Kapstadt. Mein Durst nach urbaner Kämpfergroßstadt mit exotischem Twist wird nicht gestillt, stattdessen werde ich nur von allen Seiten mit einem paradiesischen Anblick verblüfft. Alles ist süß und charmant – nicht dirty, nicht hochgefährlich, sondern erquickend und reich an Gelegenheiten zum Lachen. Die schönsten afrikanischen Klischees (bunt, warmherzig, verschmitzt und kontrastreich) treffen auf einen mitteleuropäischen roten Faden (Kolonialstil, nette blonde Männer, reiche Touristen in Luxusbuden). Wir sind in Südafrika, wo Erwartungen und Realität zugleich übertroffen werden und verblüffen können. Ein einziger Melting Pot an Hautfarben, Sprachen und Kulturen – und doch ist alles anders, als gedacht, zumindest was meine rudimentären Vorstellungen betraf.

Die Romanze mit dem afrikanischen Buschtanz, den bewaffneten Kindern und dem starken Abhang zwischen Schwarz und Weiß hat sich nicht bewährt, glücklicherweise. So wurde ein weiterer dummer Mensch – nämlich ich – eines besseren belehrt. Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich eine Reise, die ich mir so niemals ausgesucht hätte und lerne eine Welt kennen, die mir bisher verwehrt blieb, sowohl in Bezug auf Kapstadt und seiner magischen Umgebung als auch auf das Reisefieber generell.

Noch nie habe ich so viel Landschaft geatmet. Hier funktioniert der Mensch, der sich zum ersten Mal mit den bunten Häusern der Stadt, dem Tafelberg im Hintergrund, dem glitzernden Meer und den glücklichen Einwohnern konfrontiert, wie ein synästhetisches Wunderwerk. Die irrwitzigen Lichter und Farben kann man schmecken, die Atmosphäre kann man riechen, die Luft kann man anfassen. Alles hier nimmt mich ein, noch nie habe ich Natur galore so durchgezogen wie hier und niemals hat es mir so gut gefallen. Vom Kap der Guten Hoffnung bis zum West Coast National Park - vom Essen an der womöglich schönsten Bucht der Welt im Tintswalo Atlantic Hotel bis zur unendlich spannenden, immer wieder verblüffenden Autofahrt im Mini Cooper Konvoi durch das ergiebige Land. Egal, wie ich mir Südafrika vorher vorgestellt habe: das hier übertrifft alles. Hart.

Natürlich schlägt mein Herz aber vor allem für die Interaktion mit Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen und mich an ihrer Kultur teilhaben lassen. Das ist in so wenigen Tagen nur als Abriss drin. Hauptsächlich ist unser Programm auf den Überblick ausgelegt, und unser Reiseführer Craig scheint sich wohl jeden Tag die Aufgabe, uns in Staunen zu versetzen, als neue Herausforderung anzusehen. Er meistert sie mit Leichtigkeit. Seit Tagen habe ich Kieferkrämpfe weil ich die Fresse nicht mehr von diesem debilen Grinsen befreien kann. Jeder hier schenkt dir sein Herz auf einem Tablett und steckt dich mit einer Lebensfreude an, die dich bis ins Grab beeinflussen wird. Vom Chapmans Peak Ausblick bis hin zu den zwei reizenden Damen im Guesthouse der Farm Bartholomeus Klip, von Kapstadt bis Riebeek Kastell, von der abhängenden Schildkröte auf dem Feldweg bis zu den Straußen die in den lila-gelben Sonnenuntergang reiten, all das auch noch eingerahmt von einem übertriebenem Regenbogen. Nebenbei erzählt Craig uns über eine überaus stabile Walkie Talkie Verbindung (WIR HABEN WALKIE TALKIES! EIN LEBENSTRAUM IST IN ERFÜLLUNG GEGANGEN!)  auf den befreienden Autofahrten durch die hypnotisierende Landschaft (alle fünf Sekunden kann man ein “OH MEIN GOTT” durch die Straßen dönnern hören – das sind dann wir, während wir vor Aufregung und Ungläubigkeit unseren Durchfall bewältigen), wie Südafrika funktioniert, ganz ohne uns für unsere Unwissenheit zu peitschen.

