“GIRLS” ist eine TV-Komödie für weiße Menschen die aus einer weißen Mittelklasse kommen. Sie dreht sich nicht um alle Mädchen dieser Welt (sondern nur um einige Patienten aus New York) und zeigt eben nicht – auf revolutionäre Art und Weise – erwachsen gewordene Emanzipation und starke Frauen, sondern letztlich genau das Gegenteil davon, eingekleidet in Hyperbeln. Für Amerikaner mag das tatsächlich einer Revolution entsprechen eine unschick aussehende Protagonistin mit all ihren kleinen Speckfältchen und ihren Geschmacksverirrungen zu zeigen. Aber diese Frau als Arschloch, als völlig verblendete, überhobene, total bescheuerte Frau darzustellen ist ein Problem.

Produzentin und Schauspielerin Lena Dunham ist eine talentierte Frau. Ihr eigener Anspruch – wie sie ja selber sagte – war es, ihr Leben autobiografisch in einer humorvollen Reproduktion für die ganze Welt wieder zu geben. Damit habe ich kein Problem. Ich habe auch kein Problem damit, dass nicht eine Bandbreite an Frauen gezeigt wird, sondern eben nur die Priviligierten. Ich rege mich zwar darüber auf, dass gängige “Hipster” Klischees (der Kokain-Trip, der schwule Freund, der gefühlslose Sex, die Geschmacksverirrungen, das Künstlerdasein, yadda yadda) nicht nur aufgegriffen sondern regelrecht dem Zuschauer eingepfercht werden, aber das trägt seinen Teil zum Humor der Sendung bei.

HANNAH

Typisch 21. Jahrhundert: bloß nicht mit den Protagonisten sympathisieren. Bei dem Versuch, alles und jeden so realistisch und ehrlich wie möglich darzustellen, mit jedem Fehler und jeder noch so kleinen Gesichtsfurche, ergibt sich im Prinzip das Äquivalent zur Reality-TV Show, so maskiert und eingehüllt in vermeintlicher Fiktion, dass man sich aber auch intellektuell gesehen nicht schlecht fühlen muss ein Fan von GIRLS zu sein. Ganz besonders dann, wenn man selbst ein “GIRL” ist, am besten eines wie Hannah – zwar nicht den optischen Ansprüchen entsprechend, aber festgebissen und stark und selbstbewusst. Aber ist das so? Will man sich mit Hannah gleichsetzen – oder doch lieber mit den anderen GIRLS der Serie, die die ganze “Revolution” von Hannahs Charakter wieder so weit relativieren, dass sie schließlich irgendwo in Nicht-Bedeutung endet?

Klar, jede Frau aus der Serie hat einen an der Klatschen: die durchgedrehte, wilde Hippie-Braut; die ordentliche Schönheit mit den Selbstzweifeln; das wirklich naive Mädchen das am Ende der letzten Staffel keine Jungfrau mehr ist. Aber diese Frauen sind zweifellos schön, fast makellos. Und sie sind diejenigen die etwas darstellen was Hannah nicht ist.

Im Gegensatz zu allen anderen Frauen wird die einzige Hauptrolle als egoistisch und gemein dargestellt (und als dick, unsexy, uncharmant, geschmacklos). Ihr Selbstbewusstsein, ihre “Stärke”, von denen sich viele ZuschauerInnen angezogen fühlen, ist eine Rechtfertigung mit Gender als Grundlage. “Ich bin eine Frau, ich darf dich behandeln wie ich will”. Das macht die Serie eigentlich nicht schlecht: auch Frauen können Arschloch sein, stimmt. Und diese Frauen gibt es, stimmt auch. Und nur weil es nicht gut ist, heißt es nicht, dass es nicht wahr ist – stimmt auch.

Nur: was ist dann mit den anderen Rollen aus dem Freundeskreis der Serie? Mit der bildschönen Marnie, die zwar nicht immer alles richtig macht, aber wie unter der Fittiche von der biestigen Hannah ist? Was ist mit der bodenlosen Jessa, die sich zwar jeden Scheiss erlaubt, aber auch sichtlich an sich selbst knabbert und andere daran teilnehmen lässt?  Alle Figuren um Hannah herum sind besser als Hannah. Nicht besser gezeichnet, sondern besser, eine moralische Entlastung für den Zuschauer. Was sagt das nun über die “unkonventionelle Schönheit” (seriously?!) Hannah aus?

ALL GIRLS EVERYTHING?

Vielleicht lohnt es sich aber noch mal zum Ausgangspunkt zurück zu rudern und etwas neues in den Brei zu schmeissen: ich denke, dass GIRLS eine gute Serie ist. Insofern dass sie witzig ist, smart und selbstverständlich auch polarisierend. Sie zeigt unverblümt Dinge, die man im Fernsehen nicht erwarten würde, und Lena Dunham setzt sich Kritik mit einem Achselzucken und der Entschuldigung aus, dass sie ja die Stimme einer Generation sei, nicht jeder Generation.

Die meisten Einträge aus den Blog-Feuilletons behandeln eine relativ persönliche Auseinandersetzung mit der Serie. Wenn sie sich über ihre Inhalte ärgern, dann mit dem Subtext, dass sie – weiße Mädchen aus der Mittelklasse mit genau dem Struggle, die weiße Mädchen aus der Mittelklasse einfach überall haben – nicht so dargestellt werden möchten, wie es Lena Dunham macht. Sie eignen sich mehr oder weniger das Recht darauf an, mit Mitte Zwanzig eine Serie zu gucken, die ihr Leben portraitiert oder zumindest in Ansätzen das wiedergibt, was sie selbst durchmachen oder durchgemacht haben. Wir sind eine Generation, die sich selbst im Fernsehen sehen will und nur deshalb etwas zu der Serie sagen kann. GIRLS gucken ist so wie seinen eigenen, wohl-kuratierten Instagram-Feed anschauen und sich dabei einen runter holen – nur dass diese Selbstdarstellung nach Außen ganz anders wirkt, als man denkt, und wenn man das feststellt macht man sich mit ironischer Distanz zusammen mit den anderen über seine eigene Prätentiösität lustig.

