Während die anderen Mädchen mit den perfekt geflochtenen Zöpfen sich über die aktuellen Brigittethemen unterhielten, lackierte ich mir die Fingernägel mit schwarzem Edding und ritzte mit dem Taschenmesser meines großen Bruders Hakenkreuze in die Tischplatten im Klassenzimmer. Später lachten sie mich aus, weil ich mich über meine Klamotten von ihrer Oberflächlichkeit abheben wollte. Jahrelang begleitete mich eine braune Baggy-Kordhose von Bad + Mad meine Schulzeit, ein Fashion-Trauma, von dem ich mich nie erholen werde.

Heute sieht es so aus, dass ich zwar eine grobe Ahnung von Geschmack und Style in ihrer Abstraktion habe, aber weder von dem einen noch von dem anderen etwas besitze. Die anderen Mädchen mögen zwar nicht in die tiefen Sphären der neumodernen Philosophie abgetaucht sein, aber ich ja auch nicht. Ich habe meine Zeit mit Reefer und anderen geistreichen Dingen verbracht, während sie ihre Augen und ihre Talente im “Frau sein” geschult haben. So ist das nämlich, man will was besseres sein und hebt sich mit seiner Arroganz auf ein Podest des Versagens. Ich wollte Holly Caulfield sein und erntete nur noch einen Copy/Paste Klamottengeschmack den man sich post-saisonal bei H&M dann abholen kann. Es wäre gelogen zu sagen, es hätte mich nie gestört. Ich wollte mich über das Konsumverhalten meiner Peer-Group heben und sagen: so bin ich nicht. Aber die Wahrheit war eine ganz andere. Ich konnte einfach nicht, denn ich wusste überhaupt nicht, wie die das machen.

Meine Entwicklung verläuft dank vielseitiger Inspirationsmöglichkeiten und der Nachsichtigkeit meiner Freunde in eine hoffnungsvolle Richtung. Trotzdem kann ich nur mit Neid die Talente der Fashionbloggerinnen beobachten und mache sie deshalb auch gerne nieder. “Hah, du kannst also ein komplettes Outfit zusammenstellen, welches großartig und individuell aussieht und insgesamt nicht mehr als 12 Euro gekostet hat? Gott, wie dumm du sein musst!” Währenddessen stehe ich ohne jegliche Idee im fiktiven Kleidermarkt und mach’s wie beim Lebensmittelkauf, drei Konserven und ‘ne Banane.

Eigentlich verhält es sich daher bei Modegeschmack nicht anders als beim Kochen. Die einzelnen Zutaten mögen langweilig, einseitig, mondän oder gar widerlich sein, aber darauf kommt es doch gar nicht an! Es geht um das Kombinationstalent, um Vielfältigkeit, um Opportunities, wie Eminem schon predigte: OPPORTUNITIES MÜSSEN GEGRABBT WERDEN! Auf Flohmärkten, in Discountern, Online oder halt eben bei geschmacklichen Experimenten. Man muss es ja nicht übertreiben.

Jedenfalls durfte ich mich wieder mit meinen (nur halb unernst gemeinten) menschlichen Defiziten auseinandersetzen, als ein hoch dotierter Gutschein mir ins Haus flog und mich in einen Onlineshop geleitete, den ich eher selten frequentiere (und wieso, das dürft ihr drei Mal raten). Die Auswahl, obwohl nicht bescheiden, ist mindestens nicht auf meinen persönlichen Breitengraden angesiedelt. Keine korrekten Schuhe in meiner Größe (und mit Schuhe meine ich Nike), keine Hosen, denn wer weiß, wie fett ich mittlerweile anpeilen muss, ach, die pure Verzweiflung. Ich entschied mich letztlich für das einzig richtige in dieser Situation: einfach irgendetwas teures, was du brauchst, was du dir sonst aber für maximal 20 Euro geleistet hättest. Voilá: eine Lacoste Jogginghose. Es ist das teuerste Stück Textil, welches sich je an meinem Körper befunden hat (mit Ausnahme von Schuhen) und wird demnächst auch in die Hausratsversicherung aufgenommen.

Doch der Gutschein bewährte sich als Miststück, mit der Hose war es nicht getan. Und hier wären die Fashionmumus bestimmt gefragt gewesen, hätten ein Modenschau-Stück nach dem anderen gefiltert und in ihr umfangreiches, flexibles Repertoire aufgenommen. Mir blieb nichts anderes übrig als mich für Accessoires zu entscheiden, Socken und eine Mütze von Nike (das war vor dem Boykott, promise). Tja. Und dann? Dann entschied ich mich doch für Schuhe. Für Schuhe, die simpel und vielseitig, aber in Anbetracht meiner derzeitigen Lage (ich brauche keine Schuhe, auch wenn ich über nichts anderes reden kann) einfach überflüssig sind. Schwarze Chukka Vans.

Andere Leute hätten meine Situation effizient verarbeitet und gar Weihnachtsgeschenke gekauft, oder für die Heilsarmee oder mindestens für verarmte Freunde gespendet. Aber nicht ich, uh-uh. Ich nicht. Ich kaufe Ramsch und Jogginghosen für viel Geld, selbst wenn es “geschenkt” war, und trage zum Verfall unserer Zivilgesellschaft bei (wobei man jetzt natürlich auch argumentieren könnte, dass hochwertige Markenklamotten nicht unbedingt nur für den Namen Geld kassieren, sondern eben auch für Materialkosten und Handarbeit, die nicht aus Billig-Asien stammt; vielleicht hat sich unser Verhältnis zu Mode so verzerrt, dass es schon wie mit den Lebensmitteln ist: alles so billig wie möglich. Vielleicht ist meine Jogginghose auch der Schritt in die richtige Richtung, nämlich in eine, wo man Arbeit wieder entsprechend würdigt. Wer würdigt meine Berichterstattung? Das ist eine andere Frage.)

Das mit der Präsentation übe ich beim nächsten Mal auch noch besser – aber ein Fashionvictim fällt ja auch nicht einfach so vom Himmel. Und wo wir immer noch bei Fashion sind, will ich einen Modeblog erwähnen, der alles andere als ein Opfer ist. This Is Jayne Wayne erheitert mich täglich, nicht mit Produkten, aber mit Texten. Die Kraft der Wörter ist eben interdisziplinär schätzbar. Sarah Hockemeier ist auch okay.

This article has 2 comments

  1. Frau Sarah

    “Sie muss zu DM , Haarfarbe kaufen. Aber vielleicht machen wir das auch erst nächste Woche. Naja mal gucken , werde euch natürlich bescheid sagen.”

    Sarah Hockmeier is ja wohl der Wahnsinn! Danke für den Tipp, ich bin völlig fertig!

  2. DRAUFUNDRAN

    “Wer würdigt meine Berichterstattung?” kann ick sagen: na ich!! sehr geil geschrieben, immer wieder ein feuerwerk der fröhlichkeit Deinen blog zu lesen…würdigung abgeschlossen!

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