Leute, wir müssen noch mal ganz kurz über Haftbefehl reden. In der FAZ stand letztens ein extrem nichtsaussagender Artikel, der ganz großartig das Licht am Ende des Tunnels nicht sieht.

Derart spießige Allüren treiben Haftbefehl nicht um. Es gibt bei ihm generell keinen Wunsch nach sozialer Aufwärtsbewegung, es gibt nur die grotesk überzeichnete Inszenierung des Tauschs. Und wo man die Euros, Dollars, Pesos scheffelt (alle Währungen kommen in den Songs von Haftbefehl vor), ob im Untergrund, in der Chefetage, im Wohnsilo oder im Nobelbordell, das ist letztlich egal. „Ich zähl’ die Millen, chillen, Villen, du bist still, Dicker, keine Zeit für Facebook, um Unsinn zu twittern“ – so spricht der Rapper, und so denken sich’s vermutlich auch Fondsmanager und Investmentbroker, die ebenfalls für neue Kulturtechniken nur wenig Zeit haben, denn Zeit ist: Geld.

Ich weiß überhaupt nicht, was das bedeuten soll. Also es gibt bei Haftbefehl keinen Wunsch nach Aufwärtsbewegung? Zugegeben, ganz so pathetisch wie Bushido macht er das nicht, dieses “mir ging’s beschissen und heute schaukel ich meine Eier im Immobiliengeschäft”, aber ist “Gestern Gallus heute Charts” nicht ungefähr DAS Äquivalent zu dem angesprochenen Inhalt?

Haftbefehl rappt, wie jeder andere “Straßengangster”, über genau dieselben, sich ewig im Kreis drehenden Themen mit einer großen Bandbreite: Drogen, Geld, Huren, migrantische Herkunft. Der Autor der FAZ kommt schließlich zu irgendeinem Nicht-Punkt, der niemanden interessiert.

Ein Idiom, das sich durch die Nationalsprachen sämtlicher Migrantengruppen in Deutschland fräst; das Bruce Lee auf Tunceli, eine kurdische Provinz, reimt; ein Slang, der Slangformen verwurstet, also Hyperslang, Metasprache geworden ist: Das kriegt so keiner hin wie Haftbefehl. Dazu brettern tonnenschwere Beats, im Hintergrund wimmern arabische Sänger, auf Mickymaus-Höhe verzerrt. Das Nationale wird hier so schnell Zitat, dass man gar nicht hinterherkommt mit der Diagnose: Travestie? Chauvinismus? Beides?

Immerhin thematisiert er das eigentliche Wunder “Haftbefehl”, dessen Stil sich nun wahrscheinlich wie ein Krebs durch die Rap-Szene ausbreiten wird: der sogenannte “Hyperslang”. Ich liebe sie, die Intellektualisierung der großen Leute. Sie nehmen ein populäres Phänomen und versuchen es so gut es geht in ihrem Horizont einzuordnen, vergessen aber bei all ihren Rentner-Erklärungen irgendwie die eigentliche Frage: wieso ist Haftbefehl eigentlich so populär? Und zwar: nicht nur dort, wo sowieso ein begrenzter Musikgeschmack attestiert wird (also bei den Unterschichten, nennen wir es doch beim Namen), sondern auch bei den Kindern besagter FAZ-Leser und freilich auch ihrer Autoren?

Überhaupt auch: Travestie. Natürlich können wir alles, aber wirklich alles, in den Deckmantel der Unernsthaftigkeit stecken, aber dann sollten wir jetzt sofort alles dicht machen und aufhören über irgendetwas nachzudenken.

Über den typischen Gangster-Rap Habitus hinaus hat sich Haftbefehl gemausert (man nehme etwa seine Schützlinge Celo & Abdi, die im YOLO Remix von McFitti irgendwie aushandeln, wer hier eigentlich wen gerade verarscht. Mit Trap-Sounds, um einfach auch mal ein bisschen Innovation zu beweisen) – und in der FAZ steht, dass das daran liegt, dass es überhaupt keine bestechenden Inhalte gibt, aber immerhin mit Sprache gespielt wird. Als wäre das Konzept des Soziolekt etwas, das neu wäre.

