Kids, die rennen: über Felder und Straßen, gegen Wände und durch Ziellinien. Sie haben Drachen in der Hand, mit denen sie ein Abenteuer nacherleben, kämpfen im Himmel um ihren Platz in der Welt – als Männer und Leitwölfe, aber auch als Erben und Funktionsträger der Zukunft. In Khaled Hosseinis “Drachenläufer” wird das Leben eines jungen afghanischen Mannes beschrieben, der immerzu nur flüchtet. Wäre er in Neukölln gewesen, hätte er seine Kämpfe möglicherweise mit seinen Fäusten ausgetragen und um seine Existenz gehustlet. Vielleicht daher die Parallelen im Titel.

Denn “Gangsterläufer” gibt es wohl zwischen Sonnenallee und Kottbusser Tor genügend. Das auf arte erschienene Portrait eines jungen libanesisch-palästinensischen Mannes, Yehya, bietet Einblicke in die Welt einer Familie, die sonst nur als Inventar der Multi-Kulti-Szene wahrgenommen wird. Welchen Kontakt bietet denn diese Stadt schon zu den anderen, die, die nicht zur Schule gehen, die die in den Internetcafés herumlungern, die sich gegenseitig auf der Straße anpöbeln? Gar keinen. Die Nähe, die der Filmemacher als Nachbar zu seinem arabischen Haus hatte, ist zumindest aus dieser Perspektive quasi einzigartig. Yehya lässt ihn nah ran an sich und seine Familie. Yehya, der Charmebolzen, der schelmische, höfliche Junge mit den Muskeln, der Boss der Sonnenallee, der in den Knast kommt, weil er für Geld zwei Menschen fast zu Tode geprügelt hatte.

Wie soll man noch einen Menschen kennen lernen, über den man eigentlich alles weiß? Sein Name und sein Gesicht sind austauschbar, im Berliner Fenster kommen sie öfter: die Schlagzeilen über die verprügelten und ausgeraubten Menschen, die festgenommenen Täter, die keiner versteht. Sie sitzen alle im Knast – wie Yehya im Film – und warten auf den nächsten tierischen Raubzug. Ist das so?
Was ist mit deren Eltern? Diejenigen, die aus ihrer Heimat womöglich flüchten mussten, die ein Jahrzehnt oder mehr nicht in Deutschland arbeiten durften, die ihren Kindern nichts bieten konnten, nicht mal ein bisschen soziale Stabilität?

Yehya und seine Brüder sind intelligent. Schlaue Burschen, die gelernt haben, zu überleben. Die um ihren Platz an der Sonnenallee kämpfen. Die, mit Drachen oder Fäusten, mit diesem Film eine Kultur und einen kulturellen Zustand besser beschreiben können als ein Soziologe auf Mission.
Eine einzige Geschichte, die mehr über Politik, Macht und die Peripherie Berlins erzählt als die Schlagzeilen der letzten 10 Jahre zusammen. Ich scheiss auf den Flughafen, ich verreise innerhalb meiner eigenen Stadt tausend Mal per Expressgeschichten durch die Nachbarschaft.

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