Natürlich ist das Land von einer dramatischen Geschichte stigmatisiert, aber hier befinden wir uns in einer Gegenwart post-WM 2010, die sich sehen lassen kann. Nicht ohne die Probleme hinwegzusehen, bewegen sich die Menschen in und um Kapstadt herum mit einem gesunden Herzen, ohne Bitterkeit, sondern mit einer Zukunft im Blick die in einer jungen Demokratie viel verspricht. “Für jeden Touristen, der nach Südafrika kommt, werden fünf Arbeitsplätze geschaffen.” Es würde sich lohnen, dieses goldene Land zu unterstützen, allein für seine Mentalität und für seine Gastfreundschaft. Die Townships gucken wir uns nicht an – aus Zeitgründen, Touren gäbe es durchaus. Aber das finde ich auch ein bisschen pietätlos, zugleich natürlich spannend. Immer muss man sich auf so einer Reise fragen: wie viel Political Correctness ist notwendig, wie viel Abenteuerlust angebracht? Es mag viele Menschen geben, die sich die fantastischen Aufenthalte in den Luxusresorts und die Reiseführer leisten können. Aber das eigentlich teure ist die Zeit, die man investieren muss, um ein Land und sein Volk kennen zu lernen.

Viel kommen wir mit dein Einheimischen nicht zusammen, obwohl jeder hier offen für Gespräche ist. Da merkt man schnell, dass das Backpacken noch einige andere – wenn auch nicht komfortablere – Möglichkeiten bietet. Es lädt vor allem zum Verweilen ein, und warum sollte man das in Südafrika nicht? Einem schnellen Urteil nach ist Südafrika natürlich nicht das kostengünstigste Anreiseziel – aber unbezahlbar auch nicht. Ich würde zig Millionen Mal lieber noch mal hier her als nach Australien, Thailand oder Indonesien fahren. Nur Athen steht derzeit noch höher im Kurs, aber die Stadt lebt von Oliven und Tzatziki, das darf man mir nicht übel nehmen.

Nach dem bisherigen Einblick in Natur und Kultur bin ich mies scharf darauf, auch den Rest des Kontinents zu entdecken. Jeder hier kann bestätigen, dass Südafrika ein guter Einstieg ist. Am liebsten würde ich aus dem überaus fetten Mini nie wieder aussteigen und den Rest meines Lebens durch die Gegend fahren, gute Musik dabei hören, mit den besten und großartigsten Menschen der Welt lachen, verdammt gut essen und nie wieder schlafen gehen. Schlafen ist Zeitverschwendung. Ich zittere zwar von den Überdosen Kaffee die ich mir hier jeden morgen reinkippen muss um tausendprozentig dabei zu sein, aber das ist es mir wert. Keine Ahnung, wie ich mein trostloses Dasein bei meiner Rückkehr nach Berlin überwinden soll. Alles verblasst in Deutschland wenn man einmal den Himmel über Afrika gesehen hat.

Übrigens ist das ein guter Tipp für so einen Ausflug: wer frei und flexibel sein möchte, sollte sich unbedingt ein Auto mieten. Öffis kennt man hier nur als Bestrafung und mein geheimer Wunsch auf Geparden von A nach B zu reiten hat sich als avantgardistische Utopie entpuppt. Ich bin einfach vor meiner Zeit.

Nein, meinen urbanen Durst nach Schmutz, Graffiti und Skandalen hat Kapstadt definitiv nicht gestillt. Aber hier wurde ein Hunger geboren, den ich vorher nicht kannte. Er will gefüttert werden von diesem glasklaren Wassern und diesem Licht, dass dich bis ins Mark trifft und dort eine klein Gravur versengt: “Ich war hier”. Mein ganz persönliches, südafrikanisches Graffiti.

    

This article has 4 comments

  1. David

    Großartige Fotos! Ich bin über nerdcore.de auf deiner Seite gelandet. Ich würde gerne wissen, ob du einen Flickr-Account hast mit noch mehr Fotos des Trips? Ich suche gerade nämlich Reiserouten und -punkte zusammen, da ich ab Juli für 6 Monate in Stellenbosch studieren werde…

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