In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Es gibt sie, diese Momente die so voll sind, dass man das Gefühl hat platzen zu müssen.
Diese Momente, so voll, dass man das Gefühl hat nie glücklicher sein werden zu können, als in diesem Moment.
Ich habe ihn meist morgens, wenn ich zufrieden und müde nach Hause laufe. Vorbei an den Gleisen, das Klackern einer Dose, das Zischen – kurz-, gelegentliches Scherzen mit dem Menschen der einen begleitet und auf einmal ist er da: dieser Augenblick an dem ich schreien möchte, mein Glück in die Welt hinaus und in mich hinein, und dir entgegen..
Diese Momente, in denen ich erkenne dass ich glücklich bin, weil ich gerade einen schönen Moment (er)lebe, im Wissen um die Unwiederholbarkeit und die Einzigartigkeit, in dem Wissen um die Unbedingtheit und des Glückes das damit einher geht.. Nichts bereuen. Diese Momente in denen ich mir ein Mischpult für mein Herz wünsche, weil ich glaube Menschen dann eher diesem Moment nahe bringen zu können. Momente, die ich niederschreiben muss um sie zu begreifen, von denen ich wieder und wieder erzählen will, um sie zu fassen.
Augenblicke die Kraft geben, die zurück auf den Boden der Tatsachen holen…
Mag sein dass es mir immer an Geld mangelt- aber es reicht um mit Freunden Zeit zu verbringen die unbezahlbar ist, um gemeinsam feiern zu gehen oder in Spanien zu klettern. Weil man aufeinander Rücksicht nimmt und sich auffängt.. weil Geld nicht alles ist, auch wenn es viel ausmacht.
Mag sein, dass ich wenig Zeit habe, oft gestresst bin und rational abwägen muss, wie viel Zeit ich mit welchen Menschen verbringen kann und will.. aber ich kann von mir behaupten, dass ich 90% der Zeit die ich nicht schlafe mit Menschen verbringe die ich mag. Und die verbliebene Zeit verteilt sich auf Seminare, Einkaufen und Lohnarbeit.
Aus dem Wissen dieser Einmaligkeit, kann eigentlich nur eine Schlussfolgerung resultieren: das zu machen was man möchte. Dieser Unbedingtheit folgt meist eine mehr oder weniger kurze Phase der vollkommenen Gleichgültigkeit der „totalitären Wahrheit“ ((Wir leben in gesellschaftlichen Zwängen und Zusammenhängen, in einer gesellschaftlichen Totalität aus der man nicht ausbrechen kann. Mag sein, dass man was besseres für sich draus machen kann, dennoch sind wir bspw. auf Geld angewiesen, um was zum Fressen aufm Tisch zu haben. Und auch wenn ich durchaus verstehe, dass der Begriff der ‘totalitären Wahrheit’ strittig sein kann, für mich ist er gerade aufgrund dieser Härte und scheinbaren Endgültigkeit treffend.)) gegenüber, aber die holt mich ohnehin früh genug ein.. spätestens am nächsten Tag, wenn ich mich zur Lohnarbeit aus dem Bett quälen muss..
Klar spielen Konkurrenzdenken und Studienleistung, Geld und Aussehen auch in meinem Leben eine Rolle. Manchmal mehr, manchmal weniger und viel zu oft eine viel zu große; sich vorzumachen ich würde da raus kommen ist naiv- auch wenn ich ihnen gerne die Herrschaft über mein Leben absprechen würde. Aber ich kann sie anerkennen, ich kann immer besser damit umgehen und ich kann sie auch irgendwann rational so greifen, dass sie emotional keine Rolle mehr spielen. Wegrationalisiert.
Und weil die Angst vor dem Scheitern wie das Damoklesschwert über mir schwebt, fehlt mir manchmal die Ruhe mir vor Augen zu rufen, dass es zwei verschiedene Arten an Messlatten gibt. Es gibt die gesellschaftliche, die sich am ‘erfolgreich Sein’ orientiert und es gibt meine persönliche.. und da scheitere ich nicht- noch nicht zumindest.
Das innere Nomadentum ist zwar nicht gewichen, und ich bin immer noch gerne an viele Orten zu Hause, aber ich kann meine eigenen Vier Wände inzwischen auch als Solche annehmen. Es gibt keine Zelt mehr die Abbruchbereit herumstehen und auch das Vertrauen den Freunden gegenüber gewinnt an einer Festigkeit, die dazu führt, dass ich mich auch fallen lassen und auffangen kann- und das ich aufgefangen werde.
Es sind Momente. klein. voll. still. Aber sie machen es aus. Sie sind es die Kraft geben, die sind es die Glück bedeuten und erst durch sie bekommt alles andere einen Sinn.
Und auch wenn ein Moment mich herunterzieht und Wut oder Unbehagen in mir weckt, so weiß ich dennoch um seine Wichtigkeit. Nicht weil es ohne Wut keine Freude geben würde, sondern weil auch über die Abgrenzung eine positive Selbstverortung erfolgen kann.
Und auch das macht glücklich.
Das sind sie. Momente. klein. voll. still. Aber sie machen es aus. Sie sind es die Kraft geben, sie sind es die Glück bedeuten und erst durch sie schaff ich es hin und wieder einen Stop einzulegen und bewusst zu genießen. Erst durch sie bekommt alles einen Sinn. Kein Leben in rosarot, viel eher der Weg durch einen Platzregen mit einem großen, wasserfesten Müllsack.
Diese Momente sind meine Haltestellen im Schnellzug durch das Leben. Ich nutze sie um auszusteigen, mir das Glück aus dem Hals und der Welt entgegen zu schreien. Um zu reden. Um zu leben. Und irgendwo am Straßenrand stehe ich dann und finde mich und Dich, und vielleicht auch uns und euch- wie zufällig.
Photo: h.koppdelaney

“aber ich kann von mir behaupten, dass ich 90% der Zeit die ich nicht schlafe mit Menschen verbringe die ich mag. Und die verbliebene Zeit verteilt sich auf Seminare, Einkaufen und Lohnarbeit.”
Herzlichen Glückwunsch. Also ernsthaft. Ich denke, dazu kann man nur gratulieren.
@Robby: ich wünschte mir auch manchmal, dass es so wäre. aber andererseits: könnte man seine liebsten dann auch so schätzen?
die frage ist übrigens so universal einsetzbar wie allzweckreiniger.
@S: Wenn man – wie ich – davon ausgeht, dass die 90% sich variabel zusammen setzen und nicht aus einer handvoll Personen bestehen: Ich denke schon. Dann ist die Abwechslung und “Rotation” gewährt, ohne dass einem die, die man mag, irgendwann aufgrund von zu viel Nähe (= zu wenig Autonomie :D) auf die Eier gehen. Ungeachtet der Tatsache, dass man selbst dann früher oder später mal niemanden um sich bräuchte. Balancefrage, mal wieder. Ich für meinen Teil stehe aber eher auf der anderen Seite, nicht unbedingt euphorisch jubelschreiend ;)
Sehr interessanter Text, sehr treffendes und schönes Foto.
Danke.
@ S. ja kann man
@robby… im nachhinein fällt mir auf, dass es vielleicht etwas weniger als 90% sind, da ich durchaus auch Zeit für mich habe…
aber es sind gefühlte 90%, nicht nur weil ich auch mit freunden zeit für mich haben kann, sondern weil man gedanklich ja auch oft bei Ihnen ist