Ich hatte kurz überlegt, ob ich einen Blogbeitrag zum Thema “Fett werden ab 25″ schreiben soll. Ich wollte ihn damit beginnen, dass ich normalerweise eine “bessere” Frau bin, das bedeutet: keine die sich für solch Oberflächlichkeiten interessiert, sondern eine, die sich mit Foucault, Reifen wechseln und qualitativ hochwertigen Inhalten auskennt.

Dann dachte ich: lass es lieber. Es gibt nichts was nicht längst über Diäten und den Frust beim Abnehmen gesagt wurde. Hier einige Auszüge der mythenreichen Abnehmwelt:

“Essig verbrennt die Kalorien im Magen!”
“Abends keine Kohlenhydrate und ansonsten kannst du alles wie gewohnt essen!”
“Drei Wochen sollte man nur Spinat essen!”
“Am besten nur Eiweiß essen!”
“Am besten kein Eiweiß essen!”

Das Internet liefert wieder die großartigsten Nischen für Psychopathen der schlanken Linie. Der Entertainment-Faktor bei Keto-Diäten ist besonders hoch. Die heißen nicht Diäten, sondern “Survival Guides”. Dabei geht es darum, keine Kohlenhydrate mehr zu essen und seinen Körper in einen Zustand der Ketose zu bringen. Im Wesentlichen ist das ein dauerbrennenender Hungerzustand und laut Aussage der Liebhaber “besser als Sport machen”. Ich wage zu bezweifeln, dass man überhaupt zu irgendeiner Bewegung möglich wäre. Die westliche Gesellschaft ist grandios darin, seine eigenen dritten Welten zu schaffen. Eine noch devotere und obsessivere Community findet sich schließlich nur noch bei den Meilen-Sammlern. Die Vielflieger fliegen die meiste Zeit im Jahr irgendwann nur noch, um auf einen bestimmten Status zu kommen. So ähnlich ist es bei den Keto-Menschen auch. Abnehmen um abzunehmen.

Jedenfalls gehört das alles nicht zu mir. Die ganze Thematik lässt mich stundenlang meine Augen verdrehen. Leider gibt es einen Unterschied zwischen “in würde Fett ansetzen” (das bedeutet: die Haut bleibt straff und man ernährt sich weiterhin gesund) und “meine Mutter kneift mir in die Wange und sagt ich solle mal ein bisschen auf meinen Speck aufpassen”. Seht ihr, letzteres könnte zu einem Ritual werden, dass ich mir mit 25 Jahren wirklich ersparen möchte.

Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, da hat die Angst vor dem Fett-Stigma ungefähr angefangen. Ich habe mir eine ganze Packung Schokolade aus dem Kühlschrank geklaut und sie auf dem Klo gegessen. Auf dem KLO. Damit mich keiner ausschimpft, denn obwohl die ganze Familie eher sympathisch rund als schlank und gesund war, wollte man die kleine Prinzessin am liebsten zur Primetime medium-rare mit 16 Jahren schon an einen lieben Scheich weitergeben.
Damals hatte irgendwer Geburtstag. Als die Krümel in großer Dramaturgie entdeckt wurden, hat man meinen kleinen, dicken Cousin verdächtigt. Dicke Kinder tun so etwas eher als Durchschnitts-Pubertierende. Er hat die Tat sogar zugegeben, wahrscheinlich hat er den Überblick über seine heimlichen Naschereien verloren. Natürlich korrigierte ich dieses Missverständnis NICHT. Ihr habt keine Ahnung, wie es ist, vor seiner gesamten arabischen Familie und irgendwelcher anderen Familien die irgendwie zu unserer Familie dazu gehören aber keiner weiß es so wirklich wer eigentlich mit wem verwandt ist, bloßgestellt zu werden. Deshalb wurde er ins Fatty Camp geschickt. Es hat nichts gebracht. Auch heute, mehr als zehn Jahre später, ist er immer noch fett und wird in einigen Jahren (wie sein fetter Vater) an Diabetes erkranken und alle werden sich an dieses Fatty Camp erinnern und leise den Kopf schütteln, als hätten sie es schon immer gewusst. Dass es daran liegen könnte, dass ihm einst beigebracht wurde, Ketchup als günstige Delikatesse aus frischen Tomaten zu ALLEM beizufügen, daran denkt keiner.

