Grimes vs Boiler Room

Das Wort “Troll” stammt aus dem Internet und bedeutet so viel wie: jemand, der den anderen einfach nur auf den Sack gehen will. Umso witziger, dass Grimes sich gegen die Anschuldigungen, den Boiler Room getrollt zu haben, nun wehrt: Nichts, was sie macht, sei jemals ironisch.

Im Garten des TechHouse-Riesen Richie Hawtin höchstpersönlich wurde auf Ibiza eine kleine andächtige Feier zu Ehren der elektronischen Musik gefeiert. Zusammen mit Nina Kraviz, Hawtin Höchstpersönlich und Azari & III durfte Grimes in ihrer Special-Editions Plattensammlung stöbern und exklusive/seltene Fundstücke herzaubern. Denn der Boiler Room ist in der Szene der Tanzmusik zum besten Ort des Schwanzvergleiches geworden.

Hier werden die berühmtesten Namen der Szene plötzlich zu kleinen, nervösen High School Mädchen, die sich erstmal in der Hall of Fame beweisen müssen. Um sich vor den Kollegen zu profilieren, werden da schon mal die absurdesten Raritäten aus dem Plattenladen gezogen – Techno-Klassiker, Jazz-Samples, obskure Dinge, die von Know-How zeugen und die Hörer beeindrucken sollen. Nicht mit Grimes: die quirkige Frau hinter dem Pophit “Oblivion” entschloss sich kurzerhand meine persönlichen Favorites der vergangenen Jahrzehnte abzuspielen: Vengaboys, Mariah Careys “All I Want For Christmas” und Taylor Swift sind neben Skrillex nur einige BR-Fauxpas gewesen. Und das alles: Im Livestream. Vor Richie Hawtin. Level Difficulty: von ihrem iPod. Fucks given: zero.

Hashtag Awkward. War Grimes high? Man sollte die Wirkung von Kokain auf solchen Partys vermutlich nicht unterschätzen. War das ein künstlerischer Impuls? Ist Grimes der neue Moneyboy? Ist das Realsatire, Kunst oder kann Boiler Room jetzt dicht gemacht werden? Der offensichtliche Witz von Grimes ist bei der Techno-Twitterati jedenfalls nicht angekommen, wenn man dem Hashtag #brtv Aufmerksamkeit schenkt.

Boiler Room ist eine ernsthafte Institution der elektronischen Musik. Die Rolle, die der Boiler Room für die Musikwelt als auch für das Nachtleben weltweit mittlerweile spielt, ist kaum in Worte zu fassen. Das eingefrorene Eliten-Establishment um die Musik äußert sich auch im Stil der Party: nur mit Gästeliste, nur mit exklusiven Einladungen, nur mit ernsthafter Miene und getanzt wird eigentlich auch nicht wirklich. Der Golfclub unter den Technopartys wurde endlich vorgeführt. Umso herrlicher ist Grimes kleiner Ausflug in die Idiotenwelt mit diesem Live on Air Scherz: sie ist damit zugleich talentierte Künstlerin – im Sinne der Performance-Kunst- wie auch Ikone der Lässigkeit. Noch besser getroffen hat es @mrGarethBrooks getroffen: “She’s like the Paris Hilton for Hipsters.”

Dass sich Grimes persönlich jetzt gegen den ironischen Ansatz äußert, tut dabei gar nichts zur Sache. Ironisch ist der Stellenwert des aristokratischen Boiler Rooms trotzdem: wo früher nur bestimmte Gäste aus dem kleinen Bunker in die Zimmer der Teenager gestreamt wurden, darf heute jeder und seine Mutter dort spielen. Der Boiler Room hat längst jeglichen Anspruch an seine Performance abgegeben. Grimes hat bewiesen, wie viel Kontrollverlust die Elite einbüßen musste, um kommerziell – weltweit, mit allen greifbaren Gästen über jegliche Genres hinweg – durchstarten zu können. Wie lange wird es noch dauern, bis Miley Cyrus auch mal an den Turnis steht?

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