in unregelmäßigen abständen veröffentlichen protagonisten eines anderen lebens (anderer welten, dimensonen, zeiten und gesellschaftsformen) ihre gedanken, erlebnisse und traumata hier. manche sind alter egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. in einem zustand des nicht-da-seins finden sie ihren frieden darin, in die außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. um ihre anonymität zu wahren, werden nur ihre pseudonyme preisgegeben. willkommen in der restrealität…

Es ist Feierabend. Ich schließe den Reißverschluss meiner Laptoptasche, lockere die Krawatte, stelle meine Kaffeetasse in die Spülmaschine, ziehe meine Jacke an und nicke meinen Kollegen zum Abschied einen Gruß. Feierabend. Die Bedeutung des Wortes zieht mittlerweile an uns vorbei. Feierabend. Wenn wir mit der Arbeit fertig sind, gehen wir abends feiern. Feierabend.

Freitag, die Zeit rennt, der Countdown läuft. Schnell, schnell, lege ich meine Sachen in der Wohnung ab, ziehe meine Freizeitklamotten an, schaufel schnell noch ein Fertiggericht in mich hinein, zähle mein Geld, habe schon längst vergessen, was mich vor einer Stunde noch beschäftigt hat. Vergessen.

Meine Freunde sind schon da, mein Bier steht bereit, ein, zwei Schlücke und ich bin angekommen. Fünf für zwei. Fünf Tage für zwei Nächte. Repeat. Alles ist egal, wenn es erstmal so weit ist. Fünf Bier. Zwei Kurze. Eine Line auf dem Klo. Ich habe verdrängt, wieso ich überhaupt hier bin.

Überall passiert dasselbe: wir finden keinen Grund zum Feiern, also ist das Feiern der Grund geworden. Wir arbeiten, um feiern zu gehen. Wir feiern, weil wir arbeiten müssen. Fünf Tage Funktion für zwei Nächte Kontrollverlust. Ein Raum voller Kunst, oder ein Raum voller Künstlichkeit: synthetische Lichter knallen auf synthetische Emotionen und vermischen sich mit dem Sound synthetischer Musik. Bass, rollen, und alle tanzen. Wir tanzen, weil wir schon viel zu viel joggen und laufen und hin und herrennen, im metaphorischen sowohl als auch im tatsächlichen Sinne. Tanzen, auch wenn es idiotisch und zwecklos wirkt. Weil es idiotisch und zwecklos ist. Viel mehr davon bleibt uns nicht mehr übrig.

Ich stampfe im Takt mit, so lange meine Füße mich tragen, der DJ schwitzt vor mir, meine Nachtmenschen um mich herum klatschen und pfeifen und gröhlen. Wir haben Spaß, obwohl nichts an dieser Situation irgendwie amüsant ist. Ich sehe meine Ex-Freundin ein paar Menschen weiter zu den Beats schlängeln und werde nüchtern. Sie darf nicht hier sein, sie ist eine Erinnerung zu viel an das, was sonst um mich herum passiert. Du darfst nicht hier sein, verschwinde, versuche ich zu artikulieren, aber aus meinem Mund kommt nur Schaum, mein Atem nur Ecstacy, mein Kopf zu breit um zu funktionieren. Gottseidank.

Die Augen geschlossen kann ich die Blitze immer noch sehen. Ich lege den Kopf ganz weit nach hinten, bis mir der Nacken weh tut, ich rempel andere mit meinen Ellenbogen an und keinen stört‘s. Boom, Boom, Boom. Wir tanzen, ich vergesse, ein Regenbogen erscheint in der Musik, man nennt es Synästhesie, vielleicht ist es auch der Alkohol, vielleicht die Zigaretten, wahrscheinlich die Drogen. Eine Zigarette in meiner Hand, Rauch in meiner Lunge, das Lächeln hübscher Mädchen (nicht sie, ich schaue sie nicht an), Typen, die genauso wie ich ein normales Leben führen und ihren Feierabend genießen in dem sie alles, was davor und danach passiert, ausblenden. Blackouts.

Die Kopfschmerzen gehören dazu, definitiv. Sie erinnern einen an die Zeit, die man hat, um aus dem Koma aufzuwachen und wieder in das Leben zu starten, dass einem strukturiert aufgemalt wurde. Ohne dieses Leben macht das Feiern keinen Sinn. Ohne das Feiern ist es unerträglich. Jeder Feierabend wieder. Eine Party hier, eine Party dort. Woche für Woche, Kokain wie Kolumbien, MDMA wie Marrokko, Nikotin wie Nordamerika, Alkohol wie Australien, Gras wie Griechenland. Eine Reise in tausende Welten, hoch und runter, vergiss die Abgestumpftheit. Alle hier sind wie ich, alle hier, im Club, in der Lagerhalle, auf dem Bürgersteig, wir kennen uns unter der Woche nicht, aber nach Feierabend sind wir beste Freunde – wie im Kindergarten, wie in der Nachbarschaft, und die Zeit rennt gegen uns, fünf für zwei, fünf Tage Sinnlosigkeit für zwei Nächte nicht darüber nachdenken.

This article has 6 comments

  1. Frau Sarah

    jedes mal, wenn ich einen blogeintrag von dir zuende gelesen habe, werde ich etwas traurig, weil ich mir wünschte, er ginge weiter. man sara!

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