Nur: wenn es nicht neu ist, dann gehen einem ja auch die Erklärungen aus. Hier sind einige weitere Versuche, die man als nachdenkender Mensch aufgreifen könnte.

1. Haftbefehls Stil ist eine Herausforderung. Während es also auch ganz witzig ist, ihm beim Durchmischen von Sprachen zuzuhören, muss man sich die Details in hartem Zuhören erarbeiten. Ist das für den gelangweilten Mittelschichten-Abiturienten nicht der pure Nervenkitzel? Man kann sich damit abfinden, dass Hafti inhaltlich monoton bleibt und ihn als unspektakulär (ver)klären, aber die Tatsache dass er immer dieselben Dinge in andere Formen presst und sie wie ein Feuerwerk in kohärente, choreographierte Weise hochgehen lässt: das könnte man auch vielen anderen Künstlern vorwerfen. Das sind nicht einfach nur aneinander gereihte, sinnlose Wortkonstruktionen die sich reimen. Es werden Aussagen gemacht, so stupide diese widerrum sind. Wer sich wirklich dafür interessiert, wie vielfältig das sein kann, der sollte tatsächlich von Hafti im Rampenlicht zu den aufkeimenden Blüten Celo & Abdi rüberschauen, die mehr als nur gängige türkische Wörter zum aufpeppen ihrer Lines benutzen. Ich würde sogar sagen, dass dieses Hyperslang-Attest an Haftbefehl völlig fehlattestiert ist, jedenfalls in Relation zu diesen beiden Sprachmonstern.

Nichtsdestotrotz bleibt es eine Empfehlung, Blockplatin und Azzlack Stereotyp von vorne bis hinten durchzuhören (welche man bei Amazon inklusive aller Instrumentals bekommt – und wer clever sein will, checkt hier nach den entsprechenden Gutscheinen). Auch Kanackis ist eine Empfehlung wert, obwohl hier der Titeltrack deutlich hervorsticht: das ist kein Deutsch was ich mache ist Kanackis. Macht schon Sinn.

Generell: es ist nicht einfach, so zu rappen. Das wäre es auf Englisch/Deutsch auch nicht, das wissen auch noch viele Gutbürger-Rapper aus den Anfängen der deutschen Hip Hop “Bewegung”.

2. Haftbefehl ist Kind seiner Zeit. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand sich wagt, übertriebene Soziolekte (über mehrere Sprachen hinweg) im Rap zu konstruieren. Und Eko hat mal ein komplett Deutsch-Türkisches Album veröffentlicht, das in etwa genauso gut war wie das letzte Weihnachtsalbum von Christina Aguilera. Wieso ist das also jetzt alles so spannend? Vielleicht weil sein Rap im Vordergrund eines sich langsam ändernden Migrantendiskurs statt findet, der sich in die Köpfe der Menschen schleicht. Aus Integration wird Multi-Kulti, das können auch die Beamtendeutsche akzeptieren, die das auf irgendwelchen Schulungen gelehrt bekommen.

Denke wir mal kurz an die französischen Rapper, die seit jeher französische Lyrics mit Arabisch und Englisch spickten. Obwohl das Rap-Konzept, sozusagen das Handwerk, aus den USA stammt und man immer darüber reden könnte, dass es sich um eine “Ideenkopie” handelt, haben die Franzosen es durchaus geschafft einen einzigartigen Stil zu entwerfen. Haftbefehl hat diesen Stil nun auch in Deutschland herausgebracht, und es wundert nicht dass es ERST jetzt geschieht, wo unsere Integrationsdebatten langsam schleichend zu Debatten der Transnationalitäten werden. Hoffentlich. Aber immerhin kommt es auch bei denen an, die sich nicht mit einem post-migrantischen Hintergrund identifizieren können. Es wird nicht mehr ausschließlich gefordert, dass sich der Bürger an die Leitkultur anzupassen hat. Die Leitkultur öffnet sich. Und wir reden hier von Mikrometer-Öffnungen, nicht von Schluchten die sich auftun, aber Haftbefehl ist im Jahre 2013 genau richtig. Dies ist das Jahr, in dem dein Sohn Klaus das Wort “Chabo” nicht nur zum fronten benutzt, sondern auch weil er es für ein deutsches Wort hält, und nichts daran ist schlimm.