Fast meine ganze Familie hat Dicke-Diabetes und ich möchte nicht der Neuzugang bei diesem olympischen Team sein. Dass meine Gesundheit allerdings nur eine nebensächliche Rolle spielt, darauf möchte ich gar nicht näher eingehen: auch ich, die belesene, sich selbst und ihrer Umwelt bewussten Frau im besten Alter, bin Opfer des wahnsinnigen Schlankheitsideals. Meine Love Handles sind mir peinlich. Mit den dicken Bauchwürsten möchte ich nicht irgendwann als Bierdosenöffnerin meine Miete bezahlen können, auch wenn das ein hübscher Zusatzverdienst wäre.

Dann dachte ich: auch ich gehöre jetzt zu den heimlichen Pommeszählerinnen. Auch ich bin plötzlich unzufrieden mit den Augenringen, den Falten, den brüchigen Fingernägeln, den wabbelnden Oberarmen, den Furchen in den Oberschenkeln und am Arsch und dem blassen Teint. Ganz abgesehen von den Hängebrüsten, den schiefen Zähnen, den wildwüchsigen Augenbrauen, den noch wildwüchsigeren Beinen und den Wurstfingern. Was sagen die anderen zu den nie sitzenden Haaren, den nie sitzenden Klamotten und den spröden Lippen? Den Lachfalten? Den Nicht-Lach-Falten? Den dicken Backen? Der Knubbelnase? All diese Dinge sind plötzlich aufgetaucht wie eitrige Mitesser nach drei Tagen Koksparty. Ich glaube, wenn man in der Schule mehr Konzentration auf das Schönheitsbild legen würde, wenn man gesunden Lifestyle propagiert, so würden weniger Menschen anfangen zu rauchen, zu saufen und wie bekloppt Chemie in sich reinzuschmeissen. “Hey du! Wenn du keinen Bock auf das Limbo zwischen Durchfall und arschzerreissender Verstopfung hast, solltest DU kein Heroin spritzen!” Problem gelöst.

Knapp zehn Jahre nachdem die exzessive Lebenshaltung angefangen hat, kommt die Quittung für fast jede Frau. Männer altern in Würde, aber ich bin ein Teil dieser endlosen Schönheits-Maschine. Wer will mich noch heiraten, wenn mir Haare aus den Ohren wachsen und alle drei Wochen meine grauen Strähnen überfärbt werden müssen?

Das Brainwashing saß so tief, dass der Schalter erst sehr spät umgelegt wurde. Das INCEPTION der Schönheitsbranche. Auf einmal guckst du in den Spielen und du gefällst dir nicht mehr. Als wäre das irgendetwas, was man objektiv beurteilen könnte oder sollte.

Und deshalb habe ich dann doch etwas darüber geschrieben, weil es unfair ist. Für mich und für alle anderen Frauen auch. Es gibt einen Unterschied zwischen “faul rumhängen und sich nur scheisse in den Rachen schieben” und “tendenziell bequemer werden”. Einerseits weiß man ganz genau, dass es Bullshit ist, dass es nicht darauf ankommt, ob man einen Kilo mehr oder weniger drauf hat. Das man mehr wert ist als das. Und andererseits erinnert man sich an Fatty Camps, Diabetes, schlecht sitzende Röhrenjeans, die eigenen dummen oberflächlichen Sprüche, die man tagtäglich macht und ZACK sitzt man wieder im selben Boot und da kann auch kein Philosoph oder Soziologe und schon gar nicht meine Mutter was dran ändern.

