Hallo du. Wie viele Artikel über Social Media, Internet, den Gebrauch dieser virtuellen Gegenstände und ihren unvorhersehbaren Nebenwirkungen hast du eigentlich diese Woche schon gelesen? Waren sie in den Sparten Gesellschaft, Psychologie, oder im Feuilleton zu finden? Hast du sie über Quote.FM, Facebook oder Twitter gefunden? Bist du nicht auch so genervt von dieser endlosen Meta-Diskussion? Was nervt dich mehr: das ständige Verlangen, nach ein Bild bei Instagram hochzuladen, oder die hämischen Kommentare deiner Freunde, wenn du es mal wieder getan hast?

Hast du nicht auch manchmal Angst davor, etwas zu verpassen, wenn du dir die aufregenden Leben deiner Freunde im Online-Zeitraffer zu Gemüte führst? Fühlst du dich manchmal alleine und aufgeschmissen, wenn kein Netzempfang und Wi-Fi verfügbar sind? Musst du dich ab und zu zwingen, zehn bis dreißig Minuten konzentriert und mit größter Willenskraft nicht deine E-Mails oder jeglichen anderen relevanten Postfächer inklusive SMS und Telefon zu checken?

Hast du auch schon das Gefühl gehabt, dass es mit deiner Aufmerksamkeit bergab geht? Sieht es auch bei deiner Familie mittlerweile so aus, das am Essenstisch alle mit dem Handy auf dem Schoß oder neben dem Teller drapiert dinieren, ohne miteinander zu reden? Regst du dich über das Fernsehen auf, weil es dir keine für dich relevanten Nachrichten aus deiner Umgebung zeigt, die dich wirklich interessieren könnten? Fragst du dich manchmal, ob du eine Verhaltenstherapie brauchst, weil du trotz entspanntem Job und regelmäßigem Sport an einem Höllenstress leidest?

Hast du bereits darüber nachgedacht, dass du unglaublich viel Zeit damit verbringst, auf Nachrichten und Kommunikationsmedien zu reagieren? Haben sich schon einige deiner Freunde bei gängigen sozialen Netzwerken abgemeldet, weil sie sich von der Matrix der Kommunikation gestört fühlen? Hast du in den letzten Monaten ein Buch in Ruhe zu ende lesen können? Gibt es für dich nichts schlimmeres als Langweile und Menschen, die nicht sofort auf eine E-Mail von dir reagieren? Haben mehrere Leute in deinem Umfeld schon mal mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt “wir hören jetzt auf damit, das macht uns doch nur fertig!”?

Hast du schon öfter darüber nachgedacht, den Erfinder Facebook-Event Notifications an Eiter und Arschpusteln ersaufen zu lassen? Trägst du dein Smartphone-Ladegerät auch in deiner Handtasche beim Feiern mit dir herum, damit du das Gerät im Zweifel hinter der Bar anstecken kannst und keine Twitter-Gelegenheit verpasst? Lässt du auch im Flugzeug dein Handy noch an, damit du bis zum Ende des Netzempfangs und bis zur Landung in den zivilisierten Raum sofort available bist?

Hast du dich schon mal von kontext-loser Informationsflut unter Druck gesetzt gefühlt? Hast du einen Ruhepol in deiner Seele, den du auch noch spürst, wenn du nicht mit Freunden unterwegs, von Familie getröstet oder vom Laptop bestrahlt wirst? Kannst du nachts einschlafen, wenn dein Handy aus ist? Setzt du deinen Klingelton auf volle Lautstärke, wenn du unter der Dusche stehst, damit du das beruhigende Geräusch einer ankommenden Nachricht hörst und dich darüber für später freuen kannst und eventuell sogar ein bisschen Wasser sparst, weil du dich jetzt für diese besondere Gelegenheit extra beeilst?

Fühlen Sie sich alleine? Haben Sie Liebeskummer? Sind sie grundlos depressiv und kommen nicht darüber hinweg? Keine Sorge. In diesem Zeitalter hilft die Dauerverdrahtung zum Netz und natürlich die endlose Diskussion darüber, ob das jetzt gut oder schlecht ist und wie wir mit diesem neu gewachsenen Trend-Bewusstsein der Internet-Enthaltsamkeit und der globalen Massenbeschleunigung unseres Alltags umgehen sollen. Die Lösung ist: das Internet ist an allem Schuld. An dem Tod deiner Mutter, an der gescheiterten Beziehung und an der fristlosen Kündigung deines kleines Bruders. Ich persönlich vermute, dass die Fernsehlobby dahinter steckt, denn der großartige, harmlose Fernseher möchte der einzige wahre Freund des erbärmlichen, single-schlafenden Alleinseiners sein.

Netz-Diät. Klinisch attestierte Sucht. Burn-Out dank Apple-Produkten. Die Assoziationen sind unendlich. Was Diäten bringen, sehen wir ja an den ganzen erfolgreich abgespeckten Menschen, die jeden Tag den Ratgebern im Hugendubel hinterlaufen, als ob da irgendwas drin stehen könnte, was man nicht schon längst gewusst hätte. Der größte Witz ist dann der ermahnende Zeigefinger, der einem etwas von Karate-Style Willenskraft und Disziplin erzählt, die wir nach 10 Jahren Insta-Spam einfach so aus unseren Mittelfingern zaubern sollen. Die Apokalypse des digitalen Zeitalters ist die seelenlose, selbsterschaffene, mutige, neue Welt, eine die sich traut, mehr zu sein als nur aus Fleisch und Blut. Spirituelle ist sie, metaphysisch. Wie Worte kann man auch einen Twitteraccount nicht anfassen. Was würde Saussure zu der Symbolik eines Emoticons sagen?

Wir sind die Versuchskaninchen in einem unübersichtlichen, selbstversorgenden Experimenten-System geworden. Keiner weiß, was uns hier angetan wird, nicht mal die Leute, die den Käfig gebaut haben und uns die Medikamente spritzen. Im Rückblick werden wir natürlich erfahren, was gegen den Untergang hätte helfen können, vielleicht sogar: was geholfen hat. Weltkriege? Atombomben? Religion? Alles nur, um den zeitgeistlichen Anti-Christ “Internet” zu besiegen?

Gruppentherapiestunde für alle erkrankten Netzbürger. Menschen zwischen 0 und 69 Jahren, versammelt euch in meinem Wohnzimmer und redet mit mir darüber, welche Wehwehchen euch das Netz angetan hat. Rastlosigkeit, Einsamkeit und Freizeitstress – gestern war es die Großstadt, heute ist es das Internet. Zusammen ergeben sie das Kryptonit einer ganzen Gesellschaft. Und was ist schon ein Laptop ohne Netzzugang? Genau. Ein Solitaire-Spiel mit eingebautem MP3 Player.

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