3. Manchmal muss man aber auch das Rap-Game “an sich” betrachten, jedenfalls wenn es so etwas in Deutschland derzeit gibt. Man hat das Gefühl, die Plattenlabel haben sich ihre Protagonisten genau nach dem “proof of concept” Prinzip aus den USA ausgesucht: wir brauchen einen McFitti, einen Cro, einen Casper, wir brauchen ein Kollabo-Album von Naidoo und Savas und wir brauchen selbstverständlich weiterhin Rentner-Rapper Sido, der seine technische Finesse für Scheisse missbraucht. Damit haben wir eine Reihe von “Talenten”, die von Jung bis Alt jede beglücken können, vor allem die, die jetzt Eltern sind und früher Aggro Berlin für subversiv hielten.

Bis auf Kollegah scheint keiner sich in irgendeiner Art und Weise überhaupt abheben zu wollen (und Kollegah ist zwar intelligent, aber nicht unbedingt eingängig). Andererseits begegnen wir uns hier auf einer kommerziellen Ebene, die schlummernde Talente unberücksichtigt lässt, deshalb gilt hier natürlich tiefere Recherche (die ich selbst aber wahrscheinlich nicht ertragen würde).

Aber kommen wir noch mal zurück auf die Franzosen, die mit ihrem Verlan durchaus auch einen Mythos geboren haben: etwas, dass die “anderen”, den “Mainstream”, die Leitkultur ausschließt. Es ist zugleich aber auch etwas, was man nicht einfach abgucken kann, nicht aus Deutschland, nicht aus den USA. Und so verhält es sich derzeit möglicherweise auch mit Haftbefehls sprachlichen Flows: das konnte er ja nicht nachmachen, denn so funktioniert das System Sprache nicht. Obwohl er die typischen Ghetto-Gangster Codes mit allen anderen teilt, auch wenn seine Inhalte überhaupt nicht überzeugen müssen, hat er es geschafft eine neue deutsche Rap-Identität anzuschieben die mehr macht als nur vom Nachbarn abschreiben und ein paar Worte auszutauschen.

Ich möchte hier überhaupt keinen Anspruch auf Richtigkeit erheben, ich wollte mich nur offen über diesen Artikel ärgern, der irgendwie so unbefriedigend war. Ich mag Haftbefehl eigentlich nur, weil seine YouTube-Videos nicht GEMA-gefickt sind.

Weil es hier gerade rein passt: es gibt einen perfekten Hafti-Mix für alle die keinen Bock auf den “Skip” Button bei den miesen Tracks haben.

This article has 9 comments

  1. ken Takel

    So langweilig ist mir auch wieder nicht, dass ich Haftbefehl hören muss. Ich hab gar nicht gemerkt, dass der populär ist.

    Klar, ist das nicht einfach so zu rappen und musikalisch und Punchline technisch kann das natürlich auch interessant sein, die Wut und Desillusion ist nachvollziehbar..

    Aber sprachliche Defizite als Innovation zu glorifizieren?..Hyperslang nützt einem nur im Rapgame was. Außerhalb ist man höchstens Bildungsverlierer.

    Aus meiner Sicht bleibt Haftbefehl und Co KG inhaltlich beschissen.

    Und da komme ich gerne auf die Franzosen zu sprechen. Da gibt/gab es auch genug Ghettobands, die inhaltlich jede Menge zu sagen haben: Fonky Family, Soprano, ,113, NTM, Sages Poètes de la rue u.v.a.
    Dann kamen auch jede Menge schlechte Pseudogangsterrapper aber wie hier ist der Trend mittlerweile zum Glück vorbei und es gibt eine starke, sehr junge & talentierte Independent Szene (auf die ich hier noch warte).
    http://www.youtube.com/watch?v=Q5B2AWyswmQ
    http://www.youtube.com/watch?v=ovvn5h8VpBo
    http://www.youtube.com/watch?v=6iknoeot2og
    http://www.youtube.com/watch?v=2D7Wm6EKDIY

    Verlan wird übrigens im Gegensatz zu “Hyperslang” von allen “Schichten” gesprochen.

