An der Osloer Straße würde man nicht denken, dass Unterschicht und Übergewicht zusammehängende Phänomene sind. Hier laufen die Jungs in Jogginghose und mit diesdas-Sporttaschen in der Hand durch die Gegend als wäre das olympische Dorf im Wedding stationiert worden.

Ihr Isogetränk scheint die Capri-Sonne zu sein. Zwanzig Prozent Fruchtsaft für zwanzig Prozent Kindheitsgefühle. Die dunkelhäutigen Männer in Jogginghosen saugen mit grimmigen Blick an den Strohhalmen. Stehen vor den Internetcafés und Friseurshops und Wettbüros und pressen die Verpackungen wie Hantelbänke. Ich hoffe dass niemals jemand auf die Idee kommt ihnen zu sagen, dass sie extrem unschuldig und süß aussehen, so, wie sie diese Trinkpäckchen konzentriert in ihren Händen quetschen um den letzten Rest auch noch aufzusagen.

Mein iPhone ist tot. Glatzen beäugen mich aus der Entfernung, wirken suspekt und haben Bierflaschen in der Hand. Es ist urig im Wedding. Ich würde nicht behaupten, ich hätte Angst, aber behangen mit tausenden Euro Equipment will man sich hier nicht verlaufen. Ich verlaufe mich, instant-coffee. Im halb-dunkeln frage ich drei von den Chabos nach dem Weg in die Nazarethsoundso-Straße. Sie stehen vor einem dieser Nichts-Shops, an denen man immer vorbei läuft. Männercafés und türkische Barbiere und Billigklamottenhändler. Einer von ihnen sieht aus wie mein Bruder, der andere, als ob er keine Angst vor Glatzen haben müsste.

Der dritte antwortet mir entzückend mit “nur, wenn du mir einen bläst”, also verdrehe ich die Augen genervt, und aus Mangel an anderen schlagfertigen Reaktionen auf so eine Ansage sage ich, unlustig und verkrampft, “schäm dich was, so zu antworten, wenn dich ein Mädchen nach dem Weg fragt”. Dann drehe ich mich in einer töpelhaften Piroutte, die dafür sorgt, dass meine Kamera schmerzvoll gegen meine Hüfte klatscht, um die eigene Achse und stapfe beleidigt weiter. In diesen letzten Sekunden sehe ich, wie sich die Gesichtsausdrücke seiner Kumpel in dieses belustigte Entsetzen verwandeln. Weit geöffneter, aber grinsender Mund und mit Lachen in den Augen, ernsthaftes, überraschtes Staunen, aber ohne überaus gefährlich zu wirken. Einer von ihnen stößt ein “Booh, BOOH!” aus, es bedeutet so viel wie “du wirst gleich sterben”.

Der Tod in den kalten Straßen lohnt sich bestimmt. Einer läuft mir hinterher. Ich kann ihn hören. Angespannt gehrenne ich geraden Blickes weiter. Ein Schwert in meinem Rücken soll es erledigen und gut soll es sein. Der Sprücheklopfer holt mich ein, bleibt vor mir stehen, bremst mich ab, ruft mir laut “ENTSCHULDIGUNG” ins Gesicht ohne mich anzuschauen und fügt mit heftigem Armgefuchtel “Da musst du lang” hinzu.

Auf meinem Rückweg ist mein iPhone immer noch tot und ich habe weder musikalische Beschallung noch irgendetwas zu lesen dabei, nicht mal einen Kassenzettel, den ich rauf und runter studieren kann. Da frage ich mich, wo so ein Straßenfeger-Verkäufer ist, wenn man ihn braucht, denn Bargeld habe ich ausnahmsweise sogar und die U-Bahn-Fahrt ist extrem lang für Berlin-Kreuzberger Verhältnisse.

In der Blutwurstmanufaktur angekommen wate ich durch Blutlachen vom Schwein und erschaudere. Der Geruch wird für immer an meinen Pupillen kleben, habe ich das Gefühl, mit allen Sinnen erfahrbar. Die Blutwurst wird gerade ge-irgendwas, ich kenn das Adjektiv nicht und ich habe keine Lust, danach zu fragen. Der Metzger ist entschieden ruhig und lässt mich arbeiten, also lasse ich ihn auch arbeiten, auch wenn unsere Arbeiten grundverschieden sind und wir uns beide offensichtlich gegenseitig scheisse finden.

