Fashion Week Anti-Christ

Es stimmt, Mode ist vielleicht nicht das schnellste und effizienteste Mittel, um den Hungertod von kleinen Kindern in armen Ländern zu stoppen. Wir brauchen uns nicht über die Oberflächlichkeit von Mode, Werbung, Presse, Prominenz, Partys oder den typischen Kreativbranchen zu echauffieren. Sie beherbergen ein paar ganz miese Gestalten, aber sie sind ja nicht existent um unglücklich zu machen. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, und die in ihnen identifizierten Praktiken sind nicht nur brauchbar, gar essentiell für einen funktionierenden Markt, wie wir ihn hier haben (wollen); sie strahlen auch auf all diejenigen aus, die sich für betäubt oder immun dagegen halten.

Ich bin die erste, die an der Front der Zyniker die Fackel anzündet und zur Olympiade der Menschenhasser aufruft. Aber ich bin es Leid, alles scheisse zu finden. Letztendlich ist es auch zu einfach, immer wieder die Systemkritik walten zu lassen und zu sagen “wir alle agieren in einem Raum, in dem es unmöglich ist, nicht so zu handeln”, aber tatsächlich werde ich mit jedem Jahr sanfter, was die Kritik angeht. Ist die Fashion Week oberflächlich? Sicherlich nicht mehr als jede andere Messe oder Business-Angelegenheit, nur dass vielleicht einfach nicht so viele (interessierte) Teilnehmer hier wie da anwesend sind, um dem medialen Radau stand zu halten. Auch ich amüsiere mich köstlich über die meisten Marken, pardon, “Brands” und ihre hirnrissigen Ideen, sich in Szene zu setzen. Ich unterhalte mich prächtig auf den Free Schampus Partys über die depperte Prominenz, die wahrscheinlich für ihren Auftritt bezahlt wird, während ich meiner prekären Berufung als Alleskönner nachgehe und dem nächsten Euro nachsetze.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Aber wer draußen steht und friert und nicht reinkommt und deshalb mit Steinen wirft, ist keinen Deut besser.

So oder so gibt es einen Grund für die Modewelt. Sie existiert in einem kulturellen System, in einem ökonomischen System, in einem sozialen System. So wie die Autowelt, die Werbewelt, die Ernährungswelt. Ich lege mein Recht ab, mich darüber zu beschweren, wie lächerlich doch die “Berliner Modeprovinz” im Gegensatz zu Paris oder London ist, und darüber, wie oberflächlich und verschwenderisch das alles ist. Was ist heiße Luft wenn nicht das Schreiben über etwas um die Lücken in der Berichterstattung zu füllen?

Ich bin nicht nicht kritisch. Ich bin stattdessen dafür, Phänomene und Erkenntnisse im Kleinen aufzugreifen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Alles über einen Kamm zu scheren – das ist unfair all denjenigen gegenüber, die sich in dieser Branche verwirklichen wollen. Sogar die Idioten, die es umsonst machen. Sie sind in einem System erzogen worden, dass ihnen beibringt, dass es das Wert ist. Wer will da jetzt genau noch mal drüber stehen? Die Fashion Week ist ein sehr lauter, brachialer Ausdruck für den vermeintlich befreienden Neoliberalismus. Wir sollen uns befreien und individualisieren, aber gleichzeitig nichts falsch machen. Das ist unfair jedem gegenüber, und sich wehren kostet Kraft und bringt meistens nur sehr wenig. Die Fashionbranche ist verdammt undankbar und wenn ich mir das so von außen anschaue – mit einem Fuß drinnen, aber nur wegen meinem kleinen Sneaker-Tick – dann bin ich jedes Mal wieder verblüfft darüber, wie viele Leute im Hintergrund dieser Industrie agieren und keineswegs nur auf Geld und Ruhm aus sind.

Trotzdem: der Vorwurf, hier ginge es nur um Geld, ist ungerecht. Natürlich geht es um Geld – wo denn genau nicht? Wir sind alle ein Teil davon. Statt die Arbeit der Leute, die sich tatsächlich dafür in die Bresche stellen, zu respektieren, werden sie mit verächtlichem Schnaufen begrüßt. Und selber aber kein Punk oder Rebell sein, sondern in einer Bar arbeiten und sich Tag und Nacht die Fingernägel abkauen, um ein Standbein im Leben zu errichten – wo ist das anders? Wann ist man ein Sell-Out, ab wann hat man die Welt mit Mode kaputt gemacht? Oder mit Werbung? Oder mit Pressearbeit? Oder mit Schauspielerei? Oder mit Musik? Oder mit… Dingen, die halt “kreativ” sind. Ist jetzt an der Lidl-Kasse arbeiten der ehrenwertere Job geworden, weil man da definitiv nur um’s Überleben kämpft und keinerlei Status-Gemenge ertragen muss?

