mitte der 80er, zB Dr Dre mit seiner alten Band “World Class Wreckin Cru” http://www.youtube.com/watch?v=RT9O-pUGsVM
    Dann dieses kurze, komische Hip House-Phase.
    Dann Neptunes und besonders Timbaland Ende der 90er http://www.youtube.com/watch?v=yAJ5Bx2BzXY

    Und dieser Clash mit Dancefloor, Electro, IDM, Rave whatever…der ist gut so! Er hat Hip Hop jedes mal wieder zurück in die Clubs geholt. Ich meine Läden, in denen tatsächlich auch Frauen Spass haben. Und nicht nur 100 Typen mit Eastpak zu Mobb Deep kopfnicken.

    tl; dr: Hip Hop braucht elektronische Musik als Türöffner in die Clubs. Alles andere ist “nur” Jungsmusik und riecht irgendwann streng.

    1. yeahs

      Danke für diese wunderbare Ergänzung :) Ich widerspreche dir keineswegs! Hip Hop muss fresh bleiben und dazu gehört es auch, sich aus anderen Genres zu bedienen. Nichts ist schlimmer als die ganze Zeit auf der selben Gangster-Platte hängen zu bleiben.

      Ich möchte aber viel mehr die elektronische Bewegung in den USA aufzeigen, nicht unbedingt die Veränderung von Hip Hop. Da hast du selber gemerkt: Veränderungen gibt es zu Hauf. Aber dass elektornische Musik, Raves und Partys mit LSD/XTC Labels, in den USA derzeit zu DEM heißen Scheiss gehören – DAS ist neu. Dass nicht mehr Hip Hop & R&B sondern Techno, House & Dubstep den Pop beeinflussen.. das ist auch relativ neu, zumindest in dem Maße.

    1. yeahs

      war da jetzt beißender sarkasmus? :D mir ist durchaus bewusst, dass elektronische Musik auch vorher schon in den Charts zu finden war… nur eben nicht in der Summe/Verteilung und mit der Geschwindigkeit, wie neue elektronische Musik und die ganze Kultur drumherum sich in den USA augenscheinlich (nicht empirisch) auszubreiten scheint.

      vielleicht habe ich aber auch einfach unrecht, wa.

      1. Frank Krings

        Oh no, ich bin doch total ungelenkig in sarkastischen Äußerungen. Stimme dir wirklich zu. Hatte früher den Eindruck, das US-Mainstream nur aus Schwarz (Rap, R´n`B) und Weiss (was_mit_Gitarren) besteht. Und Techno-House-Produzenten aus Detroit und Chicago tourten mehr in Europa als in ihrer Heimat.

        Das ist heute anders. R’n’B, Rap aber auch “Indie” ist in den letzten Jahren so krass hybride geworden. Du schreibst passend dazu:
        “In dieser geschrumpften, globalisierten Welt, dank Internet und schnellem Flugverkehr, verschwimmt alles in einen staatenlosen Brei”
        Ja, durch das Social Web, Kollaborationen ohne große Transaktionskosten sind auch Genre- und Orts-Grenzen völlig löchrig geworden. Theophilus London oder Das Racist hätten früher wohl auch ihr hybrides Ding gemacht – aber es gibt jetzt einfach viel mehr von ihnen. Und sie werden auch nicht mehr von Gralshütern ausgegrenzt. Weil die entweder scheintot (KRS1) oder selbst hybride wie Kanye West sind.

        btw.: Ich fände es jagut, in Zukunft noch mehr Musiktheoretisches von dir zu lesen. Dein Blog ist das einzige in meinem Feed-Reader, wo solche Themen mal auftauchen. Sonst schreibt ja keiner über Musik – alle embedden nur Videos und feiern sie ab. Wie etwas der geschätzte Herr Winkel ;)

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