Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

This article has 4 comments

  1. Paul

    Klingt vertraut. Zumal ich selber grade an diesem Punkt “Berlin? London? Was nu?” bin.
    Ich habe Angst mich auf der falschen Straße festzufahren, und das mit 23. Immer weiter, immer nach vorne, aber man weiß selbst nicht so genau wohin man jetzt genau geht.

    Aber Entscheiden muss man sich immer “jetzt”.

  2. Jeriko

    Und in 10 Jahren kann man es nicht mehr “entschuldigen”, was ja irgendwie auch eine Rechtfertigung ist? Wer sagt denn, dass man bis spätestens 30 wissen muss, wohin die Reise geht? Ich bin jetzt 28, fühle mich nicht so, und habe das Mindestmaß an commitment, um mir nach wie vor alle Möglichkeiten offen zu halten. Gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, deswegen irgendetwas zu verpassen. Flüchtige Bekanntschaften my ass, es braucht nicht lange um Menschen kennenzulernen, und Freundschaften bleiben – oder denkst du, nur weil du demnächst um die halbe Welt düst, dass sich hier niemand mehr für dich interessiert?

    Nur mit dem Husten könntest du recht haben. Selbst schuld ;-)

  3. S

    @Jeriko: Hehehe, nein, so war das nicht gemeint – ich werde höchstwahrscheinlich nach Berlin zurückkommen und weitermachen, wo ich aufgehört habe, wenn das denn so noch geht.

    Ich glaube auch nicht dass es unbedingt eine allgemeine Sache ist, d.h. ich würde das jetzt nicht auf jeden beziehen, der zehn Jahre älter ist als ich; es ist eine persönliche Überlegung, wie das denn in der Zukunft weitergehen kann, wenn es jetzt schon so schwierig ist durchzublicken.. irgendwie auch eine Reise, in der ich mich selbst kennen lernen werde.. vielleicht aber auch nicht. Und davor habe ich am meisten Angst.

  4. Robby

    Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt?”

    Verantwortung, wem Verantwortung gehört. Und auch wenn man sich in einer Beziehung verleitet fühlt die Verantwortung für den Gegenüber zu nehmen (gerade ich kenne das mehr als genug…), liegt die Verantwortung auch (und gerade) bei einem selbst. Bei Kindern sähe das mitunter anders oder zumindest komplizierter aus.

    Prinzipiell: Der ewige Konflikt zwischen Autonomie und Sicherheit. Göttlich. Nicht immer einfach, aber episch sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen und das eine und das andere zu finden. Das ist die Herausforderung. Eine, die von einem Menschen alleine nur schwer bewältigt werden kann (Stichwort Partnerschaften). Ich bin gespannt, ZPYZ “knallt” übrigens ganz gut rein *bounce*

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