Die Nike Free Sohle ist verewigt auf dem Bürgersteig draußen, knallrot und beträchtlich cool. Ich beobachte das Treiben, während ich auf die zu portraitierenden Menschen warte. Die Verkäuferinnen im Laden kennen ihre Pappenheimer, begrüßen alle mit Namen oder “mein Kind”, je nachdem, wie alt die Bauarbeiter sind, die für ein warmet Schnitzel oder zwee Wiener Würstschn vorbei kommen. Das RICHTIG alte türkische Ehepaar, dass sich nicht auf Deutsch verständigen kann, deutet mit enthusiastischen Gesten auf das Schaufenster. Jedes Mal, wenn die Verkäuferin versehentlich zum Schweinefleisch greifen will oder die Kunden missversteht, gibt es entsetzte Ausrufe, es hört sich an wie “aallalaaahh, allaallaaah, NEIIII, NEEEI”, was ich übersetze mit “oh Gott oh Gott, nääin, näääin, nüsch dit Schweinische!”. Die Verkäuferin, die das schon seit Jahren macht, ist sichtlich genervt von so viel Unhöflichkeit. Das steinalte Ehepaar schickt sie einmal rund um das Fleisch und kauft einen Batzen totes Tier. Nicht, ohne zuvor noch um den Preis zu feilschen. Dann packen sie die Ware vor der Verkäuferin aus um zu sehen, ob wirklich alles seine Richtigkeit hat. Sie verlassen die Fleischerei mit einem Kopfschütteln und undankbaren Gemauser, international verständlich. Die Verkäuferin blickt in mein fragendes Gesicht und sagt seufzend “jaa, so is dit halt in Neukölln, wa”.

Der Fleischer kommt mit der Blutwurst in der Hand in den Laden und während ich ihn vor der Theke mit allerlei Fleisch drapiere droht er seinen Verkäuferinnen im gröbsten Ton ihre Arbeit bloß richtig zu machen. “Ölf brauche ich von den Blutwürsten. Nicht zehn, nicht zwölf. Ölf.”

Die Karl-Marx-Allee ist der letzte Hort der Billigklamotten-Läden. In einem gibt es nur Varsity und Jersey-Jacken mit Neonapplikationen und -farben. Sie sind neonblau mit neongrünen Streifen, oder Neonrot mit neonorangenen Kragen. Augen-Destroyer.

In der U-Bahn Station frage ich eine Frau danach, ob der Hermannplatz von dieser U-Bahn befahren wird. U7 Richtung Rudow, und sie sagt, “nee, da müssen Se die andere Sääite nehmen”. Es muss mehr Richtungsplaketten in U-Bahn-Stationen geben, aber vielleicht ist das auch die städtische Rache an den dreckmachenden Touristen und gentrifizierenden Zugezogenen, sie ab und zu in die falsche Bahn einsteigen zu lassen.

Am Hermannplatz sitzt um 10 Uhr morgens ein Stück abgehangenes Fleisch vor dem U-Bahn Eingang. Kalkbleiches Gesicht, spröde zerrissene Lippen, kaum atmend aber wach, Augenringe bis zum Kinn und fettige Haare und verschmierter Kajal, vielleicht aber auch nur Dreck. Crack, das Abschaum-Derivat der Edel-Droge. Sogar Drogen sind in arm/reich Kategorien eingeordnet, denke ich flüchtig, Kokain für einen eleganten Absturz im kolumbianischen Armani-Anzug, Crack für die anderen die sich vor’m McDonalds nach Hartgeld bücken.

Valium vs. Heroin, Ritalin vs. Meth

Aber sie lacht. Sie lacht mit ehrlichen Augen die sich gerade lebendig aus dem zugeschaufelten Grab befreit haben. Ich wundere mich, denn sie winkt, und ich schaue mich um und sehe niemanden. Dann sehe ich genauer hin, genauer: ich sehe hinunter. Und da ist ein kleiner dunkelhaariger Junge, der letzte in einer Reihe von Kindergartenkindern auf einem Ausflug durch die Stadt, und er läuft an der Hand seiner Erzieherin. Er dreht und verrenkt sich und guckt zurück und zieht.

Und er lächelt und winkt. Und sie lächelt und winkt.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich das tun, eine Sekunde früher würde ich dem Geschehen zuschauen um herauszufinden, wer zuerst gewunken hat.

This article has 3 comments

  1. HecPac

    geil fragmentextet. halbkrank, schlechtgelaunt & übermüde wirken hierbei wie ein geschmacksverstärker der empathie. um nicht “eindringlich” sagen zu müssen.

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