Ich gehe jetzt meine Avocado essen und freue mich auf meine Hühnerbrühe.

This article has 6 comments

  1. Matthias

    Ich verstehe nicht, warum in unserer Gesellschaft trotz guter Aufklärung die wildesten Abnehmtheorien und Diäten kursieren, immer hübsch im saisonalen Wechsel, mal mit technoidem Einschlag, mal ganz grünkohlig mit Rückbesinnung auf Mutter Natur. Dabei wissen doch eigentlich alle Bescheid: Es braucht eine negative Bilanz zwischen Energiezufuhr und -bedarf, körperliche Betätigung sorgt dafür, daß die Muskulatur nicht abgebaut wird, und sonst hält man sich einfach nur an die Ernährungsempfehlungen der vielen, vielen deutschen Fachgesellschaften – die bekannteste kennt jeder in Form der Ernährungspyramide. Wenn man das Schritt für Schritt in Gewohnheit umsetzt und nicht genetisch gehandicapt ist, ist schon viel getan.
    Aber was will ich eigentlich, ich sehe auch nicht aus wie einer von den kernigen Kerlen aus der Outdoor-Werbung.

    1. yeahs

      Haha. Naja… du hast PRINZIPIELL recht. Aber nur prinzipiell. Ich erkläre dir schnell, wieso es doch schwieriger ist, abzunehmen:

      - Ich will eine negative Bilanz zwischen Energiezufuhr und -bedarf, ohne zu hungern
      - Ich will die negative Bilanz, nicht hungern, und definitiv keine Muskeln aufbauen!
      - Ich will die negative Bilanz, nicht hungern, keine Muskeln aufbauen und bei meinem Zielgewicht das Gewicht auch halten können

      Diese Kombination führt gerne dazu, dass man entweder übertreibt, sich doch wieder falsch ernährt, wegen Sport doch wieder mehr isst, den falschen Sport macht, zu viele Muskeln aufbaut, oder einfach vier Tage hungert und dann dem Yoyo-Effekt unterliegt. Du hast recht: es sind Gewohnheiten. Aber es ist mehr als nur Selbstdisziplin, wenn man ein genaues Ziel vor Auge hat. Man möchte auch keine falschen Gewohnheiten mehr aufnehmen.

      Aber ja, diese irrsinnigen Super-Diäten … KETO, ALTER … da geht mir auch irgendwie das Verständnis flöten..

  2. mann

    Ich kann dich damit nicht beruhigen, aber es geht mittlerweile auch immer mehr Kerlen so. Genau so.

  3. ken Takel

    Nicht nur als Sportwissenschaftler, sage ich:
    Motivation is what gets you started, habit is what keeps you going.

    Eigentlich ist es ganz leicht. Regelmäßig moderat Sport treiben.

    Entscheidend ist, dass der Sport einen emotional erreicht und möglichst wohnungsnah betrieben werden kann (um Vermeidungsmechanismen einzuschränken).

    Mit der richtigen Sportart kann man dann auch Muskeln aufbauen ohne gleich wie “Xena – the warrior princess” auszusehen.

    Bloß keine Diäten, Kalorien zählen und Fatty Camps. Dieser Zwang verdirbt einem ja alles.

    Und ich habe übrigens als Kind mal am ersten Dezember alle 48 Schokostücke aus dem Adventskalender meiner beiden Schwestern gefressen und danach fein säuberlich die Türchen wieder geschlossen, um meine Spuren zu verwischen. Irgendwie sind sie trotzdem sofort auf mich gekommen!

    Last but not least: Jim Gaffigan hat zum Thema Junk-Food und Fressen ein extrem unterhaltsames Stand-up:
    http://awesomatik.com/2012/11/30/im-lovin-it/

  4. N

    Keto-Diaet? Wie wars mit ner Keta-Diaet? trolololo :D Nee aber echt ma, gesund und gluecklich :)

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