Mir ist die Fashion Week reichlich egal. Aber nach sechs Jahren in dieser Stadt kenne ich genug Leute, die sich tagtäglich dafür den Arsch aufreißen. Die, frei nach Goethe, “started from the bottom now we’re here” trällern, weil sie es wirklich geschafft haben, einen harten Weg der Selbstverwirklichung zu gehen. Weil sie sich jedes Mal wieder verwundbar machen vor Menschen, die keine Ahnung von dieser Welt haben, von ihren Regeln und davon, warum sie überhaupt existiert. Sie werden mit der Oberflächlichkeit behandelt, die man ihnen in ihren Praktiken vorwirft. Das ist das widerliche an der Berliner Fashion Week: dass man sie nicht ignorieren kann, weil sie wie eine Klagemauer für alle ist, die nichts mit ihr zu tun haben.

Ein bisschen ist das wie bei der Fußball-WM: jeder hat etwas zum Team, zum Trainer, zum Spieler, zum Ball, zu den Verhältnissen auf dem Platz, zum Schiri, zu den Gastgeberländern, zu den anderen Vereinen und zum Rasen zu sagen, aber davon sind 95% nur Leute, die auf den Hype-Zug aufspringen und die Festivalisierung der Events zu “schätzen” wissen. Die anderen 5% – und das gilt auch für die Fashion Week – verbringen auch die restlichen drei Jahre mit Fußball oder Mode, mit den Menschen dahinter, mit den Marken, mit den Themen, und manchmal auch mit der Selbstkritik am Job und den Karrierechancen und den Ellebogen auf dem Markt. Und wahrscheinlich auch mit den Leuten, die ihnen sagen, wie wenig ihr Job wert ist und dass sie die Welt zu einem schlechteren Ort machen.

Vielleicht überlassen wir es deshalb auch ihnen, die Relevanz einer Fashion Week in Berlin zu bewerten. Ihnen, den hart arbeitenden Labels, die hier ein bisschen Industrie schaffen (oder schaffen wollen). Den Leuten, die ohne Ende das ganze Jahr malochen, um ein bisschen mehr von dem in die Welt zu bringen, was sie gut finden. Den Messebauern, dem Publikum, den Businessmachern, den Shuttle-Fahrern, den Partyveranstaltern, den Modebloggern, den Presseleuten, sogar den B-Prominenten, die durch ihre Anwesenheit Aufmerksamkeit erregen. Überlassen wir doch ihnen ihre Welt. Es gibt Gründe, warum es die gibt, und warum sie so ist, wie sie ist. Der einzige Grund, warum wir sie so daneben bewerten können (und warum wir deshalb nicht mal ernst genommen werden) ist, weil sie von der Öffentlichkeit lebt. Aber nur weil man eine persönliche Meinung hat, heisst das nicht, dass sie irgendwas wert ist.

An alle meine Homies im Fashion Biz: ich habe keine Ahnung, was ihr macht. Prost.

  • „ Wir brauchen uns nicht über die Oberflächlichkeit von Mode, Werbung, Presse, Prominenz, Partys oder den typischen Kreativbranchen zu echauffieren. (…) sie sind ja nicht existent um unglücklich zu machen.“

    Niemand existiert, um unglücklich zu machen. Darf ich mich deshalb nie wieder über irgend jemanden echauffieren?

    • Erwischt. Ist natürlich sehr überhoben zu sagen, wir dürfen uns NICHT darüber echauffieren. Ich meinte prinzipiell nur, dass man sich immer so über das Ganze aufregt (mit der Legitimation, dass es alle machen, und es deshalb okay ist, jeder weiß ja, was gemeint ist), statt überhaupt für das Kleine Begründungen zu suchen. Wieso regt man sich darüber auf? Was ist denn daran so verworfen oder schlimm? Was exakt stimmt an der Berliner Fashion Week nicht? Mit solchen Argumenten kann ich defintiv mehr anfangen als ein daher geworfenes “Oh Gott, schon wieder Fashion Week, die braucht doch kein Mensch – die Modebranche ist doch sowieso nutzlos und gierig.” 

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