The real travesty isn’t just one writer fucking up on Twitter – that, after all, happens every day of the week. The real travesty is that the few overwhelmingly white and middle-class women like Lena Dunham and Caitlin Moran who are permitted to tell their stories truthfully today are expected to speak for everyone, and the rest of us are informed the that that is what they are, in fact, doing. It is disappointing to those of us who admire both Dunham and Moran but, more than that, it abnegates the existence of a spectrum of female creativity and a multiplicity of female experience which is – more than anything else – what it means to be a woman. (via)

SEX & THE CITY

Sex wird als eine zerstörerische Waffe deklariert und Sex and the City mit all den “Plastik-Gefühlen” und den schicken Damenkleidern und den gut sitzenden Frisuren ist längst ein Stück zynische Vergangenheit. Aber wenn Dunham wirklich sagt, sie sei der Stimme einer Generation – zu der ich mich selbstverständlich rein faktisch zählen muss – dann frage ich mich ehrlich “wo bin ich in der Serie”?

Was ist denn mit den Mädchen – Frauen, vielleicht – die mit Mitte 20 nicht verloren in der Großstadt herumirren, selbst wenn sie das gerne über-romantisieren möchten? Diejenigen, die schon “so jung” die feine Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Arschloch kapiert haben, die keine Entschuldigung dafür brauchen, dass sie manchmal scheisse aussehen oder sich scheisse benehmen, die es akzeptieren können dass die Dinge sich nicht immer in Richtung Freiheit und kreatives Outlet ändern? Was ist denn mit den biederen, spießigen Girls “dieser Generation”, die sich weder auf Gefühle noch auf Oberflächlichkeiten reduzieren müssen, um für voll, ernst und wahr genommen werden? Die smarten Girls, die womöglich mit ihrem Geschlecht und ihrem Sex spielen, die sich aber auch gerne eines besseren belehren lassen? Was ist mit denen, die verdammt noch mal kein Problem damit haben erwachsen zu werden und sich den Aufgaben des Lebens öffnen können, die sich nicht vor Liebe versperren und gleichzeitig keinen Versuch starten müssen, alles dramatischer aussehen zu lassen als es sein muss? Die die Ziele in ihrem Kopf durchziehen, die ihren Struggle weder über noch unter Wert verkaufen müssen?

Statt also anderen Frauen ein Bild von Mädchen zu zeigen, die einen Reifeprozess durchmachen, die Männern gegenüber gleichberechtigt sind, wird nur ein Bild von Frauen gezeigt, dass das alte Männer-Bild ablöst. Wo bleibt der Mann dabei? Naja, eine Peripherie-Erscheinung, zwingend notwendig für den Prozess in der Serie, aber irgendwie völlig unwichtig. Der moderne, sensible Mann ist jetzt angesagt, der sich unterordnet.

FERNSEHEN

Eine Serie muss diese Ansprüche nicht alle erfüllen. Aber come on; das ganze Lob, die ganzen Preise, die kann man doch den Amerikanern überlassen. Wenn man GIRLS loben will, bitte, aber dann für die Dinge die es ausmachen und nicht für irgendeine konstruierte Rechtfertigungsgrundlage um weiterhin seinen kleinen Mädchen-Scheiss durchziehen zu können.

In der Serie GIRLS passiert alles nach genau demselben Konzept wie immer: das Leben dieser Mädchen ist aufregender als deines. Muss es ja auch sein, um entertainen zu können. Es enthält viele reale Körner – aber das hat Sex and the City auch. Am Ende des Tages ist GIRLS sehr gut und schön gemacht, ein großer Schritt für die amerikanische Popkultur, überhaupt kein Schritt für die Zivilisation.

 

This article has 4 comments

  1. iba

    Stimme dir groesstenteils zu, auch wenn ich finde, dass die Figuren in der 2te Staffel etwas an Tiefe gewinnen. Besonders an der Serie ist eher die Produktion als die Story.
    Schau dir doch mal shameless an. (ich empfehle die USA Version).
    Da ist endlich mal nicht die Mittelklasse im Fokus, und es werden ein paar Schwerpunkte gesetzt, die nicht so gewöhnlich sind.
    Greetz

  2. N

    Girls ist im Moment meine Lieblingsserie. Immer ueberraschend, willkommen im Kopf von Lena Dunham. Die ist jetzt schon FeministinnenIkone und hat, wie ich finde, unsere Idee von HollywoodSerien revolutioniert. Ich liebe diese langen Einstellungen auf die Leute, bestes Beispiel Marnies Reaktion auf die abgeschnittenen Haare, oder dieSzene im Taxi spaeter :D Irgendwie toll zu wissen das man nicht allein ist in seiner ganzen Awkwardness.

  3. N

    Jetzt hab ich den Eintrag den Du geschrieben hast sogar mal gelesen und kann sagen, das ich beim lesen dachte das Du Dich ein bisschen deswegen aufregst WEIL Du Dich naemlich DOCH in der Serie wieder findest. Du bist ein bisschen sauer weil es halt eben doch ziemlich echt und realistisch ist ;) Sag ich jetzt mal so :D
    Ich find Girls das ehrlichste und beste was ich serienmaessig im TV seit langem gesehen habe. Achja, und Shoshanna stiehlt jedem, mit dem sie in der Szene ist die Show, einfach weil sie so verdammt GUT ist.

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