    Und bevor du nur noch Haftbefehl videos guckst, kannst du dir auch proxytube installieren…

    Na ja, allgemein muss ich sagen, dass das auch etwas scheinheilig von mir ist. Ich liebe Ami-Gangstarap und obwohl ich die Lyrics verstehe, würde es mir in deutscher Übersetzung schwer fallen, die zu ertragen…

    1. yeahs

      Dass er populär ist kann man vielleicht daran erahnen, dass die FAZ ihn bzw. seine Sache aufgreift. Die FAZ ist ja nicht gerade die Juice, bei der Rapper öfter mal im Rampenlicht stehen. Aber so viel ich verstanden habe ist Blockplatin auch durch die Charts gereicht worden.

      “Aber sprachliche Defizite als Innovation zu glorifizieren?..Hyperslang nützt einem nur im Rapgame was. Außerhalb ist man höchstens Bildungsverlierer.” Aber genau das tu ich doch überhaupt nicht. Genau DAS ist es doch, was ich am FAZ-Artikel kritisiere. Hyperslang ist durchaus innovativ wenn man ihn auf das Rap-Game beschränkt, wo es ja seit jeher um sprachliche Wendigkeit geht. Aber es ist nichts neues. Der Autor des Artikels behauptet aber so viel wie “es ist neu” und lässt dann alle anderen Dinge, die zu Haftbefehls Erfolg geführt haben könnten, einfach weg.

      “Aus meiner Sicht bleibt Haftbefehl und Co KG inhaltlich beschissen.”

      Ja, nichts anderes habe ich behauptet.

      “Verlan wird übrigens im Gegensatz zu “Hyperslang” von allen “Schichten” gesprochen.”
      Point taken. Nichtsdestotrotz bleibt Verlan schwer zu entschlüsseln für diejenigen, die es nicht sprechen, und damit wird die Macht über den Informationsaustausch etabliert. Diejenigen, die Verlan sprechen, schließen aktiv andere aus. Mir ging es im wesentlichen darum.

      “Und bevor du nur noch Haftbefehl videos guckst, kannst du dir auch proxytube installieren…”
      Hach. Es gibt Dinge, die kann man so lesen, wie man sie liest.

  2. Andi

    Ganz im Ernst: das Hauptproblem ist doch, dass überhaupt irgendeiner versucht, einen Artikel über einen Künstler zu verfassen, der die (kommerziell) richtige Mischung aus Aso und irgendwie-trotzdem-noch-funny mitbringt.

    Manchmal (öfter als nicht), so meine Behauptung, ist die ganze “Ich berichte aus meinem Leben”-Scheisse doch eine Ausrede von Künstlern, die plötzlich nicht mehr einfach Musik machen können, sondern dazu noch Fragen beantworten müssen. Das war schon bei N.W.A. so. Die Begründung oder Rechtfertigung erfolgt im Nachhinein, dann, wenn Brillenträger mit Karoshirts feindeutig nach dem “Sinn dahinter” zu fragen beginnen, der beim Schreiben und Einrappen der Zeilen weder vorhanden noch Teil von Haftis Plan war. Da halte ich es mit Frank Ocean: Just press play.

    1. yeahs

      Also quasi so, wie Lil Wayne es sein ganzes Rap-Leben schon gemacht hat. Aber es geht ja nie darum, was der “Autor” oder “Künstler” will; alleine die Tatsache, dass es so heftig diskutiert wird, zeigt ja, dass es einen gesellschaftlichen Drang zum WISSEN gibt. Wissen, was die Dinge bedeuten, selbst wenn sie dem schöpferischen Individuum nichts bedeuten.

      Deshalb befinden wir uns ja nicht mehr nur auf der Ebene der Unterhaltung, sondern auf der Ebene der Analyse. Ansonsten stimme ich dir und Franky natürlich zu: Just Press Play.

  3. AC

    Wenn mein Sohn Klaus “Chabo” für ein deutsches Wort hält, hat er doch gar nicht mal so unrecht? Frankfurt Slang halt. Haftbefehl hat offensichtlich den Auftrag Hessische Leitkultur deutschlandweit zu verbreiten.

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